Ausgabe 
15.6.1902
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Gountags- Zeitung.

Nr. 24.

Ein Kellnerinnenstreik.

Wie dieMünchener Post mitteilte, legten am Sonntag vor 8 Tagen in dem neueröff⸗ neten EtablissementZum Kontrolor 50 Kellnerinnen plötzlich die Arbeit nieder. Der Besitzer des Anwesens glaubte, den Kellnerinnen den ohnehin nicht hohen Lohn von 50 Pfg. pro Nachmittag entziehen zu können. Dagegen wehrten sich die Bierheben ganz energisch und traten, als durch Unterhandlungen nichts zu er⸗ reichen war, in den Streik ein. Der Tag war dazu wie geschaffen. Die Sonne schien sehr warm und der Durst des Publikums war groß. Saal und Garten füllten sich rasch und ungestüm wurde vom Publikum nach Bedien⸗ ung gerufen. Die streikenden Kellnerinnen thaten, jedoch als ob sie all das gar nichts an⸗ ginge. Sie blieben ruhig sitzen und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Und diese passive Thätigkeit brachte den Heben schon nach einer einzigen Stunde den vollständigen Sieg! Leider leisteten vier Kellnerinnen Streikbrecher⸗ dienste, womit sie den Erfolg der übrigen 46 allerdings nicht hinanzuhalten vermochten.

Aus der göttlichen Weltordnung.

Ein Jahr Gefängnis für zwei Schürzen Kohlen! Diese schwere Ver⸗ urteilung sprach die fünfte Strafkammer des Dresdener Landgerichts aus. Die Kutschers⸗ frau Anna Marie Lehmann, zur Zeit in Riesa, ist trotz ihrer 28 Jahre schon Mutter von füuf Kindern, von denen das älteste acht Jahre alt ist. Der Mann verdient 9 10 Mk. pro Woche, und was es heißt, mit einem solchen Riesenverdienst eine Familie zu ernähren, weiß Jeder, der einmal in ähnlicher Lage war. So mag es den bei den L. 5 nicht nur oft am Nötigsten, sondern so ziemlich an Allem gefehlt haben. Um ihre arme Würmchen nicht hungern und frieren zu lassen, hat die Frau schon zwei Mal gestohlen. In diesem Frühjahr, wo es noch kalt war, hat sie ihrem Hauswirt aus dessen Schuppen zwei Mal eine Schürze voll Kohlen entwendet. Damit ist der Rückfalldieb⸗

stahl gegeben. Das Gericht sieht einen schweren Diebstahl als vorliegend an, weil

die Angeklagte ein Brett, das schon etwas locker war, von dem Schuppen loßriß, um so zu den Kohlen gelangen zu können. Weinend erklärt sie, in großer Not gehandelt zu haben.

Parteigenossen! Erwerbt die hessische Staatsangehörigkeit!

Die Landtagswahlen stehen vor der Thür und wer bis zur Wahl nicht hessischer Staatsbürger ge⸗ worden ist, hat kein Recht bei derselben mitzuthun, gleichviel wie lange er schon in Hessen wohnen und Steuern zahlen mag. Da liegt es nun im Interesse eines jeden Nichthessen dafür zu sorgen, daß er die hessische Staats angehörigkeit erhält, um sich das Mit⸗ bestimmungsrecht bei der Vertretung des Landes in der Zweiten Kammer der Stäude des Großherzogtums

zu sichern. Darum auf! Partei⸗ und Gesin⸗ nungsgenossen! Holt nach, was in dieser

Richtung versäumt ist! Erwerbt die hessische Staats⸗ angehörigkeit, denn leder, der ste erworben hat, gleichviel wie lange er im Lande wohnt, ist wahlberechtigt.

