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Nr. 50.
Mitteldeutsche Ssuntgas⸗Zeitung.
Seite 3.
für die reaktionäre Gesinnung, die bet den Antisemiten herrscht. Beweist auch, wie recht wir neulich hatten, als wir die hessischen Partei- genossen Liebermanns in der Frage des direkten Wahlrechts als durchaus unzuverlässig bezeich⸗ neten. Sind halt saubere„Volksvertreter“!
Der Kaiser auf Wahlagitetior.
Vorigen Freitag war der Kaiser in Breslau. Dort haben Arbeiter bei seinem Einzuge Spalier gebildet, später wurde auch eine Arbeiter⸗Depu⸗ tation von 16 Mann im Fürstenzimmer des Bahnhofs empfangen, welche dem Kaiser für die Essener Rede dankte und ihm im Namen ihrer Mitarbeiter unentwegte Treue schwor. Der Kaiser antwortete dieser Abordnung in einer längeren Ansprache, die folgende Stellen enthält:
„Durch die herrliche Botschaft des großen Kaisers Wilhelm I. eingeleitet, ist von mir die soztale Gesetz⸗ gebung weitergeführt worden. durch die für die Arbeiter eine gesichert⸗, gute Existenzb ingung geschassen worden ist bis ins Alten hinein unter Auferlegung von oft bedeutenden Opfern für die Arbeitgeber. Und unser Deutschland ist das einzige Land, in den die Gesetzgebung in hohem Maße zum Wohle der arbeitenden Klassen fortentwickelt ist. Auf Grund dieser von Cneren Königen Euch zugewandten großen Fürsorge bin ich berechtigt, auch ein Wort der Mahnung an Euch zu richten. Jahrelang habt Ihr und Eure Brüder Euch durch die Agitatoren der Sozialisten in dem Wohne erholten lassen, daß, wenn Ihr nicht dieser Partei cngehört oder Euch zu ihr bekennt, Ihr für nichts geachtet und nicht in der Lage sein würdet, Euren berechtigten Interessen Gehör zu verschaffen zur Verbesserung Eurer Lage. Das ist eine grobe Lüge und ein schwerer Irrtum. Statt Euch objektiv zu vertreten, versuchten die Agitatoren Euch aufzuhetzen gegen Eure Arbeitgeber, die anderen Stände, gegen Tron und Altar, und sie haben Euch zugleich aufs Rücksichtsloseste ausgebeutet, terrorisirt und geknechtet, um ihre Macht zu stärken. Und wozu wurde diese Macht gebraucht? Nicht zur Förderung Eures Wohles, sondern um Haß zu säen zwischen den Klassen und zur Ausstreuung feiger Verleuadungen, denen nichts heilig geblieben ist und die sich schließlich am Hehrsten vergriffen, was wir hinieden besitzen: an der deutschen Mannesehre! Mit solchen Menschen könnt und dürst Ihr als ehrliebende Männer nichts mehr zu tun haben, nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen. Nein! sendet uns Eure Freunde und einen Kameraden aus Eurer Mitte, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volks⸗ vertretung. Der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiterstandes, nicht als Sozialdemokraten.“
Wie derartige„Kaiserdeputationen“ zu Stande kommen, werß man ja. In der jetzigen Zeit der Krise müssen die Arbeiter derartige Geschichten mitmachen, sonst fliegen sie bet bester Gelegenheit auf's Pflaster. Sie müssen gegen ihre Ueberzeugang die knuechtseligsten, ihrer Ge. sinnung ins Gesicht schlagenden„Adressen unterschreiben. Ueber den Arbeiter, dessen Ge⸗ fühl sich dagegen aufbäumt, wird sofort Brot⸗ losigkeit verhängt. Dafür kann sofort ein drastisches Beispiel von den Krupp'schen Gruson⸗ werken in Buckau⸗Mag deburg angeführt werden. Dort erhielten die Treher Kuntze und Andree ihre Eutlassung, weil sie die Adresse an den Kaiser nicht unterschrieben hatten. Ersterer war bereits 22 1 Andree 16 Jahre auf
u Werke tätig.
— 80 wird's 920 So kommen die„Er⸗ gebenheits⸗Adressen“ zu Stande, Machwerke der auf Orden spekulierenden Fahrikanten und Byzantiner, welche die flaue Zeit benutzen, die
Arbeiter zu schmählichem Verrat und zur er⸗
bärmlichen Heuchelei zu zwingen.— Und zu 4 potenten Niedertracht werden it Arbeiter von ihren Ausbeutern gezwungen! Hieß es doch in einer Adresse, welche die Fabrikanten Bochums ihren Lohnstlaven unter Hinweis auf die zu erwartende Entlassung, zu Unterschreiben zwangen: a n ugleich möchten wir Euere Majestät allerunter⸗ 19 717 1 9 einer Aenderung der 1 gebung die Jultlative ergreisen zu wollen, 1175 er elteren Vergiftung unseres Volksle en„ 0
semiten. S ine Aeußerung ist also ein Beweis;
durch eine verwerfliche Kampfes werse vorgebeugt erden kan.“
Bedauernswerte Menschen!
