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Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 3.
Sonnabend Nachmittag und besprach noch einmal in klarer und präziser Weise die vom Kriegsminister einge⸗ leitete Aktion wegen der Hunnenbriefe. Durch Ver⸗ gleichung des Wortlautes der betreffenden Redestellen wies er nach, daß der Reichskanzler über die deutschen Soldaten im franzöfischen Kriege härter geurteilt habe, als unser Genosse Bebel. Bezüglich der Wegnahme der Pekinger Instrumente kündigte er für die zweite Lesung eine Resolution an, die die Regierung zur Rückgabe der Justrumente auffordern soll. Der Kriegsminister wußte unserem Genossen nichts zu erwidern.— Schließlich wurde von den Herren Stockmann und Lieber⸗ mann die Chamberlain⸗Affaire nochmals breit getreten.
Krieg in Südafrika.
Englische Henkerarbeit. Wieder ist ein Burenführer hingerichtet worden und zwar der kürzlich vom General Methuen gefangen genommene Kommandant Liebenberg, welcher des Mordes an dem Leutnant Neumeyer an⸗ geklagt war. 5
Dewet versuchte, wie aus Kapstadt be⸗ richtet wird, mit einer beträchtlichen Streit⸗ macht die Eisenbahnlinie nördlich von Kroon⸗ stad zu überschreiten, wurde aber zurückgetrieben. Man glaubt, daß er den Versuch erueuern wird. — Einer weiteren Meldung zufolge nahm die Kimberley⸗ Kolonne einen Buren⸗Convoy gefangen.
Ueber die Stimmung in Buren⸗ kreisen, besonders in Dewets Truppe, be⸗ richtet der Korrespondent eines engl. Blattes nach der Frkftr. Ztg., daß es Dewet schwierig sei, seine Leute zusammenzuhalten. Nicht, daß die Buren das Vertrauen zu ihrem Führer verloren hätten, sie haben sich nur die Frage vorgelegt, ob durch längeres Aushalten etwas zu gewinnen ist. Seine ersten Offiziere sind kampfesmüde und hielten am 1. Dezember eine Versammlung ab, um zu beschließen, ob sie ihren Widerstand fortsetzen sollten. Die Dis⸗ kussion war eine lange und hitzige, aber alle kamen dahin überein, daß man einem etwaigen Beschlusse treu bleiben müsse. Es wurde die Frage gestellt, ob man weiterkämpfen oder sich ergeben solle. Schließlich wäre mit Mehrheit beschlossen worden, den Kampf noch 2 Monate fortzusetzen. Die Richtigkeit dieser Mitteilung steht natürlich in Frage.
Von Uah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗
kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
Gewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Hessisches.
Parlamentarisches. Der Zweiten Kammer ging ein Antrag der Abg. Häusel und Genossen zu betreffend die Unterstützung armer Gemeinden aus Staatsmitteln zu Schulhausbauten und verlangt für das laufende Budget für 1902/03 statt 40000 Mk., 100000 Mk. einzustellen und 40000 Mk. hier⸗ von für den Kreis Erbach zu verwenden. Ferner wird die Regierung ersucht, Ermitte⸗ lungen eintreten zu lassen, wie hoch sich die notwendige Staatsbeihilfe für Schulhausbauten in den übrigen Gemeinden des Landes beläuft. — Eine Anfrage des Abg. Häusel betrifft die Versicherung der Feldfrüchte gegen Hagelschlag, in der die Regierung ersucht wird, mitzuteilen, ob sie geneigt ist, mit einer Hagel⸗Versicherungsgesellschaft Vertrag abzu⸗ chließen, wie dies in Baden und Württemberg der Fall ift, um den Versicherung suchenden Landwirten den Beitritt durch Ermäßigung der Prämien zu erleichtern.—
Die Stadt Alsfeld und sieben Gemeinden sind betreffs der Bahnverbindung Als⸗ feld⸗Hersfeld vorstellig geworden und er⸗ such en, dem Staatsvertrag betreffend die Main⸗ Ne Karbahn als Vertragsbestimmung beizu⸗ sch daß das preußische Eisenbahnministerium ich verpflichtet, die Eisenbahnstrecke Alsfeld⸗ Grebenau⸗Niederaula in die preußisch⸗hessische Eisenbahngemeinschaft aufzunehmen und die nur 11 Kilometer lange preußische Strecke Landes⸗
renze bis Niederaula gleichzeitig mit der Strecke sfeld⸗Niederaula zu erbauen.
Gießener Angelegenheiten.
