Ausgabe 
12.10.1902
 
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Nr. 41.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

bedeckte den Sarg und füute noch zwet Wagen. Unter den Trauergästen bemerkte man Jaure 8, Oberst Picquart, Mathieu Dreyfus, Brisson, Reinach, Labori, den Kabinetschef des Minister⸗ präsidenten Combes als Vertreter desselben u. a. m. Als der Sarg aus dem Hause getragen und in den Leichenwagen gehoben wird, präsentirt die kommandirte Ehrenkom⸗ pagnie und dumpfer Trommelwirbel ertönt. Die Menge entblößte ihr Haupt und unter lautloser Stille setzte sich der Leichenzug nach dem Friedhof des Montmartre in Bewegung. Auf der Place de la Trinité und der Place Clichy waren die an dem Leichenbegängnisse teilnehmenden Vereinsabordnungen aufgestellt. Alle trugen rote Immortellen im Knopf⸗ loche und führten Kränze mit sich. Kein Mißton verlautete. Die das Spalier bildende republi⸗ kanische Garde präsentiert die Gewehre, als der Leichenwagen erscheint. Alle Häupter entblößten sich auf dem ganzen Wege, den der Zug nahm unter lautloser Stille. Ueberall beobachtete die Menge eine achtungsvolle Haltung. Nach 1 Uhr traf die Spitze des Zuges am Friedhofe des Montmartre ein. Der Zug bewegte sich laugsam nach dem Mittelpunkte des Friedhofes, der von einem Platze gebildet wird. Der Leichenwagen hält. Die Familien⸗ mitglieder und Freunde des Verblichenen stellen sich bei dem Sarge auf. Der Unterrichts⸗ minister Chaumié hält hier eine Ansprache. Er führte aus, der Tod Zolas verursachte in der ganzen Welt das Gefühl großer Bestürzung. Italien, dem Zola durch die Bande der Ab⸗ stammung verbunden war, habe er totschmerz lichst getroffen.

Nachdem ein Vertreter des Schriftsteller⸗ Vereins gesprochen, ergriff Anatole France das Wort. Er rühmte das literarische Wirken des Verblichenen, der das soziale Elend be kämpfte, wo er es antraf. Er erinnerte an die Opfer, die Zola für die Gerechtigkeit und Warheit gebracht, und wie er denjenigen ent gegengetrelen sei, die einen Unschuldigen ver⸗ nichten wollten. Die Lügen und Verbrechen Jener dürften nicht verschwiegen werden. Dann wies der Redner hin auf das mutige Verhalten Zolas in der Dreyfuß-Affatre, das ein Wut⸗ gebrüll bei den Reattionären hervorgerufen habe. Aber niemals konnte in jenen unheilvollen Tagen seine Standhaftigkeit erschüttert werden. Sein mutiges Wort war ein Weckruf für Frankreich. Die Folgen jener That waren unberechenbar und führten zu der sozialen Gercchtigkeitsbewegung, die nicht eher Halt machen wird, bis aus ihr ein neuer auf größerer Gerechtigkeit und auf tieferer Kenntnis der Rechte Aller beruhender Stand der Dinge hervorgeht. Redner führt aus, Frankreich sei dasjenige Land, in dem diese große Dinge zur Vollendung gebracht werden könnten, und schließt: Wir wollen den Verblichenen nicht darum beklagen, daß er gelitten, sondern ihn beneiden. Nachdem die Reden vorüber waren, zogen die Teilnehmer in unabsehbarem Zuge in größter Ordnung in ehrfurchtsvollstem Schweigen an dem Sarge und der Familie vorbei. Dem Abg. Jaureés, sowie dem aus dem Dreyfuß⸗Prozeß bekannten Oberst Piquart und den Verteidiger Dreyfus', Labori, wurden nach dem Leichbegängnis Ovationen dargebracht. Man rief: Hoch die Wahrheit! Hoch dei Republik! Auch Alfred Dreyfuß wohnte dem Begräbnis bei, das trotz der kolossalen Menschen⸗ ansammlung ohne Zwischenfall verlief.

