Ausgabe 
13.4.1902
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 15.

b Unterhaltungs-Ceil.

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Im Stillen erblüht.

Von E. Langer.

Fritz, stehe auf. Es ist halb fünf, rief eine Frauenstimme in der noch dunklen Stube, in der das kräftige Schnarchen eines Mannes hörbar war. Als sich auf den Ruf nichts rührte, wurde er ungeduldig wiederholt.Ja, Auer ertönte es dann von einer schlaftrunkenen

inderstimme, und aus dem Knarren einer Bettstatt zu schließen, machte das Kind Anstalt, dem Befehle Folge zu leisten. Dann wurde es aber wieder still und nun erhob sich die Frau und rüttelte den kleinen Schläfer, einen Knaben von acht Jahren, mit einemNun, wird's bald? unsanft aus dem Schlummer, der ihn von Neuem überwältigt hatte, auf. Brummend über denfaulen Bengel, suchte ste dann wieder ihr Lager, das sie mit zwei jüngeren Kindern teilte; Fritz hatte indeß ein dünnes Höschen angestreift, die übrigen Kleider zusammengerafft und war damit in die anstoßende Küche gegangen, wo er sich in einer irdenen Schüssel flüchtig Gesicht und Hände wusch und, bebend vor Frost, vollends ankleidete. Darauf nahm er aus einer Ecke des Herdes ein Latern⸗ chen, das er anzündete und vorn an seinem Rocke befestigte. So ausgestattet, verließ er die im fünften Stocke eines Hinterhauses gelegene Wohnung und das Haus, in dem es bereits lebendig ward von Arbeitern, die an ihr Tage⸗ werk eilten. Einen Augenblick wimmelte der schmale Hof von ihnen, so daß Fritz in der Dunkelheit gegen Diesen und Jenen anrannte.

Wohin ging das Kind in so früher Morgen stunde?

Ihr habt wohl von den Wichtelmännchen gehört, die in vergangenen Zeiten dem Menschen freundlich zur Seite standen, ihm seine Arbeit in der Nacht, während er schlief, verrichteten, so daß die Hausfrau, die Magd, oder der Knecht, was sie Abends halb fertig zurückgelassen, am Morgen fein säuberlich vollendet fanden. Schon lange, lange sind diese hilfreichen Hausgeister⸗ chen aus der Welt verschwunden, weil die Menschen ihnen nachspürten und undankbar

egen sie waren. Aber das kleine menschen⸗ Föundiche Volk ist nicht ohne Erben geblieven. In unseren Tagen ist eine andere Generation von Wichtelmännchen aufgetaucht, nur daß sie keine Geister sind, sondern Wesen von Fleisch und Blut, die, wenn Alles noch im tiefen Schlummer liegt, von Haus zu Haus, von Treppe zu Treppe huschen und das frisch ge⸗ backne Frühstücksbrot in die Beutelchen stecken, die der Spätheimkehrende außerhalb der Korri⸗ dorthüren hängen sieht.Semmeljungen nennt man diese heutigen Wichtel männchen, sieben⸗ bis zehnjährige Knaben, die der Bequem⸗ lichkeit des großstädtischen Haushalts drei Stunden Morgenschlaf opfern müssen, und ein solcher Semmeljunge war unser Fritz.

Ein schneidender Ostwind empfing den Kleinen auf der Straße. Sein dünnes Höschen zu⸗ sammenziehend, mußte er mit vorgebeugtem Körper gegen den Wind ankämpfen. Hu! wie er ihm durch und durch ging, ihm den Atem ver⸗ setzte, um die Ohren pfiff und heulte! Bei den Straßenecken erfaßte ihn ein förmlicher Wirbelsturm, der ihn wie ein Kretsel um und um drehte, ehe es ihm gelang, seinen Weg fort⸗ usetzen. Der Bäcker, von dem er das Früh⸗ stücsbrot abzuholen hatte, wohnte ein gutes Stück entfernt vom Hause, aber in der Back⸗ stube war es so köstlich warm. Der bloße Gedanke daran belebte seine erstarrten Glieder. Und nach vollendetem Geschäft gab's dort auch ein Topf Kaffee nebst Schrippen,) und wenn der Monat um war, ganze vier Mark. Was konnte die Mutter nicht Alles für diese vier Mark kaufen! drei, vier Tage konnten sie da⸗

) In Berlin Bezeichnung für Brödchen.

