Ausgabe 
18.5.1902
 
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S eite 4.

Mittel deutsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 20.

schew äußerst ruhig und gefaßt, auch sein Todes⸗ urteil nahm er mit unerschütterlicher Ruhe hin. Nur als der Präsident ihn fragte, ob er absolut keinen Gehilfen und Anstifter bei Verükung des Verbrechens gehabt, soll er geantwortet haben:Jawohl, einen Komplizen habe ich gehabt, das ist die russische Regierung! Das Todesurteil dürfte schon vollstreckt sein. Ueber die vor einiger Zeit ausgebrochenen Bauern⸗ unruhen hat die Regierung Berichte heraus⸗ gegeben, aus denen hervorgeht, daß gegen die don Hungersnot gepeinigten Banern von Seiten des Militärs mit blutigster Brutalität vorgegangen wurde. In Massen wurden die Bauern hingeschlachtet. Mittel dieser Art sind es von je gewesen, die brüchige Throne stützen sollten; doch wird der Zusammen⸗ bruch der zarischen Gewaltherrschaft damit nicht aufgehalten werden.

Furchtbare Vulkan⸗Katastrophe auf den kleinen Antillen.

Ein Teil der Inselgruppe der kleinen Antillen ist vorige Woche von einer entsetzlichen vulkanischen Kata⸗ strophe heimgesucht worden. Besonders gelitten hat die französische Insel Martinique, aber auch die Inseln St. Lucia, St. Vincent und Dominica, die zu England gehören, haben furchtbar gelitten. Die Zahl der Opfer ist noch nicht genau festgestellt; doch dürften nach zuverlässigen Schätzungen etwa 4045 000 Men⸗ schen zu Grunde gegangen sein Die Inselgruppe schließt in gebogener Linie das karibische Meer gegen den atlan⸗ tischen Ocean ab und bildet die Verbindung zwischen dem südamerikanischen Festlande einerseits und den großen Antillen Portorico, San Domingo(Haiti), Cuba und Jamaica andererseits. Sie hat insgesamt eine Ober⸗ fläche von 6400 Quad.⸗km, ungefähr die Größe des Großherzogtums Oldenburg und eine Bevölkerung von etwa 800000 Köpfen. Die Inseln sind alle vulka⸗ nischen Ursprungs und es gibt jetzt noch zahlreiche thätige Vulkane. Sie wurden infolgedessen schon öfters von Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen heimgesucht. Dies⸗ mal spottet das Unglück aller Beschreibung. Am schlimm⸗ sten erging es, wie bemerkt, der Insel Martinique. An der nordwestlichen Ecke derselben, am Fuße des Vulkans Pelsée liegt die Hafenstadt St. Pierre, eine reizende Stadt. Sie wurde in wenigen Minuten von dem Vul⸗ kan mit einem Feuerstrom überflutet und total ver⸗ nichtet.

