Ausgabe 
13.7.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 28.

vom Landgericht freigesprochen. Die Staats⸗ anwaltschaft focht die Entscheidung durch Re⸗ vision beim Kammergericht an. Das Kammer⸗ gericht wies diese R vision zurück und führte iu den Entscheidungsgründen aus, daß sich nur Derjenige strafbar mache, der bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not von Polizeibeamten ohne Erfolg zur Hilfeleistung aufgefordert werde, obschon er der Aufforderung ohne erhebliche eigene Gefahr habe nachkommen können. Po⸗ lizeiliche Verordnungen, welche mehr verlangen, find demnach ungesetzlich.

Der Provinzialdirektor von Ober⸗ hessen, v. Bechtold, wurde am Samstag vom Schlage getroffen und starb sofort. Seine Leiche wurde nach Darmstadt gebracht und dort beerdigt. Durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen, daß er im amtlichen Verkehre Jedermann gegenüber bethätigte, war er allge⸗ mein geschätzt. Als sein Nachfolger ist Ministerialrat Breidert in Aussicht genommen.

Das Protokoll des letzten Ge werkschaftskongresses ist erschienen. Das 288 Seiten slarke Buch, das im Buchhandel 1 Mk. kostet, wird den Gewerkschaftsmitgliedeen durch ihre Organisation oder durch das örtliche Gewerkschaftskartell unter dem Selbstkostenpreise, zu 20 Pfg. das Exemplar, geliefert. Wir empfehlen den Gewerkschaftsmitgliedern seine Anschaffung. Für Gießen nimmt der Kartell⸗ vorsitzende A. Bock, Dammstr. 22, Bestellungen entgegen.

Der sozialdemokratische Wahl verein Gießen hält Samstag, den 19. Juli seine Generalbersammlung ab. Auf der Tagesordnung steht zunächst Rechnungs⸗ ablage des Kassierers, dann folgt Vorstands⸗ wahl. Es ist notwendig, daß die Genossen zu dieser Versammlung zahlreich erscheinen; es sollen außerdem noch wichtige Parteiangelegen⸗ heiten zur Besprechung gelangen.

Sein Stiftungsfest mit Fahnen⸗ weihe begeht diesen Sonntag der Wahl⸗ verein Wieseck. Das Fest findet in dem geräumigen und schattigen Garten desGam⸗ brinus stott. Vorher findet ein Festzug durch den Ort falt, an welchem sich zahlreiche Wiesecker und aus wärtige Vereine beteiligen werden. Die Mitgieder der Gietzener Gewerkschaften, des GesangvereinEintracht und des Wahlvereins ersucht das Gewerkschaftskartell, sich mittags 1 Uhr in derStadt Marburg zum Abmarsch nach Wieseck einzufinden.

Waldfest der Gewerkschaften. Sonntag, den 20. Juli, findet das diesjährige Gewerkschaftsfest im Walde an der Licherstraße, am Fußwege nach Anne⸗ rod statt. Wir machen schon jetzt darauf aufmerksam und ersuchen die Genossen, für recht zahlreiche Beteilig⸗ ung zu wirken. Falls an diesem Tage ungünstiges Wetter eintritt, wird das Fest trotzdem abgehalten und zwar im Saale des Café Leib.

Das Jugendfest soll nach den Be⸗ schlüssen der Stadtverordneten-Versammlung am 13. oder 14. August stattfinden. Es hat darüber erst lange Debatten gegeben. Denn die höheren Schulen, bezw. deren Leitung zeigte sich der Beteiligung au dem Volksfeste abge⸗ neigt. Es wurden allerhand Ausflüchte gemacht, man wollte nicht ohne Weiteres sagen, daß die besitzenden Kreise ihre Kinder nicht mit denen der ärmeren Klasse zusammenkommen lassen wollen. Der Bürgermeister trat warm für eiue allgemeine Beteiligung ein und wie uns mitgeteilt wird, beteiligen sich Realschule und Gymnasium vollzählich.

Entrüstet schreibt uns ein Arbeiter darüber:

Gerechter Zorn packt einem, wenn man von der Verhandlung der Stadtverordneten über das Jugendfest Kenntnis erhält. Daraus ersieht man so recht, wie stark der Klassengegensatz thatsächlich ist, dessen Vor⸗ handensein sonst von den Gegnern abgeleugnet wird. Noch nicht einmal ein Jugendfest, worauf sich doch jedes Kind freut, wollen die besseren Kreise mit demPöbel abhalten. Ganz dasselbe trat ja auch bei dem Fest der 100 0sten Immatrikulation hervor. Herr Krumm that sehr recht daran auf diesen von den besseren Kreisen geflissentlich erweiterten Gegensatz hinzuweisen; Krumm hat da keineswegs übertrieben, wie Herr Jann meinte. Man soll doch den besseren Kreisen keine guten Worte geben, wer von ihnen seine Kinder das Jugendfest nicht mitmachen lassen will, mag sie zu Hause lassen, damit die guten Sitten, Zucht und Ordnung derBesseren keine Not leidet.

