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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituns.
Nr. 42.
Können mit dem des betreffenden Redners nicht entfernt messen kann, Tausende von Menschen wie Schulbuben nach Hause schicken könne! Dem Zentrum sagte unser Genosse sehr mit Recht, daß es dort, wo es die Macht besitze, auch nicht für freies Versammlungsrecht sorge, so im bayrischen Landtage. Anderwärts treibt es den Sozialdemokraten die Säle ab.(Dafür lieferte z. B. im Sommer der Magistrat in Montabaur den Beweis. Dieser stellte für die Zentrumspartei den dortigen Rathaussaal zur Verfügung, doch verweigerte er ihn unsern Parteigenossen.) Unser Genosse verlangte zum Schluß, daß hier endlich einmal klares Recht eschaffen werde.— Mittwoch gelangte die nde Januar vertagte sozialdemokratische Interpellation wegen der Arbeitslosigkeit zur weiteren Beratung. Genosse Molkenbuhr, der zuerst zum Wort kam, bemerkte zunächst, daß sich seit Anfang des Jahres die Verhältnisse in Bezug auf die Arbeitslosigkeit noch keines⸗ wegs gebessert hätten. Weitere Verschlimme⸗ rung würde mit der Annahme des Zolltarifs eintreten. Redner verlangte Einführung der Arbeitslosenversicherung, die durchaus nicht undurchführbar sei und auf die er näher eingeht. Die Beschäftigung der Arbeitslosen müßte besser organisiert und dabei auf den Beruf der Leute Rücksicht genommen werden. Der Zentrumsmann Bachem vertrat die merk⸗ würdige Ansicht, daß der Zolltarif die Arbeits⸗ losigkeit mildern würde. Das Thörigte dieser Anschauung wurde ihm von unserm Genossen Huhlenn nachgewiesen. Gestützt auf gutes ahlenmaterial behauptete Zubeil, daß die Krise noch lange nicht überwunden sei, vielmehr im bevorstehenden Winter sich noch schärfer bemerkbar machen werde. Der Wildliberale Rösicke sprach mit anerkennenswerter Einsicht über die Frage; er bedauerte, daß die Regierung noch nichts gethan habe. Mit der Erbauung des Mittellandkanals könnte ein großer Teil der Arbeitslosigkeit beseitigt werden. Graf Posadowsky erklärte, daß sich die Regierung mit der Frage der Arbeitslosenversicherung demnächst beschäftigen werde.
Geschäftspolitiker.
Viele bürgerliche Politiker betrachten ein parlamentarisches Mandat als ein Mittel zur Förderung ihrer eigenen persönlichen und ge⸗ schäftlichen Interessen; das Wohl des Staates aber und der Gesamtheit, das sie schließlich auch nach ihrem Parteiprogramm fördern zu wollen vorgeben, ist ihnen vollkommen gleich⸗ gültig. Einen drastischen Beweis dafür giebt der Brief des nationalliberalen Reichstags⸗ Abgeordneten Fitz, Vertreter des pfälzischen Wahlkreises Homburg⸗Kusel. Fitz war Mitglied des Bundes der Landwirte und plauderte aus, daß dieser mit dem Zentrum ein Bündnis an⸗ strebe. Dafür rächte sich der Bund durch die Veröffentlichung des folgenden vor der 98er Wahl geschriebenen Briefes:
„Es widerspricht meinen Gefühlen, mich selbst als Kandidat gewissermaßen zu empfehlen.... Aber ich will offen mit Ihnen sprechen und gestehe Ihnen des⸗ halb, daß es mir Vergnügen machen würde, Abgeord⸗ neter zu sein. Auch die günstigen Aussichten auf ein Kunstweingesetz, wodurch sich mein Einkommen be⸗ deutend günstiger gestalten würde, können mich bewegen, ja zu sagen. Was nun meinen politischen Standpunkt anbelangt, so stehe ich voll und ganz auf dem Boden des Bundes der Landwirte und bin auch ein Anhänger der großen Mittel, insbesondere des An⸗ trags Kanitz, für den ich ja, wie bekannt, schon oft gesprochen habe, zum Beispiel auf dem bekannten national⸗ liberalen Parteitag in Neustadt.“
Das sind die Leute, welche sich aus purer Vater⸗
landsliebe in Selbstlosigkeit für das Staatswohl aufopfern!
