Ausgabe 
12.10.1902
 
Einzelbild herunterladen

8

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituno.

Nr. 41.

Es fürchtet seine rheinischen Arbeitermassen, die schon lange mit der Haltung der Zentrums partei in der Zollfrage unzufrieden sind und sich nicht scheuen, ihrem Mißmut Ausdruck zu geben. Auf der anderen Seite möchte die Partei des Volksverrats wenigstens die Regier⸗ ungsvorlage vor einer Niederlage und end gült'gen Verwerfung bewahren helfen. Ihre führenden Organe beschwören deshalb die Konservativen, die Vorlage in der jetzigen Form durchdrücken zu helfen. Mit der Eut scheidung über den Zolltarif sei die Entscheidung über rein politische Fragen tiefgreifender Art verknüpft. Fällt der Zolltarif, so sei das ein Sieg der Sozialdemokratie; unter diesem Eindrucke müßten daun auch die Neu⸗ wahlen vor sich gehen. Auf die Ankün⸗ digung unserer Partei, daß sie alles thun werde, um den Hungertarif zu beseitigen, ant wortet die Zentrumspresse mit der Drohung, die Geschäftsordnung des Reichstags zu ändern.

Man möchte also den Zollgegnern ganz den Mund stopfen, mit Gewalt das Lebensmittel⸗ wuchergesetz durchdrücken. Ob das den Brot verteurern so leicht gelingt, werden die nächsten Wochen ja zeigen. Von unserer Seite wird alles geschehen, um das Attentat der Junker auf das Volkswohl zurückzuschlagen und wir erwarten die bevorstehenden Kämpfe mit Sieges⸗ zuversicht.

Nicht ladenreiner Bündlerführer.

Dem Direktor des Bundes der Landwirte in Posen, Major Endell, wurden schon voriges Jahr böse Dinge nachgesagt. Er sollte als Vorsitzender der Landwirtschaftskammer längere Zeit hindurch sich Beträge aus der Kasse, die aus Staatszuwendungen und Beiträgen der Landwirte gefüllt wird, entnommen haben, ohne dazu irgendwie berechtigt zu sein. Diese An⸗ schuldigungen wurden bis ius einzelne begründet. Aber Herr Endell wußte damals unverfängliche Erklärungen für sein Verhalten zu geben, seine Freunde vom Bunde der Landwirte stellten ihm eine Ehrenerklärung aus, er wurde wieder in den Vorstand der Landwirtschaftskammer ge⸗ wählt und sein Einfluß ist größer als vorher. Jetzt erhebt ein Revlsor der landwirtschaftlichen Genossenschaften, Bühring, in einer Broschüre wieder schwere Anschuldigungen. Danach schul⸗ dete Endell einer Genossenschaft, deren Direktor er war, 18000 Mk., obwohl statutengemäß den Mitgliedern nicht mehr als 6000 Mk. kreditiert werden dürfen. Außerdem sollen Tausende von Mark unterschlagen worden sein. Der Herr Major hat Klage erhoben. Die Gerichtsver⸗ handlung wird ja dann das Weitere ergeben.

Naumann nebst Anhang.

DiePartei, welche sich seit einem Jahr⸗ zehnt Mühe giebt, die Sozialdemokratieabzu⸗ lösen mit dem Erfolge, daß die Einsichtigen unter ihnen zu uns übertreten die National- sozialen nämlich, hielten vergangene Woche in Hannover ihren Parteitag ab. Unklarheit und Zerfahrenheit beherrschte die Tagung. von Gerlach erklärte u. a., der Kapitalismus sei notwendig als Grundlage aller kulturellen Entwicklung; Dr. Ruprecht trat in einer Polemik gegen Naumann für das hakatistische Vorgehen der Regierung gegen die Polen ein, Geinert ärgerte sich daruͤber, daß Pastor Kötschte die Sozialdemokratie als eigentliche Arbeiterpartei bezeichnete, während Mauren⸗ brecher in seinem Geschäftsbericht u. a. darauf hinwies, daß die Nationalsozialen auf sozial⸗ demokratischem Gebiet Boden zu gewinnen an⸗ fangen; in der Umgegend von Zwickau und Plauen hätten sich Arbeitergruppen von der Sozialdemokratie losgesagt und sich national⸗ sozial organisiert. DieArbeitergruppen möchten wir sehen.

Ein Dr. Bar ku hatte die Unverschämtheit, bei der Erörterung der Alkoholfrage zu erklären, alle Parteien, die Sozial demokratie inbegriffen, bedürften des Alkohols, um das nötige Ver⸗ ständnis für ihre Lehren zu finden.