von leben. Wie stolz fühlt er sich jedesmal, wenn er ihr das Geld einhändigte! Freilich, der Louis Hübner, sein guter Freund und Flur⸗ nachbar, der hatte es besser, der konnte im warmen Bett liegen und seine Mutter hätschelte ihn, obgleich sie auch nur eine arme Frau war. Aber sie hatte nur den einen Jungen, während bei ihnen drei Mäuler zu füttern waren.Na, wartet nur, wenn ich erst ganz groß sein werde, dann sollt Ihr es gut haben, besonders Mutter und Vater. Ach Gott ja, auch der Vater

Das Bäckerhaus war erreicht. Der warme Brotgeruch duftete dem Knaben verlockend ent⸗ gegen und in der heißen Luft der Backstube blühte das Kind förmlich auf. Schade, daß der Geselle den Korb für Fritz so schnell packte, aber schon die kurze Spanne Zeit genügte, Letzteren zu durchwärmen, so daß er die Kälte draußen weniger empfand. An solch bösen Tagen wie dem heutigen stand es bei ihm fest daß er Bäcker werden wollte, und er malte! sich das Behagen aus, in dem sie Alle dann leben würden.

Dabei trabte er immer vorwärts, so schnell er konute. Dort war auch schon der Wacht⸗ posten, an dem er täglich vorbei mußte. Die noch brennenden Straßenlaternen warfen ihren zitternden Schein über das Schilderhaus, vor dem der in seinen Mantel gehüllte Soldat mit geschultertem Gewehr, die Hände in die Aermel versenkt, auf⸗ und abstampfte, um nicht vor Kälte zu erstarren. Unserem Fritz that der Mann herzlich leid. Unwillkürlich blieb er stehen. Nein, Soldat wollte er nicht werden. Bei der Kälte Wache stehen, in stockfinsterer Nacht, sich nicht vom Flecke rühren dürfen! Brrr! da hatte er es doch besser. Er konnte sich warm laufen und am Ende winkte ihm die Backstube mit Kaffee und Schrippen. Der arme Mann äße gewiß auch gerne eine warme Schrippe, fuhr es unserem Semmeljungen durch den Kopf, und ohne sich weiter zu bedenken, that er einen Griff in seinen Korb. Aber als großstädtisches Kind und als aufgeweckter Knabe, der er war, wußte er, daß der Wachtposten weder etwas nehmen, noch angeredet werden durfte. Wie sollte er ihm das Brot nun zukommen lassen? Halt, neben dem Schilderhaus befand sich das niedere Wachtstubenfenster. Da konnte er das Brot hinlegen. Wie gedacht, so gethan,Ist das für mich? fragte der Wachtposten, welcher das Thun des kleinen Laternenträgers auf⸗ merksam beobachtet hatte. Dieser nickte stumm und rannte eilends davon.

Jetzt war er in seinem Revier angelangt. Nun ging's Trepp' auf, Trepp' ab in den noch dunklen Häusern. Und noch andere Knaben fanden sich ein, die für andere Bäcker das Früh⸗ stücksbrot austrugen, Jeder mit seinem Korb und seinem Laternchen. Wie Irrlichter tanzten sie durcheinander, ohne daß je Eines sich in der Thür und den daran hängenden Beutel irrte. So gut hatten sie ihre Kunden und die Zahl der ihnen bestimmten Brötchen im Kopfe. Fritz hatte an die fünfzig Kunden zu bedienen, was ihn volle zwei Stunden beschäftigte. Erst gegen sieben Uhr war er fertig und zu seinem Schreck hatte er für den letzten Beutel eine Schrippe zu wenig. Daran hatte er garnicht gedacht, als ihn sein gutes Herz getrieben, den frierenden Wachtposten zu erquicken. Er mußte es dem Meister anzeigen, ehe es dieser von dem benachteiligten Kunden erfuhr. Das war nun freilich schlimm. Aber was! er würde heut nur eine Schrippe essen und morgen die fehlende nachliefern. Der Bäckermeister schmunzelte bei dieser Mitteilung des Knaben, machte aber schnell eine strenge Miene und sagte:Nun ja, ja, hungere Du nur Deine Wohlthat ab. Dem Gesellen aber gab er einen Wink, ihm die üblichen zwei Schrippen zuzuteilen. Ach, wie schmeckte nun der braune Aufguß, der mehr Zichorien⸗ brühe als Kaffee war, aber das durchfrorene Kind wonnig durchwärmte!

