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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 3,
jener mächtigen Organisation, die im Laufe der Jahre in's Riesenhafte gewachsen, trotz sorgfältigster Pflege und Ausbildung an dem Uebel krankt, daß alle ihre Uebungen und Leistungen einem Exempel gleichen, an dem die Probe nicht gemacht werden kann, und dessen Stimmigkeit daher in Zweifel gezogen werden darf. Dreißig Jahre Friede sind zu allen Zeiten ein Verhängnis, häufig, ein
Capua für ein großes Heer geworden.“
Vor allen Dingen verdient der schmerzliche Seufzer Beachtung, daß der Frieden bereits ganze drei Jahrzehnte gewährt habe, so daß keine Probe auf das Exempel des Parade⸗ und Manöverdrills möglich gewesen sei. Dies Be⸗ dauern, das sicher bon sehr vielen Offizieren, und nicht nur von den avancements- und aben⸗ teuerlüsternen Leutnants, geteilt wird, beweist, wie heuchlerisch die Behauptungen sind, daß man nur rüste und immer wieder rüste, um den Frieden zu sichern. Eher ist das Gegenteil richtig. Die Herren Offiziere betrachten die Armee als Selbstzweck, sich selbst als die Blüte der Schöpfung, die wichtigsten Glieder des staatlichen Organismus und den Frieden nur als periodische Vorbereitungsfristen zur erhebend⸗ sten Kulturthätigkeit, zum Kriege. Die stehende Armee und die Berufssoldaten sind deshalb, das beweisen solch' offenherzige Auslassungen, wie die vorliegenden, zur Evidenz, die schlim m⸗ sten Bedroher des dauernden Friedens und 1 internationalen Annäherung, die es geben ann. 6
Aus dem Leben der„Edelsten“.
Am Freitag wurde in Potsdam die Leiche des Leutnants von Eichel-Streiber vom 3. Garde⸗Ulanenregiment mit großem Pomp nach dem Bahnhof überführt. Nach dem offiziellen Bericht ist der Offizier an Erstickung gestorben; wie die„Welt am Montag“ aber berichtet, soll v. Eichel⸗Streiber eine ganze Flasche Kognak ausgetrunken haben, nachdem
pborher ein anderer Offizier ein Wasserglas voll
Kognak auf einen Schluck geleert hatte. Der Leutnant wurde Montag früh von seinem Bur⸗ schen noch atmend angetroffen, starb aber bereits um 9 Uhr. Der Herr Leutnant sind also an akuter Alkoholvergiftung gestorben.— Auch dieser Fall zeigt wieder, daß diese Herrchen nicht wissen, was sie mit ihrer vielen freien Zeit anfangen sollen und infolgedessen auf alle möglichen Exzesse verfallen.
„Sühne“ für den Duellmord in Jena.
Ganze zwei Jahre und 3 Monate„Festungs⸗ haft“ erhielt der Leutnant Thieme für die Erschießung des Studenten Hel d. Das Kriegs⸗ gericht billigte ihm mildernde Umstände zu. Ebenfalls unter Annahme mildernder Umstände erhielt der Hauptmann von Seebach wegen Kartelltragens 14 Tage Festungshaft.
— Wrr wollten mal sehen, wie die Strafen aus⸗
gefallen wären, wenn sich ein paar arme Teufel geprügelt hätten, und einer davon tot auf dem Platze geblieben wäre!
Der Gumbinner Mordprozeß
wurde am Samstag vor dem Reichsmilitär⸗ gericht in Berlin verhandelt. Die Entschei⸗ dung dieser obersten Instanz lautete auf Auf⸗ hebung des vom Oberkriegsgericht in Gumbinnen gefällten Urteils. Die Sache wurde zur nochmaligen Verhandlung in die Berufungsinstanz zurückverwiesen. Das auf⸗ gehobene Urteil lautete bekanntlich bezüglich des Unteroffiziers Marten wegen Ermordung des Rittmeisters Krosigk auf Todesstrafe, bezüglich des Sergeanten Hickel, welcher der Beihilfe angeklagt war, auf Freisprechung.— Es er⸗ scheint angebracht, den Verlauf der ganzen Affäre kurz zu wiederholen.— Der Rittmeister v. Krosigk vom Dragoner⸗Regiment Nr. 11 in Gumbinnen wurde am Nachmittag des 21. Jan. v. Js. während einer Reitübung seiner Schwa⸗ dron erschossen. Niemand hat gesehen, wer den tötlichen Schuß abgegeben hat; der dazu offenbar benutzte Karabiner, der sich bei einem Guckloche in der Reitbahn vorfand, gehörte einem Dragoner, der sich zur Zeit der That
in der Reitbahn befunden hatte, also nicht der Thäter sein konnte. Nach längeren Untersuch⸗ ungen fiel der Verdacht der Thäterschaft auf den Unteroffizier Marten und seinen Schwager, den in der gleichen Schwadron dienenden Ser⸗ geanten Hickel. Beide wurden verhaftet; Marten floh später aus der Untersuchungshaft, stellte sich jedoch nach einigen Tagen wieder.— Die erste kriegsgerichtliche Verhandlung fand Anfangs Juni v. Js. statt. Beide Angeklagte wurden von der Anklage des Mordes freigesprochen, nur Marten wurde wegen Fahnenflucht zu einem Jahre Gefängnis und Degradation ver⸗ urteilt.— Auf die vom Gerichtsherrn gegen dieses Urteil eingelegte Berufung fand die Ver⸗ handlung vor dem Oberkriegsgericht in Gum⸗ binnen vom 15. bis zum 20. August statt, die mit der Verurteilung Martens zum Tode endete.
