Ausgabe 
14.9.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

N

Von Nah und Fern.

hessisches. Die Landtagswahlen.

Wie ein Amtsblatt zu melden wußte, wäre der Wahltermin für die Wahlmännerwahlen auf

Mittwoch, den 29. Oktober festgesetzt worden, während die Abgeordneten⸗ wahlen am

Samstag, den 8. November stattfinden sollen. Wenn diese Zeitangabe richtig ist, bleibt ja noch genügend Zeit für die Wahlagitation übrig. Es gilt nun aber besonders darauf zu achten, wenn die Wähler⸗ listen offengelegt werden. Dabei sei darauf hingewiesen, daß die Listen nur drei Tage zur Einsicht aufgelegt werden. Unsere Genossen, namentlich diejenigen, welche erst kürzlich die hessische Staatsangehörigkeit erworben haben, müssen deshalb rechtzeitig dafür sorgen, daß sie in die Wählerliste eingetragen werden.

Die oberhessischen Kreise, in denen Neuwahlen stattzufinden haben, bieten für uns allerdings nicht die beste Aussicht auf Erfolg. Trotzdem müssen wir unsere Pflicht thun. Ueberall, wo es nur möglich ist, müssen wir uns an der Wahl beteiligen.

Ministerkrise in Hessen? Mit Rück⸗ trittsgedanken soll sich Zeitungsnachrichten zu⸗ folge Staatsminister Rothe tragen. Man hat bisher b nichts gehört, auch nichts von Konflikten, die dem Minister das Amt verleidet haben könnten. Immerhin kann ja etwas Wahres an der Nachricht sein.

Gießener Angelegenheiten.

GesangvereinEintracht. Auf das am Samstag, den 20. Sept. im Leib'schen Saale stattfindende unseres Arbeitergesangvereins machen wir unsere Freunde nochmals aufmerksam. Die Leistungen des Vereins sind in der letzten Zeit unter Leitung seines rührigen Dirigenten recht anerkennenswerte geworden. Seine weitere Entwickelung ist im Interesse der Hebung und Ausbreitung freiheitlicher Sangeskunst unter der Arbeiterschaft recht wünschenswert. Für Unterstützung seines Festes durch die Genossen und Gewerkschaften wird der Verein sich gewiß erkenntlich zeigen, indem er jenen ihre Ver⸗ anstaltungen verschönern hilft.

Die Holzarbeiter Gießens ver⸗ anstalten diesen Sonntag von Nachmittag 3 Uhr ab eine gesellige Zusammenkunft im Wiener Hof. Durch Deklamationen, Gesangs⸗ Vorträge, Preisschießen und Verlosungen soll für eine gute und gemütliche Unterhaltung gesorgt werden. Selbstverständlich sind auch die Mitglieder anderer Gewerkschaften will kommen und es ist zu wünschen, daß sie sich nebst ihren Familien recht zahlreich einfinden. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben.

Von einem verkrachten sozial⸗ demokratischen Konsumverein wußte derGieß. Anz. dieser Tage zu erzählen. Damit stellt das Amtsblatt seiner Objektivität ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Es müßte wissen, daß es sozialdemokratische Konsumvereine nicht giebt. Den Genossenschaften ist politische Bethätigung gesetzlich untersagt, sie müssen vollkommen neutral sein. An diesem ihren unpolitischen Charakter wird auch nichts ge⸗ ändert, wenn hier und da Sozialdemokraten in der Leitung thätig sind.

Aus dieser Notiz leuchtet nur die Absicht, gegen unsere Partei zu hetzen, mit aller Deut⸗ lichkeit hervor. Es wird darin noch mitgeteilt, daß die Bilanzen gefälscht worden seien und daß die Vorstandsmitglieder des Vereins es handelt sich um den Konsumverein Sanders⸗ dorf bei Halle deswegen zu 560 Mk. Geldstrafe verurteilt wurden. Wenn solche gelinde Strafen gegen Sozialdemokraten ver⸗ hängt werden, dann können die Vergehen wirk⸗ lich nicht schwer sein. Aber wenn es nun wirklich ein sozialdemokratischer Konsumverein wäre, der da verkracht ist, vorausgesetzt,

Stiftungsfest

Ungeheuerliches passiert? Besonders erfreulich wäre die Geschichte ja nicht, aber brechen denn nicht tagtäglich bürgerliche Unternehmungen zu⸗ sammen, deren Leiter sich viel schlimmere Dinge zu schulden kommen ließen und wo es sich um eine hundert⸗, um tausendmal höhere Schuldenlast handelt? Aber die Gelegenheit, unserer Partei eins anzuhängen, darf man sich doch nicht entgehen lassen! Da wir gerade bei dem Anzeiger sind, sei noch bemerkt, daß das edle Blatt neulich recht schnell bei der Hand war, die Mär von dem durchgebrannten Vertrauens- mann in Koburg weiter zu verbreiten, eine Berichtigung brachte es aber nicht, als sich die Geschichte als Schwindel herausstellte!

