Ausgabe 
18.5.1902
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 20.

15 e 7 b Unterhaltungs-Ceil.

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Bumane Zeit.

Humane Seit, humane Sitten Gesetze schützen selbst das Vieh; Ein jeder Hund ist wohlgelitten, Ein ganzer Mensch dagegen nie.

Humaner Staat, humane Bürger Erlaubt sind höchstens sechs Prozent; Doch edler Herr ist jeder Würger,

Der an der Börse raubt und brennt.

Humaner Sinn, humanes Streben Die Wissenschaft häuft Sieg auf Sieg; Sie hält die Kranken lang am Leben Und schlägt Gesunde tot im Krieg.

Humane Herr'n, humane Damen Sie tanzen für der Armen Not

Und ernten von der Arbeit Samen Der Millionäre saures Brod.

Humanes Denken, Reden, Schreiben

Du eitler Firnis einer Welt,

Wo höchste Kunst ist: Kurse treiben,

Und höchste Tugend: Geld, viel Geld. R. Seidel.

Das Kind.

Von Guy de Maupassant. 1

Jakob Bourdillere hatte schon seit langer Zeit einen Eid geleistet, daß er niemals heiraten würde. Aber ganz plötzlich änderte er seine Meinung. Die Sache kam ganz unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht, mitten im Sommer, als er sich im Seebade aufhielt. Er lag eines Morgens lang hingestreckt am Strande und sah zu, wie die Damen aus dem Wasser stiegen. Da fiel ihm plötzlich ein kleiner Fuß auf, dessen Zartheit und klassische Schönheit ihn fesselten. Seine Blicke glitten dann höher hinauf, und die ganze Persönlichkeit, die er da sah, nahm ihn recht sehr ein. Er konnte übrigers von dem ganzen Menschen nichts weiter sehen, als nur die Knöchel und den Kopf, sie sahen vor⸗ sichtig aus dem weißen Bademantel von Flanell hervor, der hermetisch geschlossen war.

Unter seinen Gefährten galt Jakob für einen Lebemann, der dem Liebesgenusse außerordentlich ergeben war. Hier fesselte ihn vor allen Dingen die schöne anmutige Form und all der Reiz, der von Sanftmut und Unschuld eines jungen Mädchens ausgeht; die Einfachheit und Frische, die auf ihren Lippen und Wangen strahlte, waren ein Zeichen von dem Werte der ganzen Person.

Er wurde auf seinen Wunsch in den Familienkreis der jungen Dame eingeführt und fand dort bald freundliches Entgegenkommen. Es dauerte garnicht lange, so war er bis über die Ohren verliebt. Die junge Dame hieß Bertha Lannis, und wenn er ste nur in der Ferne am Strande sah, so durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Schlag vom Wirbel bis zur Sohle; stand er aber neben ihr, so schwieg sein Mund und er konnte kein Wort heraus⸗ bringen. Er konnte nicht einmal einen Gedanken fassen, nur sein Herz wallte leidenschaftlich. Vor den Ohren klang es ihm und sein Ver⸗ stand schien ganz verwirrt zu sein. War das wohl die Liebe?

Er fragte sich oft danach, ohne daß er im stande war, sich die Frage zu beantworten, aber er war fest entschlossen, daß dieses junge Mädchen seine Frau werden sollte.

Die Eltern zögerten mit ihrer Einwilligung recht lange, der junge Mann besaß in der Gesellschaft einen gar zu schlechten Ruf. Man sagte, daß er ein Verhältnis hatte, ein Verhältnis, das schon gar zu lange dauerte. Es war daraus eine feste Verbindung geworden, eine von den Ketten, die mehrmals gebrochen scheinen

und doch noch den fesseln, dem sie angelegt sind. Außerdem aber besaß er doch eine wahn⸗ sinnige Leidenschaft, die länger oder kürzer dauerte, für alle hübschen Frauen, die seinem Lebenspfade nur irgendwie nahe kamen.

Aber jetzt wurde er ein ordentlicher Mensch. Das Mädchen, das so lange seine Liebste gewesen war, sah er nicht ein einziges Mal mehr an. Einer von seinen Freunden mußte der Verlassenen eine Rente überbringen und so war also für ihren Lebensunterhalt gesorgt. Jakob bezahlte gern, aber er vermied es, ste tegendwie in einem Gespräch zu erwähnen, denn er behauptete steif und fest, daß er jetzt mae den Namen des jungen Mädchens vergessen müsse.

