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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 33.
Gewerbegerichts auf den ganzen Kreis Gießen. Hierfür sollten die Arbeiter der einzelnen Orte zu wirken suchen. An der Debatte über diesen Gegenstand beteiligen sich Bock, Dech⸗Wieseck, Keßler, Beckmann und Nibch⸗ Heuchelheim. Man erkennt allgemein die Dring⸗ lichkeit dieser Frage an. Gewerbliche Streitigkeiten kämen in den industriellen Orten der Umgegend Gießens sehr oft vor; jetzt könne der Arbeiter vielfach nicht zu seinem Rechte kommen. Es sei nicht einzusehen, weshalb die Ausdehnung des Gießener Gewerbe⸗Gerichts auf so große Schwierigkeiten stoßen solle; anderwärts, in Offenbach, Wetzlar 2c. wären die Gerichte ebenfalls für den ganzen Kreis eingerichtet. Es wird beschlossen, der Vorstand des Kreis⸗Wahl⸗Vereins solle in Gemeinschaft mit dem Gewerkschaftskartell die nötigen Schritte in dieser Sache thun.— Beckmann fordert dann noch auf, dafür thätig zu sein, daß die Genossen die hessische Staats⸗ angehörigkeit erwerben. Dech meint, darum sollten sich auch die Lokalorganisationen bekümmern. Ferner wird noch beschlossen, alljährlich ein Kreisfest abzuhalten. Die nächste Frühjahrskonferenz soll den Ort und Tag dafür bestimmen.— Die überhandnehmende Vereins⸗ meierei in verschiedenen Orten giebt Genosse Dech Ver⸗ anlassung zur Kritik. Man solle zweck⸗ und nutzlosen Vereinsgründungen entgegenwirken. Einzelne Delegierte geben noch ihrer Befriedigung über die Einrichtung der Sterbekasse Ausdruck. Völpel kann nicht begreifen, wie sich Genossen in einzelnen Orten gegen die kleine Bei⸗ tragserhöhung wenden konnten, worauf Germer meint, wer wegen 5 Pfg. fortlaufe, sei kein Genosse. Hierauf wird die Konferenz mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.
pon Uah und Fern. Parteigenossen! Etwerbt die hessische Staatsangehörigkeit!
Die Landtagswahlen stehen vor der Thür und wer bis zur Wahl nicht hessischer Staatsbürger ge⸗ worden ist, hat kein Recht bei derselben mitzuthun, gleichviel wie lange er schon in Hessen wohnen und Steuern zahlen mag. Da liegt es nun im Interesse eines jeden Nichthessen dafür zu sorgen, daß er die hessische Staatsangehörigkeit erhält, um sich das Mit⸗ bestimmungsrecht bei der Vertretung des Landes in der Zweiten Kammer der Stände des Großherzogtums zu sichern.
Darum auf! Partei⸗ und Gesin⸗ nungsgenossen! Holt nach, was in dieser Richtung versäumt ist! Erwerbt die hessische Staats⸗ angehörigkeit, denn jeder, der sie erworben hat,
gleichviel wie lange er nachdem im Land wohnt, ist wahlberechtigt.
Wer bei der im Spätsommer oder im Herbst d. J. zu erwartenden Wahl mitmachen will, muß ungesäumt die erforderlichen Schritte thun, um Hesse zu werden.
Deshalb Arbeiter! Bürger! Werdet hessische Staatsangehörige, damit Ihr wählen könnt!
Das Zentral⸗Wahlkomitee der sozialdemokratischen Partei.
Gießener Angelegenheiten.
— Staatsangehörigkeit und Wahl⸗ recht. Es herrscht noch vielfach Unklarheit darüber, wie lange ein Nichthesse im Lande wohnen muß, um die hessische Staatsangehörig⸗ keit erwerben, bezw. an der Landtagswahl teilnehmen zu können. Hierüber wird im „Offenbacher Abendblatt“ die nötige Auf⸗ klärung gegeben. Nach den Bekanntmachungen der Kreisämter sind nur stimmberechtigt jene Hessen, die mindestens drei Jahre im Großherzogtum wohnen. Das ist verschiedentlich so aufgefaßt worden, als ob nur jene wahlberechtigt wären, welche drei als Hesse, also drei Jahre nach Erwerbung der Staatsangehörigkeit im Lande wohnen. Das ist nicht richtig. Wahlberechtigt ist vielmehr, wer drei Jahre in Hessen wohnt, wenn er auch erst am letzten Tage der Offenlegung der Wähler⸗ listen in den hessischen Staatsver⸗ band aufgenommen wurde. Wem etwa die Eintragung in die Wählerliste von der Wahlkommisston verweigert werden sollte, der muß sich sofort beschwerdeführend an das Kreisamt wenden. Seine Beschwerde wird sicher Erfolg haben, da die Kammer am 6. Febr. 1886 in obigem Sinne entschieden
hat. Es ist zweckmäßig, sich sofort bei Offen⸗ legung der Listen von der Eintragung seines Namens zu überzeugen und im Falle diese nicht stattgefunden, unverzüglich Einwendungen zu erheben.