Die Auffassung, als müsse man aus seinem bis⸗ herigen Unterthauen⸗Verbande austreten und erst drei Jahre in Hessen wohnen, um das Wahlrecht ausüben zu können, ist trrig. Die Aufnahme⸗Urkunde begrün⸗ det mit dem Zeitpunkte des Besitzes in den Händen des Aufgenommenen alle mit der Staatsange⸗ hörigkeit verbundenen Rechte und Pflichten der als Hessen Geborenen. Diese Aufnahme⸗Urkunden sind kostenfrei zu er⸗ teilen und die Gesuche um Aufnahme in den hessischen Staatsverband sind stempelfrei, sodaß in dieser Richtung keinerlet Kosten entstehen.(Die Naturalisatton von Ausländern, d. h. außerhalb des deutschen Reiches heimatsberechtigten Personen, sind stempelflichtig). Die Kosten, welche in Folge der Aufnahmegesuche entstehen können, sind nur gering und beschränkten sich auf die

Man wende sich deshalb an diese, falls man sich auf⸗ nehmen lassen will oder weitere Einzelheiten über das Erforderliche zur Aufnahme in den hessischen Staats⸗ verband zu wissen wünscht. Wer bei der im Spätsommer oder im Herbst d. J. zu erwartenden Wahl mitmachen will, muß ungesäumt die erforderlichen Schritte thun, um Hesse zu werden. Deshalb Arbeiter! Bürger! Werdet hessische Staatsangehörige, damit Ihr wählen könnt!

Das Zeutral⸗Wahlkomitee der sozialdemokratischen Partei.

* GN 7 b Unterhaltungs-Ceil.

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2

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

2)(Fortsetzung).

2. Was Oswald im Dorfe sieht.

Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr zuthun⸗ lich und mit allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu jedem ins Haus und besuchte einen um den andern, fragte nach den Kindern; nach den Gütern, nach der Art, die Felde. zu bestellen und nach allen Umständen. Vorzeiten war Goldenthal ein recht statt⸗ liches Dorf gewesen; zwar kein übergroßer Reichtum darin, doch Wohlhabenheit in allen Häusern. Nun aber, mit Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirte, wie auch des Müllers, staud es überall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppe. Von hundert Haushaltungen schickten wohl zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kümmerlich im Druck von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum Teil noch im Stande, die Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten und sich wohl aufrecht zu halten.

Man sah es den Häusern schon von außen an, wie übel es drinnen sein mochte; man sah es an den zerfallenen Dächern; an den Mauern, von denen der Kalk abgefallen war; an den

zerbrochenen und mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Kot und Gestank; Tisch

einer war, seit Jahren von Fliegen blind, der Fußboden voller Löcher; die Dielen schwarz,

wie Erde, von verhärtetem Unrat. Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr,

nachlässig hingepflanzt. äpfel genug hatte.

durcheinander.

lang nicht gewaschen.

sie halbnackt vor den Häusern im Kote.

zum Scharfrichter, zu und Quacksalber, wenn er es nur

Doctor.

es in der Wirtschaft den Krebsgang.

Kosten der Beschaffung der erforderlichen Ausweise. Die Vertrauensleute unserer Partei in den einzelnen Orten sotdie die Vorstände unserer Organisation sind

m Besitz von Formularen sür die Aufnahmegesuche.

schweren Zins entliehen werden.

verschmierten Wänden und Thüren; an den und Bänke unsauber; der Spiegel, wenn noch

In den

das nicht einmal rein gewaschen da stand. In den Gärten am Hause sah man keine Ordnung, keine Zierlichkeit, sondern etwas Gemüse ganz Man schien froh zu sein, wenn man für Säue und Menschen Erd⸗ Vor den Häusern lagen Misthaufen, Ackergeräte, Holz und was man sonst nicht unter Dach bringen konnte, bunt Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen, unge⸗ kämmten Haaren; Hände und Gesicht oft Tage Die kleinen Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unrat liegen, oder waren sie größer, spielten

Kein Wunder, daß bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten entstanden. Man ging aber lieber zu einem alten Weibe, einem Harnbeschauer wohlfeil machte, als zu einem erfahrenen und gelehrten Wenn nun Mann oder Frau bett⸗ lägerig waren und nicht arbeiten kounten, ging Da mußte ein Stück Hausgerät oder Vieh oder

dann, bis man mehr Schulden hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.

