——ů p
2—
Seite 6.
MNitteldeutsche Seuntags⸗Zeitung.
Nr. 37.
0
10 Unterhaltungs-CTeil. 7
————
Kampfspruch.
Wenn die Winde dich umwettern, Caß das Jammern, laß das Setern, Trotz' den Blitzen, steh' dem Sturme Und das Winden laß dem Wurme! Wenn um dich die Trümmer rauchen, Sollst du deine Kräfte brauchen Und aus Schutt und Aschengrauen Neu dein stolzes Haus dir bauen.
Wenn mit Stich und Stoß die vielen
Feinde nach der Brust dir zielen,
Laß den starken Spruch dich lehren: Viel der Feinde, viel der Ehren!
Wirf dich mitten ins Gedränge,
Treib die Feinde in die Enge,
Nur dem starkgemutgen Ringen
Folgt ein mächtiges Gelingen.
(Aus Arnold Ott's Gedichten,)
Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus, Von Heinrich Zschokke.
16)(Fortsetzung).
Die Goldenthaler mußten oft selbst bei sich lachen, wenn man ihr Dorf im Scherz das Goldmacherdorf nannte. Denn der Oswald verstand sich auf die Obstbäume, und wo er in den Gärten der vornehmen Herren in der Stadt gute, feine Obstsorten wußte, ging er und bat um Zweige. Dann hatte er seine jungen Leute an der Hand, die von ihm das Pfropfen, Zweigen und Aeugeln gelernt hatten. Recht wie Gärtner gingen sie damit um. Sie hatten wirklich besondere Messer dazu. Nun wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem Felde bessere Frucht vom Baum. Da ward nun oaulirt und gepfropft nach Herzenslust. Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wäldern 1 55 und veredelt. Andere hatten aus Samen Bäume gezogen und Baumschulen angelegt. Jeder wollte es besser machen und besser haben, als der andere. Im Eifer wurde die Sache oft von manchen übertrieben.
Nun konnte man sich's in der Stadt wohl erklären, wie die Goldenthaler von Jahr zu Jahr immer schöneres und immer mehr Obst hatten, woraus sie bei gutem Jahrgang so viel Geld löseten. Das war kein Hexenstreich. Aber keine große Viehheerden haben, und doch viel Käse und Butter machen, das war allerdings ein Kunststück!
„Das Kunststück hatte Oswald aber, während seines Krieglebens, irgendwo in einem Dorfe gesehen und gelernt, und mit sich nach Golden⸗ thal gebracht. Es war gar artig. Die Leute wollten anfangs gar nicht daran; hintennach aber wußten sie ihm großen Dank. Er machte es nämlich so:
Er ging herum mit seinen Verbündeten, die Kühe hatten, und sagte: Ihr habet von euern Kühen schlechten Nutzen. Man muß von einer Kuh jährlich wenigstens fünfzig bis hundert Gulden baares Geld lösen. Wollet ihr mit mir einstehen, so will ich's machen. Werbet dazu noch andere an, die Kühe haben. Es gehören wenigstens vierzig bis fünfzig Kühe zusammen: dann geht's.“
Als nun die vierzig bis fünfzig Kühe gefunden waren, sagte er:„Nun geht's!“ Er kannte einen geschickten, rechtschaffenen Senn, der das Butter⸗ und Käsemachen als ein Meister verstand. Dem versprach er zweihundert Gulden Jahrlohn; dafür mußte sich derselbe aber Kerzenlicht, Tücher und Waschlumpen selbst anschaffen, so zum Käsemachen und Reinhalten der Gefäße und der Waare nötig waren. Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Teilnehmer an, von denen drei redliche
Männer zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden für das erste Jahr.
Im ehemaligen Wirtshause zum Adler war der beste Platz* Käsemachen: ein guter kalter Milchkeller, ein großer Keller in dem eräumigen Waschhaus. Der Eigentümer gab 5 Platz her, denn er hatte fünf Kühe, und wollte die Probe mitmachen und sehen, was dabei heraus komme.— Nun mußte Holz auf Unkosten aller herbeischafft werden. Es kam. Dann bestimmte Oswald einen Tag, da mußten alle, die zur neuen Käserei gehörten, ihre Kuh⸗ milch in äußerst sauber gewaschenen Gefäßen bringen. War das Gefäß nicht sauber, nahm der Senn die Milch nicht an; das war Gesetz. Nachher machte man aber das Gesetz noch schärfer.
Der Senn maß die Milch, und schrieb unter eines jeden Namen, wie viel derselbe gebracht habe. Jeder konnte es sich auch auf⸗ zeichnen. So brachte jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Kühe. Von fremden Kühen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen.
Die gesamte Milch eines Tages goß der Senn in der Milchkammer zusammen, und bereitete daraus Butter und Käse. Das gab schöne, frische, große Ballen; zudem noch Käse⸗ wasser, im Sommer ein gesundes, kühlendes Getränk.
Nun war die Frage: Wem gehört die schöne Menge Butter und Käse von jedem Tag? Denn alle Tage war eine solche Partie von der Milch aller Kühe der Beigetretenen fertig. Es hätte sie jeder gern gehabt, um in die Stadt damit zu laufen.
