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Seite 2.
Mitteldeusche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 15.
zu rechnen. Neulich mahnte der Abg. Trim⸗ born in einer Zentrumsversammlung in Köln seine Parteigenossen, sich rechtzeitig auf Neu⸗ wahlen gefaßt zu machen. Darauf bestätigte die Berliner Korrespondenz eines Hamburger Blattes, daß an„maßgebender Stelle“ that⸗ sächlich sel. Auflösung des Reichstags ins Auge efaßt sei.
9 l sich die Unmöglichkeit herausstellen“, heißt es dort,„den Zolltarifentwurf im Reichs⸗ tag zur Verabschiedung zu bringen, so würde die Regierung, bevor sie sämtliche Verhand⸗ lungen mit auswärtigen Staaten über neue Handelsverträge eröffnete, zunächst an die deutschen Wähler appellieren, um rechtzeitig Gewißheit über die Zusammensetzung des Reichstags zu erlangen, der über Annahme oder Ablehnung neuer Handelsverträge zu ent⸗ scheiden haben würde.“ Auch andere ernst zu nehmende bürgerliche Blätter, so die„Köln. Volks⸗Ztg.“ und ein konservatives Breslauer Blatt bezeichneten schon vorher die Auflösung als wahrscheinlich. Aeußerungen dieser Art mögen sensationell aussehen, aber sie haben die Logik der Thatsachen für sich. Daß dieser Reichstag den Zolltarif zu Stande bringt, wird mit jedem Tage unwahrscheinlicher. Ohne die Gewährung von Diäten ist dies überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit, und Diäten will die Regierung den Kerls nun einmal nicht geben. Wozu also das Martyrium von Ob⸗ struktion riskieren, wenn die ganze Sache nach— her doch nur moralischen Wert haben soll? Wir haben also alle Veranlassung, ernstlich mit der Möglichkeit baldiger Neuwahlen zu rechnen, meint unser Leipziger Parteiblatt, dem wir vollständig zustimmen. Besonders unsere Genossen in Oberhessen müssen das be⸗ herzigen. Es heißt sich bei Zeiten gerüstet, wollen wir den Wahlkampf siegreich bestehen. Agitiere jeder nach besten Kräften, denke auch jeder daran, uns mit dem Nötigsten zum Krieg⸗ führen, nämlich mit Geld zu versorgen!
Die Zolltarifkommis sion
hat ihre Sitzungen am Dienstag wieder auf⸗ genommen. Die Verhandlungen bieten das⸗ selbe Bild, wie vor den Ferien. Die geradezu unverschämte Begehrlichkeit der Junker und die wahnsinnigen Zollforderungen der Agrarier unter Führung des Bündlers Wangenheim muß sogar Graf Posadowsky im Vereine mit den Sozialdemokraten und Freisinnigen be⸗ kämpfen.— Für alle Lebens⸗ und Genuß⸗ mittel haben die Landwirtsbündler Zölle von unglaublicher Höhe beantragt. Bei Tafel⸗ trauben z. B. erreichen die beantragten Zoll⸗ sätze 500 Prozent des Wertes! Für Aprikosen und Pfirsiche hat Herr Wangenheim 200 Mk. Zoll für den Doppelzentner beantragt! Un⸗ verpackte Aepfel werden mit 2.50, verpackte mit 10 Mk. Zoll belegt. Hagebutten und Schlehen wurden zollfrei gelassen, man sage also nicht, daß die Interessen des armen Mannes geschädigt würden!— Mittwoch war die Kommission sehr fleißig und kam bis zu Position 66. Es sind also„blos“ noch etwa 900 Posttionen zu erledigen.
Agrarische Rechenkünstler.
Jüngst ist in Jena ein Buch erschienen, betitelt:„Der deutsche Bauer und die Ge⸗ treidezölle“, worin den Agrariern nachgewiesen wird, daß sie altbewährten Regeln der Rechen⸗ kunst recht wohl ein Schnippchen zu schlagen verstehen, wenn es in ihrem(der Agrarier) Interesse liegt.
In der Denkschrift nämlich, die der deutsche Landwirtschaftsrat, die offtzielle Vertretung des Agrariertums im Reich, zum Fleischbeschaugesetz herausgegeben hat, wird im Gegensatz zu namhaften Statistikern, die nur 24 Kilogramm herausgerechnet haben, das alljährliche Fleischquantum, das nach der Durchschnittsberechnung auf jeden Deutschen käme, mit 38,8 Kilogramm angegeben. Wie diese gewaltige Differenz entsteht, das zeigt folgende Rechnung:
das Leben dgewicht für Schweine unter 1 Jahr wird mit 85 Kilogramm, für Schweine über 1 Jahr mit 119 Kilogramm angegeben.