Sie sandte ihm noch ab und zu einen Brief; aber er gab sich garnicht die Mühe, diese aufzumachen. Es verging keine Woche, ohne daß er einmal die ungeschickte Handschrift des verlassenen Mädchens vor die Augen bekam; aber sein Zorn gegen sie wuchs von Woche zu Woche, und er vernichtete die Briefe, ohne daß er sie aufbrach, ohne auch nur eine Zeile zu lesen. Wußte er doch schon im voraus, daß ja darin nur Vorwürfe und Klagen standen!

Die Eltern seiner Angebeteten glaubten aber immer noch nicht daran, daß er sich wirklich bessern würde, unv so prüfte man ihn denn den ganzen Winter hindurch; erst im kommenden Frühjahr nahm die Familie seinen Heirats⸗ antrag an. 11

In den ersten Tagen des Wonnemonats fand in Paris die Hochzeit statt.

Das Brautpaar hatte den Entschluß gefaßt, die Hochzeitsreise, die doch sonst so sehr in Mode ist, sich zu schenken. Nach dem Festessen sollte nur ein kleiner Ball folgen, so ein ganz harmloses Lämmerhüpfen für ein paar junge Verwandte und Bekannte. Um elf Uhr sollte es vorbei sein. Die jungen Eheleute sollten die erste Nacht nach ihrer Verheiratung noch im Elternhaus der jungen Frau zubringen, damit. diese Gelegenheit habe, von den vielen Anstreng⸗ ungen und Feierlichkeiten des wichtigen Tages sich zu erholen. Am nächsten Morgen wollte dann das junge Paar nach dem Strande fahren der so herrliche Erinnerungen für beide barg, denn dort hatte ja ihre Bekanntschaft begonnen, und war ihre Liebe aufgekeimt.

Die Nacht war schon hereingebrochen, und im großen Saal wogte der Tanz. Das junge Ehepaar saß in einem kleinen niedlichen Zim⸗ mer, das im japanischen Stil eingerichtet war, und dessen Tapeten aus helleuchtender Seide bestanden. An diesem Abende war das Zimmer⸗ chen nur von einer großen, bunten Laterne be⸗ leuchtet, die als ein riesiges Glühwürmchen an der Decke hing. Das Fenster war halb ge⸗ öffnet, und der frische Atemzug der Mainacht drang so recht weich hinein, er schmeichelte den beiden jungen Leuten um die Wangen. Es war einer jener lauen und stillen Abende, wo die Luft von Frühlingsdüften bebt. Die Neu⸗ vermählten sprachen kein Wort. Sie hielten sich zärtlich bei den Händen gefaßt und drückten diese ab und zu liebepoll. Berthas Augen waren wie leicht umflort. Sie schien über diesen großen Wechsel, der so plötzlich in ihrem ganzen Leben vor sich gegangen war, etwas verwirrt zu sein; so lächelte sie denn; ihr ganzes Wesen war erregt, lebhaft erregt und sie schwankte dazwischen, ob sie plötzlich heftig weinen oder vor Freude herzlich lachen sollte. Ihr kam die ganze Welt so verändert vor, und sie fühlte sich so unruhig, ohne daß sie aber wußte wes⸗ wegen. Ihr ganzes Denken und Fühlen löste sich in eine nicht näher zu erklärende Schlaff⸗ heit auf. Ihr Gatte sah sie fortwährend lächelnd an, und von seinem Gesicht wich der Zug der Heiterkeit nicht. Er wollte sie ab und zu an⸗ reden, aber er suchte vergebens nach Worten; so blieb er denn regungslos sitzen, und nur sein kräftiger Händedruck sollte ihr vou seinem unaussprechlichem Glücke, das er empfand, er⸗ zählen. Ab und zu lispelte er ihr zu:Bertha. Da hob die junge Frau jedesmal mit einem zärtlichen, schwimmenden Blick die Augen zu ihm auf. Sie schauten sich eine Sekunde lang

an, und dann ließ sie wieder ihre zarten Augen⸗ lider über die von Glück funkelnden Augen sinken. Ihr ganzes Sein war von seinem Blick ja durchdrungen und bezaubert. 9

Sie suchten vergebens jetzt nach einem Ge⸗ danken, den ste im Gespräch mit einander aus⸗ tauschen konnten. Die Gesellschaft hatte ste hier allein gelassen, nur ab und zu ging ein Paar von den tanzenden jungen Leuten an der Zimmertüre vorüber und warf von da einen flüchtigen Blick in das Nestchen voll Glück hin⸗ ein. Es war, als wollten die andern nicht die Zeugen ihres süßen Geheimnisses sein, das keine Vertrauten litt.

