Ausgabe 
13.4.1902
 
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und höheren Getreidezölle wirken.

1 Almosen von den Arbeitern!

Nr. 15.

Gießen, Sonntag, den 13. April 1902.

9. Jahrg.

f Redattion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

8.

Mitteldeutsche

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Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Bei mindestens

Getreidezölle und Land⸗ arbeiterlöhne.

Von agrarischer Seite wird stets behauptet, daß höhere Zölle für die Erzeugnisse der Land⸗ wirtschaft auch höhere Löhne, nicht nur für die ländlichen Arbeiter, sondern auch für die Industriearbeiter zur Folge haben würden. Daß dies durchaus nicht zutrifft, ist nicht nur von den Zollgegnern schon öfters nachgewiesen worden, sondern es haben sogar Großgrundbesitzer im Rheinlande offen erklärt, daß sie auch nach der Bewilligung des Zolltarifs höhere Arbeitslöhne nicht gewähren könnten. Trotzdem behaupten bündlerische und antisemitische Agitatoren fort⸗ gesetzt, auch die Landarbeiter hätten Interesse an den Getreidezöllen. Dieser agrarische Schwindel wird im letzten Hefte derNeuen Zeit in einem Artikel über die Landarbeiterfrage in Ostelbien, von unserm Genossen Hofer ent⸗ schieden zurückgewiesen. Die Ausführungen des Artikels haben umso höheres Interesse, als der Verfasser selbst ein bedeutender Großgrundbe⸗ sitzer in Ostpreußen ist und ihm gegenüber also der beliebte Einwand der Unkenntnis der landwirtschaftlichen Verhältnisse, mit dem die Agrarier immer gegnerische Ansichten glauben abthun zu können, durchaus hinfällig wird.

Hofer weist zunächst nach, daß der Arbeiter⸗ mangel auf dem Lande durchaus nicht eine notwendige Folge des industriellen Auf⸗ schwungs set. Es gäbe auch in Ostelbien große Güter, die von Arbeitermangel nichts wüßten, weil sie auf ihre Arbeiter Rücksicht nehmen. Schlechte Behandlung und Löhne, noch schlechtere Wohnverhältnisse verbittern den Arbeitern das Leben auf dem Lande.

Hofer legt dann eingehend dar, daß mit der allgemeinen Einführung der Maschinen andere Verhältnisse in der Landwirtschaft Platz gegriffen hätten und diese fast ein Saisongewerbe geworden sei. Wenn soviel Arbeitskräfte vor⸗ handen wären, daß sie zur Zeit der Ernte voll⸗ auf genügten, würde im Winter die schlimmste Arbeitslosigkeit herrschen.

Dann bespricht er den Einfluß der Getreide⸗ zölle auf die Arbeitslöhne der Landarbeiter und führt aus:

Wir erwähnten, die ländlichen Besitzer Ost⸗ elbiens frohlockten über die durch die industrielle Krisis bewirkte Arbeitslosigkeit der städtischen Arbeiter. Sie hoffen, daß die Not und der Hunger die städtischen Arbeiter aus der Stadt auf das Land zurücktreiben werde.)

In dieser Richtung sollen auch die hohen Unsere Agrarter hoffen eben durch die maßlosen Ge⸗ kreidezollforderungen im neuen Zolltarif zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das Wichtigere ist natürlich die direkte Wirkung der Getreidezölle. Durch Erhöhung des Ge⸗ treidepreises im Inland zunächst die mühelose Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit. Doch diese Bettelpolitik allein ist es nicht, die die Agrarter⸗ herzen höher schlagen läßt. Höhere Getreide⸗ preise bringen den großen Besitzern nicht nur bdermehrte Geldeinnahmen, sondern dadurch, daß höhere Getreidepreise naturgemäß höhere Brotpreise im Gefolge haben, erschweren sie

vornehmlich auch den städtischen Arbeitern den Lebensunterhalt. Was die Industriearbeiter mit Hilfe der gewerkschaftlichen Organisation vielleicht in jahrelangem mühseligen Kampfe sich an besseren Lohnbedingungen errungen haben, das erstreben die Agrarier hinfällig zu machen, indem sie durch erhöhte Brotverteuerung die Lebenshaltung der Arbeiter wieder herab⸗ schrauben. Die Industriearbeiter hätten somit ihre gewerkschaftlichen Kämpfe um Lohn⸗ erhöhung nur für die Agrarier geführt! Der Happen, den sich die Arbeiter von den Industrie⸗ protzen vielleicht ertrotzt haben, soll ihnen von den Agrariern fortgeschnappt werden. Daran ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen natür⸗ lich gar nicht zu denken, daß die Industrie⸗ arbeiter die Mehrausgabe für das tägliche Brot ihrerseits durch Erkämpfung höherer Löhne von den Unternehmern wieder wett machen könnten. Die industriellen Unternehmer suchen ja im Gegenteil Lohnreduktion vorzunehmen und die gewerkschaftlich bestorganisierten Ar⸗ beiter haben vollauf zu thun, Angriffe der Unternehmer abzuwehren. Die agrarischen Unternehmer hoffen also, daß die durch die Ge⸗ treidezollerhöhung bewirkte Brotverteuerung die städtischen Arbeiter in Masse auf das platte Land, speziell nach Ostelbien, zurücktreiben wird. Für die Agrarier erwächst aus dem Zolltarifgesetzentwurf also Profit auf zwei Enden. Direkt durch höhere Preise, indirekt durch vermehrte und somit auch verbilligte Arbeitskräfte. Selbstredend verbilligte Arbeits⸗ kräfte! Unsere Agrarier allerdings versichern mit frommem Augenaufschlag, daß sie den höheren Ertrag aus den Getreidezöllen im Wesentlichen dazu benutzen wollen, ihre Arbeiter besser zu bezahlen. Glücklicherweise glaubt das heutzutage wenigstens kein vernünftiger Mensch mehr. Die Landarbeiterlöhne waren am niedrigsten in jener Zeit, als die Agrarier noch unverhältnismäßig schuell wohlhabend und reich wurden. Die Landarbeiterlöhne sind gestiegen gerade in den letzten zehn Jahren, in denen ganz besonders kräftig das Notstands⸗ lied der Argrarier ertönt. Die Landarbeiter⸗ löhne hängen eben nicht ab davon, ob die Agrarier mehr oder weniger Profit haben, sondern allein von dem Angebot und der Nach⸗ frage nach Arbeitern!