Aus dem Rreise gießen.

Ein Eisenbahn⸗Unfall ereignete sich in der Nacht zum Sonntag auf Station Lollar. Dort zertrümmerte der Schnellzug Frankfurt⸗Kassel, der Gießen nachts 12.36 ver⸗ läßt, einen im Hauptgeleise stehenden leeren Personenwagen. Dabei wurde auch die Maschine des Zuges beschädigt, der infolgedessen eine dreiviertelstündige Verspätung erlitt. Glücklicher⸗ weise kam Niemand zu Schaden. Auffällig ist, daß der Stationsbeamte das Signal zur Durch⸗ fahrt us hat und nichts davon gewußt haben soll, daß der Wagen im Wege steht. Der demolierte Wagen wurde noch eine ziemliche Strecke weit fortgeschoben, bis der Zug zum Stehen kam.

Heuchelheim. Am Sonntag Nacht wurde ein junger Mann von hier, der in Be⸗ gleitung eines Mädchen von der Krofdorfer Kirmeß zurückkehrte, am Windhof von zwei Burschen überfallen und roh mißhandelt. Er wurde erheblich verletzt und mußte ärztliche

Hilfe suchen. Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen.

Krieg im Frieden. Alljährlich fordern die Manöver ihre Opfer. Bei Heldenbergen kam am Dienstag bei einer Attacke ein Husar des 13. Regts. dadurch zu Tode, daß er vom Pferde stürzte und ihm von den nachfolgen⸗ den Pferden die Brust eingetreten wurde. Der Verunglückte starb bald darauf. Weiter starb in der Nähe von Hüttengesäß ein Soldat des 80. Inf.⸗Regts. am Hitzschlag. Zahlreiche andere Soldaten wurden in Folge der Hitze marode.

Herr Hirschel, der Antisemiterich, zieht jetzt wieder tapfer aus, um seine antise⸗ mitisch⸗zollwucherische Weisheit zu verkünden. Am Sonntag hielt er in Ober- Mörlen einem Zentrumsorte eine Versammlung ab, in der auch der Kaplan das Wort ergriff. Es wurde eine Resolution beschlossen, in der dem Junker Oriola zu seiner zollpolitischen Gesinnung volles Vertrauen ausgesprochen wird. Das ist ein reizendes Bildchen: Junker, Pfaffe und Judenfresser treten in trauter Seelenharmonie für schamlose Auswucherung des Volkes ein!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Freigesprochen wurde vorige Woche vom Schöffengericht ein Student, der wegen ruhestörenden Lärms angeklagt war, den er eines Nachts auf der Straße im Verein mit mehreren Freunden verübt haben sollte. Die Aufforderung des Nachtwächters ruhig zu sein, ist nicht beachtet worden. Zeugen bekunden indessen, daß der Lärmnicht bedeutend ge⸗ wesen sei und so bleibt der Angeklagte straflos. Wir wünschen, daß, wenn mal ein armer Teufel sich derart wider polizeiliche Verord⸗ nungen vergangen hat, er auch so milde Richter finden möge, wie der Herr Student. Wir raten aber, nichts darauf zu riskieren.

h. Umsturz in der Bibel. Nicht Alles was in der Bibel steht gefällt den Frommen. Es befinden sich viele Stellen darin, die gegen die besitzenden Klassen gerichtet sind und die Armen und Arbeitenden auffordern, sich des Druckes zu entledigen. Wie unangenehm das manchem Ordnungsmenschen durchaus ist, beweist einEingesandt imWeilburger Tageblatt

daß es solche gäbe was wäre denn da so

vom 4. September. Dieses lautet:

Offener Brief an die Synode. Wäre es nicht an der Zeit 1. solche Evangelien zur Unterlage für die Predigt zu vermeiden, wie z. B. die Evangelien von den nicht⸗ arbeitenden Bienen und Lilien, dem Kameel und dem Nadelöhr und dergl.,

2. als zu verlesende Worte solche Bibelstellen zu wählen, in denen keine Ausdrücke vorkommen, die man im Beisein anständiger Mädchen nicht braucht(31. August 1902),

3. an den Sonntagen, die patriotischen Gedenktagen zunächst liegen, dieser mit kurzen Worten zu gedenken?