Da wurde ganz plötzlich eine Seitentüre geöffnet.

Ein Diener trat hinein: er trug auf einer silbernen Platte einen Brief und meldete, daß diesen soeben ein Dienstmann abgegeben habe.

Der junge Ehemann faßte mit zitternden Händen nach dem Brief, denn es hatte ihn eine plötzliche Furcht gepackt.

Er sah lange auf den Briefumschlag hin. Die Handschrift war ihm nicht bekannt und er wagte nicht, die Nachricht zu öffnen. Er hatte den Wunsch, daß er den Brief nicht lesen möchte, und so hätte er am allerliebsten den Brief in die Tasche gesteckt und dabei zu seiner Beruhigung gesagt:Wir lassen die Sache bis auf morgen: denn morgen bin ich ja weit von hier weg, und dann kann mir ja nichts mehr geschehen. Da bemerkte er plötzlich, daß in einer Ecke des Briefumschlags die Worte standen:Eilt sehr! Diese Worte hielten ihn davon ab, den Brief fortzustecken, und jagten ihm einen neuen Schrecken ein. Er fragte somit seine junge Frau:Erlaubst Du wohl, liebe Bertha, und dann gleichzeitig zerriß er die Briefhülle, ent⸗ faltete das darinliegende Papier, und las es. Beim Lesen schon wurde er totenblaß. Noch einmal flogen dann seine Blicke über das Papier hin und schtenen nun ganz langsam zu lesen, was dort drin stand.

Da hob er den Kopf wieder und nun schien sein ganzes Wesen plötzlich wie von Grund aus verwandelt. Er stammelte:

Meine... liebe... Frau. Es ist von meinem besten Freunde eine Benachrichtigung, dem armen Menschen ist soeben ein furchtbare, großes Unglück geschehen. Ich muß auf der Stelle zu ihm hin,... zögern darf ich nicht,.. denn die ganze Angelegenheit geht auf Leben und Tod... Gestatte mir nur, daß ich mich auf ein viertel Stündchen empfehle... ich werde bald wieder bei Dir sein.

Sie zitterte am ganzen Körper und lispelte entsetzt:

Gehe nur, mein teurer Mann.

Sie fühlte sich noch nicht völlig als seine Gattin und deswegen wagte sie auch nicht eine Frage an ihn zu richten oder sonstwie etwas zu äußern, was denn geschehen sei.

Er ging. Sie blieb allein und hörte weiter nicht darauf, wie in dem Salon in der Nähe mustziert und getanzt wurde.

(Fortsetzung folgt).

Ein Indizienbeweis.

Ein Jurist und Kriminalist, der als schar⸗ fer Denker geachtet ist, betrat, wie man im J. W. E. liest, vor einigen Tagen den Laden eines Vermischtwarenhändlers in Wien. Er wollte ein Zehnkronenstück wechseln lassen und machte deshalb einen einige Heller betragenden Einkauf. Außer dem Geschäftsinhaber befand sich noch eine Kundin in dem kleinen Laden, ein Fabrikmädchen. Als der Jurist das Gold⸗ stück überreichen wollte, streckte gerade das Fa⸗ brikmädchen in irgend einer Absicht ihren Arm aus, der dadurch mit der Hand des Juristen in Berührung kam. Das Goldstück entglitt seinen Fingern, fiel zu Boden und er buͤckte sich, um es zu suchen.

Aber auch das Mädchen hatte sich sofort anf den Boden gekniet, suchte einen Augenblick, erhob sich dann rasch und sprach:Ich find nichts, übrigens hab ich auch nichts fallen gehört. 1 Worten verließ sie auffallend schnell

en Laden.

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