Zu Hause angekommen, tönte ihm auf der Treppe ein wüster Lärm aus der elterlichen Wohnung entgegen. Die Mutter schalt, die Kinder schrien und dazwischen hörte man die heisere Stimme des Vaters, der in der Nacht, wie in der letzten Zeit schon häufiger, trunken

nach Hause gekommen war. Aber wenn seine Stimme auch rauh und heiser klang, so gab er der Frau doch keine bösen Worte. Im Gegen⸗ teil, er suchte sie zu begütigen und versprach ihr heilig und gewiß, sich nie wieder vom Schnaps⸗ teufel verleiten zu lassen. Sie aber ließ nicht ab mit Kneifen und Schelten, nannte ihn einen Lumpen und Lüderjahn, drohte, sich und die Kinder zu ersäufen, und tobte in einer Weise daß Mann uud Kinder, Fritz nicht ausgenommen, der bestürzt in der geöffneten Thür stehen ge⸗ blieben war, sich vor Schreck nicht zu regen wagten.

Und doch war die Frau keineswegs bösartig von Natur. Nur die Selbstsucht hatte in ihr von früh auf, wie der Wurm in der Blüte gesteckt, und das Unglück, das sie gehabt, nur dazu gedient, ihr Gemüt zu verhärten.

Kein schmuckeres und fröhlicheres Mädchen hatte es gegeben, als Marie Grunert, als sie noch daheim auf dem großen Gute gelebt, auf dem ihr Vater Milchfuhrmann gewesen war. Jedermann hatte sie gern gehabt, von der Guts⸗ herrschaft bis zum letzten Holzknecht. Jeder⸗ mann hatte ihr etwas Schönes gesagt und etwas Freundliches erwiesen, bis sie schließlich geglaubt, daß die ganze Welt sich nur um ste drehe. Vater und Mutter hatten die böse Anlage Marien's ebenfalls genährt, indem sie ihr stets den Willen ließen; als die Mutter aber starb und der Vater eine zweite Frau nahm, da wurde es anders. Die Stiefmutter wollte Mariens Eigenwillen nicht dulden, und so hatte sich diese kurz und gut entschlossen, nach der Stadt, nach der ihr Sinn schon lange gestanden, und in Dienst zu gehen. Der Vater war zu schwach, sie an ihrem Vorhaben zu hindern und der Stiefmutter konnte nichts Lieberes geschehen. Wenn Marie aber geglaubt, in der Stadt ein angenehmeres Leben führen zu können, so hatte sie sich arg verrechnet. Sie wechselte anfangs rasch den Dienst, weil sie sich nirgend fügen wollte, bis sie endlich in ein vornehmes Haus kam, in dim sich die Herrin nicht viel um die Dienstleuté kümmerte. Hier hatte sie denn viel freie Zeit und das führte zu ihrem ersten großen Unglück. Die hübsche schlanke Dirne mit den schwarzen Augen hatte bald einen Schwarm Anbeter hinter sich gehabt, unter diesen war Einer gewesen, dessen schmuckes Aeußere und glatte Worte das unerfahrene Ding bethört hatten. Mit den heiligsten Eiden hatte er ihr die Ehe versprochen, dann aber war er eines Tages spurlos verschwunden und Maria sah sich der Schande preisgegeben. Es war eine furchtbare Entdeckung für sie. Was sollte sie beginnen? Ihr erster Gedanke war, sich das Leben zunehmen, und oft schlich sie in die Nähe des Wassers und schaute über das Geländer der Brücken in die trübe Flut. Aber das er⸗ griff sie jedesmal ein Schauder; sie hatte mehr⸗ mals Wasserleicheu gesehen, sie sahen so gräß⸗ lich aus; nein sie wollte nicht, daß sie einmal am hellen Tage so daläge und von Gaffern umstanden würde. Nachdem sie den Selbstmord⸗ gedanken aufgegeben, war ihr ganzes Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, wie sie sich des Kindes entledigen könnte. Tag und Nacht grübelte sie darüber nach. Welche Sünde sie gegen das keimende Leben damit beging, kam ihr nicht in den Sinn. Ein furchtbarer Ent⸗ schluß jagte den anderen. Bald wollte sie das Kind erdrosseln, bald ertränken, es bald im Keller, bald im freien Feld vergraben, fortge⸗ schafft mußte es werden, das stand bei ihr fest. Sich zeitlebens mit diesem Kinde schleppen, die Schande und Demütigung vor ihren Leuten er⸗ tragen, das vermochte sie nicht, und sie war überzeugt, daß wenn sie es klug anfinge, es ihr gelingen würde, das Kind heimlich bei Seite zu schaffen, wie es ihr denn auch gelang, ihren Zustand vor den Hausgenossen zu verbergen.

(Fortsetzung folgt.)

Schonet dieKätzchen!

Die Unsitte, daß Erwachsene und Kinder die ersten Triebe von Weiden u. s. w., die sog. Kätzchen abreißen und nach Hause tragen, kann

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