Ausgabe 
14.9.1902
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeituna.

Nr. 37.

die der Reichshauptstadt noch um Bedeutendes. Daher mag es auch kommen, daß das Militär bei den gegenwärtigen Manövern im Elsaß über ungenügende Fleischnahrung klagt. Es muß zugegeben werden, daß das Fleisch sowohl jenseits der russischen, als der französischen Grenze billiger ist, als dies⸗ eis Daß die Grenze gesperrt ist und die Sperre in den letzten Monaten selbst für die Grenzbewohner bedeutend verschärft worden ist, ist Thatsache, Thatsache ist auch, daß unsere Landwirtschaft momentan zu wenig schlachtreifes Vieh für den Markt liefern kann. Dem braucht kein Wort hinzugefügt zu werden. Ziffernmäßig zeigt die amtliche Statistik das Steigen der Schweinefleischpreise in Hamburg während der letzten Jahre; danach kostete der Centner durchschnittlich:

S 43,86 18775 53,55 18998 53,35 18999 47,06 190 48,96 10111; 57,22

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Ende August 1902 64,00 63,00 Und angesichts dieser kolossalen Preissteige⸗ rung, die für die arbeitende Klasse naturgemäß die drückendste Notlage im Gefolge haben müssen, erfrechen sich antisemitische Bauern⸗ fänger von Fleischnots ch windel zu sprechen! Uebrigens leidet unter diesem Zustande selbst⸗ verständlich auch der größte Teil der Land⸗

bevölkerung.

Deutschlands Rache.

EinHeldenstück der deutschen Flotte er⸗ füllt alle Flottenschwärmer und sonstige Mords⸗ patrioten mit Entzücken. Das deutsche Kanonen⸗ bootPanther hat nämlich das haitianische Rebellen⸗KanonenbootCréte à Pierrot in den Grund gebohrt. Warum? In der west⸗ indischen Negerrepublik Harti herrscht Rebellion. Die Flotte des Riesenreiches, das etwa 6 bis 700 000 Einwohner zählt, besteht nur aus wenigen altmodischen Schiffen, die sich meist in den Händen desRebellen-Prästdenten Firmin befinden. Ein Hamburger Dampfer, Markomannia, überbrachte der haittanischen Regierung Waffen und Munition, er wurde deshalb von dem Créte à Pierrot angehalten, der die Fracht beschlagnahmte. Kriegsrechtlich wäre das vollkommen in Ordnung. Aber man erkennt einfach die kriegführenden Par⸗ teien in Haiti nicht als kriegführende Mächte an und stempelt die Beschlagnahme des Ham⸗ burger Schiffes alsSeeraub. Nach diesem Rezept hat die deutsche Reichsregierung gehandelt und die Beraubung des deutschen Dampfers Markomannia furcht ar gerächt. DasRebellen⸗ boot wurde in den Grund geschossen, nachdem der Mannschaft erlaubt war, das Schiff zu verlassen. Wir haben also die Flotte nicht umsonst. Die Deutschen im Auslande werden nachdrücklichst geschützt! Aber nicht immer. Rußland gegenüber verfährt man nicht so schneidig. Wenn deutsche Unterthanen unschuldig in russischen Kerkern schmachten, deutsche Grenz⸗ bewohner fortwährend in Gefahr schweben, von russischen Polizeispitzeln über die Grenze ge⸗ schleppt zu werden wie der Fall Kugel beweist dann findet die deutsche Regierung kein Wort und nimmt auch keine Rache.

Wer begnadigt wird.

In Sachsen wurde der am 14. Juni vom Kriegsgerschte zu Monat Gefängnis ver⸗ urteilte Hauptmann Ambrosius Krug vom Infanterie⸗Reg. 178 vom König begnadigt. Dieser Gnadenakt dürfte Aufsehen erregen. Hauptmann Krug ist wegen gemeiner Schwin⸗ deleien zu dieser Strafe verurteilt worden.

Strafverschärfend kam bei der Strafaus⸗ messung in Betracht, daß Krug Untergebene in seine Unregelmäßigkeiten zu verwickeln wußte, die dann ebenfalls vom Kriegsgericht bestraft wurden. Hauptmann Krug hat nur zwei Monate von seiner Strafe verbüßt. Für der⸗ artige Gnadenakte des Königs ist die Regierung verantwortlich. An die armen Opfer des b⸗

tauer Urteils, die jetzt noch im Zuchthause schmachten, hat die Regierung aber bis jetzt noch nicht gedacht.

