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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung.
Nr. 47.
Reichs⸗ und Landtagswahl sollte ein jeder überzeugte Arbeiter wissen, daß er in Klimbim⸗Vereinen, die ihn von ernsten, aber notwendigeren Aufgaben abhalten, nichts zu suchen hat. Die Anforderungen an unsere parlamentarische Vertretung werden immer größer, sodaß es nur allzu begreiflich ist, daß wir für eine bessere Füllung unserer Kriegskassen sorgen müssen. Das kann geschehen, wenn wir derartige Vereinsbeiträge im Interesse unserer selbst der Partei zur Verfügung stellen.
Man wird zugeben müssen, daß diese Kritik durchaus berechtigt ist und auch für andere Gegenden zutrifft. Wir sagen durchaus nichts gegen Arbeiter⸗-Gesang⸗ und Turnvereine, diese haben gewiß ihre Berechtigung; aber es giebt eine Menge anderer, die keinen irgendwie ver⸗ nünftigen Zweck haben und wo die Arbeiter nur ihre Zeit und Geld verzetteln.
— Von der Landtagswahl in Gießen sieht und hört man nichts. Tiefe Ruh' ist da über allen Wipfeln. Man sollte doch meinen, daß der bisherige Abgeordnete sich weaigstens veranlaßt fühlte, über die Thätigkeit einiger⸗ maßen Bericht zu erstatten. Dazu würde er sich wohl auch sofort bereit erklären; aber die bürgerlichen Wähler fragen den Teufel danach, was ihr Abgeordneter gethan und wie er ge⸗ stimmt hat. Sie räsonieren höchstens hinter ihren Stammtischen über dieses oder jenes ihnen mißliebige Gesetz, das ist aber auch Alles. Das sich Herr Gutfleisch mit seinem Bericht nicht aufdrängt, können wir ihm noch gar nicht übel nehmen. Was soll er sich denn anstrengen, wo es gar nicht verlangt wird? Umso notwendiger für uns, für alle„Kleinen“ und Besitzlosen, selbständig e— In Mainz wollen nach neueren Nachrichten die Freisinnigen für unsere Kandidaten eintreten.— Eine Mel⸗ dung, daß in Friedberg unsererseits eine n e aufgestellt sei, dürfte unzutreffend ein.
— Schwurgericht für Oberhessen. Am Samstag stand der Thomas Bong aus Alsfeld wegen Meineid vor den Schranken. Er soll den Meineid vor der Gießener Straf⸗ kammer geleistet haben, als er in einer Dieb⸗ stahlssache als Zeuge vernommen wurde. Der Angeklagte macht den Eindruck eines geistig Beschränkten; ärztliche Sachverständige erklären ihn auch für nicht ganz zurechnungsfähig. Staatsanwalt Reuß beantragt selbst, die Schuld⸗ fragen zu verneinen. Das geschieht und der Angeklagte wird freigesprochen.— Wegen Verbrechens im Amt hat sich am Monsßg der Bürgermeister Möser von Bobenhausen zu verantworten. Er soll Erlöse bei Ver⸗ steigerungen falsch beurkundet und sich dabei Vorteile verschafft haben. Es handelt sich um lächerlich geringe Beträge. Er wird zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.— Ein weiterer Meineidsprozeß kam Dienstag zur Verhandlung. Angeklagt ist Tagelöhner Loth von Nieder⸗Ohmen. Er wurde freige sprochen.
—„In Gießen giebts keine Arbeits— losen!“ Wer sagt das? Das steht groß und breit im Gießener Amtsblatt. Wie der Anzeiger dazu kommt, eine derartige Behaup⸗ tung aufzustellen, ist unbe ꝛreiflich. Jedenfalls ist für ihn dann erst Arbeitslosigkeit vorhanden, wenn Hunderte Beschäftigungsloser die Straßen bevölkern. Nach unserer Kenntnis giebt es leider auch hier eine für diese Jahreszeit gar nicht geringe Anzahl Arbeitsloser aus allen Berufen.
— Das Stiftungsfest des Schneider⸗ verbandes, Zahlstelle Gießen, das am Samstag in Café Leib stattfand, war außer⸗ ordentlich zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf.
Aus dem Rreise gießen.