Die Rede des Kaisers zeigt aber, wie ihn seine Berater anlügen. Es ist bekannter⸗ maßen nicht wahr, daß die„soziale Gesetz⸗ gebung“ von Wilhelm I. eingeleitet wurde; Jahrzehnte vorher het die Arbeiterschaft Forde⸗ rungen in dieser Richtung erhoben, sie hätte aber ohne die Sozialdemokratie— nach Bis⸗ marcks offenem Ei ändnis— noch nicht einmal das Wenige erreicht, was wir an sog. „Sozialreform“ haben. Und die„bedeutenden Opfer“ der Arbeitgeber betragen ganze sechs Pfennige für den Tag und Arbeiter, und diese müssen doch auch erst von den Arbeitern verdient werden!„Gute und gesicherte Existenz“ sei für die Arbeiter geschaffen! Darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren; jeder Ar iter weiß, wie es damit bestellt ist.
Ausbeutung und Knechtung der Arbeiter wird den sozialdemokratischen Führern vorge⸗ worfen. Wer sind die Führer? Jeder, der sich zur Sozialde.gokratie zählt, wirkt als Agitator und Führer, zwischen Fuhrer und Truppen besteht kein Gegensatz. Mit Recht sagten darum die Breslauer Arbeiter in der Resolution der Massenversammlung, daß sie bisher von den sozialdemokratischen Führern und Leitern nicht ausgebeutet und terrocistert worden wären. Kurz, aus der Kaiserrebe geht hervor, daß ihm seine Berater ganz falsche Darstellungen von den Arbeiterverhältnissen und von der Sozial- demokratie gegeben haben müssen.— Die Sozialdemokratie geht über solche Angriffe zur Tagesordnung über. Sie wurzelt in den Ver⸗ hältnissen und Dutzende kaiserliche Reden werden sie in ihrer Eutwickelung nicht aufhalten, eher das Gegenteil!
Wirkung der Hetze.
„Man muß der Bestie den Zaum anlegen“ schrieb kürzlich ein reaktsonäres Blatt und es wollte damit die Aenderung des Reichstagswahlrechts empfehlen, das Volk, die„Bestie“, soll kein Recht haben, im Staate mitzureden, sondern einfach Steuern zahlen, sich ausbeuten lassen und das Maul halten. Die „Bestie“ duldet aber derartige Behandlung nicht mehr, sie giebt den frechen, verlogenen und beutegierigen„Ordnungs“ helden und ihren Preß⸗ söldlingen die richtige Autwort. Im ganzen Lande finden großartig besuchte Versammlungen statt, in denen der sozialdemokratischen Reichs⸗ tagsfraktion begeisterte Zustimmung zu Teil wird. Wir erwähnten schon die 27 in Berlin am vorigen Donnerstag abgehaltenen Versamm⸗ lungen, von denen eine ganze Anzahl wegen Ueberfüllung polizeilich abgesperrt wurden. Ebenso stark besucht waren 12 in Leipzig stattgefundene Versammlungen, die zusammen von etwa 14000 Personen besucht waren. Montag Vormittag(kath. Feiertag) tagte eine Riesenversammlung im„Münchener Kindl“⸗ Saale in München. Dieser ungeheuere Saal, der etwa 6000 Personen faßt, war dicht besetzt und die Masse stimmte den Ausführungen des Genossen Eduard Schmidt begeistert zu. Gleich⸗ falls am Montag protestlerten in Frankfurt 3 große Versammlungen gegen den Staatsstreich. Samstag referierte Genosse Ulrich in Offen⸗ bach unter stürmischem Beifall. In Breslau konnte die Versammlung infolge eines Form⸗ fehlers bei der Anmeldung erst Dienstag statt Montag abgehalten werden. Etwa 2000 Per⸗ sonen waren in dem Saale, in dessen Umgebung sich die Menge in den Straßen staute. Die beschlossene Resolution spricht der sozialdemo⸗ kratischen Fraktion Vertrauen und Anerkennun aus. Bernstein, der Abgeordnete für Bres⸗ lau⸗West erschien später und wurde stürmisch begrüßt. Ferner fanden Versammlungen statt: in Mainz, Magdeburg, Stuttgart, Harburg, in Hamburg den Vororten 13, für Dresden und Umgebung sind diesen Samstag dreißig Versammlungen vorgesehen. Ueberall kollosaler Andrang, über⸗ all hohe Begeisterung für die sozialdemokratische Sache.— Wie wenig uns die Kaiserreden schaden, beweist auch die Zunahme der Abon⸗ nentenzahl unserer Parteiorgane, die aus vielen
günstiges Ergebnis lieferten.
