Ausgabe 
17.8.1902
 
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Seite 6.

Nitteldeutsche Ssuutags⸗Zeitung.

Nr. 33.

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b Unterhaltungs-Ceil.

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Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

12)(Fortsetzung).

Nun erst sah er von diesen Leuten, wie schlecht sie gehauset hatten; und dies that den Leuten nun selbst in der Seele weh. Nun erst erfuhr jeder, was er nach Abzug aller Schulden von seinem Vermögen, als wahres Eigentum betrachten könne. Das war oft blutwenig, und ihnen schauderte die Haut vor Angst und Entsetzen darüber. Nun wollten alle sparen, alle arbeiten. Aber wie sollten sie es anfangen?

Oswald hatte unbeschreiblich viele Mühe. Aber die Mühe machte ihm Freude, weil er ein wahrer Menschenfreund war. Er machte jedem ein Haus⸗ und Schuldenbüchlein, worin jeder den Zustand seines Vermögens deutlich sah. Dann ging er wieder in die Stadt, und suchte für Kinder und Erwachsene Arbeit von allerlei Art. Das gelang ihm nach und nach. Und was so mit Taglöhnen verdient wurde, das mußte wöchentlich aufgeschrieben und aufgespart werden. Einige gaben das Geld dem Oswald in Verwahrung; andere gaben es ihm wöchentlich, um damit nach und nach ein für sie aufgenommes Kapital abzutragen.

Als dies mehrere thaten, und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden beisammmen⸗ liegen sah, dachte er:Wozu soll dies Geld da tot und ohne Nutzen liegen? Wenn es jährlich Zins trüge, hilfe es den armen Leuten ohne ihre Mühe schon wieder zu einem kleinen Gewinn und vermindere die Schuld.

Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein, was Jeder wöchentlich von seinem Ver⸗ dienst in die Ersparniskasse zurücklegte. Dann ging er in die Scadt und beredete einen rechtschaffenen Herrn, daß er monatlich das ersparte Geld, wären es auch nur zehn oder zwanzig Gulden, annehmen und auf Zins aus⸗ thun wolle. Es wäre zum Besten armer spar⸗ samer Leute. Der Herr, welcher ein reicher Kaufmann war, und gern das Gute beförderte, nahm das Geld und that es an Zins, und wenn am Ende des Jahres die Zinsen einkamen, that er sie wieder als ein kleines Kapital aus, also, daß die Zinsen wieder Zinsen eintragen mußten. Oswald aber schrieb in sein Erspar niskassenbuch zu Hause immer auf, wie viel jeder von seinen Leuten an den Zinsen An⸗ teil habe.

Es war aber ein großes Glück, daß die Leute und ihre Kinder, da sie Arbeit bekamen, auch arbeiten konnten, und fast nie krank wurden. Das war sonst nicht so. Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten, waren sie am Montag nicht zum Arbeiten auf⸗ gelegt, und hatten Kopfweh und Uebelkeit. Und weil sie sich insgesamt oft kämmten, wuschen, und gar reinlich hielten, waren sie von allen Uebeln und Krankheiten befreit, welche die natürlichen Strafen und Folgen der Unreinlichkeit sind.

Wie nun Oswald den mit ihm Verbündeten erzählte, daß er eine Ersparniskasse errichtet habe, und daß das Geld, welches sie ihm wöchentlich zum Aufbewahren brächten, Zinsen tragen müsse, erstaunten sie gar sehr und freuten sich. Und jeder sah im Buche nach, wie viel Geld er schon zusammengebracht habe, und wie viel Zins er am Ende des Jahres dafür zu erwarten habe. Anfangs hatten nur wenige Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht. Nun aber sagten es die einen den andern. Und wie einer hörte, der andere habe schon fünfzehn, zwanzig und dreißig Gulden und mehr zurückgelegt, wurde er mißvergnügt und

wollte es auch so haben, und nahm sein weniges

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Geld und trug es auch zum Oswald und sprach: Ei, Lieber, warum hast du mir nichts von der Ersparniskasse gesagt? Lege mein Geld, das ich wöchentlich entbehren kann, auch hinein, es sei viel oder wenig. Denn wenn ich es im Hause habe, will es sich nicht vermehren, sondern es schwindet immer. Hat man es, so verbraucht man es wieder. Darum besser, aus den Augen, aus dem Sinn! Kann ich's nicht so haben bei dir, so kann ich noch lange nicht an Abzahlen meiner Schulden denken.