Blühende Landwirtschaft ohne Zölle
giebt es in Dänemark. Darauf ist von den Gegnern der Lebensmittelzölle schon oft hinge⸗ wiesen worden. Zwar konnten die Zöllner nicht abstreiten, daß sich die dänische Landwirt⸗ schaft ziemlich wohl befindet, sie behaupteten aber frisch und frech, daß sich Dänemark gegen jede Fleisch⸗ und Vieheinfuhr aus dem Auslande
hermetisch abgeschlossen habe. Den Schwindel plapperten natürlich die antisemitischen Nach⸗ läufer des Junkertums getreulich nach. Jetzt wird nachgewiesen, daß Dänemark im Jahre 1900 93450 Doppelzentner Fleisch eingeführt hat oder 3,8 Kilogramm pro Kopf der Bevölke⸗ rung. In Deutschland hat im Jahre 1900 die Fleischeinfuhr 461000 Doppelzentner be⸗ tragen; das ist gleich 0,8 Kilogramm pro Kopf. Dänemark hat also beinahe fünfmal mehr Fleisch vom Auslande pro Kopf der Bevölkerung ein⸗ geführt als Deutschland. Außerdem aber sind noch 215370 Doppelzentner Schmalz und schmalzartige Fette im Jahre 1900 in Däne⸗ mark eingeführt; das ist etwa 8,8 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung, während die Einfuhr dieser Waren in Deutschland bei 1253 000 Doppelzentnern im Jahre 1900 nur 2,3 Kilo⸗ ramm pro Kopf der Bevölkerung betrug. Also führte Dänemark von diesen Waren beinahe viermal soviel ein pro Kopf der Bevölke⸗ rung als Deutschland. Diese Thatsachen können selbst die unverfrorensten agrarisch⸗ antisemitischen Verdrehungskünste nicht aus der Welt schaffen. Trotzdem werden die Agrarier weiter dreist und gottesfürchtig die Aufrecht⸗ erhaltung der Grenzsperre fordern,„damit die Gesundheit des Volkes nicht gefährdet werde.“
Neue Kriegsartikel
sind kürzlich für das deutsche Heer heraus⸗ gekommen. Davon wird in der bürgerlichen Presse mit„Befriedigung“ gesprochen. Liest man sie ihrem Wortlaute nach, so könnte diese „Befriedigung“ einigermaßen berechtigt er⸗ scheinen. In dem einen dieser Artikel wird gesagt, daß dem Soldaten nach seinen Fähig⸗ keiten und Kenntnissen der Weg selbst zu den höchsten Stellen im Heere offen stehe, in einem anderen heißt es, der ehrenvolle Beruf des Soldaten dürfe durch ehrenwidrige Behandlung nicht herabgewürdigt werden. Und so noch manches andere.
So schön diese Grundsätze klingen, so wenig steckt thatsächlich dahinter. Dem gemeinen Soldaten steht der Weg zu den höchsten Stellen im Heere ebenso offen, wie den Prole⸗ tariern der Weg zum Millionär, mögen seine „Fähigkeiten und Kenntnisse“ noch so groß sein. Ebenso eig fast jede Zeitungsnummer, wie wenig das Verbot, die Soldaten„ehren⸗ widrig“ zu behandeln, die Soldaten miß⸗ handlungen auszurotten vermag. In klas⸗ sischer Weise wird der Wert der neuen Kriegs⸗ artikel dadurch beleuchtet, daß gleichzeitig die Begnadigung eines Leutnants bekannt wird, der wegen eines frivolen, an einem Studenten begangenen Duellmordes zu einer gelinden Festungshaft verurteilt worden war und diese nur etwa zum vierten Teile abzubüßen gehabt hat. Diese Begnadigungspraxis bleibt die alte, trotz aller bürgerlichen„Entrüstung“ und obgleich unzählige Kriegsartikel des gegen⸗ wärtigen Kaisers und seiner Vorfahren auf dem preußischen Throne das Duell in dem Heere verboten haben, mitunter selbst bet Todesstrafe.
Unter den vielen verlogenen Schlagworten unserer Zeit giebt es wenige, die sich an Ver⸗ logenheit messen können mit der Rederei von dem„Volk in Waffen“. Ein Volk in Waffen, das heißt ein Volk, das mit den Waffen seine eigenen Interessen, die Interessen der großen Volksmassen schirmt, giebt es nicht und kann es nicht geben, so lange es eine Klassenherr⸗ schaft giebt.
Militärjustiz.