— Ausdehnung der Krankenver⸗ sicherung auf Hausgewerbetreibende und Handlungsgehilfen. Die Gießener Bürgermeisterei hat, nachdem die Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung am 7. November v. Is. einen diesbezüglichen Beschluß faßte, ein Orts⸗ statut erlassen, nach welchem vom 3. Febr. 1902 ab die Haus gewerbetreibenden, sowie die gegen Gehalt oder Lohn beschäftigten Handlungs⸗Gehilfen und Lehrlinge beiderlei Geschlechtes der Krankenverstcherungs⸗ pflicht unterworfen werden. Von der Versiche⸗ rungspflicht befreit sind solche Handlungs⸗ gehilfen, deren Gehalt zweitausend Mark jährlich übersteigt.— Unter den„Hausgewerbetreibenden“ sind nach§ 1 des Ortsstatuts zu verstehen: „Selbstständige Gewerbetreibende, welche in eigenen Betriebsstätten im Auftrage und für Rechnung anderer Gewerbetreibender mit der Herstellung oder Bearbeitung n Er⸗ zeugnisse beschäftigt werden und zwar auch für den Fall, daß sie die Roh- und Hilfsstoffe selbst beschaffen und auch für die Zeit, während welcher ste nur vorübergehend für eigene Rech⸗ nung arbeiten.“ Soweit also die hier in Be⸗ tracht kommenden Personen nicht in einer dem § 75 des Krankenversicherungsgesetzes genügen⸗ den Krankenkasse sind, müssen sie vom 3. Febr. ab bei der hiesigen Ortskrankenkasse an⸗ gemeldet werden.
— Gegen das Urteil des Gießener Schwurgerichts vom Oktober v. Is., durch welches die Witwe Schneider aus Stam m⸗ heim und ihr Sohn von der Anklage des Mordes freigesprochen wurde, hatte der Staats⸗ anwalt Revision eingelegt, die am 20. Jan. vor dem Reichsgericht zur Verhandlung kommt. Die Freisprechung der beiden Angeklagten er⸗ regte damals überall Aufsehen.
r. Buchdrucker⸗Tarif. In der am Montag stattgefundenen allgemeinen Buchdrucker⸗ versammlung erstatteten die Vertreter der ein⸗ zelnen Druckereien Bericht über die Einführung des neuen Tarifes, die mit 1. Januar allge⸗ mein erfolgen sollte. Aus den Berichten geht hervor, daß die hiesigen Prinzipale den Tartf eingeführt, nur gegen die Erhöhung des Lokal⸗ zuschlages Rekurs an den Tarifausschuß er⸗ griffen haben. Sie erklärten, die Erhöhung des Lokalzuschlages zu bezahlen, falls der Rekurs zu ihren Ungunsten entschieden werden sollte. Man bedauerte, daß vielfach die seit⸗ her besser bezahlten Gehilfen an der Aufbesse⸗ rung nicht teilnehmen, da jedoch die gegen⸗ wärtige Teuerung auch sie empfinden. In vielen Orten Deutschlands hat man bei der Einführung dieses Tarifes mehr Entgegen⸗ kommen von Seiten der Druckereibesttzer gezeigt.
— Auf den Vortrag, den Genosse Thiel aus Kassel nächsten Samstag(18.) im Wahlverein halten wird, machen wir nochmals aufmerksam. Das Thema lautet übrigens umgekehrt, als in der vorigen Nummer ange⸗ geben: Das„Glück“ der Armut und der„Fluch“ des Reichtums.— Genosse Thiel wird voraus⸗ sichtlich Sonntag in Watzenborn⸗Steinberg und abends in Heuchelheim, bestimmt aber Montag Abend in Alten⸗Buseck sprechen.
Aus dem Nreise gießen.
B.„Wir sind reiche und angesehene Leute aus Lich!“ Rüpelhaftes Benehmen zeigten eine Anzahl„Herren“ aus Lich am Sonntag Abend in dem Zuge Gelnhausen⸗ Gießen. Etwa 20 an der Zahl, stiegen ste in Nidda im betrunkenen Zustande in das Frauen⸗ Abteil vierter Klasse ein, wo stie lärmten und tanzten. Eine in dem Abteil befindliche Dame wurde in pöbelhafter Weise belästigt, so daß ste sich in ein anderes Abteil flüchtete, dessen Thüre aber von den besoffenen Spießern immer⸗ während aufgestoßen wurde.„Als einer meiner Freunde“, schreibt unser Gewährsmann,„der Dame behülflich 95 und die Thüre schließen wollte, drangen die wüsten Gesellen mit Stöcken auf ihn ein und schlugen ihn auf den Kopf.