So brachte nun jeder alle Woche etwas, das er von seinem Verdienst erübrigen konnte, und einer bemühte sich mehr als der andere, in die Ersparniskasse zu legen. Einige wurden so, begierig, daß sie beinahe Weib und Kind verhungern ließen, um desto mehr Geld zu⸗ sammenzuscharren.

Das verdroß den Schulmeister, und er hob an zu reden:Es ist wohl gut, daß ihr mäßig seid, aber Weib und Kind müssen nicht hungern. Wer wohlgenährt ist, der hat auch Kraft und Mut, zu arbeiten. Freilich, manche Frau, die auch wohl im Felde arbeiten, oder sonst Geld verdienen könnte, muß jetzt zu Hause bleiben, und ihre Zeit beim Kochen verlieren. Wäre für jede Haushaltung von selbst schon Gekochtes da, so würde man kein Holz kaufen und bezahlen, oder es mit Zeitverlust im Walde zusammenlesen müssen, sondern man könnte vielleicht sogar jährlich von dem Gaben⸗ holz, das die Gemeinde giebt, an andere ver⸗ kaufen und Geld daraus lösen. Dabei wäre schön zu sparen. Aber wir müssen das auf andere Weise anfangen.

Ihr wisset, wir haben in teuern Zeiten elende Sparsuppen gegessen. Warum sparten wir damals, da wir nichts hatten, und nicht weit lieber jetzt, wo etwas zu ersparen wäre? Wir haben jetzt Erdäpfel, Obst und Mehl und Fleisch zu wohlfeilerem Preis. Wir können jetzt mit demselben Gelde, wie in der teuern Zeit, bessere Kost haben und viel ersparen. Wenn jetzt einer für uns alle kocht, ersparen viele Frauen Zeit, und können auf andere Weise arbeiten und verdienen. Unter dreißig Kesseln und Häfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage, als unter einem einzigen Kessel für dreißig Haus⸗ haltungen. Das begreift ihr; dabei ist Gewinn. Aber wo für viele Menschen zusammen gekocht wird, ist auch an Salz und Schmalz und Zuthat und Geschirr Ersparnis. Lasset uns einen Versuch machen.

So sprach Oswald. Viele wollten; andere wollten nicht. Oswald ging zum Müller und beredete ihn, die Sparsuppe zu kochen und drei Mal wöchentlich Fleisch dazu, besonders zum Verkauf. Diejenigen, welche dazu einstanden, sagten, wie viel Suppe und Fleisch sie täglich begehrten; es waren ihrer zuerst siebenzehn Haushaltungen.

Nun mußte der Reihe nach jede Haushaltung, eine um die andere, wenn der Tag an sie kam, das Holz zum kochen, und beim kochen einen Aufwa' ter oder Gehilfen geben. Die Müllerin führte beim Kochen die Aufsicht. Alle Tage waren Abwechslungen in Suppe und Gemüse. Wer kein Geld hatte, konnte seine Portionen mit Mehl, Obst, Gemüs und Erdäpfel zahlen. Das ward keinem zu schwer. Nur wer Fleisch nahm, zahlte Geld dafür. Die Frau Müllerin verstand das Kochen. Die andern Bauernweiber und Mädchen, wenn der Tag an sie kam, da sie helfen mußten, lernten viel dabei, was sie vorher nicht wußten.

So geschah, daß die zusammenstehenden Familien, wozu auch der Schulmeister und der Müller gehörten, besser und nahrhafter aßen, als andere Leute im Dorfe und doch weit wohlfeiler. Alle Tage Suppe und Gemüs dazu, drei mal wöchentlich Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet. Wie dies die andern sahen, daß es da keine Sautränke oder elende Sparsuppe gab, und daß es noch für kranke Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab, traten sie auch bei, und viele, die gar nicht zum Goldmacherbund gehörten. Denn sie merkten bald, daß da viel an Holz, Mühe und Zeit, viel an Speisezuthat erspart

und alles weit wohlfeiler gemacht werden konnte.

