Agitation in Großen⸗Buseck.
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Seite 4.
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Mitteldeutsche Sountaas⸗ Zeitung.
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Nr. 2. 4
vaterlosen Knaben erwerblos auf die Straße: schon mit 9 Jahren muß er als Laufbursche sein Brod verdienen, verbrüht sich die Hände, wird fortgeschickt und nun beginnt sein Wander⸗ leben durch ganz Rußland als Gelegenheits⸗ arbeiter. Heute da, morgen dort, heute Zeichner, Maler, Küchenjunge auf einem Wolgadampfer, morgen Tagelöhner bei einem Gärtner, Bäcker, übermorgen Bahnwärter, Packträger, Holzhacker; dann wieder auf eigene Faust Händler— Obst⸗ händler, Flascheubierhändler, Kohlenhändler. Da und dort fand er unter seinen Leidensgenossen einen, der die Lust am Lesen in ihm erweckte, ihm Bücher lieh. Der Wissensdrang erwachte in ihm; er suchte und fand Gelegenheit mehr zu lernen— von Studenten, mit denen er zusammentraf, bei einem Advokaten, dem er Schreiberdienste leistete und der ihn weiter⸗ bilden wollte—, aber der Vagabundengeist, der ungezügelte Freiheitstrieb trieb ihn immer wieder hinaus, in das Elend, zu den Ausge⸗ stoßenen, aber auch in die— Freiheit. Und was sein Auge sah und was sein Herz erfüllte: er schilderte es nun! Eine ganz neue Welt schilderte er, die Welt der Ausgestoßenen und Enterbten, ihren Fluch und ihr Sehnen, mit einer Schärfe, Klarheit und Unerbittlichkeit— wie sie nur ein Dichter schildern kann, der all' das Elend, die Schmach, den Zorn und die Sehnsucht der Ausgebeuteten und Unterdrückten selber empfunden hat und empfindet! Freunde gewann er, der plötzlich zum Bannerträger der Freiheit und der Arbeiter geworden, aber auch Feinde— auch die Reakttonäre verstanden ihn! Seine Zeitung wurde verboten, er selbst anläßlich der letzten Studentenunruhen ins Gefängnis geworfen.— Wir empfehlen allen Arbeiter⸗ Familien, sich das Unterhaltungsbatt anzuschaffen.
— Im sozialdem. Wahlverein spricht in der Versammlung am 18. Januar, die im Vereinslokale bei Orbig stattr findet, Ge⸗ nosse Thiel⸗Cassel über:„Der Segen des Reichtums und der Fluch der Armut.“ Die Genossen werden ersucht, sich dazu recht zahlreich einzufinden und auch ihre Bekannten mitzubringen. Selbstverständlich hat in der Versammlung Jedermann Zutritt.
Aus dem Rreise gießen.
— Eine heitere Versammlung fand Donnerstag Abend in Lollar statt. Einbe⸗ rufen war dieselbe vom Bunde der Landwirte, einer der Agitatoren, die Vorkenntnisse nicht brauchen, sollte für den Brotwucher Propaganda machen. Das war dort allerdings eine schwierige Aufgabe. Die Versammelten zollten vielmehr den eingehenden Darlegungen des Gen. Vetters lebhaften Beifall und nahmen einstimmig eine Resolution an, die sich entschieden gegen die Zölle ausspricht und für die auch— der Agitator des Bundes der Landwirte stimmte! Der Mann war anderer Ueber⸗
zeugung geworden!
