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Seite 2.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeituna.
Nr. 24.
die Wähler immer mehr an politischer Einsicht. Es sei ein Volkserziehungs⸗ mittel bester Art. n 1
Der Nationalliberale Reinhart will die Wahl pflicht ee wissen. Außerdem vertritt er den rückständigen Standpunkt, daß der arme Teufel, der keine Steuern zahle, auch das Wahlrecht nicht haben solle.— Da äußerte der Antisemit Bähr noch vernünftigere An⸗ schauungen, er trat für die Beseitigung der Steuerrückstandsklausel ein; während seinem Parteigenossen Wolf die Vermehrung der städtischen Abgeordneten nicht paßt, namentlich könne Gießen keine Vermehrung beanspruchen.
So haben alle Parteien ihre Stellung zu der Vorlage präzisiert. Es muß abgewartet werden, ob die Vertreter der besttzenden Klasse bei der weiteren Beratung nicht versuchen werden, die in dem Entwurfe enthaltenen geringen Verbesserungen durch Verschlechterungsanträge illusorisch zu machen.
politische Rundschau.
Gießen, den 12. Juni.
Ein Stückchen deutscher Gerechtigkeit.
Wegen der Maifeier wurden in Vegesack bei Bremen drei Arbeiter eingesperrt. Diese offenbare Ungesetzlichkeit hat sich der dortige Landrat erlaubt. Mit den übrigen Arbeitern beim Bremer Vulkan feierten nämlich den 1. Mai auch drei Ausländer, die dort beschäftigt waren. Die Folge war, daß diese von der Arbeit weg vor den Landrat des Kreises Blu⸗ menthal zitiert wurden. Dort entwickelte sich zwischen einem der Arbeiter und dem Landrat Berthold folgendes Gespräch:„Sind Sie alle drei Ausländer 2“—„Jawohl.“—„Sie wissen auch, daß Sie sich ordentlich und anständig in Deutschland zu verhalten haben?“—„Jawohl, das haben wir auch.“—„Haben Sie am 1. Mai gearbeitet?“—„Vormittag, Nachmittags nicht.“ —„So, warum nicht?“—„Weil wir be⸗ schlossen haben, den 1. Mai zu feiern, und diesem Beschluß mußten auch wir uns fügen.“ —„So, dann werden Sie sich auch meinem Beschluß fügen, wenn ich Sie ausweisen werde. Vorläufig nehme ich Sie in Haft.“
Und das geschah denn auch. Der Mann wurde volle drei Wochen in Haft ge⸗ nommen und dann per Schub über die Grenze gebracht. Es wird ausdrücklich hinzugefügt, daß der Mann absolut nichts Strafbares 5 gangen hat. Mit welchem Recht konnte dann der Landrat den Mann in Haft nehmen und durch drei Wochen seiner Freiheit berauben?
Nur keinen sozialdemokratischen Bürgermeister!
Auch in dem„liberalen“ Gothaer Länd⸗ chen will man keinen sozialistischen Bürger⸗ meister bestätigen. Die vorgesetzte Behörde hat die Wahl des Landtagsabgeordneten Wolff zum Bürgermeister von Dietharz wegen dessen Bestrafung zu fünf Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung nicht bestätigt. Das hat den Scharfmachern, die über das Gespräch des Prinzregenten von Koburg⸗Gotha mit dem Fr sozialdemokratischen Vizepräsidenten des Gothaer Landtages, dem Genossen Bock, in ihren mo⸗ narchischen Gefühlen wieder einmal erschüttert waren, sehr wohlgethan.
Erledigtes Reichstagsmandat.
„Der Zentrumsabgeordnete für den 3. ober⸗ fränkischen Kreis Forchheim⸗Kulmbach, Bayer, ist gestorben. Dieser wurde 1898 in der Stichwahl gegen den Nationalliberalen ge⸗ wählt. In der Hauptwahl erhielt er 5218 Stimmen, der Nationalliberale 6045, unser Genosse 1493. Von unserer Partei kandidiert dort der Genosse Deinhart-Erlangen.
Vom Dreschgrafen.
Der Antisemitenheros Pückler ist von der Schweiz, wohin er bekanntlich ausgerissen war, wieder nach Deutschland gekommen und hat in Berlin sogar wieder eine Vorstellung gegeben.
