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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 3.

Schutz vor Hunnenkriegern!

Aus Homburg b. d. H. berichtete die Frkf. Ztg. Ende voriger Woche: Ein ehm. China⸗ krieger, der Unterof f. Weber, früher beim Regiment Nr. 87 in Mainz, der beim hiesigen Bataillon kapitulirt hat und Weihnachten 100 M. Kapitulationsgelder ausgezahlt erhielt, hat in Kirdorf im betrunkenen Zustande eine Schlägerei angefangen. Nachdem man ihm das Seitengewehr genommen, zog er sein Messer und verwundete auf der Straße drei ihm begegnende Männer. Einer von diesen erhielt fünf Stiche in den Rücken und die anderen je einen Messerstich in den Oberschenkel. Es gelang, den Fliehenden zu ergreifen, zu bän⸗ digen und nach Homburg auf die Hauptwache abzuliefern. Vorfälle dieser Art es wurden seit Rückkehr der Chinakrieger schon mehrere berichtet beweisen, daß der Kreuzzug that⸗ sächlich eiuen verrohenden Einfluß auf seine Theilnehmer ausgeübt hat, wie es von der sozialdemokratischen Presse vorausgesagt wurde.

Also doch irrsinnig.

Der Bierbrauer Albert aus Fürth, der im vorigen Jahre in Weisenau bei Mainz seinen Kollegen König auf so bestialische Weise ermordet hatte und vom vorletzten Schwur⸗ gerichte in Mainz zu 10 Jahren Zucht⸗ haus verurteilt wurde, ist jetzt wegen hoch⸗ gradigen Irrsinns aus dem Zuchthause in die Irrenanstalt überführt worden. Ein Heidelberger Professor hatte seinerzeit vor dem Schwurgerichte sein Gutachten dah in abgegeben, daß der Angeklagte, der erblich belastet war, und auch während der Sitzung einen furcht⸗ baren Wutanfall bekam, nicht str afrechtlich für seine That verantwortlich gemacht werden könne. Zwei weitere Sachverständige standen auf einem entgegengesetzten Standpunkte.

Ein trauriges Familienbild

entrollte eine Verhandlung vor dem Kölner Schöffengericht: Eine einbeinige Schülerin war der Bettelei angeklagt. Das Kind klagte weinend, es habe Hunger gehabt und sich nur ein Brödchen gefordert. Die Mutter fügte hinzu, ihr Mann sei sechs Wochen krank und ein Sohn vier Wochen außer Arbeit gewesen. Ein zweiter erwachsener Sohn diene beim Militär, und sie erhalte 18 Groschen Unterstützung, womit sie acht Personen unterhalten müsse. Das Kind wurde freigesprochen, da es das Strafbare seiner Handlungsweise nicht gekannt habe. Da leiden zahlreiche Kinder des Volkes unter unsäglichem Elend, während einzelne Angehörige derbesseren Gesellschaft Tausende, sogar Millionen von Mark in einer Nacht bei Spiel und Zechgelagen vergeuden!

Speiset die Hungrigen!

Wie man dieses christlichen Gebotes in dem gesegneten Ostelbien gedenkt, dafür bringt unser Königsberger Parteiblatt einen neuen Beleg in einem Berichte über eine Gerichts verhandlung gegen den Gutsbesitzer Hugo Fleiß aus Meyer⸗ hof. Zugleich gab diese Verhandlung ein Bild von der geradezu scheußlichen Gesindesklaverei. Eine bei ihm bedienstete Köchin hatte einem ansprechenden Handwerksburschen ein Töpfchen Buttermilch gereicht. Dafür prügelte sie Fleiß mit einer Reitgerte so lange über Kopf, Arme und Rücken, daß sie längere Zeit bettlägerig war. Er drohte ihr außerdem an, daß sie es alle Tage für ihre Frechheit so bekommen werde. Die Köchin verließ natürlich den Dienst und verklagte den schlagfertigen Gutsbesitzer. Fleiß ließ aber durch den Amts⸗ vorsteher das Mädchen zurückholen, als er hörte, daß sie einen anderen Dienst angenommen hatte nach ihrer Genesung. Das Gericht verurteilte den prügellustigen Gutsbesitzer zu der milden Strafe von 150 Mk. für die Körperverletzung, 15 Mk. für die Beleidigung und 50 Mk. Ent⸗ schädigung an die Verletzte. Der Staatsanwalt hatte bedeutend höhere Geldstrafen beantragt und als strafschärfend hervorgehoben, daß die Mißhandlung erfolgt sei für die gut gemeinte Kolledlagige Mildthätigkeit gegen einen armen