Ueber die Wohnungs fragen

verhandelte am 6. September im Frankfurter Gewerkschaftshause eine große Versammlung des VereinsReichswohnungsgesetz in Gemein⸗ schaft mit dem Verbande deutscher Mietervereine. Damaschke⸗Berlin sprach zunächst über die Notwendigkeit einer großen Wohnungsreform. Er schilderte eingehend die Wohnungsnot in den großen Städten und belegte seine Ausfüh⸗ rungen mit reichhaltigem Zahlenmaterial. Ferner sprach der demokratische Stadtverordnete Dr. Rößler⸗Frankfurt überAufgaben von Staat und Reich in der Wohnungsfrage. Zahlreiche Redner sprachen noch in der Dis⸗ kussion, u. a. auch Reichstagsabgeordneter Ge⸗ nosse Wilh. Schmidt. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, nach der die bisherigen Reformen für unzureichend erklärt werden, jeder Fortschritt begrüßt und verlangt wird, daß das Reich eine Kommission einsetzt, die die Sache prüfen und Vorschläge machen soll. Was bisher in der Wohnungsreform geschah, ist herzlich unbedeutend. Auf diesem Gebiete muß energisch eingegriffen werden und zwar nicht blos in den Großstädten, sondern überall.

Ein freisinniger Gewaltstreich.

Vorige Woche fand in Kreuznach der Genossenschaftstag deutscher Erwerbs⸗ und Wirtschaftsgenossenschaften statt, die in einem Verbande vereinigt sind. Diesem gehören außer solchen Genossenschaften, die die Hebung des Mittelstandes zum Zwecke haben, auch eine große Anzahl Konsumvereine an, deren Leiter Sozialdemokraten sind. Obwohl nun auf genossenschaftlichem Gebiete Politik keine Rolle spielt, wurden doch von dem freisinni⸗ gen Führer des Verbandes, dem Abg. von Wiesbaden, Crüger, die Konsumvereine sozialdemokratischer Bestrebungen beschuldigt und ihr Ausschluß beantragt, der auch erfolgte. Die Ausgeschlossenen werden natürlich einen neuen Verband gründen.

Zwei ausländische Rongresse

haben in vergangener Woche getagt und zwar in England der Kongreß der englischen Gewerk⸗ schaften(Trades⸗Unions) und in Imola der Kongreß der italienischen Sozialdemokratie. Auf diesen kam es, wie erwartet wurde, zu Auseinandersetzungen zwischen der von Ferri Neun unversöhnlichen, und der gemäßigten

ichtung, deren Hauptführer Turati ist. Es gelangte eine zwischen beiden Richtungen ver⸗ mittelnde Resolution zur Annahme. Auf dem engl. Gewerkschaftskongresse kam allgemein die Ueberzeugung zum Durchbruch, daß die Ge⸗ werkschaften der Politik mehr Aufmerksamkeit zuwenden müßten.

Sozialistische Wahlerfolge in Dänemark.

Die kürzlich stattgefundenen Wahlmänner⸗ wahlen zum dänischen Landsthing haben bisher zu großen Erfolgen für die Sozialdemokratie und die Liberalen und zu starken Verlusten für die Konservativen geführt. In den großen Städten haben die Konservativen überall bedeutend an Stimmen⸗ zahl verloren, zum Vorteil für die Sozial⸗ demokraten und die Liberalen. Soweit die Resultate bis jetzt vorliegen, sind 39 sozial⸗ demokratische Wahlmänner gewählt. In Fri⸗ dericia, Nästved, Nakskov, Horsens siegte die rein sozialdemokratische Liste mit großen Majo⸗ ritäten. Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge zu urteilen, werden die Konservativen 6 bis 7 Mandate einbüßen, ihre Stimmenverluste sind größer, als man erwarten konnte.

Militarismus und Pfaffentum in Frankreich.

Während der behördlichen Schließung der Klosterschulen in Frankreich kam es bekanntlich in verschiedenen Orten zu gewaltsamem Wider⸗ stande gegen die ausführenden Beamten. Mehr⸗ fach mußte Militär herangezogen werden.

Es demokratie!

verweigerten aber mehrere Offiziere den Gehorsam. Gegen einen derselben verhandelte am Freitag das Kriegsgericht in Nantes. Der Angeklagte, Oberstleutnant Saint Remy, kam aber sehr gelinde davon, er wurde von der Anklage der Gehorsamsverweigerung frei⸗ gesprochen und nur zu einem Tage(ö) Gefängnis verurteilt, weil er sich geweigert hätte, einer Requisition der Zivilbehörden Folge zu leisten.