8. Erwerbung der hess. Staats⸗ angehörigkeit. In Lollar soll, wie man uns von dort mitteilt, am Sonntag, den 19. Oktober im Lokale„Zur Germania“ bei Wirt Kübler nachmittags 3 Uhr eine Ver⸗ sammlung stattfinden, in der näher aus⸗ einandergesetzt werden soll, welche Formalitäten zur Erwerbung der Staatsangehörigkeit zunächst notwendig sind. Es ist ganz gut, wenn hier in Lollar die Sache etwas energischer betrieben
wird, denn hier giebts Hunderte Einwohner, die seit Jahrzehnten hier wohnen, aber noch keine Hessen geworden sind und deshalb auch bei den Wahlen nichts mitzureden haben. Wer sich also darüber genauer unterrichten will, was zuerst zu thun ist, um hess. Staatsbürger zu werden, der versäume den Besuch der Versamm⸗ lung nicht.(Bei dieser Gelegenheit möchten wir, wie schon früher einmal, darauf hinweisen, daß es zweckmäßig ist, sich über Geburtstag und Ort seiner Eltern und seines Großvaters väterlicher Seite genau zu informieren. D. R.)
Aus dem Rreise Alssesd-Cauterbach.
r. Herr Bindewald, der ritualmord⸗ gläubige Abgeordnete für unsern Wahlkreis und treuer Sancho des Dreschgrafen Pückler hielt in einer der letzten Sitzungen der Zolltarif⸗ kommisston eine heitere Rede. Er trat da für die Forderungen des Bundes der Landwirte ein, und machte sich die Drohungen des sächstschen „Vaterland“ zu eigen, das bekanntlich den Sturz der Throne in Aussicht gestellt hat. Die Bauern würden Sozialdemokraten werden, wenn der 7,50 Mark⸗Zoll nicht angenommen würde. Ohne genügenden Schutz würde der Bauernstand in seiner„Ur wüchsigkeit“ nicht er⸗ halten werden können. Der Junker Graf Kanitz war ganz entzückt von dieser Rede des Kunstmalers, über dessen Kunst sein Partei⸗ freund Liebermann in so wenig respektvoller Weise urteilte. Wie kommt es aber, daß Bindewald auf einmal für den 7,50 Mk.⸗Zoll⸗ wucher eintritt? Trat er nicht in der Ver⸗ sammlung in Alsfeld am Anfang dieses Jahres entschieden gegen die bündlerische Forderung und für die Regierungsvorlage ein? Wagte er damals nicht, sich vor den Alsfelder Handwerkern und Kleinkaufleuten, die selbst⸗ verständlich durch die Zölle empfindlich geschädigt werden, für die unverschämten Junkerforderungen zu erklären? Ein sehr wandlungsfähiger Politiker!
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Der Schacher um den Wetzlarer Wahlkreis. Ueber den von uns in der letzten Nummer schon erwähnten christlichsozial⸗ antisemitischen Kuhhandel ließ sich Stöcker auf dem Parteitage in Siegen folgendermaßen aus:
Gegen die Soztaldemokratie stehen wir nur in Kampfesstellune. Mit dem Antisemitismus haben wir mannigfache Berührungen. Einen Konflikt haben wir freilich im Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen mit ihm gehabt, wo unser christlich⸗ sozialer Kandidat mehr Stimmen erhalten hatte als der antisemitische. Durch Besprechungen mit dem Ab g.(?) Hirschel war auch der Wahlkreis uns über⸗ lassen. Nun hat der Abg.(2) Zimmermann das wieder rückgängig gemacht. Wir wollen den Kampf nicht mit den Antisemiten, und da außerdem, wenn beide Richtungen nicht zusammengehen, ein Kandidat keine Aussicht hätte, so sind wir einstweilen zurückgetreten von diesem Wahlkreis. Freilich können wir nicht dafür einstehen, daß diejenigen, die den christlich⸗sozialen Kandidaten wählten, nun auch den Antisemiten wählen. Das haben wir nicht in der Hand.
Und dem fügte Herr Dr. Burckhardt⸗ Godesberg(der christlich⸗soziale Kandidat für Wetzlar) hinzu:
Die wahrscheinliche Folge des antisemitischen Vor⸗ gehens in Wetzlar⸗Altenkirchen wird die sein, daß in dem überwiegend evangelischen Wahlkreis es zur Stich⸗ wahl zwischen Sozialdemokratie und Ultramontanen kommen wird.
Hoffentlich hat Herr Burckhardt recht mit seinen Befürchtungen. Wenigstens wollen wir das Unsere thun, daß es so kommt. Die Wähler 1 0 Esel sein, wenn sie sich so verhandeln ießen.