Wegen Verteilung von Druckschriften ohne kreisamtliche Erlaubnis war der Genosse Hofmann in Vilbel vom dortigen Schöffengericht mit 6 Mark Geldstrafe belegt worden. Hofmann hatte an einem Sonntage in Okarben Parteikalender verteilt und solche u. a. in einer Wirtschaft abgegeben. Kirche wurde an diesem Sonntage in Okarben nicht abgehalten. Das Schöffengericht stützte sich bei der Verurteilung auf § 224 des hess. Polizeistrafgesetzes, sowie auf das alte hess. Preßgesetz, wonach Druckschriften nur mit Erlaub⸗ nis des Kreisamtes öffentlich verteilt werden dürfen. Gegen das schöffengerichtliche Urteil legte Hofmann Berufung ein. Dieser gab die Gießener Strafkammer statt und sprach den Angeklagten frei. In der Be⸗ gründung des Erkenntnisses wird gesagt, daß§ 224 des hess. Pol.⸗Str.⸗G. nicht anwendbar sei, weil der Angeklagte keine die Sonntagsruhe störende Handwerks⸗ thätigkeit ausgeübt habe. Er habe sich aber auch nicht gegen das hess. Preßgesetz vergangen, weil die Wirt⸗ schaft, in der Angeklagter Kalender abgab, nicht von Gästen besucht war und also nicht als öffentlicher Ort bezeichnet werden könne. Die Kosten fallen der Staatskasse zur Last.

Kirschenkerne soll man nicht verschlucken, besonders soll man davor die Kinder warnen, denn es können durch das Verschlucken der Kerne schwere Magenerkrank⸗ ungen entstehen, sogar Todesfälle hervorgerufen werden. Ebenso darf man die Kerne nicht auf das Trottoir werfen, weil dadurch schon oft Personen sehr unglücklich zu Fall kamen. Für die meisten Arbeiter dürften zwar War⸗ nungen dieser Art ganz überflüssig sein, denn die Preise für Kirschen und anderes Obst sind dieses Jahr solche, daß die wenigsten Arbeiter daran denken können, ihren Kindern mit ein paar Beeren oder Kirschen eine Freude zu machen. Traurig! Auf den Genuß der Früchte, welche die Erde für alle Menschen in Fülle spendet, muß der größte Teil gerade der arbei⸗ tenden Klasse verzichten!

Der Heilkundige Hch. Haug, der in Ulrichstein ärztliche Praxis ausübte und vor einiger Zeit von dort unter Hinterlassung bedeutender Schulden verschwand, wurde am Dienstag von der Gießener Strafkammer wegen Betrug und Zechprellerei etc. zu 3 Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt.

Aus dem Rreise gießen.

Aus Watzenborn⸗Steinberg schreibt man uns: Mit den Beschlüssen, die unser Gemeinderat in Bezug auf den Bau eines neuen Schulhauses gefaßt hat, ist der größte Teil der Einwohnerschaft durchaus nicht einverstanden. Allgemein ist man der Meinung, daß der dafür vorgesehene Platz sich in gesund⸗ heitlicher Beziehung durchaus nicht für eine Schule eignet. Man fragt sich, warum denn nicht die Südseite der Verbindungsstraße Watzen⸗ born⸗Steinberg für den Bauplatz gewählt wurde und findet die Haltung der Gemeinderäte un⸗ verständlich, die so wenig auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen. Stichhaltige Gründe gegen den erwähnten Platz können nicht ange führt werden. Es muß doch immer darauf geachtet werden, daß das Gemeinwohl gewahrt wird, davor müssen alle anderen Interessen zurückstehen.

Mit der Taufe ihrer Kinder hatten kürzlich hier 2 Väter ihre Schwierigkeiten. Sie ersuchten den Herrn Pfarrer, die Taufe in ihren Wohnungen vorzunehmen, was dieser zunächst ablehnte und verlangte, daß die Kinder in die Kirche gebracht werden sollten, worauf aber die Väter wegen familiärer Verhältnisse nicht eingehen konnten. Schließlich besann sich aber doch der Herr Pfarrer noch eines Anderen und er nahm, eingedenk des Wortes:Gehet hin in alle Welt und taufet alle Völker die Taufe im Hause vor. Warum denn solche Schwierigkeiten?(Die betr. Väter brauchen ja nicht taufen zu lassen. Red.)