Schon Tage vorher kündigten den Bewohnern von St. Pierre untrügliche Anzeichen den bevorstehenden Ausbruch des Vulkans Pelée an, und es ist eigentlich verwunderlich, daß die Bewohner nicht wenigstens aus der Nähe des gefährlichen Berges flüchteten. Man hielt den Vulkan für erloschen; seit 50 Jahren hatte er ge⸗ schwiegen, als am Samstag, den 3. Mai um Mitter⸗ nacht dichte Rauchwolken mit hochragenden Flammen ausbrachen, begleitet von lauten rollenden Geräuschen. Die ganze Stadt erwachte, die Bewohner stürzten auf die Straße und eine allgemeine Panik erfolgte. Am nächsten Tag, 4. Mai, fing ein dichter Aschenregen an, auf die Stadt zu fallen. Der Vulkan war unsichtbar und Niemand wagte sich weit von der Stadt weg, um den Umfang des schnell zunehmenden Ausbruches festzu⸗ stellen. Der Sonntag wurde in Angst verbracht. Am Montag ergoß sich plötzlich aus dem Mont Pelée ein Strom geschmolzener Lava, 20 Fuß hoch und eine halbe Meile breit. Er raste mit einer Geschwindigkeit von 100 Meilen per Stunde vorwärts, sich durch ein Thal ergießend, gelangte der Lavastrom von der 4000 Fuß hohen Spitze des Berges zum 5 Meilen entfernten Meere in drei Minuten und vernich⸗ tete Alles auf seinem Wege. An der Mündung des Flusses stand eine große Fabrik des Dr. Guerin. Ueber diese ergoß sich die geschmolzene Masse un) in einer Minute war Alles vorüber. Fast Jeder in der Nähe kam um. Die Zahl der Opfer wird auf 100 geschätzt. An den folgenden Tagen warf der Krater unter immerwährenden heftigen Detonationen und Erd⸗ beben berghohe Flammen aus und es regnete Lava und Asche. Die Telegraphenkabel rissen infolge der Erdstöße. Nur wenige Bewohner Martiniques hatten Gelegenheit sich nach andern Inseln zu retten. Am Donners⸗ tag, 8. Mai trat die Katastrophe ein. Der Offizier des DampfersRoraima erzählt darüber, das Schiff sei frühmorgens im Hafen von St. Pierre angelangt. Der Schiffsagent kam an Bord nnd sprach Befürchtungen in Betreff des Mont Pele aus, da heißer Sand gefallen sei, indessen war der Vulkan nunmehr ruhig und die Löschung der Fracht begann. Etwa zwanzig Schüffe waren im Hafen, und das letzte, welches an⸗ kam, war der englische DampferRoddam. Plötzlich hatte man das Gefühl, als ob man geschüttelt werde. Die Luft erzitterte und aller Augen wandten sich

nach dem Mont Pelse, aus welchem eine himmel hohe Feuersäule emporschoß, dann barst der Berg auseinander und die Flamme schlug vom Himmel auf die Stadt und den Hafen zurück. Darauf stieg unter gewaltigem Tosen eine entsetzliche Flutwelle empor. Heißer Schlamm ergoß sich und der Untergang der Welt schien herbeigekommen. Alle Schiffe sowie die Stadt St. Pierre standen in Fla m⸗ men und der Hafen war voller Leichen.

Von den 36 000 Einwohnern der Stadt sollen nur einzelne gerettet sein. Man nimmt an, daß die Opfer infolge Einatmens giftiger Gase erstickt und dann ver⸗ brannt sind. Spätere Nachrichten besagen, daß die Dampfer, die Hilfe bringen wollten, wegen der unerträg⸗ lichen Hitze nicht landen konnten. Die zahlreichen ange⸗ brannten Leichen verbreiteten einen pestialischen Geruch. Soweit man sie erreichen konnte, wurden Haufen von Leichen verbrannt, um einer Epidemie vorzubeugen.

Auf den Martinique benachbarten Inseln wüteten die Vulkane ebenfalls. Auf der Insel St. Vincent wurden durch den Hauptkrater La Soufriére schwere Verwüstungen angerichtet, wobei Tausende von Menschen ihren Tod fanden. Ebenso befinden sich die Vulkane in St. Thomas und auf Dominica in lebhafter Thätig⸗ keit. Die Bewohner dieser Inseln sind in tötlicher Furcht und haben die englichen und amerikanischen Behörden angefleht, daß man ihnen Kriegsschiffe schicken möge, damit sie fliehen können. Wäre irgend welche Gelegen⸗ heit zur Flucht vorhanden, so wären die Inseln entvöl⸗ kert. Von allen Staaten werden Hilfsaktionen ein⸗ geleitet.

Gewerkschaftliches.

Der Verband der Glasarbeiter Deutschlands veröffentlicht einen Schluß⸗ bericht und Abrechnung über den Nienburg⸗ Schauensteiner Streik und über deu General⸗ streik der Flaschenmacher vom 1. August bis zum 31. Dezember 1901. Aus demselben geht hervor, daß die Zahl der Streikenden in Nien⸗ burg⸗Schauenstein 677(davon 512 Verheiratete), im Generalstreik, außer den genannten, in 18 Orten 3564(davon 1885 Verheiratete), zusammen 4113 betrug, denen 730 Arbeitswillige gegenüber⸗ standen. Aus der Abrechnung ist ersichtlich, daß die Gesamteinnahme an Streikunterstützungen 53 7051,58 M., die Gesamtausgabe 591 222,95 M., betrug; die Differenz zwischen beiden Summen ergiebt einen Zuschuß der Verbandshauptkasse von 54 171,37 Mk.. Einschließlich diesersumme wurden im Ganzen 273 177 Mk. von den Glasarbeitern, aufgebracht das Uebrige von den deutschen und ausländischen Gewerkschaften. Durch der für die Arbeiter unglücklich verlaufenen Streik hat der Verband einen erheblichen Mitgliederverlust erlitten, den man aber in diesem Sommer wieder auszugleichen hofft.