Liebet Eure Feinde! Wie dieses christliche Gebot von der christlichen Presse beobachtet wird, dafür liefert ein in Speyer

erscheinendes katholisches Sonntagsblatt:Der christliche Pilger ein Beispiel. Dieses christliche Organ schrieb kürzlich zu Zola's Tode:Zola, ein Romanschriftsteller, Gotteslästerer und Spötter über die Muttergottes, ein Mistfink crster Klasse und ein Räuber vieler unsterb⸗ licher Seelen, ist ertweder an Kaminrauch erstickt oder er hat sich selber irgendwie umge⸗ bracht. Parole; Schwein furt! Welche unglaublich niedrige Gesinnung wird durch diefe Gemeinheit bekundet! Redakteur des Schmutzblattes ist Domvikar Molz in

Speyer.

Jour hessischen Landtagswahl.

Die Bestimmungen des Wahlgesetzes zum hessischen Landtage sind noch lange nicht so bekannt, wie es notwendig wäre. Unkenntnis derselben bringt aber Nachteile; und unsere Genossen müssen sich deshalb mit diesen Vor- schriften genau vertraut machen. Wir bitten unsere Freunde, Nachstehendes zu beachten.

Die Wählerlisten werden wie bei der Reichstagswahl zur Einsichtnahme auf den Bürgermeistereien ausgelegt, doch nur während dreier Tage, am

13., 14. und 18. Oktober.

Wahlberechtigt ist und muß demnach in die Wählerlisten eingetragen werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der seit dem 1. April 1902 irgend welche(Staats- und Kommunal) Steuern zahlt.

Zwei Wahlgänge sind bei der Landtags⸗ wahl erforderlich. Im ersten Wahlgang wählen die Urwähler die Wahlmänner; im zweiten Wahlgang, der etwa 8 Tage später stattfindet, wählen die Wahlmänner den Abgeordneten.

Zum Wahlmann kann jeder 25 Jahre alte Hesse gewählt werden, der mindestens zur vierten Klasse der staatlichen Einkommen steuer herangezogen ist, also wenigstens 11 Mk. das Jah Staats⸗Einkommensteuer bezahlt. In der Wählerliste ist jeder Wähler, der als Wahl⸗ mann fungieren kann, besonders gekennzeichnet.

Die Wahl der Wahlmänner erfolgt am 29. Oktober. Die Bürgermeistereien machen bekannt, zu welchen Stunden ünd in welchem Lokale die Wahl stattfindet.

Gewählt sind Diejenigen, welchen die meisten Stimmen zugefall en sind. Die Ab geordnetenwahl findet am 8. No vember statt, dazu erhalten die Wahlmänner wenigstens 2 Tage vorher eine Einladung des Wahl kommissärs.

Es müssen wenigstens zwei Drittteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeordueten abstimmen.

Als Abgeordneter wählbar ist jeder Urwähler. Gewählt ist, wer die Stimmen von mehr als der Hälfte der Wahlmänner auf sich vereinigt. Ergiebt sich bei der ersten Abslimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und Derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stimmen hat. Stichwahlen finden also nicht statt.

Die Abstimmung, sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahl⸗ gang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner(weiter Wahlgang) ist geheim. Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimmzettel, die zusammengelegt sein müssen.

Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner zu wählen sind.

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Der Kuddelmuddel in Offenbach ist fertig. Die bürgerlichenOrdnungsparteien, die Liberalen und die Zentrun eleute, die anderswo, z. B. in Bayern, einander am liebsten auffressen möchten, haben sich auf einen Kandi daten geeinigt und treten Arm in Arm für den liberalen Großfabrikanten und Stadtverordneten Louis Feistmann ein. Der soll also den bisherigen bewährten Vertreter Offenbachs im hessischen Landtage, Genosse Ulrich, verdrängen. Fraglich ist allerdings, ob die Wähler mit diesem Mischmasch einverstanden sind.

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In Mainz fand am Montag Abend auf Einladung der nationalliberalen Partei eine Besprechung zwischen Vertretern der liberalen Parteien und der unseren statt, in welcher die bevorstehende Landtagswahl erörtert wurde. Das sozialdemokratische Wahlkomitce hatte die Genossen David, Haas und Lieb- maun dorthin entsandt. Auf die an unsere Vertreter gerichtete Anfrage, ob unsere Partei ewillt sei, eines der seither innegehabten Vanda Mandate preis zu geben, zu Gunsten einer neutralen Kandidatur, erfolgte seitens des Genossen Dr. David die von ihm näher motivierte Erklärung, daß sie unter

keinen Umständen freiwillig auf eines der Landtags⸗Mandate verzichteten. Die Pflicht gegen unsere Partei aber gebiete es, die seit etwa 18 Jahren innegehabten Mandate zu verteidigen. Vereinigten sich die bürgerlichen Parteien gegen uns, so würden wir mit desto größerer Thatkrast den Kampf aufnehmen. Unterlie ge un sere Pertei, dann sei die Nieder⸗ lage eine sür uns ehrenvolle. Damit hatte die Unterredung ihr Ende erreickt. Oberbürger⸗ meister Dr. Gaßner, den von den Liberalen die Kandidat un angetragen worden war, hat dankend mit dem Vemerken abgelehnt, daß ihm seine Pflichten als O berbürgerm eister längere Abwesenheit nicht erlaubten. Nun müssen sich dieMischmaschpoliciker nach einem anderen neutralen Kandidaten umsehen.