Dieses Urteil beweist die Macht des Klerika⸗ lismus über das französische Offizierkorps und die Dringlichkeit für die Republik, dasselbe zu demokratisieren. Es hat denn auch im ganzen Lande nicht wenig Aufsehen erregt. Während es von den Klerikalen und Nationalisten mit Freuden begrüßt wurde, erklärten die republi⸗ kanischen Organe, daß dieses Urteil die militä⸗ rische Disziplin untergraben müsse und forderten ein Eingreifen des Kriegsministers. Dieser hat auch neueren Nachrichten zufolge, die Dienst⸗ entlassung Saint Remy's verfügt. Unsere franz. Genossen kündigen an, daß sie diese Angelegen⸗ heit im Parlament zur Sprache bringen werden. Denn, so folgern sie mit Recht, nach diesem Urteil können auch die gemeinen Soldaten den Gehorsam verweigern, wenn sie gegen Streikende kommandiert werden. Der Soldat müsse aber wissen, woran er sei.

Landes konferenz der Sozialdemokraten Hessens.

Dieses Jahr hielten unsere hessischen Parteigenossen ihren Parteitag in Worms ab, der sagenumwobenen Rheinstadt, die mit auf das höchste Alter unter allen deutschen Städten zurückblickt. Damit ist aber nicht gesagt, daß sie auch in der allgemeinen Entwickelung etwas voraus hätte; sie zeigt genau dasselbe Gepräge, wie die andern Städte Rheinhessens und der Pfalz, wo die Industrie erst in den letzten Jahrzehnten einen größeren Umfang angenommen hat. Auf manchem Gebiete ist Worms sogar hinter seinen Nachbarstädten zurückgeblieben. Auch in Bezug auf die Arbeiterbewegung hat Worms mit vielen andern Orten nicht gleichen Schritt gehalten, erst in der neuesten Zeit nimmt das gewerkschaftliche und politische Leben einen bemerkens⸗ werten Aufschwung. Die dortige Arbeiterschaft hat es sogar zu einem eigenen Heim gebracht und in diesem, dem Gewerkschaftshause, tagte am Sonntag die Landes⸗ konferenz. Das Lokal war prächtig geschmückt. Hinter dem Tische, der für das Bureau bestimmt war, hatte man eine mächtige Pflanzen gruppe aufgebaut, in welcher die lebensgroßen Büsten unserer Vorkämpfer Lassalle, Marx und Engels Aufstellung gefunden hatten. Neben dem Landeskomitee, 8 Vorsitzenden von Kreisorganisationen und 6 Landtagsabgeordneten hatten sich 81 Delegierte eingefunden, welche 86 Lokalorganisationen Hessens ver⸗ traten.

Um 9½¼ Uhr eröffnete der Vorsitzende des Landes⸗ komitees, Genosse Ulrich, die Konferenz, die Delegierten und Gäste zu derselben herzlich bewillkommnend in Worms, einer der ältesten Stätte menschlicher Kultur, der Stadt, in welcher einstens der bekannte ehemalige Augustiner⸗ mönch Luther seine religiösen Ansichten verteidigte. Und wenn die Welt voll Teufel wär, kündigte dieser damals an, werde er doch mit dem von ihm Behaupteten durch⸗ dringen. Mit gleich stolzem Bewußtsein könne die Sozial⸗ demokratie sagen, daß ihre Ideen einer ganzen Welt von Feinden gegenüber siegreich sein werden. Schon 1872 habe in Worms der Allgemeine deutsche Arbeiterverein getagt. Ein Teilnehmer von damals, Genosse Aldrick⸗ Darmstadt, weilt heute noch unter uns. Welch gewaltiger Unterschied in der Entwicklung der deutschen politischen Arbeiterbewegung zwischen damals und heute! Die 30 Jahre Kämpfen und Ringen seien an Opfer, aber auch an Siegen reich gewesen. Er hoffe, daß die heutige Konferenz ein Markstein sein möge in der Weiterentwick⸗ lung unserer Organisation.

Der ArbeitergesangvereinSängerlust trug so⸗ dann in vortrefflicher Ausführung den prächtigen Chor Mann der Arbeit, aufgewacht vor, der den Sängern lebhaften Beifall brachte. Genosse Winkler⸗Worms hieß hierauf im Namen der hiesigen Parteigenossen die Konferenz willkommen, dafür dankend, daß die Landes⸗ organisation Worms als Ort ihrer Tagung gewählt habe. Redner lenkt ebenso wie Ulrich die Erinnerung auf die 1872 hier abgehaltene Versammlung des Allge⸗ meinen deutschen Arbeitervereins hin und zieht einen Vergleich zwischen damals und heute. Inzwischen habe die Arbeiterbewegung in Worms lange Jahre geschlum⸗ mert, aber ein junger Stamm Parteigenossen sei heran⸗ gewachsen und das Wort eines bekannten einflußreichen Wormser EinwohnersIn Worms giebt es keine Sozial⸗ glänzend durch die Thatsachen widerlegt

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