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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 23.
gehorsamsten sich unter die Zuchtrute des Pfaffentums beugen, gerade am schwächsten und traurigsten da in Sachen der Tugend, Rechtschaffenheit und Sittlichkeit. Sie haben die elendesten sozialen Verhältnisse und liefern — als die Frucht von Degeneration und De⸗
moralisation— die meisten Verbrecher, die meisten Mörder, Totschläger, Diebe und Un⸗ zuchtsbestien.
Aus dem Mittelalter, der Zeit der unbe⸗ schränkten Macht der Kirche, klingt der Jammer⸗ schrei der tausend und abertausend Opfer, die unter entsetzlichen Martern und Torturen um eines Wahnwitzes oder eines düsteren Aber⸗ glaubens willen ihr Leben haben lassen müssen, bis in unsere Zeit herauf. Abgründe der Greuel und der fluchwürdigsten Verbrechen gähnen auf, und in den Thälern der von der Klerisei be⸗ herrschten frommen Distrikte in deutschen Landen wälzt sich noch heute der Rauch der Scheiter⸗ haufen, die von der alleinseligmachenden Kirche zur höheren Ehre ihres Gottes angezündet worden sind. i
So sieht die Sittlichkeit aus, die aus der Religion geboren wurde.
Und beute?
Der„Unglaube“ greift von Tag zu Tag weiter um sic, die Zersetzung des Christentums macht unausgesetzt Fortschritte, die Schar der Gottlosen wird immer größer. Aber— und das schlägt der Logik der Kirche direkt ins Gesicht— die Verbrecherzahlen gehen zurück, die Sitten im Volke verlieren an Roheit und Niedrigkeit, die Moral bewegt sich in aufsteigen⸗ der Entwickelung.
Die Thatsachen reden also selbst. Sie er⸗ klären: es ist nicht wahr, daß mit dem Schwinden des Glaubens die Moral zurückgeht; die„reli⸗ giöse Sittlichkeit“ ist ein thönerner Götze.
Die Geistlichkeit hört jedoch diese Sprache nicht. Sie hält sich beide Ohren zu und richtet die Augen auf das Bibelbuch. Da ist für sie die Quelle aller Tugend. Und die Lehrerschaft, die unter ihrem Banne steht, ahmt ihr Gebaren geflissentlich nach.
Unser c offizielle Jugenderziehung kommt heute ohne die Kirchenreligion nicht aus. Die Welt ihrer pa agogischen Erkeuntnis ist so mit meta⸗ physischen Brettern vernagelt, daß sie Stein und Bein darauf schwört, die Sittlichkeit könne nur auf dem Ackerboden der Religion gedeihen. Deshalb giebt sich die Schule noch her zu der geradezu barbarischen Erziehungsmethode, die den Teufel durch Beelzebub austreibt, indem sie die siltenvergiftenden Mordse, Diebs⸗ und Ehebruchsgeschichten des alten Testaments mit den Kindern behandelt, um diese zu„ittlicher Läuterung“ zu erziehen. Sie schulmeistert mit der unheilvollen christlichen Schuld- und Sühne⸗ moral das letzte bischen Stolz und Selbstachtung aus dem Menschen hinaus und vernichtet in ihm den letzten Rest des Bewußtseins seines eigenen Wertes und seiner eigenen Kraft. Sie trägt mit Eifer dazu be, die„ungeheure Weis⸗ heit Asiens“, wie Friedrich Nietzsche sagt, die Religion des Kreuzes und des Bettelsackes, zu einer mehr als zweitausendjährigen Wahrheit zu machen.
Die Gewalthaber von ehedem und heute hatten und haben kein wirksameres Mittel zur Bändigung und Niederhaltung der Masse als die Religion.
Wir aber wollen, daß die Sklaverei ein Ende nimmt. Deshalb fordern wir: Die Re⸗ ligion soll hinaus aus der Volkserziehung, hinaus aus der Schule! 5
politische Rundschau. Gießen, den 10. Juli.