Orten gemeldet wird. Stteg doch die feste
Abo nnentenzahl in den letzten Tagen um fünftausend, während der Verkauf an einigen Tagen die bis dahin unerhörte Höhe von dreiundzwanzigtausend Exemplaren erreichte! So ists recht! Je schamloser die Unterdrücker und Ausbeuter hetzen, umsomehr müssen sich die Besitzlosen zusammenschließen. So erweist ich die Reaktion als die Kraft, die stets das Iöse will und das Gute schafft!
Sozialdemokratische Wahler folge.
In vielen Orlen Sachsens haben in ver⸗ gangener Woche Gemeinderatswahlen stattge⸗ funden, die fast überall ein für unsere Partei Es sind dabei wieder eine nicht geringe Anzahl sozialdemo⸗ kratische Vertreter in die Gemeinderäte einge⸗ zogen. Nur in Dresden brachten unsere Ge⸗ nossen keinen Kandidaten durch, obwohl die Stimmenzahl gegen die letzte Wahl um 1000 zunahm. Doch fiel der Hausbesitzer⸗Klique die große Mehrheit zu.
Der Fall Krupp
ist gar nicht zuerst vom„Vorwärts“ angerührt worden. Schon am 8. November, acht Tage früher als der Vorwärts, brachte ein Hauptblatt des Zentrums, die„Augsburger Postzeitung“ folgende Notiz aus Rom: 6. Nov.
„Schon seit Jahren zirkulieren in Italien Gerüchte, daß Capri, die schöne Insel im Golf von Neapel, ein wahres Sodom für gewisse Laster geworden sei. Jetzt hat sich die sozialdewokratische Presse der Angelegenheit augenommen. Leider ist in die Angelegenheit der Name eines deutschen Großindustriellen vom besten Klang, dessen enge Beziehungen zum Kaiserhof bekannt sind, aufs engste verwickelt.“ 5
An der Hetze gegen den Vorwärts und die Sozialdemokratie beteiligen sich die Zentrums⸗ blätter in hervorragendem Maßstabe. Sie sollten ihr Gift also gegen ihr Parteiblatt spritzen. Nun kann der Kaiser nach Augsburg reisen und in der Domkirche eine entrüstete Rede gegen die„Mörder“ Krupps halten.
Milttärjustiz.
Das furchtbare Kriegsgerichts⸗ urteil, welches Ende Oktober vom Kriegs- gericht in Halle gegen die Kürassiere Leopold und Sommer aus Halberstadt gefällt wurde und auf 6½ bezw. 5½ Jahren Zuchthaus wegen„Meuterei“ lautete(siehe Nr. 44 der Mitteld. S.⸗Ztg.), hat zas Oberkriegsgericht Magdeburg am Samstag aufgehoben und die Angeklagten zu 1½ und 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Die Kürassiere hatten einen Wachtmeister auf dem Tanzboden den Gehorsam verweigert. Das Oberkrigsgericht hat also das auf Meuterei lautende Urteil nicht gebilligt, sondern nur einfache Gehorsams verre eigerung angenommen und eine wesentlich mildere Strase ausgeworfen. Und trotzdem ist die abgemilderte Strafe im Verhältnis zu dem harmlosen Ver⸗ gehen noch außerordentlich hart. Und doch welch' gewaltiger Unterschtied zoischen beiden Urteilen! Wäre gegen das erste Urteil keine Berufung möglich gewesen, oder aus irgend einem Grunde versäumt worden, so mußten diese Armen die entsetzliche Strafe über sich ergehen lassen!
Nicht totgeprögelt.
Wir haben vor nicht langer Zeit von einer Mitteilung Notiz genommen, wonach ein Kanonier Namens Baltrusch von dem 1. Artillerie ⸗Regt. in Gumbinnen von seinen Kameraden tot⸗ geprügelt worden sein sollte. Jetzt wird eine
umfangreiche Berichtigung des Generalkomman⸗ dos des 1. Armeekorps veröffentlicht, aus der
hervorgeht, daß der in der Nacht zum 8. August in Gumbinnen durch Sturz aus einem Fenster der Artilleriekaserne ums Leben gekommene Kanonier Baltrusch sein Ende durch einen in der Trunkenheit selbst verschuldeten Unglücksfall gefunden hat. Damit sind selbstverständlich die weiteren an diesem Fall unsererseits geknüpften Ausführungen hinfällig. Es bleibt unverständlich, wie die Frau des Baltrusch öffentlich die Mißhandlung ihres Mannes so bestimmt behaupten konnte.
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