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Seite 6.

Nitteldentsche Sountags⸗Seitung.

Ne. 7.

festgenommener Steinhauer Knapp gestanden hatte, er sei der Thäter. Am 5. Februar d. Is. wurde nun der Knapp, obwohl er in der Hauptverhandlung vor der Darmstädter Straf⸗ kammer sein Geständnis plötzlich widerrief, zu 2 Jahren und 1 Monat Gefängnis verurteilt, abzüglich 3 Monate Untersuchungshaft. Bei dem nunmehr eingeleiteten Wiederaufnahmever⸗ fahren wird Schwöbel ja wohl Entschädigungs⸗ ansprüche für seine unschuldig verbüßte Straf⸗ zeit stellen und durchsetzen, aber für die unschuldig verbüßte Untersuchungshaft, steht ihm kein Entschädigungsanspruch zu. Es ist wahrlich Zeit, daß auch diese Angelegenheit endlich geregelt wird.

Strafen beseitigen das Elend nicht.

Aus Erfurt wird geschrieben:Ein ange⸗ bettelter Gerichtshof gehört immerhin zu den Seltenheiten. Ein solcher war am Sonnabend derjenige des Schöffengerichts in Erfurt. Nach⸗ dem ein Greis wegen Bettelns zu einer Haft strafe, welche durch die Untersuchungshaft für berbüßt erachtet wurde, verurteilt worden war, trat er an den Richtertisch und bat flehentlich: Bitte, schenken Sie mir ein paar Pfennige, damit ich etwas habe, wenn ich entlassen werde. Der Herr Vorsitzende erwiderte:Das ist doch stark, kaum verurteilt, machen Sie sich wieder strafbar und betteln sogar das Gericht an! Ein mittelloser Greis, der kein Arbeit mehr findet, kann eben nicht leben, ohne zu betteln, wenn er zum Stehlen zu ehrlich ist. Es ist ein Widersinn, daß ein solcher Mann laut Gesetz bestraft werden muß; seine erneute Strafthat, welche den Richter so empörte, beweist, daß die Strafen nicht das Betteln hindern können.

In Sachen Konitz.

Ueber die Ermordung des Gymnasiasten Winter in Konitz war auch ein Gutachten der obersten preußischen Medizinalbehörde, der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinal⸗ wesen in Berlin eingefordert worden. Dieser Deputation gehören die bedeutendsten medizinischen Autoritäten an. Das Gutachten liegt nunmehr vor und bestätigt durchaus das früher von dem Danziger Medizinalkollegium erstattete. stellt fest, daß der Halsschnitt kein Schächt⸗ schnitt war, außerdem soll es sich mit Be⸗ stimmtheit über die Vorgänge, die sich kurz vor der Ermordung abgespielt haben müssen, aussprechen. Die Feststellungen sollen in einer Broschüre veröffentlicht werden.

An unsere Abonnenten und Spediteure!

Um Unzuträglichkeiten zu vermeiden, müssen wir streng darauf halten, daß uns im Anfang eines jeden Monats von jedem Orte die genaue Zahl der Abonnenten mitgeteilt wird. Unterbleibt die Mitteilung, so wird die bis⸗ herige Zahl in Anrechnung gebracht; spätere Reklamationen können nicht berücksichtigt werden.

Die Spediteure sollen in den ersten Tagen des Monats die Abonnementsbeträge erheben und bis spätestens am 20. desselben Monats wo nicht quartalsweise Verrechnung verein⸗ bart ist an uns abführen. Für die Folge müssen wir, wo dies nicht eingehalten wird, die Zusendung der Zeitung einstellen. Wir bitten dann unsere werten Leser und Genossen, sich sofort an uns zu wenden, sobald die Zeitung ausbleibt. Wir setzen das Vertrauen in unser Freunde, daß sie, soviel an ihnen liegt,

mit zur regelmäßigen Abwickelung der Geschäfte beitragen und ihr Blatt vor Nachteilen bewahren werden.

Mit Parteigruß!

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28 1 Unterhaltungs-Ceil.

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Bankrott. Von F. Schwarz.