ollektanten. An diesem Fall dokumentiert sich

einmal wieder so recht die ganze Rechtlosigkeit der Dienstboten. Trotzdem das Mädchen aufs schwerste mißhandelt worden ist, führt der Amtsanwalt es seinem Peiniger wieder zu. Aber auch die ganze noble Gesinnungsart der Herren unter den geflickten Strohdächern zeigt der Fall: Wegen der Gewährung eines Töpf⸗ chens Buttermilch an einen armen Handwerks⸗ burschen im Wert von einem oder ein paar Pfennigen gerät ein solcher Herr in maßlose Wut, und von dem deutschen Volke verlangen diese Leute Liebesgaben von vielen Tausenden. Eine feine Sippe!

Arbeiterbewegung.

7 Holzarbeiter-Aussperrung in Berlin. Eine am Freitag stattgefundene Delegierten⸗Versammlung der Berliner Tisch⸗ lerinnung beschloß, zehn Prozent der in den Berliner Betrieben beschäftig⸗ ten Holzarbeiter nur Verbandsmit⸗ glieder auszusperren, falls nicht vom Holzarbeiterverband die sofortige Aufhebung der über die Firmen Weinland, Geisler, Ziehe und Hülsenbeck verhängten Sperren schriftlich zugesichert würde. Den Arbeitgebern scheint jetzt bei der ungünstigen Geschäftslage der Augenblick gekommen, das Koalitionsrecht der Arbeiter zu vernichten. Dazu haben sie den Streit vom Zaune gebrochen.

. Der Solinger Scheerenschleifer⸗ streik ist beendigt. Der Verein der Schee⸗ renfabrikanten hat sich mit dem Scheerenschleifer⸗ verein in der Lohnfrage geeinigt und die Ar⸗ beiter stimmten mit wenigen Ausnahmen den Einigungsvorschlägen zu.

T Ausgesperrte Glasarbeiter sind noch immer eine ganze Anzahl zu unterstützen. Es muß überall dafür gesorgt werden, daß es den Glasprotzen nicht gelingt, die Arbeiter auszuhungern. Deshalb ergeht an die Arbeiter⸗ schaft und die Genossen die Aufforderung, wo es ihnen nur möglich ist, ein paar Groschen für die Opfer des Klassenkampfes aufzubringen, um ihnen die Existenz zu ermöglichen, da der Glasarbeiter⸗Verband nur geringe Unterstützung

auszahlen kann.

a C N e b Unterhaltungs-Ceil. A Brigitte. Von G. Stein. Machdruck verboten.) 2.(Schluß)

Von der Dorfstraße her, eingehüllt in das Scheidelicht des sterbenden Tages, kam Annchen, ihr Annchen.Ahning! rief es wieder, und als Brigitte sich aufrichtete und das Kind sie sab, da flog es mit einem Jubelruf auf sie zu, ein zierliches Geschöpf, mit dunkeln leuchtenden Augen, ein Gewirr blonder Locken und Rosen⸗ wangen, und einen süßplaudernden Kindermund, der nun mit tausend Fragen auf Ahning ein⸗ stürmte: Wo sie so lange geblieben sei, es werde ja schon dunkel, und der Butzemann mit den Feueraugen komme schon aus dem schwarzen Busch. Und es sei Besuch da, ein Onkel aus der Stadt. Sie habe sich zuerst so gefürchtet und wollte ihm gar nicht die Hand geben, aber so was Schönes habe er ihr mitgebracht, eine Puppe mit wirklichen Augen, die sie aufmachen könne und zu, und so einen großen Chokolade⸗ mann. Und so schöne Geschichten könne der erzählen, und nun set er mitgekommen, Ahning suchen zu helfen.

Nun erst wurde Brigitte des Fremden gewahr der sich bisher im Hinkergrunde gehalten hatte. Er war ein feiner Stadtherr mit modischem Ueberrock und Seidenhut.