Wie berichtet wird, hat er bei dem Glogauer Gericht Kaution hinterlegt, worauf der Steck brief zurückgenommen würde. Die Richtigkeit dieser Mitteilung vorausgesetzt, zeigte sich der Staatsanwalt doch äußerst rücksichtsvoll dem Herrn Grafen gegenüber. Einen Arbeiter hätte man sicher gleich hinter Schloß und Riegel gebracht, wenn er nur den zehnten Teil dessen auf dem Kerbholz hätte, weswegen das Gräflein angeklagt ist.— In der Berliner Versammlung rief der tapfere Teutone wieder zum Kreuzzug auf gegen die Juden, Sozial⸗ demokraten und— die Schweizer. Er sagte: „Die Schweizer sind ein heil⸗ loses Gesindel von Giftmisch⸗ ern, Lügnern, Hallunken, Gau⸗ nern, Halsabschneidern, Strol⸗ chen und Dieben, und es könnte nur Ordnung dort geben, wenn einmal eine preußische Division einmarschierte und alles kurz und klein schlüge“. a
Nachdem dieser Anfall vorüber war, packte der Verfolgungswahn den Unglücklichen. Er erzählte im vollen Ernst von einem wider ihn unternommenen Gift mordversuche. Die Juden hätten Mörder gedungen, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgten. In der Schweiz sei ihm stets ein Kerl nachgegangen, den er in Glogau gesehen zu haben glaube. Dem Mord⸗ versuch sei er nur wie durch ein Wunder ent⸗ gangen. Ehe er einen seiner Verfolger an sich herankommen lasse, schlage er einem halben Dutzend die Schädel ein.
Diesen Produktionen eines kranken Gehirns klatschte der antisemitische Janhagel rasend Beifall. Und der Verleger der„Staatsbürger⸗ zeitung“ Bruhn kündigte für die nächste Zeit noch weitere Pückleriaden an. Damit verdienen natürlich Bruhn und Konsorten Geld, deshalb stacheln ste den bemitleidenswerten Kranken zu weiteren Verrücktheiten auf und es ist ihnen gleichgiltig, wenn er dabei unheilbarer Geistes⸗ krankheit verfällt. Wäre die Gesellschaft etwas weniger gewissenlos, so würden sie den Be⸗ dauernswerten in vernünftige Pflege bringen, vielleicht wäre noch Heilung möglich.
Soziales.
Je kleiner das Einkommen, desto drückender die Miete. Das Statistische Amt der Stadt Leipzig veröffentlicht das Ergebnis vou Untersuchungen über das Ver⸗ hältnis zwischen Einkommen und Wohnungs- miete im Jahre 1900. Es betrug der Anteil der Miete am Einkommen:
in den 1900 Einkommensklassen Prozent bis MB. i 300 über„ 1100— 2200 19,02 „ ů„ o „„ 4300 8400 15,0 „„ Jo. 16000 Ti „„ 18000. 6000 8 1 5 26000 4,42
Mit anderen Worten: Bei den kleinen und kleinsten Einkommen verschlingt die Miete nahezu den vierten Teil des Einkommens, bei den großen und größten Einkommen nur den zwanzigsten Teil: ein Wink für alle soziale Kommunalpolitik, die mit den Folgen des Bodenwuchers aufzuräumen sucht!— Auch in kleinern Städten ist das Verhältnis nicht anders.
Neues Ministerium in Frankreich.
Dem Senator Combes, der die Bildung eines Ministeriums übernommen hatte, gelang es außerordentlich schnell, ein solches zusammen zu bringen. Die Minister des Aeußern und des Kriegs, Delcassé und André, haben ihre Posten behalten. Am Dienstag hat sich das neue Ministertum bereits der Kammer vorge⸗ stellt. Nachdem der Kammerpräsident Bour⸗
eois eine Ansprache gehalten, worin er für 172555 Wahl dankt und verspricht, sein Amt unparteiisch zu verwalten, verliest Combes die Erklärung der Regierung, die die wichtigsten radikalen Forderungen ent⸗ hält, nämlich: die Durchführung des Vereins⸗ gesetzes, die Erweiterung des Laien⸗Unterrichtes
und der Staatsaufsicht über die Schuten„ die zweijährige Dienstzett und die Reform der Ein⸗ kommensteuer.— Die Kammer nahm die Er⸗ klärung mit lebhaftem Beifall auf.— Finanz⸗ minister ist Rouvier geworden, der es früher schon einmal war, vom Panamaskandal aber hinweggefegt wurde. Ein Reaktionär übrigens. — Die„Petite Republique“ erklärt, die Sozia⸗ listen seien entschlossen, das Ministerium Combes zu unterstützen, wenn es das radikale Programm auch wirklich durchführe.