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Auf Seite 119 ebendaselbst wird der„Be⸗ rechnung“ der Fleischproduktion ein Schlachtgewicht für Schweine unter 1 Jahr mit 80 Kilogramm, für Schweine über 1 Jahr mit 125 Kilogramm zu Grunde gelegt. Hiernach würden also die Schweine unter 1 Jahr ausge⸗ schlachtet 15 Kilogramm, die Schweine über 1 Jahr ausgeschlachtet 6 Kilogramm schwerer sein als im lebenden Zustande. Diese Art Rechnung hat ihre Vorteile. Wie man damit den unzufriedenen Konsumenten beweisen kann, daß sie viel mehr Fleisch essen, als sie zu essen geglaubt haben, so könnte man ihnen auch beweisen, daß nach Erhöhung der Zölle das Brot billiger wird! Aber am ein⸗ fachsten wär's doch, die Agrarier rechneten auf diese Weise eine glänzende Rentabilität ihrer Güter heraus. Dann wäre ja allen geholfen!
Daß die Zölle den Kleinbauern nichts nützen
gestehen jetzt die Agrarier selbst ein. Seit Jahren schon rechnen die Sozialdemokraten den Bündlern vor, daß jede geforderte Erhöhung der Getreidezölle nur den Großgrundbesitzern und nicht den Kleinbauern zu gute kommen müsse und daß demzufolge der Kornzoll ein ungeeignetes Mittel zur Hebung der Not der Landwirtschaft sei. Bisher hatten die Bündler das nicht gelten lassen wollen und die„Soli⸗ darität der gesamten Landwirtschaft“ proklamiert. Jetzt auf einmal liest mans plötzlich anders. Sogar die offiziöse„Correspondenz“ des Bundes der Landwirte giebt zu, daß die Sozialdemo⸗ kraten recht hatten. Sie schreibt nämlich in einem Artikel über Schutzzölle für Gärtnerei⸗ erzeugnisse:
Wenn das Unmögliche möglich und der Zolttarif⸗ entwurf des Bundesrats vom Reichstage angenommen werden könnte, dann würden die Parteien der äußersten Linken die Regierung und die supponierte Reichstags⸗ mehrheit später sicher vor dem Lande anklagen, daß sie alle in die Interessen der Groß gr undbesitzer dabei im Auge gehabt hätten, und das nicht ohne einen Schein des Rechts wenigstens.
Wir sind überzeugt, daß die in dem Regierungs⸗ entwurf vorgesehene unzureichende Erhöhung der Ver⸗ tragszollsätze für Getreide überhaupt keinen Vorteil für die deutschen Getreidebauer gegenüber den jetzigen Verhältnissen mit sich bringen würde; immerhin habe die Regierung doch wenigstens so gethan, als wenn sie diesen zu Hilfe kommen wolle. Den kleinsten Ackerbauern aber, mag man sie nun Kleinbauern oder Gärtner nennen, die von Gemüse⸗, Obst⸗, Blumenkultur leben sollen, ver⸗ weigert der Regierungszolltarif jedes, auch das geringste Entgegenkommen bezüglich eines Zollschutzes.
Bisher war uns, wenn wir das einseitige Interesse des Großgrundbesitzes an den Ge— treidezöllen behaupteten, von den Agrartern stets entgegengehalten worden, wirs verstehen nichts von der Landwirtschaft und können daher auch nicht mitreden. Nachdem das Organ, das in die Geheimnisse der Agrarproduktion am tiefsten eingedrungen ist und den 7.50 Mk.⸗ Mindestzoll mit Berufang auf die agrarische „Wissenschaft“ verlangt, anerkannt hat, daß der 5 Mk.⸗Zoll überhaupt keinen Vorteil für den deutschen Getreidebauer bedeute und nur die Großgrundbesitzer davon profitieren würden, werden die Bündler unseren Einwand über die Wirkung der Getreidezölle wohl oder übel als sachverständiges Urteil gelten lassen müssen.
Elbing⸗ Marienburg.