(Schluß.) Und während ich so tiefer und tiefer sank, häuften sich die äußeren Ehren. Das Ver⸗ trauen und die Anerkennung meiner Mitbürger verfolgten mich geradezu. Ich hatte mich in der verhältnismäßig sorgenlosen Anfangszeit meiner geschäftlichen Thätigkeit nach Kräften um die Interessen des Gemeinwesens bemüht, als ich dann später begann, mich zurückzuziehen, sprach man mir von Bürgerpflichten, von über⸗ triebener Bescheidenheit und dergleichen mehr. Ich ließ mich gern bereden, übertäubte die Stimme meines Gewissens gern damit, daß meine rastlose, unermüdliche Thätigkeit im Dienst des Ganzen eine Sühne sei für die Schuld, die ich auf mich geladen hatte, die ich immer neu auf mich lud. Zuletzt dachte ich gar nichts mehr. Willenlos ließ ich mich von den Verhältnuissen treiben; hier klam⸗ merte ich mich fest und dort, alles, alles war mir recht, das nach Rettung, das selbst nur nach Aufschub aussah, was meine Schein⸗ existenz um Wochen, um Tage fristen konnte.

Man sagt, man zahlt für den ersten Schritt! Wohl wahr! Aber man zahlt neu bei jedem folgenden. Was war auch der erste? O, noch weiß ich's wie heute. Freund L., der Groß⸗ bauer und Mühlenbesitzer aus Ilfingen hatte bei uns vorgesprochen. Nach dem Kaffee rauchten wir eine Cigarre miteinander und im Laufe des Gesprächs erwähnte L., er habe dieses Jahr auch die Frucht seines Schwagers, der einen schlimmen Fall gethan hatte, mit zu ver⸗ kaufen. Sie sei ausgezeichnet schön, ob ich vielleicht Abnehmer dafür sei. Ich erschrak. Mein Lager war bereits so groß, daß ich Be⸗ denken tragen mußte, noch mehr zu kaufen. Auch waren meine Barmittel erschöpft. L. bemerkte mein Zögern.Nichts für ungut, lieber Freund, der X, nimmt's gern, wollt's Ihnen nur zuerst anbieten, weil wir alte Freunde sind und die Ware wirklich ausnahmsweise schön ist.

Weiß, weiß! Nehme sie auch gern, will nur erst mal in meinen Büchern nachsehen, wie weit ich bereits engagiert bin. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!

Ich hatte das alles herausgestoßen und war dann ins Nebenzimmer geeilt. Um in meinen Büchern nachzusehen? Ach nein! Wie ein wildes Tier in seinem Käfig lief ich auf und ab. Was thun? Ihn zum Konkurrenten ziehen lassen? Niemals! Die Ware nehmen?

Ja, aber womit bezahlen? Dem Freund meine Lage aufdecken! Seinen Rat, seine Hilfe erbitten... Mir wurde es leicht bei dem Ge⸗ danken. Schon wandte ich mich... Doch nein! Ein Freund ist doch auch, nur ein Mensch. Unter dem Siegel der Verschwiegen⸗ heit erfährt es ein anderer. Er sickert durch... man weiß nicht wie. Um mich, um meinen ihn: ist's dann gethan. Aber was... was

un!

Mein Blick blieb an der altmodischen Kommode hängen. Jawohl! Da drinnen liegt, was mich retten, mir über diese augenblickliche Verlegenheit hinaushelfen könnte. 5000 Mark, die mir Nachbar M. neulich zum Aufheben gegeben hatte. Eine Depesche hatte ihn spät am Abend zu einer Reise genötigt; den Bankier konnte er nicht herausschellen und zu Hause mochte er's auch nicht lassen. Nahm ich die, für ein paar Tage nur, so war mir geholfen. Die Preise hatten angezogen, ich konnte hier preiswert kaufen und ein schönes Geschäft stand mir in sicherer Aussicht. Keinerlei Gefahr dabei,