Winterberger, Oberst a. D.

Der fromme Oberst möchte gewiß gerne die Bibel in einer Neuauflage erstehen sehen, die nur für den Gebrauch des Volkes bestimmt ist und diegottge wollte Ordnung in jeder Be⸗ die ne verherrlicht. Denn es taugt nicht für

ie Unterdrückten und Ausgebeuteten, wenn sie in der Bibel z. B. die folgenden Verse lesen:

Verlasset Euch nicht auf Fürsten, fie sind Menschen, die können ja nicht helfen!(Psalm 146, 3.)

Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott!(Lukä 16, 15.)

Ihr wißt, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Oberherren haben Gewalt, so soll es nicht sein unter Euch!(Matthäi 30, 25.)

Oder wenn den Haus⸗ und anderen Agrariern zugerufen wird(Jesaias 3, 18):

Wehe Euch, die Ihr Haus an Haus reihet und Acker mit Acker verbindet, bis kaum Platz mehr übrig ist. Wollt Ihr denn allein wohnen im Lande?

Jesus Sirach scheint mit der damaligen Ordnung auch nicht auf bestem Fuß gestanden zu haben, er schrieb höchst umstürzlerische Sachen. Was im Kapitel 13 fleht, paßt zum größten Teil noch in die heutige Zeit. Da heißt es im Vers 4 u. s. f.:

Der Reiche thut Unrecht und trotzt noch dazu; aber der Arme muß leiden und dazu danken. So lange Du ihm nütze bist, braucht er Dein; aber wenn Du nicht mehr kannst, so läßt er Dich fahren.

Darum siehe zu, daß Dich Deine Einfältigkeit nicht betrüge.

Und weiter:

Wie der Löwe das Wild frißt in der Haide, so fressen die Reichen die Armen.

Wenn ein Reicher nicht recht gethan hat, so sind Viele, die ihm überhelfen; wenn er sich mit Worten vergriffen hat, so muß man es lassen recht sein.

Wenn aber ein Armer nicht recht gethan hat, so kamn man es ausnutzen; und wenn er gleich weis lich redet, so findet er doch keine Statt.

Wenn der Reiche redet, so schweigt Jedermann, und sein Wort hebt man in den Himmel.

Wenn aber der Arme redet, so spricht man:Wer ist der? Und so er fehlet, muß er herhalten!

Und wie gegen die Brotwucherer gerichtet, liest sich Kapitel 34, 25:

Der Arme hat nichts, denn ein Wenig Brods; wer ihn darum bringt, ist ein Mörder.

Den profithungrigen Ausbeutern ruft er aber zu:

Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht giebt, ist ein Bluthund!

Gegen solche verderbliche Einwirkung muß der Arbeiter natürlich geschützt werden! Aber wer darauf hin die Bibel revidieren wollte, meint unser Frankfurter Parteiblatt, würde auch öfter auf Sentenzen stoßen, in denen von Heuchlern und Pharisäern die Rede ist. Und dann wird er wohl an seine Brust schlagen und die Verfälschung der Bibel unterwegs lassen.

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

St. Die Fleischnot macht sich hier, wie überall in Deutschland, in recht unangenehmer Weise fühlbar. Jetzt kostet schon ein Pfündchen Rindfleisch 68 Pfg. und Schweinefleisch die geringere Ware 75 Pfg. das Weitere Preissteigerungen werden angekündigt. Die Metzger können nur unter großen Schwierig⸗ keiten das benötigte Schlachtvieh erhalten und dabei ist manches Stück Vieh darunter, das unter normalen Umständen schwerlich der Schlachtbank zum Opfer fiele. Dabei schreibt aber die hiesige agrarisch⸗konservativeOber⸗ hessische Zeitung in ihren Leitartikeln, daß in Deutschland von einer Fleischnot nichts zu spüren und Schlachtvieh reichlich vorhanden sei. Eine Anzahl hiesiger Metzgermeister forderten deshalb den Redakteur obigen Blattes, Freiherrn

v. Wangenheim, in einemEingesandt in derHessschen Landeszeitung, unter Bezug⸗

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