Der Verband der Brauer hielt vorige Woche in Hamburg seinen Verbandstag ab. Aus den Vorstandsberichten geht hervor, daß die Mitglieder⸗ zahl seit 1. April 1900 bis 1. April 1902 rund 10 000 auf 13 626 gestieg en ist.Die Einnahme betrug in den letzten zwei Jahren 295,840 Mk., die Ausgabe 227,271.31 Mark, so daß eine Mehrein⸗ nahme von 68, 569.31 Mark zu verzeichnen ist. Hierzu die Bestände am Schlusse des Jahres 1899 im Betrage von 18, 688. 14 Mark, mithin betrug ultimo Dezember 1901 der Kassenbestand 87,257. 31 Mark, davon in der Hauptkasse 81, 096.79 Mark und im Internationalen Unterstützungsfonds 6160.52 Mark. Für Unterstützungen zahlte der Verband in den letzten 2 Jahren 113,281.12 Mark, davon Kranken⸗ unterstützung 37,681.27 Mark, Arbeitslosenunterstützung 36,073.85 Mark, Unterstützung an gemaßregelte Kollegen 9023 Mark, Umzugskosten 1741.70 Mark, Rechtsschutz 3608.10 Mark, Streikunterstützung im eigenen Berufe 19458.95 Mark, an andere Verbände 3450 Mark, Unterstützungen in außerordentlichen Fällen 2244.25 Mk. Außerdem kostete das Verbandsorgan 27612 Mark, die Agitation und die notwendigen Fahrten zu den Lohnbewegungen 21954 Mark. Hauptkassierer Kagerl bemerkte hierzu, in den beiden Berichtsjahren seien wohl Ueberschüsse erzielt worden, doch resultierten diese aus der beschlossenen Beitragserhöhung. Die Unterstützungs⸗ einrichtungen erforderten bedeutende Summen, wie aus der Abrechnung ersichtlich sei. Wenn die Mitglieder die se Institutionen mehr ausgenützt hätten, dann ständen wir vor dem Bankerott. Er habe damals Bedenken gegen die Neueinrichtungen gehegt, denn er habe sich vor Augen gehalten, daß der Verband in erster Linie eine Kampfesorganisation sein müsse.

* Der Holzarbeiter-Verband hielt vorige Woche in Mainz seinen Verbandstag ab, der von 85 Delegierten und 8 Vertretern des Vorstandes und Aus⸗

schusses besucht war. Den eigentlichen Verhandlungen

ging eine Begrüßungsfeier voraus, die Sonntag, 4. Mai in der Stadthalle unter großer Beteiligung der Mainzer Arbeiter stattfand. Aus dem sehr ausführlichen Vor⸗ standsbericht geht hervor, daß der Verband Ende 1901 67341 Mitglieder zählte, gegen das Vorjahr bedeutet das eine Abnahme von über 3000. Die niedergehende Geschäftskonjunktur übte auf den Mitgliederstand aller Organisationen nachteiligen Einfluß aus. Der Kassen⸗ bericht weist einschließlich des Kassenbestandes, der am 31. Dez. 1899 252310 Mk. betrug, eine Ge⸗ samteinnahme von 2 161 583 Mk. nach. Der Kassen⸗ bestand am Schluß des Jahres 1902 beträgt 333 423 Mk. Die hauptsächlichsten Aus gaben sind: Reise⸗ unterstützung: 76731 Mk. Gemaßregeltenunterstützung: 27 474 Mk. Notfallunterstützung: 25678 Mk. Beihilfe zu Umzugskosten an Mitglieder: 19 781 Mk. Rechts⸗ schutz: 15 976 Mk. Streikunterstützung: 698 359 Mk. Anteil der Lokalkassen: 456 680 Mk. Kosten der Zeitung: 147 246 Mk. Agitation: 60 592 Mk. Verwaltungs⸗ kosten: 20 261 Mk. etc. Auf dem Verbandstage selbst

