Ausgabe 
12.10.1902
 
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Nr. 41.

Gießen, Sonntag, den 12. Oktober 1902.

9. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

eitung

15.

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Reservisten und Kriegervereint.

Wie fast immer zur Zeit, wenn die Reservisten entlassen werden, erschien kürzlich wieder in verschiedenen Kreisblättern ein aus Berlin stammender Aufruf, in welchem die zur Ent⸗ lassung gelangten Reservisten aufgefordert wer⸗ den, einem Kriegervereine als Mitglied beizu⸗ treten. Begründet wird die Aufforderung da⸗ mit, daß der Reservist sich dankbar erweisen müssefür die ihm zu teil gewordene Erziehun ges Diestraffe Manneszucht sei dem Reservisten zeine Erziehung für das ganze Leben, ein Rüsftzeug gegen die Anfechtungen und für das Fortkommen in der Welt. Der Mann adle sich selbst,wenn er seinem Kaiser die Treue, seinem Vaterlande die Liebe bis zum Tode wahrt. Wer diesen Geist der Ehre in seinen bürgerlichen Beruf mitnehme, werde sich 7650 allen Lebenslagen zurechtfinden und stehenicht nur in Ehren vor der Welt, sondern auch in Ehren vor Gott da. Um die Erinnerung an die Dienstzeit lebendig zu erhalten, sei es not⸗ wendig, einem Krieger⸗ oder Landwehrvereine

beizutreten. So ungefähr der Artikel. Es ist die alte Litanei. Die Harmonie zwischen Bibel und linte ist hergestellt. Der Soldat soll auch kirchenfromm fein, dann hält es besser; dann ist er ein noch willigeres Instrument in den Händen der Oberen.

Es braucht nicht erst betont zu werden, daß der entlassene Soldat nicht die mindeste Ver⸗ pflichtung zurTreue gegen den Kaiser hat. DieseTreue richtiger ausgedrückt: die

bedingungslose Unterwerfung unter die Befehle

des Kaisers als des obersten Kriegsherrn, be⸗ zieht sich lediglich auf die militärische Dienstzeit. Mit dem Soldatenrocke zieht der Soldat auch die Verpflichtung aus, anderen Interessen als nur den seinigen zu dienen.

Mehr als kühn ist die Behauptung, der Milttärdienst sichere dem Entlassenen sein Fort⸗ kommen im Leben. Wo mag der Schreiber jenes Artikels wohl seine Lebenserfahrungen gemacht haben? Die vom Kapitalismus über den Arbeitern geschwungene Hungerpeitsche der Arbeitslosigkeit trifft den ent 9 9 Soldaten enau so wie die anderen. Und was dasin

hren vor Gott dastehen anlangt, so ist die Stimmung, in der sich die Reservisten befinden, wahrlich nicht dazu angethan, dieser hohlen Phrase Beachtung zu sichern..

Der Reservist hat auf niemanden Rücksicht zu nehmen als auf sich, seine Familie und seine Klasseugenossen; deren Interessen sind es, die er zu vertreten hat, weil sie zugleich seine In⸗ teressen find. Und da fragt es sich doch, ob es diesen allein berechtigten Interessen des vom aktiven Heeres dienst enklassenen Arbelters ent⸗ spricht, einem Krieger⸗ oder Landwehrverein beizutreten. Diese Frage ist auf das ent⸗ schiedendste zu verneinen.

Als vor mehreren Jahrzehnten die Krieger⸗ bereine aufkamen, waren sie harmlose Ver- gnügungs vereine. Kein Mensch dachte daran, den einzelnen an eine politische Partei⸗ richtung zu fesseln. Und bet dem damals noch nicht entwickelten Stande des Vereinslebens, namentlich beim Fehlen aller politischen und gewerkschaftlichen Arbeiter⸗Organisationen, war

es leicht erklärlich, daß die Arbeiter in den Kriegervereinen eine Stätte der Unterhaltung und des Vergnügens fanden, zumal für die Armen im Geiste, die dutzend. und schockweise wiederholte Erzählung kleiner Episoden aus ihrem Soldatenleben fast das einzige Gebiet eines Gedankenaustausches darstellten.

Das ist anders geworden. Die Krieger⸗ vereine sind durchaus keine harmlofen Gesellig⸗ keitsvereine mehr, sondern sie sind zu einem Instryment der politischen und wirtschaftlichen Reaktion schlimmster Art zurechtgebogen worden. Nicht nur sozialdemokratische, sondern auch freisinnige Arbeiter werden ausgeschlossen, sobald sie eine eigene, freie politische Ueber⸗ eugung kundgeben. Ist doch der verbohrte Fauatf nus mancher Kriegervereinler sogar so weit gegangen, das berechtigte Streben der 70er Veteranen, für nachträglich aufgetretene schlimme Folgen der Feldzugsstrapazen eine karge Ent⸗ dc ihnag vom Reiche zu verlangen, als sozioldemokratisch hinzustellen.