Ueber die Aussichten des Zolltarifs
äußerte sich jüngst die liberale„Vossische Ztg.“ folgendermaßen:„Die Wahrscheinlichkeit, daß der Zolltarif nicht zu Stande kommt, wächst von Tag zu Tag. Graf Posa⸗ dowsky bereitet die Behauptung vor, das Scheitern sei durch die Anträge der Sozial⸗ demokraten verschuldet. Diese Behauptung wird
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werden durch die Vorschläge auf Erhöhung der agrarischen Zölle und die noch viel schlechter begründeten Vorschläge auf Erhöhung der in⸗ dustriellen Zölle hervorgerufen.“
Die Sozialdemokraten werden sich durch solche Kundgebungen in ihrem Bestreben, das Volk vor dem Wucher der Zöllner zu schützen, nicht beirren lassen. Unsere Vertreter werden vielmehr ihre Aufgabe weiterhin ernst nehmen und die Volksinteressen gegenüber dem uner⸗ sättlichen Junkertum nachdrücklich wahrnehmen. Unterdessen schleppt sich die Beratung des Tarifs langsam weiter. Bis jetzt sind etwa 560 Positionen, also erst reichlich die Hälfte der Vorlage erledigt.— Bei verschiedenen Punkten kam die Gewinnsucht der Inter⸗ essenten in abstoßender Weise zum Vorschein. So als es sich um die Garnzölle handelte. Hierbei entschlüpfte dem sächsischen Weberei⸗ besitzer Förster, als er die Erhöhung der Garnzölle bekämpfte, die Aeußerung:„Die Spinnereien schwimmen ja im Gelde“Von Seiten der Spinnerei⸗Kapitalisten wurde dann wieder auf die großen Gewinne der Webereien hingewiesen. Für die Arbeiter sind solche Ein⸗ geständnisse wertvoll; sie rücken das Gejammer des industriellen Unternehmertums über schlechten Verdienst, Verluste ꝛc. in das richtige Licht.
Der gute Mann gestand aber noch etwas
Anderes ein. Er sagte: 5
„Wir Konservativen wollen höhere Getreide⸗ zölle, da können wir doch durch so hohe Industriezölle, wie die Garnzölle, den armen Arbeitern, den Webern, nicht noch den Verdienst schmälern und die Klei⸗ dung verteuern, wenn die Getreide⸗ zölle schon die Nahrungsmittel ver⸗ teuer n.“
Herr Förster hat noch mehr gesagt. Auf den Vorhalt der Regierung, daß die beantragte Herabsetzung der Garnzölle ein Stoß in's Herz der Spinnerei sei, entgegnete er, daß die bis⸗ herigen hohen Garnzölle un motiviert seien, versumpfend auf die Spinnerei wirkten und ihre Entwicklung hemmten.
Dasselbe läßt sich natürlich von den Getreide⸗ zöllen und der Wirkung auf die Landwirtschaft sagen. Das Eingeständnis des Agrarzöllners und Garnfreihändlers müssen wir uns merken.
Die bitter notwendige Flotten vermeh⸗ rung.
Wir teilten neulich mit, daß schon wieder eine ungeheuerliche Vermehrung der Panzer⸗ kähne geplant sei. Die Regierungsblätter be⸗ stritten zwar die Wahrheit dieser Meldungen, doch weiß man ja, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt. Erst wird kühn bestritten, dann sagt man, daß denn doch eine Vermehrung recht notwendig sei, schließlich kommt die Regierung auch zu dieser Ansicht und verlangt wieder etliche Hundert Millionen Mark für Deutsch⸗ lands wässerige Zukunft. Daß aber jetzt schon viele von den Eisenkähnen überflüssig sind, zeigt die Thatsache, datz jetzt wieder einmal ein paar Torpedoboote auf dem Rhein herumgondeln. Eins war zur Düsseldorfer Ausstellung ge— wissermaßen als Ausstellungsgegenstand ge⸗ kommen; zwei andere versahen bei Anwesenheit des Kaisers in Wesel„Wachtdienst“ und bleiben nach Zeitungsberichten noch länger dort. Zu welchem Zwecke wissen wir nicht. Dem Volke sind das aber teuere Manöver.
Wieder einen erfreulichen Wahlerfolg
hat die Sozialdemokratie bei der Ersatzwahl in Bayreuth zu verzeichnen. In der vorigen Nummer konnten wir das Resultat nur zum kleinen Teil wiedergeben. Das Gesamtresultat stellt sich für unsere Partei noch viel günstiger. Es erhielten Stimmen: Hagen(Il.) 3941, Hugel(Soz.) 5498, Feustel(Agrarier) 3286, Günther(Freis.) 1164. Der extreme Agrarier Feustel und der freisinnige Günther scheiden aus. Es hat Stichwahl zwischen Hagen und Hugel stattzufinden. Hierbei geben die Freisinnigen den Ausschlag und es wird sich zeigen, ob sie für den Zollwucherer oder für seinen Gegner eintreten.— Die Stichwahl
Furstliche Lohnerhöhung.