Als Wahlmänner wählbar sind die Stimmberechtigten Urwähler, die zur fünften Steuerklasse gehören, also ein Einkommen von 1100 bis 1300 Mk. versteuern, pro Ziel mindestens 2,41 Mk. direkte Staatssteuern zahlen. In besonderen Fällen, wenn beispiels⸗ weise noch Vermögenssteuer gezahlt wird, reicht auch schon ein niedrigerer Einkommen⸗ steuersatz hin, um als Wahlmann gewählt werden zu können.
Bezüglich der Er werbung der Staats⸗ angehörigkeit sind wir jederzeit bereit, Aus⸗ kunft zu erteilen und unter Umständen die nötigen Schriftstücke anzufertigen.— Wer seine Aufnahme in den hessischen Staatsver band betreiben will, thut gut daran, sich über Ge⸗ burts⸗ und ev. Sterbetag seiner Eltern und möglichst auch der Großeltern die nötigen Daten zu verschaffen. Verschiedene deutsche Vaterländer(3. B. Sachsen) verlangen dies⸗ bezügliche Angaben bei Ausfertigung des Stactsangehörigkeits⸗-Ausweises. Wir bitten unsere Genossen, die kleine Mühe nicht zu scheuen; es kommen ja auch sonst im Leben Fälle vor, wo man diese Daten nötig hat.
— Zur Naturgeschichte eines Anar⸗ chisten. Unser Elberfelder Parteiorgan erzählt die Wandlungen eines Kraft- und Ueber⸗ menschen folgendermaßen: Vor länger als einem Jahrzehnt war Fritz Binde ein strammer Parteigenosse, der in Wort und Schrift recht wirksam seiner Ueberzeugung Ausdruck gab. Noch im Wahlkampfe des Jahres 1893 war er aktiv thätig und hat hier und in Barmen einige Versammlungen abgehalten zur Unter⸗ stützung der Kandidatur unseres Genossen Harm. Aber damals schon zeigte sich, daß Binde die alten Parteigrundsätze„innerlich überwunden“ hatte. Er fühlte sich zu den„Unabhängigen“ hingezogen und bald darauf ist Binde einer der eifrigsten Mitarbeiter des„Sozialist“. Und dieser Mann, der von Ethik geradezu triefte, der sich brüstete— natürlich mit der Bescheidenheit, die diesen Leuten nun einmal eigen ist—, sich noch rechtzeitig aus dem„Sumpfe sozialdemo⸗ kratischer Denkungsart und Korruption“ befreit zu haben, hat manchen schmutzigen Pfeil auf unsere Partei abgeschossen. Aber damit war der Werdegang dieses Mannes noch nicht ab⸗ geschlossen. Er entwickelte sich schließlich zum waschechten Anarchiste n. Mit derselben Begeisterung, mit der er früher Marx und und Engels als Wahrheitsbringer gefeiert hatte, verherrlichten nun Krapotkin, Bakunin, Reclus und nicht zuletzt den Uebermenschen Nietzsche. Doch auch diese neuste Phase seiner Gedanken⸗ resp. Gefühlsrichtung konnte ihn nicht befriedigen, und als Egydi unter das Volk ging, war Binde einer seiner gelehrigsten Nachbeter und eifrigster Förderer der Reichstags⸗ kandidatur Egydis in unserem Wahlkreise im Jahre 1898. Doch wie Binde spielend mit seinen früheren Grundsätzen und seiner„wissen⸗ schaftlichen Erkenntnis“ fertig wurde, über wandt er auch die Heilsbotschaft Egydis. Wir sehen ihn von da ab als Redner in Freidenkerver⸗ sammlungen und in den sogenannten bürger⸗ lichen Bildungsvereinen auftreten. Und jetzt ist er dort gelandet, wo so Mancher vor ihm gelandet und auch noch Mancher nach ihm Anker werfen wird: er hat den„Herrn“ gefunden. Einem seiner früheren Parteigenossen, der ihm das Anarchistenblatt„Der arme Teufel“ zuge⸗ schickt hatte, schrieb er eine Postkarte folgenden Inhalts:„Lieber Weidner, ich danke Dir für die nach hier gesandten„armen Teufel“, muß Dir aber sagen, daß ich nicht gern mehr mit dem Teufel zu thun habe, auch wenn es nur „arme Teufel“ sind. Mein einziges Liebes⸗ und Lebensziel ist heute Jesus Christus und die Verwandlung in sein Bild(Röm. 8, 29), und Du weit, Jesus trieb alle Teufel aus, so treibe ich auch Deiuen armen Teufel aus, denn er ist mit seiner Armut ja doch nur ein eitler, selbstgefälliger Bursche; wie könnte der Vater der Lüge von Anbeginn an auch etwas
Anderes sein!— Sende mir also das Teufels⸗ blättlein nicht mehr; ich bin die moderne Char⸗ latanerie gründlich leid. Möge sie auch Dir und den Freunden einmal gründlich zum Ekel werden! Es grüßt Dein F. Binde.“
Die hier geschilderte Entwickelung konnte man schon bei sehr vielen solcher Himmelsstürmer beobachten. Wurden entweder Frömmler oder Polizeispitzel oder waren Letzteres schon vorher. Ein solcher Held suchte vor etwa zwei Jahren auch in Gießen Anhänger zu werben.