Wie in den letzten Jahren das Unwesen der Ketzerriecherei in den Kriegervereinen ins Kraut Pichi ist, darüber haben so viele verblüffende

eispiele veröffentlicht werden müssen, daß es nicht notwendig ist, nochmals darauf einzugehen. Und was bietet der Kriegerverein dafür seinen Mitgliedern? Wie entschädigt er sie für die Opferung ihres köstlichsten Staatsbürgerrechtes, ihrer selbständigen politischen Ueberzeugung und deren Bethätigung? Er zahlt ihnen einige Pfennfge aus beim Todesfall und vielleicht auch bei Krankheit und Unfällen. Dutzende von freien Hülfs⸗ oder Zuschußkassen gewähren bei geringeren Beiträgen mindestens dasselbe, zum Teil noch mehr, ohne daß sie das uner⸗ hörte Verlangen stellen, das Mitglied müsse 10 die durch seine Beiträge wohlerworbenen

echte sein Ich, nämlich seine politische Ueber⸗ zeugung opfern. Die Kriegervereine geben also nichts, was nicht jede andere Kasse auch giebt; dafür verlangen aber die Kriegervereine eine Preisgabe der politischen Selbständigkeit, die zu fücdern keine andere Unterstützungskasse wagt.

Ferner sei nur daran erinnert, daß die Kriegervereine eine Verherrlichung des Milita⸗ rismus darstellen, und daß der Arbeiter sicherlich keine Ursache hat, zur Verherrlichung einer Ein⸗ richtung des Klassenstaates beizutragen, die in erster Linie dazu bestimmt ist, ihn selbst in Schach zu halten. Welcher Widerspruch liegt ferner darin, daß der Soldat schon monatelang vor seiner Entlassung zur Reserve die Tage Stunden und Minuten ausrechnet, die ihn noch von der Wiedererlangung seiner Freiheit trennen, daß er aber dann, wenn endlich die Stunde der Erlösung geschlagen hat und er wieder er bag sein darf, in einen Verein treten wolle, er ihn zeitlebens unter den geistigen Kasernen⸗ drill stellt. Es wäre ein unanfechtbarer Beweis 15 75 große geistige Unklarheit und geringe Willensentwickelung, wenn ein Arbeiter sich dieses Widerspruchs schuldig machen wollte.

Zu all dem kommt noch ein anderes Moment, das dem zur Reserve entlassenen Arbeiter ver⸗ bietet, einem Kriegerverein beizutreten. Mag nämlich auch mancher Arbester im Alter von 22 ͤ oder 23 Jahren, wenn ee seinen aktiven Soldatendienst hinter sich h J nicht fber⸗ zeugter Sozialdemokrat sein d wird ei es wahrscheinlich im Laufe der nächsten Jahre

infolge der am eigenen Leibe gemachten Er⸗ fahrungen und des gereifteren Urteilsvermögens werden. Ist er inzwischen einem Kriegerverein beigetreten, so ist er dann kein freier Mann mehr; er kann dem in seinem Innern voll⸗ zogenen Gestunungswechsel nicht gerecht werden, wenn er nicht beim Austritt die bis dahin ein⸗ gezahlten Vereinssteuern verlieren will. Nun kann zwar für einen charakterfesten Mann die Wahl nicht schwer sein: Selbst wenn er hundert Mark oder mehr einbüßen müßte, so wird er ohne Zögern das ertragen, wenn er dadurch seine politische Selbständigkeit wieder erlangen kann. Aber es sind eben nicht alle so charakterfest; ste werden lieber an sich selbst zum Lügner, sie verleugnen lieber ihre neu gewonnene politische Ueberzeugung, als daß sie aus einem Kreise treten, in dem sie seit Jahren verkehrten. Andere unsichtbare Fäden helfen mit dazu beitragen, daß sie bei einem Verein bleiben, dessen Tendenzen sie nicht mehr teilen.

Ist es nicht eine unwürdige Heuchelei, wenn Kriegervereinler bei öffentlichen Laudtags⸗ oder Gemeindewahlen gegen ihre Ueberzeugung einem politischen Gegner die Stimme geben müssen, weil sie sonst aus dem Kriegerbverein geworfen werden? Das muß zum geistigen Lumpentum führen und kann auch auf das anderweite Verhalten der Betreffenden nicht ohne den übelsten Einfluß bleiben.

Deshalb kann der klassenbewußte Arbeiter mit den Kriegervereinen nichts zu thun haben, und wenn er bereits einem angehört, so ist es seine Pflicht, wieder auszutreten, auch wenn das mit Aufgabe gewisser Kassenrechte verbunden sein sollte. Das Bewußtsein, sich selbst treu geblieben und wieder in die Reihen derer zurück⸗ gekehrt zu sein, die Herr ihrer selbst sind und an der gewaltigen Kulturaufgabe unserer Zeit mitarbeiten können, wird sie tausendfach ent⸗ schädigen.

Nur eine Art vonKriegervereinen giebt es, denen der Arbeiter als Reservist sofort beitreten soll, das ist seine gewerkschaft⸗ liche und zugleich auch seine politische Organisation. Hier ist der Ort, wo er für seine Interessen kämpfen kann; hier findet er Kameraden, Gleichgesinnte und Gleichstrebende; hier kann er mit drehen helfen nach seiner Kraft am Rade der Zeit; hier darf er seiner Ueberzeugung leben. Wie dumpf und modrig ist im Gegensatz hierzu das Leben in den Kriegervereinen! Phrase und geistiger Zwang hier; frisches Leben und Freiheit dort. Hier efesselt an die Ketten der Reaktion und der

olksunterdrückung; dort freies Streben für die Menschheitserlösung. Wer könnte da zaudern in der 1 107 K

Hinein, i 1 in eu re Kriegervereine: in eure Gewerkschaft in eure politische Organi⸗ sation!

Politische Rundschau.

Gießen, den 9. Oktober.

Vor der Gntscheidung.

Das Schicksal der Zolltarif⸗Vorlage ist noch immer höchst ungewiß. Dem Zentrum wird aber immer bänglicher zu Mute, je näher der Entscheidungskampf im Reichstage heranrückt.

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