Wenn Oswald da und dort guten Rat geben wollte, oder wenn er die Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er mürrische Gesichter zum Dank. Die einen sagten: Arme Leute können nicht alles so schön haben, sondern müssen es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in deinen eigenen Dreck!

Bei den reichen Bauern sah es nun im Haufe wohl besser aus, und war mehr Haus⸗ rat und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel Unsauberkeit und Nachlässigkeit. Denn weil sie beständig und überall Bettelwirtschaften vor Augen hatten, so gewöhnten sie sich daran, und trieben es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur Sonntags prunkten sie hoffärtig einher. Daher hörte man auch bei ihnen nichts, als Klagen über die bösen Zeiten, über die Regierung und über die Leute im Dorf. Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine große Schuld von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der Zinsen, der Gemeindesteuern und Landesabgaben nur auf die Vermöglichen. Das machte sie mißvergnügt und zornig.

den andern und beständig Streit und Zank. Keiner traute dem andern; jeder wußte dem andern etwas Böses nachzusagen. Da war keine Treue und kein Glauben, sondern eitel Lug und Trug. Die Armen beneideten die Reichen; die Reichen drückten und plagten die Armen. Die Reichen trieben, wenn sie Geld ausborgten, schändlichen Wucher, und nahmen von armen Leuten, die in der Not waren, ihre zwölf, zwanzig und mehr Prozent Zinsen, ohne daß sich darüber das christliche Gewissen schämen oder grämen wollte. Die Armen hinwieder rächten sich, wie Schelmen es machen; sie be⸗ schädigten den Reichen Bäume und Pflanzungen heimlich, stahlen ihnen Gemüse und Obst, Trauben und Holz und Hühner, und was sonst zugäug⸗ lich oder leicht nehmbar war. Man konnte sich auf kein Wort, auf keinen Eid mehr ver⸗ lassen. Selbst zwischen Eheleuten war eitel Haß und Gezänk. Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres.

Trotz der sichtbaren Verarmung der Ge⸗ meinde, und wiewohl jeder über Regierung, Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte, und kein Geld hatte, wenn er das Notwendigste zahlen sollte, thaten die Leute doch insgesamt grotz. Das Arbeiten ließ man sich nicht allzu sauer werden. Die Vermöglichen, wenn sie später aufs Feld gingen, oder früher Feierabend machten, sprachen sie bei sich:Gott. Lob, wir können's wohl so haben! Und die Armen und Taglöhner, wenn sie bei der Arbeit die Hände fallen ließen und umhergafften, sprachen ste:Nun unsereins ist auch kein Vieh! Man muß auch geruht haben.

Aber wenn der Samstag Abend kam, oder der Sonntag, hatte jeder Geld, um sich im Wirts⸗ haus bei Wein, Bier und Brantwein gütlich zu thun. Da hieß es:Herr Wirt, noch eine Halbe! Juchhei, Karten her! Da ward der Wochenverdienst durch die Gurgel gejagt, oft mehr noch. Man spielte. Der eine verlor sein Geld, der andere versoff oder vertanzte den Gewinnst. Zwischenein in der Woche ward auch das Wirtshaus nicht ganz vergessen. Diese Leute litten die Kehle nicht ganz trocken. Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen. War aber Geld im Haus, wenn auch nur wenig, da mußte Kaffee her und mußte geköchelt werden. Dann hieß es: Lieber Gott, es kömmt an unsereins selten. Man will doch einmal seinen guten Tag haben. Was hat man sonst vom Leben?

An Feiertagen fehlte es nicht, und die wollte man doch gefeiert haben. War im benachbarten Städtlein Jahrmarkt, so mußte man doch auch

gar Land in der Not verkauft, oder Geld gegen Das dauerte

hin und sehen, wie es in den Wirtshäusern

Ueberhaupt war in Goldenthal einer wider

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der Stadt sei, und hören, was es Neues in

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