— Antisemitische e
it bemerkenswertem und vorher nicht gekanntem Eifer widmen sich, wie wir schon mehrfach er⸗ wähnten, die Antisemiten gegenwärtig der Agitation. Besonders Oberhessen haben sie sich als Arbeitsfeld auserkoren, und der von uns ebenfalls schon charakteristerte Reuther, Redakteur des Offenbacher Arizona⸗Kikers ist der Apostel des Brotwucher⸗Evangeliums. Zwar ist er auch nicht besser beschlagen, als die vom Bunde der Landwirte auf dem In⸗ seratenwege gesuchten Agitatoren, die für 10 Mk. pro Tag losgehen, das Agitations⸗ material geliefert erhalten und Vorkenntnisse nicht brauchen. Möglich, daß der Bund der Landwirte die hier betriebene Agitation auch bezahlt. Man muß es aber den für die Interessen der junkerlichen Raubvögel ar⸗ beitenden Bauernfängern lassen,— sie verstehen ihr Handwerk und finden auch immer noch Angehörige der großen Klasse derer, die nicht alle werden. Vorsichtig gehen sie dabei zu Werke. Von den öffentlichen Versamm⸗ lungen sind sie längst abgekommen; dabei laufen sie Gefahr abzublitzen. Sie laden sich einfach ihre Leute ein und jene, die sie glauben,
kapern zu können. Die Opposttion wird so klüglich fern gehalten, und den im Glauben starken Bauern kann die agrarische Heilsbot⸗ schaft ungestört eingetrichtert werden. Ihre Notlage wird ihnen überzeugend geschildert, so daß sie wirklich daran glauben. Sicher ist ihre geistige Notlage größer, sonst würden sie den antisemitischen Schaumschlägern vom Schlage eines Reuther entgegenhalten, wie die Dinge in Wirklichkett sich verhalten. Zu hoffen ist allerdings, daß die Leute einmal zur Einsicht kommen; vorläufig bilden ste noch held beschränkte Gefolge antisemitischer Maul⸗ elden.
Das zeigte sich auch in der Versammlung, die am Sonntag in Großen⸗Buseck statt⸗ fand und in der der sattsam bekannte Reuther seine bekannten Phrasen drosch. Von unsern Genossen waren einzelne anwesend und Genosse Vetters⸗Gießen trat den Reuther'schen Salba⸗ dereien entgegen, legte die Ungerechtigkeit der indirekten Steuern und Zölle für die Masse und ihre Nutzlosigkeit für den Bauernstand dar. Unser Genosse wurde öfters durch Geschrei unterbrochen und verschiedene Zwischenrufe be⸗ wiesen die Rückständigkeit der Antisemiten. Nicht minder die Ausführungen, die der Bürgermeister meister a. D. Meyer machte. Dieser gute Mann hat von den wirtschaftlichen Verhält⸗ nissen nicht die geringste Ahnung. Er erklärte, bei Heyligenstaedt in Gießen 40—50 M. wö⸗ chentlich verdient zu haben, 108 Stunden habe er in der Woche gearbeitet. Auf die Frage wa⸗ rum er nicht dageblieben, antwortete er, er habe es nicht ausgehalten! Natürlich! Daß er sich dadurch auch schwer gegen die Arbeiter⸗ interessen versündigte, wenn er täglich durch⸗ schnittlich 18 Stunden schuftete, sieht er nicht ein. Hierzu sollten sich übrigens die bei Heyligen⸗ staedt beschäftigten Arbeiter äußern. Für die Zölle ist er,„weil der Staat Geld braucht“. Also nicht, um dadurch der Landwirtschaft auf⸗ zuhelfen?
Nun, wir geben den Großen-Busecker Kleinbauern Gelegenheit, die Zollfrage von anderer Seite beleuchtet zu sehen.
Souutag, den 12. Jaunar findet im Saale
des Herrn Größer eine öffentliche Versammlung statt, in der Geuosse Beckmaun⸗Gießen über:
„Der Zolltarif und der Antisemitismus“ sprechen wird.
Dazu hat Jederman Zutritt und kann seiner Meinung Ausdruck geben. Wir ersuchen auch unsere Genossen aus Alten⸗Buseck zahlreich am Platze zu sein.
Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen.
Friedberger Eisenbahnergeschichten.