90 selbst... und so... nahm ich das eld. Mann, was haben Sie? Sie sehen ja aus wie ein Stück Tuch! fragte L. besorgt, als ich wieder ins Zimmer trat. Nichts! Ein leichter Schwindelanfall! Sie arbeiten zu viel, Sie sollten etwas ausspannen. Na, und wie ist's mit unserm Geschäft? f Das war der Anfang vom Ende. Statt der Preissteigerung, die damals mit Händen zu greifen schien, trat ein Preisrückgang ein. Große Vorräte, die seither von Spekulanten zurückgehalten worden waren, wurden auf den Markt geworfen. Ich war in Verzweiflung. Hätte ich Geld gehabt, ich hätte mir helfen können. Noch mehr dazu gekauft zu niedrigem Preis, alles auf eine Karte gesetzt! Aber so! Keine Mittel mehr... mehr noch... frem⸗ des Geld auf dem Spiel. Ich half mir. Gott weiß, wie ich mir half, von Verwandten Geld aufbrachte, von Freunden, von Fremden, wo immer ich es bekommen konnte, ohne mich bloß⸗ zustellen. Dabei immer noch die Hoffnung, nein, die fixe Idee, die Scharte, wieder aus⸗ wetzen zu können, auch innerlich vor dem eigenen Gewissen wieder so rein dazustehen wie vor der Außenwelt. Wäre ich schlecht gewesen von Haus aus, ich hätte den Teufel danach gefragt, aber so... Grüßte mich einer weniger zuvor⸗ kommend als sonst, gleich packte mich die Angst, er wisse um meine Lage; traf mich ein forschender Blick, wenn ich einen Freund bat, mir aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu helfen, so glaubte ich mich durchschaut. O, der Qual! O, der schlaflosen Tage und Nächte. Am Abgrund dahin, immer am Abgrund! Verziehe kein Gesicht, zucke nicht mit der Wimper, eine un⸗ vorsichtige Bewegung und du zerschellst in der Tiefe

Und wie habe ich gearbeitet: Gesorgt und mich gemüht bei Tag und Nacht. Wer mag aufstehen und sagen, es sei anders? Und wie haben wir gedarbt, ich und die Meinen. In der Stille, wo es niemand sah, niemand ahnte.

Ich war kein Spieler, kein Spekulant und doch

ein Betrüger und doch ein Fälscher und ein Dieb. Und warum? Warum? Warum? Weil ich ein armer Schlucker war von Haus aus, gerade weil ich kein Spieler werden, weil ich ehrenhaft bleiben wollte!

O, ich bin es nicht allein. Könnte ich ihnen die Masken herunter reißen, ihnen allen die mit sorgenloser Miene einhergehen ihres Kredites wegen und in deren Herzen die Verzweiflung wühlt, die es aushalten, bis irgend ein Glücks⸗ fall sie befreit oder der Tod sie erlöst oder die den Weg geheu, den ich ging. Arme Opfer des Scheins! Aermere Opfer des Systems, das den Geldsack auf den Thron gesetzt hat, den Vampyr, der alles aussaugt: die Tüchtig⸗

Ich war tüchtig wie einer und habe gearbeitet wie einer. Da kam das Geld, die Uebermacht des großen Kapitals, und nahm mir die Ruhe und die Ehre und schlug mich tot.

Und nun bin ich tot. Einer mehr, der dem gefräßigen Polypen geopfert wurde, nicht der erste und bei weitem nicht der letzte. Sehen Sie sich doch um, hier im Saale um, meine Herrn Geschworenen und Richter, lesen Sie, was auf diesen bleichen Stirnen geschrieben steht: nicht der erste und nicht der letzte! Und das Kapital wird ihnen das Blut aus den

Herzen; sie werden einhergehen bleich und scheu, wie ich ging, und werden nicht wagen, einander in die Augen zu sehen, wie ich that und werden vernichtet werden wie ich.

Karl Helfinger, der sich hoch emporgerichtet hatte, daß es aussah, als sei er um Hauptes⸗ länge gewachsen, sank bei den letzten Worten wieder in sich zusammen. Nach einem tiefen Atemzug kam es leise und ruhig von seinen Lippen:Meine Herren Geschworenen und

Richter! Als das Unheil über mich hereinge⸗

brochen war, da habe ich seit vielen Jahren

Die Expedition derMitteld. Sonntags⸗Zeitung.

und ich war dem Nachbar doch hoffentlich noch für 5000 Mark gut? So beschwichtigte ich

keit und die Arbeit, den Geist, und das Genie.

Adern saugen und die Freudigkeit aus den

zum erstenmal wieder geschlafen, wie in Kinder zeiten. Das Schwerste, daß es meine Familie

und so viele Unschuldige mitgetroffen hatte, das vermochte ich nicht wieder gut zu machen

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