An einer Station verlangte ich die Feststellung der Namen der Skandalsüchtigen durch den Stationsvorsteher. Da bat mich einer, von der Anzeige Abstand zu nehmen, sie seien reiche, angesehene Leute aus Lich, hätten nach Nidda einen Ausflug gemacht und alle Wirtschaften besucht. Trotzdem verlangte ich in Gießen vom Zugführer, Anzeige zu erstatten, ob es geschehen wird, ist sehr fraglich.“— Bildung schlt den „angesehenen“ Leuten!
r. Großen⸗Buseck. Eine von etwa 200 Personen besuchte Volksversammlung fand am Sonntag im Lokale von Größer statt. Es galt, die Schädigung der arbeitenden Bevölke⸗ rung durch die Zölle zu beleuchten und die Angriffe von dem Antisemiterich Reuther in der antise⸗ mitischen Versammlung am Sonntage vorher zurückzuweisen. Genosse Beckmann⸗Gießen erörterte eingehend die nachteilige Wirkung der Zölle, auf die Lage der Minderbemittelten und Besitzlosen, die jetzt schon durch die indirekten Steuern verhältnismäßig stärker als die Be⸗ sitzenden belastet würden, näher eingehend. Wenn nicht die Riesensummen für Heer und Flotte ausgegeben würden, wodurch die Reichs⸗ schulden in's Ungeheuerliche gewachsen sind, könnte auch mehr für die Landeskultur gethan werden. Dann beleuchtete Redner die rüdige Art der antisemitischen Agitation. Mit wüsten Schimpfereien glaubten die Antisemiten die Vernunftgründe Anderer abthun zu können; fraglich sei, ob die Agitatoren à la Reuther selbst an das von ihnen Vorgebrachte glauben. Den Kleinbauern vorreden wollen, daß ihnen die Zölle nützten, sei bewußte Irreführung. Beckmanns Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall von den Versammelten aufgenommen und einstimmig eine Resolutton beschlossen, die sich mit dem Redner einverstanden und entschieden gegen die gemeingefährliche antise⸗ mitisch⸗agrarische Agitation und den Zollwucher erklärt.— Für die unter den Nachläufern der Antisemiten herrschende Bildung ist bezeichnend, daß einer derselben die von unsern Genossen angeschlagenen Plakate herunterriß, derselbe traurige Bursche, welcher in der antisemitischen Versammlung, wie uns nachträglich mitgeteilt wurde, mit dem Messer gegen einen unsern Genossen vorgehen wollte. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!
Aus dem Nreise friedberg⸗Püdingen.
o. Höchstbesteuerte. Das Friedberger Amtsblatt veröffentlichte 1 die Namen der 50 Höchstbesteuerten des Kreises. Zu den in so angenehmen finanziellen Verhältnissen Befindlichen gehört auch unser Stadtbaumeister Zörb. Wie wir hören, soll derselbe heute ein Einkommen von 34000 Mark jährlich versteuern. Als er vor nicht allzulanger Zeit als Kreis⸗ bauaufseher hierher kam, da hätte wohl niemand es für möglich gehalten, daß dieser kluge Mann es als Stadtbaumeister von Friedberg einmal zu solchem Vermögen bringen könnte. Wenn sich die privaten Verhältnisse eines in städtischen Diensten Stehenden bei aller Sorge um das Wohl der Stadt in so erfreulicher Weise ent⸗ wickeln, so ist das sicher ein Beweis für seine Tüchtigkeit.
l. Studenten⸗ Manieren gewöhnen sich die Besucher der hier seit 1. Oktober errichteten Gewerbe⸗Akademie an. Sie haben sich ähnlich wie an Hochschulen in studentische Corps zusammengethan und wie in den Uni⸗ versitätsstädten geht es jetzt nachts auch hier zu. So fanden in letzter Zeit verschiedentlich Schlägereien mit andern Personen statt, wobei diese feinen Herren gewöhnlich schlecht ab⸗ dt In dieser Hinsicht verstehen die
riedberger wenig Spaß und mancher sog. stud. tech. kann davon schon ein Liedchen singen. So wurde dieser Tage im Saalbau einem der⸗ selben, derartig über den Kopf gehauen, daß er ins Hospital verbracht werden mußte, wo er lange Zeit bewußtlos war. Vielleicht lernen die Herren mit der Zeit von der Friedberger Bürgerschaft, wie man sich zu be⸗ tragen hat.
l. Der Athletenklub⸗„Germania“, dessen Mitglieder trotz seines patriotischen Namens fat ausnahmlos auch Mitglieder des
Stabtbeurdneter schtint, 1 un Lelte die bisher schweren Aubeit, loch einen Verdie st die Rede dabo loch weiter herab
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