Der Prozeß befindet sich nunmehr in dem⸗ selben Stadium, wie nach dem ersten Urteil des Kriegsgerichts. Noch einmal wird das gesamte Beweismaterial einer genauen Prüfung unter⸗ zogen werden, ein neues Fundament für das Bluturteil gegen Marten geschaffen werden müssen, nachdem das höchste Militärgericht auch die sämtlichen„thatsächlichen Feststellungen“ aufgehoben hat. Nicht zum letzten ist dieser Erfolg der gewaltigen Volkserregung zuzu⸗ schreiben, die sich gegen das Urteil geltend machte. Der weiteren Entwickelung des Pro⸗ zesses darf man mit Spannung entgegensehen.
Patriotische Panzerplattenfabrikanten.
Bekanntlich haben die vaterländisch gesinnten Lieferanten des Panzerplattenmatertals für Kriegsschiffe das Deutsche Reich bei diesen Lieferungen gehörig übers Ohr gehauen. Sie ließen sich für die Tonne Nickelstahlplatten von ihrem Vaterlande 2320 Mk. bezahlen, während sie den Vereinigten Staaten für 1900 Mk. lieferten. Jetzt hat die Budgetkommission des Reichstags erst niedrigere Preise angesetzt und so den braven Patrioten 6¼ Millionen Mk. aus den Rachen gerissen. Wäre die Preis⸗ herabsetzung schon früher erfolgt, als die Linien⸗ schiffe in Bau gegeben wurden, so hätte, wie die„Freis. Ztg.“ ausrechnet, die Ersparnis an jedem Schiffe 1 Million Mk. betragen und für die 12 Kriegsschiffe zusammen nicht blos 6525000 Mk. sondern 10200000 Mk.— Es bleibt also den Fabrikanten immer noch die ansehnliche Beute von fast vier Millionen.
Zentrums⸗Christentum.
Zu dem von uns bereits in der letzten Nummer mitgeteilten unerhörten Vorfall, daß eine reiche, christliche Gemeinde einen armen, arbeitsunfähigen Menschen buchstäblich ver⸗ hungern ließ, schreibt die„Augsburger Abend⸗ zeitung“— ein bürgerliches Blatt— noch Folgendes: Die Gemeinde Neukirchen, die eine sehr wohlhabende ist, hatte einen zirla 20jährigen etwas geistesschwachen Menschen Namens Max Graf zu ernähren; dieser wurde im dortigen Armenhause in einem gepflasterten Gemache untergebracht, wo ihm ein paar Hände voll Stroh als Lager dienten. Das Stroh war direkt auf das Pflaster geworfen und von einer Bettlade oder auch nur von einem Brett war keine Spur. Die Kost sollte er im sog. Turnus holen, und wenn er bettlägerig, sollte ihm von dem Gemeindemitglied, das ihn gerade zur Kost hatte, das Essen gebracht werden. Doch das geschah nicht und der arme Mensch ist verhungert. Einige Tage vor seinem Ende wollte eine Frau, die ebenfalls in diesem Hause untergebracht, für ihn Stroh betteln, aber sie bekam keines und so mußte er auf seinem Miste liegen bleiben. Er starb, aber auf eine Anzeige hin wurde der Tote geöffnet, wobei konstatiert wurde, daß er schon sicher vier⸗ zehn Tage ohne Nahrung war. In seinen Gedärmen fanden sich Kleiderfetzen, Stroh und ungekochte Weizenkörner. Die Aermel an seinem Rocke hatte er bis zum
Ellenbogen aufgezehrt, das Stroh stammte von
seinem Lager und die Weizenkörner von dem Hühnerfutter der Mitinwohnerin.— Es möge
schlimmster Klassenjustiz.
sich Jemand melden, der etwas Grauenhafteres erlebt; dabei ist der dortige Pfarrer Vorstand der Armenpflege und besitzt ein beträchtliches Vermögen. Der Bürgermeister(Laute n⸗ schlager, ein strammer Zentrumsmann) ist Großgrundbefitzer und war früher Landtags- abgeordneter, außerdem sind fast nur reiche Bauern in der Gemeinde, die alle eifrige Mitglieder des christlichen Bauern⸗ vereins sind. Sie alle werden hoffentlich den wohlverdienten Lohn bekommen.