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Wahlagitation in den Krieger⸗ vereinen. Diesmal scheint die Wahlbewegung sehr lebhaft werden zu wollen, schon in den unpolitischen Kriegervereinen wird Agitation getrieben. Am Sonntag fand in Aßlar eine große Kriegervereinsparade statt, bei welcher, wie sich das von selbst versteht, der Hauptmann

Hardt eine Rede hielt. Dabei fand er es für gut, die Wahlgeschäfte derOrdnungs parteien zu besorgen, indem er nach dem Bericht desWetzl. Anz. auf die Reichstagswahl hinwies. Im nächsten Jahre, sagte er, könne jedes Kriegervereinsmitglied wieder zeigen, wie es die Liebe und Treue zu Kaiser und Reich hegt und pflegt, indem es bei den alsdann stattfindenden Wahlen zur Volksvertretung nur königstreuen und monarchisch gesinnten Männern seine Stimme giebt. Abwarten!

Ein Verein scheint aber irgendwelche Seiten⸗ sprünge gemacht zu haben. Diesen hat der Herr Hauptmannetwas vorgenommen, wie sich der Anz. ausdrückt. Was der gesündigt hat, wird nicht gesagt. So ist's ganz recht. Wenn die Leute sich dazu hergeben, in glühender Sonnenhitze Parade mar sch zu machen, wovon sie doch wirklich in der aktiven Dienstzeit genug bekommen haben müssen, dann schadet es ihnen auch nichts, wenn sie wie Rekruten herunterge⸗ putzt werden. Jeder denkende Arbeiter bedankt sich allerdings dafür.

Aus dem Nreise Marburg⸗-Rirchhain.

St. Parteiversammlung. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet am nächsten Sumstag, den 19., des Abends 9 Uhr, eine öffentliche Versammlung im Jesberg' schen Lo⸗ kale statt. Außer der Abrechnung der Kolpor⸗ tage und des Vertrauensmannes findet auch eine Neuwahl zur Kolportage⸗Kommistion statt; ferner eine Besprechung über die nächstjährige Reichstagswahl, ev. Aufstellung eines Kandidaten zu derselben. Die Wichtigkeit der Tagesord⸗ nung erfordert eine zahlreiche Beteiligung.

GesangvereinEintracht. Am heutigen Sonntag, den 13. Juli, vormittags ½11 Uhr, findet eine Generalversammlung des Vereins im Restaurant Jesberg statt. Da es sich um die Beschlußfassung sehr wichtiger An⸗ gelegenheiten, u. a. auch über die beabsichtigte Sängerfahrt, handelt, so ist das Erscheinen sämtlicher Mitglieder sehr erwünscht.

Der hiesige Konsumverein hatte am verflossenen Samstag abend im Restaurant Metzig in Ockershausen auf vielseitigen Wunsch eine Versammlung einberufen, welche auch ziem⸗ lich gut besucht war. Auch ein Gendarm war zur Ueberwachung erschienen, obgleich wir uns nicht erklären können, wozu in einer derartigen Versammlung eine polizeiliche Ueberwachung vonnöten ist. Als Referent war der Vertreter der Großeinkaufs⸗Genossenschaft in Hamburg, Herr Dejung aus Mannheim, erschienen, welcher in wohldurchdachter Rede den Anwesenden die Entstehung, den Zweck und Nutzen der Kon⸗ sumvereine auseinandersetzte. Eine aus der Mitte der Versammlung gestellte Anfrage, ob es wahr sei, daß die Dividende am Jahres⸗ schluß nicht zur Auszahlung gelangen, sondern zu anderen Zwecken verwandt werden solle, und deshalb zwei Mitglieder ihren Austritt erklärt hätten, wurde seitens der Vertreter des Vereins dahin beantwortet, daß dies Gerücht unwahr und nach dem Gesetz überhaupt ohne die Zustimmung der Generalversammlung nicht möglich sei. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats und der Geschäftsführer gaben noch nähere Aufschlüsse über den Stand des Vereins, welcher sehr gut ist und nach einem Schlußwort des Referenten wurde die Versammlnng geschlossen. Es erfolgten dann eine Anzahl Beitritsser⸗ klärungen, welche jedoch zur Errichtung einer Filiale in Ockershausen noch nicht genügen. Weitere Anmeldungen nimmt Herr Wirt Metzig gern entgegen. Als ein Zeichen, wie sehr gewisse Leute die Errichtung einer Verkaufs⸗ stelle in Ockershausen fürchten, wollen wir noch bemerken, daß ein dortiger Krämer, die an die Schulkinder verteilten Zettel(mit der Vers. Anzeige) diesen abnahm, soviel er erlangen konnte und dann vernichtete?

Das 5. hessische Sängerbundes⸗

fest, welches dieser Tage hier stattfand, hat auch sein Opfer gefordert. Ein junges Mädchen fiel beim Tanzen hin und liegt seit dem in einem starrkrampf⸗ähnlichen Zustande im Krankenhause darnteder. Alle Wiederbelebungs⸗ versuche sind bis jetzt erfolglos geblieben.

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