— Das Jugendfest hat unter einer so großen Beteiligung, wie sie angesichts des immerhin trübseligen Wetters kaum erwartet werden konnte, den besten Verlauf genommen. Zwar hätten ein paar Grad mehr Wärme nichts geschadet, doch blieb der drohende Regen aus.— Eintrittskarten sollen 5600 Stück ver⸗ kauft worden sein. Es wird uns mitgeteilt, daß viele Personen ohne Karten Eintritt fanden. Wir finden das ungerecht; man sollte dann eine schärfere Kontrolle üben und lieber das Eintrittsgeld herabsetzen. Manche Familie, in der mehrere Erwachsene vorhanden sind, wird bei einem Eintrittsgeld von 30 Pfg. à Person empfindlich belastet. Von Herrn Oberlehrer Hahn wurde auch eine Rede gehalten, die mit einem hier gänzlich unangebrachten Kaiserhoch schloß.
Aus dem Rreise gießen.
A. Militarismus und Landwirt⸗ schaft. Aus Rockenberg(Wetterau) schreibt man uns: Wie störend das Militärwesen das bürgerliche Erwerbsleben und in diesem Falle die Landwirtschaft schädigt, davon geben die diesjährigen Manöver und Schießübungen einen Beweis, der manchen recht unliebsam an den„Staat im Staate“ erinnern wird. Jetzt mitten in der Ernte wird den Bauern der Zu⸗ gang zu ihren Aeckern abgesperrr, weil— einige Bataillone Schießübungen in hiesiger und be⸗ nachbarter Gemarkungen abhalten werden. Gerade jetzt in der Ernte muß dies sein, das ganze lange Jahr hindurch kann nicht ge— schossen werden; in dem ganzen langen Herbst und Winter, wo Zeit und Raum genügend wäre, paßt es der Militärver⸗ waltung nicht; wie gesagt, jetzt grade in der unpassendsten Zeit im ganzen Jahre ver⸗ bietet man den Bauern die dringend notwendigen Feldarbeiten. Außerdem wird aber auch ver⸗ langt, daß das ganze Feld bis 26. August geräumt werde, da dann die Manöver be⸗ ginnen. Bei dem ungünstigen Wetter weiß man wirklich nicht, wie die Räumung durch- geführt werden soll.— Wer entschädigt nun den Bauer für die auferlegte unfreiwillige Arbeitslosigkeit? Knechte, Mägde usw. muß er bezahlen, er selbst feiert, einen Teil der Ernte(Kartoffeln, Dickwurz, Klee, Grummtusw.) wird ruiniert und manchmal recht ungenügende Entschädigung bezahlt. Noch schlimmer geht es den Steinbruchs-Arbeitern am hiesigen Platze. Diesen Leuten, die nur von ihrer Hände Arbeit leben müssen, werden Feiertage diktiert. Man vergegenwärtige sich, was für diese Leute der Verlust von mehreren Arbeitstagen zu be⸗ deuten hat.— Vielleicht nehmen sich die sozial⸗ demokratischen Abgeordneten im Reichs⸗ und Landtage unserer an. Es ist doch unrecht, daß man einzelnen Gemeinden und Personen zu⸗ mutet, derartige Extra⸗Lasten zu tragen. Hier muß aus Billigkeitsgründen Entschädigung ge⸗ währt werden. Wir wüßten nicht, an wen wir uns sonst wenden sollten, da alle übrigen Parteien, wenn sie auch noch so„bauernfreund⸗ lich“ auftreten, es doch mit den hohen Herren vom Militair nicht verderben möchten; darum kommen wir zu Ihnen und rechnen auf Ihre Hülfe und Unterstützung. X.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Auf die Ergänzungswahl zu m Gewerbegericht machen wir nochmals aufmerksam. Sie findet im Wahlort Wetzlar am Dienstag, den 19., in Ehrings⸗ am Mittwoch, den 20. und in Krofdorf am Donnerstag, den 21. August statt. Die zu obigen Wahlorten gehörigen Bezirke
sind in Nr. 21 der Mitteld. S.⸗Ztg. bekannt
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