Wahrhaftig, das„Christentum“ des Räubers Kneißl dünkt uns noch einige Prozent besser als das dieser reichen christlichen Bauern.
Richterliche Gerechtigkeit.
Kürzlich endete ein Wiener Gerichtspräsident, Hofrat Ritter v. Holzinger, durch Selbst⸗ mord. Er wurde am Montag nach den Weih⸗ nachtsfeiertagen erschossen in seinem Bureau aufgefunden. Auf einem Zettel hatte er seine ihm von den Aerzten in Aussicht gestellte voll⸗ ständige Erblindung als Grund seines Selbst⸗ mordes angegeben.— Dieser Mensch war der österreichische Brausewetter, wie dieser später verrückt gewordene, vorher aber noch mit dem Adlerorden dekorirte Vertreter der Gerechtigkeit durch unerhörte, parteiische Urteile den Sozialis⸗ mus in seinen Vertretern zu vernichten suchte, so war Holzinger in Wien das Werkzeug Er leitete meist die politischen Preßprozesse und that sich darin durch rücksichtslose Strenge gegen seine politischen Gegner hervor. Er hatte sich als Henker den herrschenden Klassen zur Verfügung gestellt. Die „Wiener Arbeiterztg.“ schreibt über ihn:
Als in den achziger Jahren die österreichische Arbeiterbewegung unter thätiger Mitschuld einiger Polizisten auf Abwege gelenkt wurde, um dann erdrosselt zu werden, war Holzinger ein notwendiges Glied dieser Maschinerie. Ohne den Richter Holzinger wäre der Polizist Frankl unmöglich gewesen. Die Sistirung der Geschworenengerichte für„anarchistische“ Delikte hatte nur den Sinn, die Möglichkeit eines Aus⸗ nahmesenats zu schaffen, den dessen Vorsitzender, Holzinger, zusammengestellt nach seinem Eben⸗ bilde. Nur die kalte Skrupellosigkeit Holzingers vermochte es, Dutzende von armen Menschen der trockenen Guillotine zu überweisen, deren schlimmste Schuld die Blindheit war, mit der sie den Lockspitzeln des Frankl ins Garn gingen. Es hat Fälle gegeben, wo dieser Zusammen⸗ hang aktenmäßig klar war; Holzinger hat stets verhindert, daß er im Gerichtssaal festgestellt werde, und ohne mit der Wimper zu zucken, mit vollem Bewußtsein, in genauer Kenntniß des Sachverhalts hat er die Urheber des Systems gedeckt und seine Opfer dem Zuchthaus über⸗ antwortet, wo sie an Tuberkulose und Skorbut zu Grunde gegangen sind. Man muß das erlebt haben, muß diesen Richter und diese Angeklagten gesehen haben, um zu begreifen, daß Holzinger und Frankl keineswegs die Ver⸗ nichter des Terrorismus waren, sondern die furchtbarsten Hindernisse für seine Bekämpfung.“
Und ein bürgerliches Blatt schilderte den richterlichen Schergen mit folgenden Worten:
„Holzinger schien ein Mann aus Eisen. Er war hart, ja grausam, Gemützsreg⸗ ungen kannte er nicht. Er war stol z darauf, den„Blutsenat“ zu leiten. Zum Vorsitz der Aus nahmegerichte in der Zeit der Anarchistenfurcht und der scharfen Maßregeln gegen die Sozialisten drängte er sich förmlich, mit der Begründung, er sei kinderlos und es liege ja nichts daran, wenn ihn selbst die Propaganda der That ereile. Hinrichtungen leitete er wie ein geschickter, wirkungsbewußter Regisseur.“— Blos für— schöne Frauen hat er eine Schwäche gehabt. 5
Man glaube nicht, daß mit Holzinger Richter dieser Art ausgestorben sind. Viele, sehr viele giebt es in allen Ländern, welche sich blos als Diener der Kapitalistenklasse fühlen, den Teufel nach Gerechtigkeit fragen und unbekümmert darum, ob durch ihre Schuld Existenzen und
amen ruiniert werden, ihrem persönlichen Ehrg fröhnen und nur danach streben, stch ußreiche Stellungen zu bringen.
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