Parteigenossen! Erwerbt die hessische Staatsangehörigkeit!

Die Landtagswahlen stehen vor der Thür und wer bis zur Wahl nicht hessischer Staatsbürger ge⸗ worden ist, hat kein Recht bei derselben mitzuthun, gleichviel wie lange er schon in Hessen wohnen und Steuern zahlen mag. Da liegt es nun im Interesse eines jeden Nichthessen dafür zu sorgen, daß er die hessische Staatsangehörigkeit erhält, um sich das Mit⸗ bestimmungsrecht bei der Vertretung des Landes in der

Zweiten Kammer der Stände des Großherzogtums zu sichern.

Darum auf! Partei« und Gesin⸗ nungsgenossen! Holt nach, was in dieser

Richtung versäumt ist! Erwerbt die hessische Staats⸗ angehörigkeit, denn jeder, der sie erworben hat, gleichviel wie lange er nachdem im Land wohnt, ist wahlberechtigt. Wer bei der im Spätsommer oder im Herbst d. J. zu erwartenden Wahl mitmachen will, muß ungesäumt die erforderlichen Schritte thun, um Hesse zu werden. Deshalb Arbeiter! Bürger! Werdet hessische Staatsangehörige, damit Ihr wählen könnt! Das Zentral⸗Wahlkomitee der sozialdemokratischen Partei.

ö Gießener Angelegenheiten.

Vereinsmeierei. Auf dem Münchener Parteitage kam auch ein Antrag zur Beratung, der sich gegen die auch unter Arbeitern immer mehr überhandnehmende Vereinsspielerei richtete. Mit Recht wurde von Genossen, die dazu sprachen, hervorgehoben, daß leider noch ein großer Teil Arbeiter auch politisch organi⸗ sierter für alle möglichen Vergnügungs und Unterhaltungsklubs viel Geld übrig hat. Ueber dieses Uawesen klagte neulich auch ein Genosse in einer Zuschrift au u. ser Offenbacher Partei⸗ organ, dem er schrieb:

Viele Arbeiter, die ihre Klassenlage und Klassen⸗ pflichten noch nicht ganz begriffen haben, fröhnen meistens unter großen Opfern diesen Auswüchsen unseres Vereins⸗ lebens. Kommt man aber diesen Leuten einmal mit einer Erhöhung der Parteibeiträge, so droht man mit Austritt u. dgl. Aber nicht nur in dieser Hinsicht üben diese Vereine einen schädlichen Einfluß aus, sondern sie hemmen auch die Aufklärungsarbeit im Allgemeinen. Durch die vielen Vereinsabende werden die Mitglieder von ihren wahren Interessen abgelenkt; man begeistert sich da wie kleine Kinder über einen neuen Hampelmann und über die lächerlichsten Dinge streitet man sich mit ernster Miene. Die Arbeiter, die in diesen Verelnen ihr Ideal erblicken, reifen zu richtigen Spießern und Kirch- tumspolititern heran. Alle Veranstaltun gen, die von der Partei odet den Gewerkschaflen ausgehen, müssen sich nach diesen Vereinsstunden richten, wie dies ja auch von einem Delegierten auf der Bürgeler Konferenz an einem drastischen Beispiel gezeigt wurde. Aber nicht genug damit Diese Vereinsmeierei trägt auch selbst viel zur Uneinigkeit unter den Arbeitern bei.(Hierfür werden dann aus einer Anzahl Orte drastische Beispiele an geführt.) Gegen dlese verderbliche Vereinsmeierei muß unbedingt Front gemacht werden, ehe das Uebel noch weiter um sich greift. Denn nur allzu häufig kann man die Beobachtung machen, daß man, um die Ver einsbeiträge zahlen zu löanen, die Ausgaben für das Parteiorgan oder die Gewerkschaft scheut. Angesichts der ernsten politischen Lage und der bevorstehenden

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