Als er näher trat, durchfuhr es sie in ahnendem Schreck. Der Fremde die braune Ann' sollte er? Er war es, und vor den alten Augen, die voll und vorwurfsvoll die seinen suchten, schlug er den Blick nieder. Dann beichtete er: Er habe nichts Böses gewollt, gewiß nicht. Die Verhältnisse waren stärker wie er und haben ihn in Schuld getrieben. Und Ann', die seine Hilfe zurückgewiesen hatte, war und blieb verschwunden. Sie habe sich nach der Heimat gewandt, hieß es einmal. Dann wieder, sie sei nach Amerika ausgewondert. Vor wenigen Wochen erst sei er frei geworden, ganz frei und unabhängig; und die Nach⸗ forschungen, die er sofort wieder aufgenommen, hätten ihn hierher geführt. Hier habe er Annens Grab gefunden des Mannes Stimme bebte bei diesen Worten und sein Kind, sein herziges Kind, in der Hut der treuesten aller Großmütter. Ob sie ihm verzeihen wolle, was er an ihr gesündigt, an ihr und der Todten und ihm das Kind anvertrauen, daß er es unterrichten lasse und aufziehen in allem Schönen und Guten. Und auch sie solle es gut haben, nicht mehr in den Wald müssen und sich in alten Tagen ihr Brot verdienen; auf der Bank vor dem Haͤuschen soll sie sitzen dürfen im friedlichen Sonnenschein, und in den Ferien wird Anuchen zu ihr kommen, und sie wird ihre Freude haben am aufblühenden Urenkelkind.

Brigitte hatte ihn ausreden lassen. Kein Blick, keine Bewegung verriet, ob sie ihn ver⸗ standen habe oder nicht. Nur als er davon sprach, daß er das Kind mit sich nehmen wolle, war sie zusammengezuckt, wie unter einem schmerzlichen Streich.

Nun richtete sie sich hoch auf. War die Greisin, die da so gebietend und hoheitsvoll auf dem erhöhten Moosteppich unter der Eiche stand, war das das gebeugte Mütterchen, das allzeit friedlich, allzeit die Augen am Boden, ihr Tagewerk und ihr Brod suchte? Wer hätte es dem alten Körper zugetraut, daß er sich so straff noch emporrichten könnte, wer der zittrigen müden Stimme, daß sie noch über so klare starke Töne gebot, wie sie jetzt unaufhaltsam, wie ein lange zurückgedämmter Strom über ihre Lippen brachen?

Verzeihen soll ich? Was denn verzeihen? Daß Ihr ein armes Mädchen ins Elend getrieben, daß Ihr ste hinausgestoßen habt in Sturm und Nacht und Wetter, und ste nun draußen liegt auf dem Gottesacker? Verzeihen soll ich das? Weil Ihr jetzt geradefrei seid, weil es Euch jetzt gerade so paßt, und Ihr gerade mal dran denkt? Da kommt Ihr und sprecht: Verzeihung! Und da soll ich verzeihen und soll das Gnaden⸗ brod essen aus einer verfluchten Hand? O Ihr Stadtleut'! O Ihr reichen Leut'! Für Euer Geld kauft Ihr Euch Alles, Ehr' und Schand', und Alles hat seinen Preis, und wenn Ihr dann kommt und aufzählt, dann soll man's zufrieden sein?!! Und mein Kind wollt Ihr mir nehmen und wollt es aufziehen zum Guten und Schönen?! O, so sind sie schon einmal gekommen und haben mir gesagt, die Alten dürfen nicht nur an sich denken und ihr Glück haha, mein Glück das unmenschlich viele Glück, das ich schon g'spürt hab all mein Leben lang und dürfen dem Glück der Jungen nicht im Wege stehen. Und ich hab's geglaubt und hab sie ziehen lassen, und sie kam heim und hatte sich eine solche Last von Glück heimgebracht, daß ihr's Tragen zu schwer wurde, und sie sich nun ausruhen muß in einem Schlaf, aus dem es kein Aufwachen mehr giebt.

Sie atmete tief auf und strich die weißen Haare zurück, die der Wind ihr ins Gesicht geweht hatte.

Spart Euch nur die Mühe, Herr, mein Annchen kriegt Ihr nicht. 1

Der Fremde zuckte die Achseln, halb mitleidig, halb ungeduldig. i

Ihr seid von Sinnen, Frau, ich halt's Eurem Schmerz zu gut und Euer Aufregung. Wenn Ihr erst zur Vernunft gekommen seid, werdet Ihr anders über die Sache denken, zumal Euer Widerstand Euch doch nichts nützt.

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Wenn es nötig ist, hole ich mir mein Kind

kraft des Gesetzes mit Gewalt!

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auch noch gar schöne Puppe!

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