Sozialistische Wahlerfolge
werden aus Italien gemeldet. Bei den Tu ri⸗ ner Stadtratswahlen eroberten die Sozial⸗ demokraten 20 Sitze, sodaß ste jetzt 36 Vertreter im Stadtrat haben. Diese Erfolge unserer italienischen Genossen sind um so höher anzu⸗ schlagen, als Turin bis jetzt eine konservative Vertretung hatte.
Zum Friedensschlusse in Südafrika.
Die Uebergabe der Buren geht an⸗ scheinend ohne Zwischenfälle vor sich, wenn⸗ gleich vorher gemeldet wurde, daß eine Anzahl Kommandos mit den Friedensbedingungen nicht einverstanden wären und den Kampf fortsetzen wollten. Am Samstag ergab sich der ganze Stab der Trausvaalregierung. Louis Botha erließ einen Aufruf an die Buren, in dem er sie aufforderte, das Vergangene zu vergessen und der neuen Regierung Gehorsam zu leisten. Im Weiteren dankt er den Buren für die be⸗ wiesene Tapferkeit.— Krüger wird auf einem holländischen Kriegsschiffe nach Afrika zurück⸗ kehren. An den Friedensverhandlungen war weder er, noch die übrigen in Holland anwesenden Buren beteiligt.
Warum handelte es sich bei dem südafrikanischen Problem? Hatten Rhodes und Konsorten recht oder unrecht, wenn sie mit der Regierere! Krügers unzu⸗ frieden waren? Wie mans nimmt. Krüger und seine Leute besorgten natürlich die Inter⸗ essen der südafrikanischen Bauern, und somit waren sie von allem„streng konservativ“. Den Bauern, oder besser Farmern, war es darum zu thun, in chrer bisherigen Art und Weise wirtschaften zu können. Sie wollten auf ihren gewaltigen Farmen in extensiver Weise wirt⸗ schaften, ihre riesigen Viehheerden brachten einen immerhin ansehnlichen Gewinn, und die meisten dieser Farmer sind in den letzten fünfzig Jahren allmählich reiche Leute geworden. Voraus⸗ setzung für diese Wirtschaftsweise war die spott⸗ billige Arbeitskraft der Neger. Und— das wäscht nun einmal den braven Buren kein Wässerchen ab— die Neger sind von ihnen schlimmer behandelt worden als das liebe Vieh. Diese„altväterische“ Wirtschaftsweise wurde gestört, als die Goldminen⸗Industr sich rapid entwickelte. Jetzt wollten die Bure möglichst Anteil haben an dem Goldregen, de niederging, aber sie wußten in ihrer bäuerliche. Unbehilflichkeit kaum die Mittel, ihn aufzufangen. Eins der Mittel war, die Kosten des Staats⸗ haushalts nach Möglichkeit auf die Industrie abzuwälzen, was auch durchgeführt wurde. Im Uebrigen machten die ehrsamen Burghers, wo sie irgend konnten, in Minenspekulationen mit, und viele von ihnen sollen dabei mit Bauernlist sogar die smarten Engländer über den Löffel barbiert haben. Was aber die guten Leutchen nicht einsehen konnten, war, daß der rapid sich entwickelnde Kapitalismus eine ganz andere Politik erforderte, die Gründung eines Staatswesens, das mit allen Mitteln eben diesen Kapitalismus fördert, ihn auf allen Gebieten zur vollen Entfaltung bringt. Hätten die Buren solche Politik treiben wollen und können, so wären die Rhodes und Konsorten, die Grubenunternehmer und die Kapttalisten in der Kapkolonie, ihre Verbündeten geworden, die Losreißung der englischen Kolonie vom Mutter⸗ lande, die Begründung eines kap ittalistischen Staates der„Vereinigten Staaten von Süd⸗ afrika“ wäre die Folge gewesen. Weil sie aber eben Buren waren, Bauernpolitik treiben wollten und mußten, kam es anders. Mau hat gesehen, daß trotz aller Stammesverwandtschaft, trotz aller schönen Gefühle, schließlich die holländische
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