Zum Schluß sprach der Sekretär Mauren⸗ brecher über:Das Aktionsprogramm des Sozialismus. Er versicherte in seinem Referate,

daß die Sozialdemokratieam Ende ihres Lateins sei und die Nationalsozialen würden ihre Erbschaft antreten.Geistige Gehirner⸗ weichung sei bei der Sozialdemokratie eingetreten; weder Bernstein noch Kautsky hätten neue Gedanken, weil sie parteipolitisch gebunden seien. Zwischen Sozialismus und Monarchismus müsse ein Kompromiß geschlossen werden; dersozia⸗ listische Minister müsse die Brücke sein. Nach Verkündung dieser Weisheit wußte niemand mehr was zu sagen und man machte deshalb die Bude zu. Unser Urteil über die Naumänner laẽtet nach diesemTage genau so wie früher: Unverbesserlich! Die Reichstagswahlen werden zeigen, wie tot die Sozialdemokratie ist. Wir meinen fast, Naumann und seine Leute werden noch ein wenig auf die sozialdemokra⸗ tische Erbschaft warten müssen.

Mit dem Antisemitismus in Sachsen

geht's unheimlich rückwärts. Konnte man dies schon früher aus verschiedenen Thatsachen schließen, so bewies es der Verlauf einer vorige Woche in Dresden stattgefundenen antise⸗ mitischen Versammlung unwiderleglich. Der Ober⸗Antisemit Zimmermann hatte nämlich eine Protestversammlung gegen die Forderung auf Beseitigung der Grenzsperre einbe⸗ rufen. Der Dresdener Bevölkerung sollte nach dem bekannten Rezept desBundes der Land- wirte, bei dem sich namentlich Herr Zimmer⸗ mann und die Reformpartei um jeden Preis Liebkind zu machen suchen, vorgeredet werden, daß Fleischnot nicht existiere und die Agrarier die reinen Engel seien. Herrn Zimmermann und seinen Leuten ist das sehr übel bekommen. Die von 1500 Personen aller Parteien besuchte Versammlung protestierte, wie die Frkftr. Ztg. schrieb, mit einer außerordentlichen Heftigkeit gegen die Ausführungen des antisemitischen Redners, über dessen Politik Freisinnige, Hand⸗ werker, Sozialdemokraten ein strenges Gericht hielten. Die Veranstaltung bedeutet für die An tisemiten eine schwere Niederlage und sie beweist auch, daß der Antisemitismus wohl in der Dresdener Stadtverordnetenoersammlung noch domintert, im Uebrigen aber in Dresden stark im Verfall ist.

Die Alkoholfrage auf dem Parteitage.

Auf dem diesjährigen Parteitage lagen zahlreiche Anträge vor, die verlangten, daß der Parteitag Beschlüsse zur Bekämpfung des Alkoholismus fassen sollte. Alle diese Anträge wurden durch eine vom Abg. Fischer-Berlin eingebrachte Resolution erledigt, die der Partei⸗ tag fast einstimmig beschloß und die folgenden Wortlaut hat:

Der Parteitag erkennt rückhaltlos die Gefahren an, die aus einem übermäßigen Genuß alkoholischer Getränke für den Kampf um die politische und wirt⸗ schaftliche und damit die physische und geistige Befreiung der Arbeiterklasse entspringen;

der Parteitag ist aber nicht in der Lage, die Agitation für die völlige Abst in enz von alkoholischen Getränken als eine der Aufgaben der Partei oder die Verpflichtung zur Abstinenz als Voraussetzung für die Parteizugehörig⸗ keit zu erklären;

die deutsche Sozialdemokratie ist eine politische Partei, die ihre politischen und wirtschaftlichen Grund⸗ sätze in ihrem Programm niedergelegt hat, daher muß es der Parteitag ablehnen, über Fragen ein Urteil zu fällen, die, wie die Frage der absoluten oder relativen Schädlichkeit des Alkohols, in das Gebiet der Spezial⸗ wissenschaften gehören.

In der Erwägung, daß die deutsche Sozialdemokratie es von jeher als ihre Aufgabe betrachtet hat, die Ar⸗ beiterklasse nicht blos körperlich, sondern auch geistig und sittlich zu heben und sie so zur Führung ihres Befreiungskampfes immer mehr zu befähigen, geht der Parteitag über die Anträge betreffend die Alkoholfrage zur Tagesordnung über.

Ueber diese Behandlung der Angelegenheit durch unsern Parteitag haben sich die Stöcke⸗ rianer in Siegen entrüstet. Sie erklaͤrien dort nämlich:

Der christlich⸗soziale Delegiertentag in Siegen beklagt im Interesse des Volkswohles auf das schmerzlichste die unwürdige und leichtfertige Art, in welcher der soztaldemokratische Parteitag in München die Alkoholfrage behandelt hat und empfiehlt zur Unter⸗ stützung die Vereinigungen zur Bekämpfung der Trunksucht, seien es Mäßigkeits⸗ oder Enthaltsamkeits vereine.