Nun behaupten die Agraxier, abgesehen davon, daß sie vorgeblich den höheren Ertrag durch die Getreidezölle zur Lohnaufbesserung für ihre Arbeiter benutzen wollen, daß außer⸗ dem durch die Getreidezölle die kleinen Besitzer, und worauf es hier ankommt, auch die Land⸗ arbeiter Nutzen hätten. Die Herren glauben das ja selbst nicht. Wir wollen aber in ihrem Interesse annehmen, daß sie diese Behauptung nur aufstellen, um vor der Oeffentlichkeit nicht gar zu sehr erröten zu müssen.

Die Landarbeiter hatten Interesse an Ge⸗ treidezöllen in jener Zeit, als der Akkord⸗ drusch mit dem Flegel die Grundlage ihres Lohnes bildete, als sie vom 1. Oktober bis zum 1. April auf der Scheunentenne den Flegel zogen und den dreizehnten, zwölften oder elften

Scheffel der gesamten Ernte erhielten. Die

Maschine hat auch hier ihre umstürzlerische Arbeit verrichtet. Heute sind die Landarbeiter mit ganz geringen Ausnahmen, die aber auch

bald verschwunden sein werden, auf einen festen, bestimmten Lohn gestellt. Wenn der konser⸗ vative Abgeordnete von Massow kürzlich im Reichstag geäußert hat, daß seine Arbeiter an Getreidezöllen interesstert wären und pro Familie etwa achtzig Zentner Getreide jährlich verdienten, so deutet das allerdines darauf hin, daß bei diesem Herrn noch das alte Lohnsystem existiert. Nun, dieses veraltete, rückständige Lohnsystem mag ja auf der Besitzung des Herrn von Massow ganz am Platze sein und zu allem Uebrigen passen, zeitgemäß ist es aber nicht. Die Landarbeiter bekommen heute eben nur so viel Deputatge⸗ treide, als sie für ihren Haushalt notgedrungen brauchen. Sehr oft müssen sie aber heute schon Getreide zukaufen. Fraglos aber zeigt die weitere Entwicklung des Lohnsystems auf den Weg hin, an Stelle des Naturallohns in immer höherem Grade den Geldlohn treten zu lassen. Je mehr der Boden in Kultur kommt, je höher die Getreidepreise steigen, um so schneller wird diese Umwandlung des Entloh⸗ nungssystems auf dem Lande sich Bahn brechen. Waren die Landarbeiter noch vor zwanzig oder deeißig Jahren an den Getreidepreisen interessiert, hat es eine Zeit gegeben, in der die Getreide⸗ preise dem Landarbeiter gleichgiltig waren, so macht sich heute und von Jahr zu Jahr mehr die Thatsache geltend, daß auch die Lan d⸗ arbeiter direkte Gegner von Ge⸗ treidezöllen sind und in immer höherem Grade werden müssen. 5

Wie thöricht ist es von unsern ländlichen Besitzern, anzunehmen, daß die Landarbeiter Ostelbiens, speziell Ostpreußens, bei der allge⸗ meinen Wahl 1898 nur deswegen zum großen Teile sozialdemokratisch stimmten, weil vielleicht etwas mehr wie bei früheren Wahlen von sozialdemokratischer Seite agitiert wurde. O nein, der Sozialdemokratie fielen die Früchte beim Schütteln reif und überreif in den Schoß, weil sie an der Sonne der ökonomischen Um⸗ wälzung gezeitigt waren. Die Konservativen und Agrarier haben heute keinen Köder mehr für die Landarbeiter auszuwerfen. Die ver⸗ änderten Verhältnisse haben eine Aenderung des Lohnsystems bewirkt, und das Interesse der Landarbeiter hat heute absolut nichts mehr gewein mit dem ihrer Arbeitgeber. Mit dem Erwachen der Landarbeiter rückt der demokrat ische Gedanke an die Sonne der Wirklichkeit, wird die sozialistische Bewegung unwiderstehlich.

Und was Hofer hier über die Arbeiterver⸗ hältnisse bei den ostelbischen Junkern und deren Agitation für die höheren Zölle sagt, hat genau ebenso für die Agrarier des Westens Geltung.

*Das thun nicht blos die Ostelbier. Beispiels⸗ weise schrieb im Herbst 1900 die antisemitische Offen⸗ bacherVolkswacht: Freuen wir uns rücksichtslos, ja herzlos des kommenden Krachs, denn er bringt uns. die Entlassung einer Armee, von Arbeitern, die.... uns die Felder bestellen hilft. Darum: Sei willkommen, o Krach! ee

politische Rundschau.

Gießen, den 9. April. Auflösung des Reichstags?

Mit einer Auflösung des Reichstags beginnen politische Kreise jetzt mehr und mehr