Das richtete man folgendermaßen ein: Alles, was die zusammengebrachte Milch eines einzigen Tages an Butter, Käse usw. abtrug, ward auch nur einem einzigen Teilhaber mit einem Male gegeben, und zwar demselben, dem man die meiste Menge Milch in der Käserei schuldig geworden war.— In den ersten paar Tagen freilich bekamen die Ersten weit mehr an Käse und Butter, als sie Milch gebracht hatten; denn sie bekamen ja das, was aus der Milch von allen Teilhabern gemacht war. Allein nun wurden sie für so viel, als sie zu viel bekommen hatten, den Uebrigen schuldig, und was sie schuldig geworden waren, ward ihnen von Tag zu Tag an der Milch abgezogen, die sie brachten. Das ging so lange, bis sie alle Schuld abgethan und an Milch wieder mehr zu gut hatten, als die Uebrigen. Dann bekamen sie wieder die an einem Tage bereitete Waare. Unterdessen aber hatte auch der, welcher nur eine einzige Kuh besaß, und alle Tage nur ein paar Maß Milch bringen konnte, nach und nach mehr zusammen gebracht, als jeder von den Uebrigen, wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben sand. Und nun empfing er die Frucht des Tages, bei andert⸗ halb Zentner Butter und Käse mit einem Male.
Die Butter konnte jeder den Tag gleich mit sich nehmen, da sie fertig war; Buttermilch, Käsewasser gehörten ihm auch. Den Käse aber ließ man so lange im Keller, bis er gehörig fest und gut war. Allemal an dem Tage, da einer das Recht hatte, die aus der Milch bereitete Waare zu beziehen, mußte er dem Senn bei der Arbeit helfen und ihm handlangen, und saubere Handtücher, Linnen, und was nötig war, herbeischaffen.
Zuerst war den Goldenthalern das ganze Wesen bedenklich und es meinte Jeglicher, er komme zu kurz dabei. Wenn Einer aber seine Menge Käse und Butter empfing, und nun nachrechnete, wie viel Milch er gegeben: so war er hocherfreut. Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon, daß auf diese Weise der mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh über 160 Gulden jährlich stieg, und zwar nach Abzug aller Unkosten. Das war doch ein schöner Zins!
Nun begriff man auch bald, woher das komme. Denn je frischer die Milch und je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie für sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten.— Ferner: sonst war in den Haushaltungen manche Maß Milch verschlampt und verzehrt, jetzt in den Milchkeller der Käserei an Zins
lng Sonst verlor man viel Zeit, oder hatte
eine Zeit, selber Käse zu machen; jetzt ging
das von selbst. Sonst kostete es—
Holz zum Kochen; jetzt war es eine große olzersparnis.
Einige Goldenthaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrügereien; aber man machte bald so strenge Gesetze, daß es keinem mehr in Sinn kam, zu betrügen, er hätte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der Gesellschaft gestoßen sein wollen.
Die Einrichtung aber brachte noch einen Vorteil, an den vorher kein Mensch gedacht hatte. Nämlich, weil jeder gern viel Milch gebracht hätte, um bald viel Käse und Butter davon zu haben, besorgte jeder sein Vieh besser, als ehemals; baute künstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine größere Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Kühe in den Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil nun jedem daran galehen war, daß man keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei erwählten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Ställe zu gehen, und die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward über die Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.
21. Vom neuen Gemeindevorsteher und dem Löwenwirt.
„Der Oswald ist doch ein Sn und Tausendsassa!“ sagten die Goldenthaler lachend, wenn er wieder etwas angegeben hatte, das gelungen war. Und es gelang ihm ziemlich alles, was er anfing, denn er fing nichts ohne Vorbedacht an; er übereilte und überhaspelte nichts, sondern that einen Schritt um den andern, und nahm nie mehr auf seine Schultern, als er tragen konnte.
Nun hätte man wohl glauben sollen, der Schulmeister habe sich und seine herzige Elsbeth mit Arbeiten überladen gehabt. Keineswegs; er wußte alles so einzurichten, daß zuletzt immer andere ihm einen guten Teil der Arbeit ab⸗ nehmen konnten. Sogar in der Schule hatte er wenig zu thun, denn er hatte sich da einen geschickten jungen Bauernsohn, Namens Johan⸗ nes Heiter, nachgezogen. Der war von armen Eltern, und Oswald gab ihm bei sich Wohnung und Kost aus der Garküche, und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen. Oswald hatte seinen Johannes sehr lieb, und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht, daß er Oswalden gleich kam. Und die Kinder liebten den Johannes, denn er war sanft und freundlich, und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter, als Oswald. Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld⸗ und Gartenarbeit nach, und freute sich, wenn er sah, wie im Dorfe alles nach und nach anders ward. 8
Und wirklich war es seltsam zu sehen, wie Leute, die vorher arme Schlucker gewesen, nach und nach sich von Schulden frei machten, und wie ihre Häuser ein stattliches Ansehen bekamen; hingegen, wie vormals wohlhabende Bauern, die in ihrer alten Gewohnheit verblieben, nach und nach arm wurden, weil sie das ihrige verwahrloseten, verlumpten, versoffen, verpro⸗ zessierten, verspielten.
Die zweiunddreißig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren, allenthalben voran, wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward. Ihr Beispiel munterte dann viele Nachbarn auf, es auch so zu machen. Die jungen Bursche, welche Oswald am Sonn⸗ tage unterrichtete, und die Mädchen aus Elsbeths Nähschule trugen bei ihren Eltern nicht wenig zum Guten bei. Andere aber waren und blieben im Dorfe unverbesserte Lumpen. Und an der Spitze des schlechten Volks stand der Löwenwirt Brenzel. Dieser war ein geschworner Feind aller neuen Ein⸗ richtungen. Er fluchte beständig auf die Neuerer, und sagte, die Religion gehe dabei zu Grunde; es müsse anders kommen; so könne es nicht länger gehen. Doch hielt ihn der Herr Pfarrer, welcher ihn viel besuchte, immer im Zaum, daß er nicht viel Böses thun konnte. Dazu kam, daß Brenzel seine Hauptstütze, nämlich den dritten Gemeindsvorsteher, von seiner Seite