Es wurden für die Garküche der Müllerin endlich der Teilhaber zu viel, obgleich sie täglich mehrere Gehilfinnen erhielt. Da legte der Adlerwirt zu seinem Vorteil auch eine solche Küche an. Aber alle, die zum Gol dmacherbund gehörten, blieben beim Müller. Sie hatten die verständigsten Hausväter unter sich ausgeschlossen, die mußten den Ankauf der Vorräte und deren Verwendung beaufsichtigen. Denn die Garküche sollte keinem einzelnen zum Gewinn dienen, sondern allen zum Vorteil gereichen.

(Fortsetzung folgt.)

Erinnerung an Liebknecht.

Am 7. August waren es zwei Jahre, daß die Trauerkunde von dem Tode unseres Alten von Berlin aus die Welt durcheilte und überall, wo Genossen wohnen, Erschütterung und herz⸗ liche Teilnahme hervorrief. In der ganzen Partei wird noch die Lücke empfunden, die sein Tod gerissen, das zeigt sich in der Parteipresse, wenn sein Todestag wiederkehrt zahlreiche Gedenkartikel an unseren teueren Toten werden veröffentlicht. Von besonderem parteigeschicht⸗ lichem Interesse ist ein solcher aus der Feder seines langjährigen Kampfgenossen Bebel, der imVorwärts erschien und dem wir nachstehend wiedergeben. Bebel schreibt:

Wer den Alten im Kampfe kennen lernen wollte, mußte ihn in Lagen sehen, wie sie das Jahr 1870 und später das Sozialistengesetz geschaffen har. In Zeiten der größten Auf⸗ regung, wenn die Leidenschaften in hohen Wogen gingen und ihn umtobten, da fühlte er sich wie ein Fisch im frischen Wasser und stellte seinen Mann. In solchen Augenblicken sah man ihn nie verlegen oder nur einen Augenblick zaudern, und stets prägte er für den vorhandenen Moment das richtige Wort.

Das Kriegsjahr 1870/71 stellte hohe An⸗ forderungen an unsere Nerven. Was seit 1866 eine Frage der Zeit war, war endlich herein⸗ gebrochen. Bismarck hatte es meisterlich ver⸗ standen, in dem ihm passenden Moment Napoleon zum Kriege zu provozieren und obendrein den Schein, der Provokateur zu sein, auf diesen zu werfen. Die Aufregung, welche die Kriegs⸗ erklärung erzeugte, läßt sich nur in einen ge⸗ wissen Vergleich stellen mit jener, die achtzehn Jahre später entstand, als derselbe Bismarck und seine Helfershelfer die Attentate von Hödel und Nobiling gegen die Sozialdemokratie fruk⸗ tifizierten und ihr das Sozialistengesetz als Mühlstein an den Hals zu hängen suchten. Doch war die Art der beiden Stürme grund⸗ verschteden. Im letzteren Fall richtete sich die ganze Wut der fanatisierten Haufen ausschließlich gegen die Sozialdemokratie, im erstezen war es der Ausbruch eines patriotischen Paroxismus, bei dem der Haß gegen den bis dahin Europa beherrschenden Dezembermann und das von ihm beherrschte Volk,den Erbfeind, zum unver⸗ hohlensten Ausdruck kam.

Daß dieser Krieg bestimmt war, die Bis⸗ marckschen Ziele, die notwendig der Demo⸗ kratie feindliche waren, weiter zu verwirklichen, darüber waren wir uns klar. Aber diese An⸗ schauung gegen den alles niederreißenden Strom blinder Leidenschaft zu verteidigen, war schwer. Kein Wunder, daß in der eignen damals noch

sehr jungen Partei die Meinungen geteilt waren

5 unsere Situation nicht verbessert wurde. In dem plötzlich zusammengetretenen Nord⸗ deutschen Reichstag, der berufen worden war, um für den bevorstehenden Krieg die erste An⸗ leihe zu bewilligen, hatten wir Liebknecht und ich die Erklärung abgegeben, uns der Stimme zu enthalten. Der Krieg sei ein dynastischer und die notwendige Folge der Er⸗ eignisse des Jahres 1866, durch die Deutschland zerrissen worden sei; aber dynastischen Interessen zu dienen, dazu böten wir nicht die Hand. Diese unsre Haltung hatte in- und außerhalb des Reichstags die Leidenschaften gegen uns entfesselt. Persönliche Verunglimpfungen, klein⸗

liche Verfolgungen und gehässige Anklagen folgten J

Kr.