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
St. Todesfall. In der Nacht zum Mittwoch starb hier nach längerem Asthma⸗ Leiden der erst kürzlich nach dem Verkauf seines Besitztums in den Ruhestand getretene„Vater“, Herr Konrad Müller, eine nicht nur in Marburg und der näheren Umgebung, sondern
weit über die Grenzen Deutschlands hinaus
bekannte persönlichkeit. Er war ein Ehrenmann in des Wortes vollster Bedeutung, und auch als solcher von Jedermann geachtet. Wenn er auch nicht zu den Unsrigen zu zählen war, so war er doch stets bereit, wenn es galt, für irgend einen guten Zweck in die Tasche zu greifen— und er konnte dies ja auch. Er hat die wohlverdiente Ruhe leider nicht lange genießen können; am 1. Oktober zog er aus seinem Geburtshause, der„Herberge zur Stadt Braunschweig“ am Hirschberg, in das gegen⸗ überliegende Haus, wo er nach 8 Tagen bereits verstarb. Die Ma burger Arbeiterschaft wird ihn in gutem Andenken behalten.
— Streik der Freiwilligen Feuer⸗ wehr! Wie die„Hess. Landesztg.“ berichtet, ist die Bedienungs⸗Mannschaft der 1 80 Land⸗ spritze, bestehend aus einer Abteilung der Frei⸗ willigen Feuerwehr, wegen der Verweigerung der Genehmigung zu ferneren auswärtigen Uebungen derselben(die alljährlich einmal im Herbst vorgenommen wurden) settens des Ober⸗ bürgermeisters, in den Streik eingetreten, indem die Mannschaft in einer kürzlich abgehaltenen Versammlung beschloß, den Oberbürgermeister von diesem Schritt durch eine Eingabe, mit sämtlichen Unterschriften der Mitglieder versehen, in Kenntnis zu setzen. Ob sich unter diesen Umständen andere Mannschaften der Freiwilligen Feuerwehr zu der Bedienung der Spritze bereit finden werden, ist sehr zu bezweifeln. Wenn aber nun— was doch hier auch passteren kann— ein größerer Brand in der Umgegend ausbricht, und dringend um Hilfe ersucht wird, was soll dann werden? Eine vorzügliche neue Spritze ist zwar für einen solchen Fall vorhanden, aber keine Bedienungs⸗Mannschaft. Es ist eigen⸗ tümlich, welche Zustände in dieser Beziehung hier herrschen. Erst vor Kurzem berichteten wir von der großen Gefahr, in welcher unsere Stadt schwebte, als die Geräte der Freiwilligen Feuerwehr stillschweigend ohne Kenntnis der letzteren in ihre neuen Unterkunftsräume geschafft wurden. Und nun wieder ein Krach! Es ist hohe Zeit, daß hier endlich einmal Wandel geschaffen wird.
— Ein Marburger Original, Fritz Stell, welcher seit langen Jahren bei„Mutter Grün“ oder günstigen Falles in einem Stalle nächtigte, sonst aber ein harmloser guter Mensch war, wurde am Sonntag früh an einem Latten⸗ zaun stehend, den Kopf zwischen zwei Latten eingeklemmt, tot aufgefunden.
Aus dem Reiche des Kapitalismus.
Ein bemerkenswerter Prozeß wird seit länger als einer Woche in Neuwied a. Rh. verhandelt. Angeklagter ist der frühere Direktor der Fabrik säure⸗ und feuerfester Produkte in Nauheim⸗Wirges A. L. Böing. Zu diesem Unternehmen, das vor etwa 2 Jahren in Konkurs geriet, gehört auch die Glasfabrik in Wirges, die jetzt in den Besitz des Dresdener Siemens übergegangen ist. Der Angeklagte soll durch Fälschung der Bilanzen die Aktionäre geschädigt und sich einen Vermögensvorteil verschafft haben. Und die Summen gehen in die Milltonen, um die es sich hier handelt. Das Unternehmen muß überhaupt äußerst lüderlich verwaltet worden sein. Vorstsender des Aufsichtsrates war eine Zeit lang der Justizrat Reatz in Gießen. Gegen diesen wurden in einer Generalversammlung der Aktionäre die schwersten Vorwürfe erhoben, die später in der Köln. Ztg. und der Frkftr. Ztg. wiederholt und noch ver⸗ schärft wurden. Eigentlich ist verwunderlich, daß Reatz nicht mit angeklagt ist.
Der Konitzer Mord
70 noch die zanze Woche das Berliner Gericht eschäftigt. Riesige Stöße Akten kamen zur Verlesung, die viele Stunden in Anspruch nahm. Im Verlauf des Prozesses wurden fast alle damals in Konitz in der Winterschen Mordsache thätig gewesenen Richter, Staatsanwälte und Kriminal⸗Kommissäre als Zeugen vernommen. Im Allgemeinen geht aus der Beweisaufnahme hervor, daß in dem Konitzer Prozeß eher zu viel als zu wenig gegen die Juden geschah.
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