Mit knapper Not ist der Brotwucher⸗Kan⸗ didat in der Ersatzwahl im Kreise Elbing⸗ Marienburg durchgekommen. Um ein Haar hätte er sich aber einer engeren Wahl mit dem Sozialdemokraten unterziehen müssen, er ver⸗ fügt nur über ganze 11 Stimmen Mehrheit! Erforderlich war die Wahl wegen der Mandats⸗ niederlegung des Abg. Puttkamer⸗Plauth, der im Jahre 1898 mit 9346 Stimmen im ersten Wahlgange gewählt wurde, während seine sämtlichen Gegner 9172 Stimmen zusammen erhielten. Das amtliche Resultat der diesmaligen Wahl ist: v. Oldenburg(kons. Agrarier) 92053
König(Soz.) 4929 Zagermann(Cent.) 2587, Kindler(F Vp.) 1251, Wagner(NL.) 415 Stimmen. 5
Gegen die letzte Wahl haben die Freunde der Zollerhöhung etwa 1200 Stimmen einge⸗ büßt, dagegen verzeichnen die Zollgegner einen ganz erheblichen Fortschritt. Sozialdemokratie und Freisinn gewannen 1100 Stimmen wovon auf unsere Partei knapp 500, auf die Freisin⸗ nigen über 600 entfallen. Unsere Genossen können mit dem Ausgange der Wahl sehr zu frieden sein; zumal ihnen fast jede Agitation unmöglich gemacht wurde. Soztaldemokratische Wahlversammlungen haben fast gar keine statt⸗ gefunden! Wenn das Organ des Bundes der Landwirte diese Wahl als einen Erfolg der Agrarier hinstellt, so zeigt es eine Bescheiden⸗ heit, die ihm sonst nicht eigen ist.— Fraglich ist noch, ob die Wahlprufungskommisston keine Beanstandung findet.
Ein günstiges Wahlergebnis
für die Sozialdemokratie brachte eine Ersatz⸗ wahl zur Bürgerschaft in Hamburg. Unser Genosse Blume, der dort kandidiert, wurde zwar noch nicht gewählt, seine Stimmenzahl stieg aber ganz bedeutend, auf 225 gegen nur 84 im Jahre 1898! Unsere Partei gewann also 141 Stimmen, während die Gegner von denen der eine 245 und der andere 180 Stimmen erhielt, zusammen 99 Stimmen verloren haben! Selbstverständlich ist das Wahlrecht zu dieser Körperschaft ein sehr beschränktes.
Ministerposten für bewilligungseifrige Parlamentarier.
Aus Anlaß des Todes des Abg. Lieber war in verschiedenen Blättern zu lesen, daß dem Zentrumsführer nach der Durchbringung der Flotten vorlage von 1898 der Posten eines Ministers oder Ober⸗ bräsidenten angeboten worden sei. Diese Mitteilungen, so unglaublich sie erschienen, er⸗ klärte die„Köln. Volksztg.“ für richtig. „Ein parlamentarischer Freund des Ver- storbenen“ sagt in dem Zentrumsblatte, Lieber habe jene Angebote ausgeschlagen und von den Angeboten auch nur ganz wenigen Vertrauten Mitteilung gemacht, und auch diesen nur unter dem Siegel der Verschwiegen⸗ heit. Das katholische Volk und die Zentrums⸗ partei müßten es dem Verstorbenen hoch an rechnen, daß er eine hohe Stelle im Staats⸗ dienst ausschlug, die ihm in Anbetracht seiner sehr zahlreichen Fomilie aus persönlichen Rück⸗ sichten nur erwünscht sein konnte. Für Dr. Lieber sei vom Standpunkte seiner persönlichen Neigungen in erster Linie in Betracht ge⸗ kommen das Angebot eines Oberpräsidiums seiner Heimatprovinz Hessen⸗Nassau. Der damalige Oberpräsident Magdeburg war in Aussicht genommen als Präsident der Ober⸗ rechnungskammer. Die so eröffnete Vakanz sollte benutzt werden, um das Oberpräsidium in Kassel für Dr. Lieber frei zu machen.
Wenn Dr Lieber die Annahme eines ein⸗ träglichen Staatsamtes ablehnte, so that er etwas ganz Selbstverständliches. Er hätte sich selbst mit samt seiner Partei unsterblich blamiert, wenn er einen Minister oder Staats⸗ sekretär⸗Posten angenommen hätte. Zu Lobes⸗ erhebungen liegt also gar keine Veranlassung vor. Im Gegenteil. Wenn die Regierung dem Führer einer politischen Partei dafür, daß er ihr eine Vorlage durchbringen half, dersönliche Vorteile anbot, so ist das für diesen und seine Partei die schlimmste Be⸗ leidigung, die es geben kann. Verhält sich die Sache so, wie angegeben, dann muß Lieber zum Vorwurf gemacht werden, daß er sie nicht in die Oeffentlichkeit brachte. Denn dann ist die Korruption noch schlimmer als die 12000 Mark. Affaire.
Denunziantenstreiche der Mittelstands⸗
retter.
Vom„Schutzverband für Handel und Gewerbe in Mitteldeutschland“ war bei der
Kreishauptmannschaft in Leipzig die Auflö⸗
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