So, nun werden wir sehen, wie schnell der Alkoholismus beseitigt ist. Hoffentlich fangen die Herren mit seiner Bekämpfung in den ihnen näher stehenden Kreisen, bei den Studenten und Offizieren an. Warum haben sie überhaupt noch nicht angefangen? Warum warten sie auf die Sozialdemokratie? Diese hat bisher in der Schnapspest mehr geleistet, als das geschorene und gescheitelte Pfaffentum mitsamt dem ganzen Muckeranhang zusammengenommen. Ueberhaupt zeigt sich, daß gerade in den Gegenden, wo Stöcker und seine Leute Einfluß besitzen, der Alkoholismus am schlimmsten krasstert. Es ist eine erbärm⸗ liche Heuchelei, hier der Sozialdemokratie Vorwürfe zu machen. Wir wissen sehr genau, daß der Alkoholismus mit vielen anderen sozialen Uebeln zusammenhängt und für siq allein nicht bekämpft werden kann. Ein au Alkohol genuß gewöhntes Volk zur Enthaltsamkeit zwingen zu wollen, ist aber unmöglich.

Stadtrat Kauffmann

in Berlin, der zweimal zum Bürgermeister gewählt, aber nicht bestätigt wurde, ist gestorben. Manchem seinerfreisinnigen Parteifteunde ist sicher damit ein Stein vom Herzen gefallen, deun in dieser Affaire zeigte der Berliner Freisinn höllisch wenig Männerstolz vor Königsthronen. Kauffmann war auch Mülied des Reichstags und vertrat den schlesischen Kreis Hainau⸗Liegnitz. Unsere Partei erhielt dort 1898 7205 Stimmen, unterlag aber in der Stichwahl gegen Kauff⸗ mann, dem die Konservativen mit 6800 Stimmen zu Hilfe kamen, so daß er 14269 Stimmen

erhielt.

Hohe Würdenträger als Ausbeuter.

Neulich hat das Wiener Kreisgericht durch ein Urteil festgestellt, daß Erzbischof Kohn, das Oberhaupt der mährischen Klerisei, seine Arbeiter in so barbarischer Weise ausbeutet, daß sie gezwungen sind, zu stehlen. Es handelt sich um Waldarbeiter von Nemetitz, die vom Bezirksgericht Walachisch-Meseritsch zu Arreststrafen verurteilt worden waren, weil sie im erzbischöflichen Walde Holzretser ge⸗ sammelt hatten. Die erzbischöfliche Güter⸗ verwaltung faßte das als Diebstahl auf und erstattete die Anzeige, denn das Eigentum der Kirche soll besonders heilig sein. Es giebt zwar eine alte kirchliche Vorschrift, wonach die Abfälle der Landwirtschaft den Armen gehören und von diesen mit Recht genommen werden dürfen; aber was sind alle toten Bibelstellen gegen das lebendige Interesse eines frommen Kirchenfürsten. Das Bezirksgericht teille diese Ansicht und ver⸗ urteilte dieHolzdiebe. Diese meldeten die Berufung an, und nun wurde die Sache vor dem Kreisgericht verhandelt, das folgendes Urteil fällte: Die Angeklagten werden freigesprochen mit Rücksicht darauf, daß sie als Arbeiter des Erzbischofs einen Tagelohn von nur zweiund⸗ zwanzig Hellern(22 Pfennigen) beziehen, sich also in großer Notlage befanden und über⸗ dies gemäß alten eingewurzelten Anschauungen das Mitnehmen von kleinen Holzabfällen als ihr Recht betrachten konnten!

Wegen eines gleichenVergehens wurden auch eine Anzahl Wald⸗Arbeiter des Erzherzog Franz Ferdinands, des österreichischen Thron⸗ folgers, der einer der reichsten Leute in Europa ist, zu acht bis zehn Tagen Arrest verurteilt. Diese Armen erhielten gar nur neun Kreuzer achtzehn Pfennige den Tag! Es ist doch etwas Schönes um die chrisliche, gott⸗ gewollte Weltordnung!

Bei den Wahlen in Schweden

errangen unsere Parteigenossen vier Mandate. Vorher besaßen sie nur ein einziges.

Zola's Beerdigung

hat am Sonntag in Paris unter ungeheurer Beteiligung der Pariser Bevölkerung und besonders der sozialistischen Arbeiterschaft und der bürgerlichen Republikaner stattgefunden. Eine Masse von prachtvollen Blumenspenden

SS OO Se Se

S