Durch den Thronwechsel in Sachsen sind dem sächsischen Volke wieder neue, recht erhebliche Lasten aufgehalst worden. Sofort nach der Uebernahme der Regierung durch den König Georg ging dem Landtage eine Regie⸗ rungsvorlage zu, in der bedeutende Erhöhung der Zivilliste des Königs und der Apanagen der Königinwitwe und bverschiedener Prinzen gefordert wurde. Natürlich sagten die fälsch⸗ licherweise als„Volksvertreter“ bezeichneten Bourgeois im Landtage Ja und Amen dazu. Das bedeutet eine Mehrbelastung von 639 000 Mark pro Jahr. Die Zivilliste des Königs wurde um 498000 Mark erhöht; von 3052 000 auf 3 550000 Mk., ab 1. Juli 1902; die Apanage der Königinwitwe von 123333 auf 210000, des Kronprinzen von 185 000 auf 300000, einer Prinzessin von 18 500 auf 20000 Mark. Diese Erhöhungen werden in einer Denkschrift mit dem Sinken des Geldwertes und Steigen der Warenpreise begründet. In den letzten Jahrzehnten wären die Einnahmen aller Schichten des Volkes ge⸗ wachsen. Das stimmt durchaus nicht. Im Gegenteil. Gerade in Sachsen sind die kärg⸗ lichen Löhne der staatlichen Arbeiter herabgesetzt worden, den Eisenbahnarbeitern wurde bis zu 20 Pfg. täglich abgezogen! Wenn aber auch die Löhne um das Doppelte gestiegen wären, so wäre nach unserer Meinung ein Einkommen von 3 Millionen Mark mehr als hinreichend und bedürfte keiner Aufbesserung.
Andere Anschauungen scheint der König von Italien zu haben. Dieser wünscht seine Zivilliste herabgesetzt zu sehen und beauf⸗ tragte bereits das Ministerium mit der Aus⸗ arbeitung einer Vorlage, die dem Staate die zahlreichen Schlösser und Paläste überliefert, die das königliche Haus von früher übernommen hat und deren Unterhaltung etwa zehn Millionen jährlich kostet. Eine Anzahl dieser Schlösser soll an Private verkauft werden, andere sollen zu wohlthätigen Zwecken verwandt werden. Gleichzeitig ist der Verkauf von hundert Pferden des Marstalls angeordnet und sonstige Streich- ungen vorgenommen.
Das fordert zu Vergleichen heraus!
Von der deutschen Gerechtigkeit.
Ein ungeheuerliches Urteil wurde vorige Woche gegen zwei unserer Genossen in Beuthen, Oberschlesien, gefällt. Die dortige Strafkammer verurteilte nach langer, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefundener Verhandlung den Redakteur Morawsky zu zwei Jahren, die Schriftstellerin Frau Dr. Golde zu einem Jahre Gefängnis. Das Vergehen soll, nach dem Berichte des„Vorwärts“, begangen sein durch Verbreitung bon Mailiedern und anderen Arbeiterliedern in polnischer Sprache, die im Verlage von Morawski und unter Redaktion von Frau Golde erschienen sind, übrigens längst überall verbreitete Schriften. Einzelne der Lieder waren früher in der„Gazeta Robotnicza“ (Arbeiter⸗Ztg.) abgedruckt worden, ohne daß eine Strafverfolgung unternommen worden wäre. Einziger Belastungszeuge war ein ge⸗ wisser Guß ner, ein wegen gemeiner Verbrechen vorbestrafter Mensch, der im Verdacht steht, Polizeispitzel zu sein. Die Verteidigung führten Rechtsanwalt Dr. Heine⸗Berlin und Färber⸗Beuthen.
Das Gericht nahm an, daß einzelne Lieder, besonders in ihrer Sammlung in einem Buche, und daß viele Stellen in den beiden inkrimi⸗ nierten Schriften geeignet seien, die ober⸗ schlesische Arbeiterbevölkerung zu einer„Empö⸗ rung“ gegen die Unternehmer und gegen die Obrigkeit zu bewegen. Auch da, wo in den Schriften eigentlich nur russische Zustände ge⸗ schildert seien, würden deutsche Leser diese Stellen auf Deutschland beziehen.
Was also früher, als die„Gaz. Robotnicza“ noch in Berlin erschien, bei Polizei und Gericht als erlaubt galt, das hat in Beuthen den Grund zu einer unerhört schweren Verurteilung gegeben. Die Bewegung in Oberschlesien er⸗ fordert immer neue Opfer: aber die tapferen
nie zu begründen sein. Die Schwierigkeiten
findet bereits diesen Freitag, den 11. Juli, statt.
Genossen, die dort winken, werden sich auch 1
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