Wenn zwei dasselbe thun, so ist es auch bei dem Kriegsgericht nicht dasselbe. Das be⸗ wiesen zwei Fälle, die vorige Woche vor dem Kriegsgerichte in Halle zur Aburteilung kamen und die für die militärische Rechtsprechung sehr kennzeichnend sind. Angeklagt waren in dem einen Falle der unferofftzter 1 und der Musketier Bahn vom Inf.⸗Regt. 9 in Dessau. Aus geringfügiger Ursache— Bahn hatte dem Unteroffizier gegenüber Widerrede
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55. 5 ein paar Schläge gegen die linke Wange, daß, wie ärztlich festgestellt worden, das Trommelfell des linken Ohrs durchlöchert wurde. Bahn weinte und wurde bis zum 9. September im Lazarett behandelt. Bahn wurde wegen Achtungs- verletzung verbunden mit Ungehorsam zu drei Wochen strengen Arrests und der Unter⸗ offizier wegen Mißhandlung eines Unter⸗ gebenen— das Gericht nahm als erwiesen an, daß er das Trommelfell zerschlagen hat— zu zwei Wochen gelinden Arrests verurteilt!
Im zweiten Falle war der Kürasster Pfeiffer vom Halberstädter Regiment angeklagt. Er hatte in der Trunkenheit, als er während des Manövers widerrechtlich in einen Sch wein e⸗ stall gesperrt werden sollte, dem Unteroffizier Werneburg ein paar Schläge gegen die Wange gegeben. Der Vertreter der Anklage meinte, wenn es sich auch um einen minder schweren Fall handle, da der Angeklagte gereizt war, so müsse doch die Autorität geschützt werden, und es sei eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren zu beantragen. Das Urteil lautete auf 1 Jahr Gefängnis.
Die militärischen Richter hielten es für ge⸗ recht, daß ein„Stellvertreter Gottes“, der einem Unglücklichen das Trommelfell zerschlagen hat, 2 Wochen gelinden, der Mißhandelte aber wegen einer winzigen Insubordination 3 Wochen schweren Arrest erhält.— Ein ganzes Jahr muß aber derjenige hinter Kerkermauern, der in der Trunkenheit einen Unteroffizier an⸗ rührte! Durch solche Urteile wird bei keinem gerecht Denkenden das Vertrauen zur Militär⸗ justiz erhöht werden.
Wahlsieg der Sozialdemokratie.
In Oldenburg, wa jetzt die Landtags⸗ wahlen ideen haben, eroberte unsere Partei fünf Landtagssitze. Die Agrarier ver⸗ loren sieben Mandate. Mit 1 555 Erfolge in einem Lande mit fast ausschließlich ländlicher Bevölkerung können wir sehr zufrieden sein. Der oldenburgische Landtag zählt 34 Abgeordnete. Bis jetzt hatte unsere Partei nur einen einzigen Sitz inne, jetzt wird sie mit 6 Abgeordneten vertreten sein. Zum erstenmal ist keine agra⸗ rische Mehrheit vorhanden.
Konitz in Berlin.
Der vorige Woche in Berlin verhandelte Prozeß gegen zwei Redakteure der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung“ hat am Samstag mit Verurteilung der Beschuldigten zu schwerer Gefängnisstrafe geendet. Dr. Bötticher erhielt, trotzdem er verschiedene, in seinen Artikeln er⸗ hobene Beschuldigungen zurücknahm und sich dieserhalb entschuldigte, ein Jahr Gefäng⸗ nis, sein Kollege Bruhn sechs Monate. Dieser Prozeß warf in seinem Verlaufe grelle Schlaglichter auf die kulturellen und sittlichen Zustände, die in den königstreuen und gottes⸗ fürchtigen Gebieten Ostelbtiens existieren. Be⸗ kanntlich stand der Prozeß mit der Konitzer Mordgeschichte insofern im Zusammenhang, als die Angeklagten, die in der Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter einen füdischen „Ritualmord“ erblicken, in mehreren Artikeln der„Staatsb.⸗Ztg.“ das Konitzer Untersuchungs⸗ verfahren bemängelten und dabei gegen Beamte der Staatsanwaltschaft und das Richterpersonal den Vorwurf erhoben, die Juden geschont zu haben. Der dafür angetretene Wahrheitsbeweis ist mißglückt und es war die Verurteilung vorauszusehen. Ueber eine große Anzahl Per⸗ sonen hat diese Affaire namenloses Elend ge⸗ bracht. Dazu hat die Hetze, die von den An⸗ Rabe betrieben wurde, nicht wenig beigetragen.
nverschuldet trifft sie deshalb die Strafe nicht. Aber viel mehr Interesse als ihre Verurteilung 3 die Sittenbilder erregen, die wäh⸗ rend des Prozesses aufgerollt wurden. Sitten⸗ bilder traurigster Art aus einer Gegend, wo die„Ordnungsparteien“ herrschen, wo nach den Versicherungen der konservativen Zeitungen
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