ungen den breitesten Raum ein. Der Vorstand be⸗ schwerte sich darüber, daß die Kollegen an verschiedenen Orten in den Ausstand getreten seien, ohne die Ge⸗ nehmigung des Hauptvorstandes. Dadurch entstehen viele Mißhelligkeiten. Andererseits wurde bemerkt, daß man eben den günstiger Zeitpunkt wahrnehmen müsse. Thatsächlich haben weitaus die meisten Streiks für die Arbeiter Erfolge gebracht. Von den wichtigeren Be⸗ schlüssen sei in erster Linie die Einführung der Arbeits⸗ losenunterstützung erwähnt, die am 1. April 1904 in Kraft treten soll. Vom 1. April 1903 an wird der wöchentliche Beitrag auf 35 Pfg festgesetzt. Die bean⸗ tragte Verlegung der Holzarb.⸗Zeitung von Hamburg nach Stuttgart wurde abgelehnt. Ferner sollen zum nächsten in Leipzig stattfindenden Verbandstage nur auf je 1000(bisher 800) Mitglieder ein Delegierter gewählt werden. Die Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt. Auf weitere Beschlüsse kommen wir noch zurück.

Pon Uah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Maifest. Wohl noch selten war zu dem Arbeiter⸗Maifest das Wetter so ungünstig als in diesem Jahre. Hatten wir in früheren Jahren fast regelmäßig Wetter⸗Glück, so mußte dies⸗ mal erst das Fest auf den zweiten Sonntag im Mai verlegt werden und viel fehlte nicht, so wäre es auch an diesem Tage gründlich verregnet. Noch bis kurz ror Abmarsch des Festzuges war man unschlüssig, ob man in den Wald ziehen oder sich für Abhaltung des Festes auf Textors Terrasse entscheiden sollte. Schließlich ging man in den Wald und glücklicher weise blieb es den ganzen Nachmittag trocken. Kühl war es allerdings, aber trotzdem und obwohl man jeden Augenblick einen Regen- oder Hagelschauer er⸗ warten konnte, war der Besuch des Festes ein recht guter und gab darin den früheren Mai⸗ festen kaum etwas nach. Der Festzug konnte eben wegen der Wetter-Unsicherheit nicht beson⸗ ders großartig ausfallen; viele waren der Mei⸗ nung, daß das Fest nicht stattfände. Dessenun⸗ geachtet wies der Zug eine für hiesige Verhält⸗ nisse ganz respektable Teilnehmerzahl auf; es marschierten darin etwa 200 Gewerkschaftsmit⸗ glieder. Bei schönem Wetter wäre sicher die dreifache Zahl vertreten gewesen. Nächstes Jahr wird es die Aufgabe des Gewerkschafts⸗ kartells sein, den Zug noch etwas imposanter zu gestalten, als es jetzt zum ersten Mal mög⸗ lich war und da ist noch manches zu thun. Im Uebrigen verlief das Fest in der besten Weise und ohne jeden Mißton. Mit Eintritt der Dunkelheit marschierte man nach der Stadt zurück. Mancher freute sich seiner Vorsicht, den Winterüberzieher mitgenommen zu haben!

Volksbades hat die Eingabe des Sanitäts⸗ vereins, betreffend die Beibehaltung ermäßigter Badepreise für Mitglieder der Krankenkasse wie folgt beantwortet:

Wir tellen Ihnen hierdurch mit, daß Ihr Gesuch vom 2. April cr.Preisermäßigung für Bäder be⸗ treffend in der heutigen Sitzung des Aufsichtsrats

worden ist.

Man hätte wohl von dem Aufstchtsrat et⸗ was mehr Entgegenkommen erwarten dürfen. Wie schon früher mitgeteilt, ist auch die

Stat an dem Unternehmen beteiligt, sie be⸗

nahmen die Erörterungen über den PunktLohnbeweg⸗

und Vorstandes mit allen gegen eine Stimme abgelehnt

Der Aufsichtsrat des Gießen er

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