Auf die Zuschrift des Schaffner Kuhl von Friedberg erwidert unser Gewährsmann, daß durch den Umstand, daß das Kind bisher in den evangelischen Religions- und Konfirmanden⸗ Unterricht geschickt wurde, anzunehmen war, daß der Junge evangelisch getauft sei, wenn dies nicht dennoch der Fall sein sollte. Wenn aber Herr Kuhl schreibt, er habe sich auf Veranlassung seiner Frau nach Fried⸗ berg gemeldet, um seinen Sohn in den katho⸗ lischen Religionsunterricht zu schicken, so steht das mit der Thatsache im Widerspruch, daß die Frau des Herrn Kuhl, als er selbiger seinen Plan mitteilte, zu verschiedenen Leuten in Friedberg in größter Aufregung kam und um Rat fragte, was sie thun solle, um dies zu verhindern. Aus dieser Thatsache ist auch an⸗ zunehmen, daß die Frau in Nieder⸗Wöllstadt noch keine Ahnung von dem Vorhaben ihres Mannes hatte. 4 2
Von der Eisenbahnbetriebsinspektion Frank⸗ furt erhalten wir in Bezug auf die Notiz in Nr. 49 v. Js. folgende Zuschrift mit der Bitte um Aufnahme:
„Nicht der Stattonsvorsteher in Friedberg, sondern der aus 4 Beamten und 4 Arbeitern zusammengesetzte Vereinsvorstand des seit 2 Jahren bestehenden Eisenbahnvereins bestimmt, ob und wann Feste abgehalten werden sollen. Von welch' geringem Einfluß hierbei die Person des Stationsvorstehers ist, beweist der Umstand,
daß die Arbeiter in zwet Fällen für Abhal⸗ tung einer größeren Feter stimmten, wäh⸗ rend die Beamten nur für ein geselliges Zu⸗ sammensein der Mitglieder eintraten.
Die Angabe, daß fast nur noch katholische Arbeiter ankommen könnten, weil der Stations⸗ vorsteher auch katholisch sei, ist ganz unzu⸗ treffend, denn von 84 Arbeitern sind 71 evangelisch und nur 13 katholisch. Die in der letzten Zeit angenommenen Arbeiter sind sogar sämtlich evangelisch. Diese Thatsache dürfte beweisen, daß die Einstellung der Arbeiter lediglich von der Brauchbarkeit und nicht von der Konfesston abhängig gemacht wird.“
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Auf dieses Schreiben, von dessen Inhalt wir unserm Gewährsmann Kenntnis gaben, bemerkt derselbe: Wir haben gar nicht be⸗ hauptet, daß der Vorsteher die Feste festsetzt, sondern nur, daß die Feste seit des Vorstehers Hiersein eingeführt wurden. Wenn man aber mit der Zuschrift glaubt beweisen zu können, daß de Arbeiter diese Feste wollten oder gar noch fark patriotisch seien, so möge an die Thatsiche erinnert sein, daß am letzten Groß⸗ herzogs Geburtstage nur 41 Beamte und Ar⸗ beiter anwesend waren, während es im vorher⸗ gehenden Jahre noch über das Doppelte ge⸗ weser sein sollen. Was nun der zwette Punkt betrefs der Bevorzugung der katholischen Arbeiter betrift, so bedarf unsere Mitteilung insofern der Erläuterung, als wir nur die Besetzung der dem Vorsteher unterstellten Stellen und hauftsächlich der besser bezahlten im Auge hatten. Bei den in der Zuschrift der Inspektion ge⸗ zählen Beamten sind jedenfalls auch die etwa 50 Streckenarbeiter, welche dem Bahnmeister untestellt und jedenfalls ausnahmslos evan⸗ gelich sind, mitgerechnet. Zählt man diese von 84 ab, so ergiebt sich ein anderes Bild, vortusgesetzt, daß die Zahl von 13 richtig ist. Wi haben bis jetzt noch nicht direkt behauptet, daß der Vorsteher schuld set, sondern nur die in Friedberg allgemein herrschende Ansicht wie⸗ denegeben. Vielleicht dienen die nachfolgenden Miteilungen noch zum besseren Verständnis.
Im letzten Jahre sind zwei kath. Bahn⸗ mester und zwei Rangiermeister oder ähnliches nah Friedberg versetzt worden, wovon einer vestarb. Warum lassen sich diese Beamten nah hier versetzen? Ferner sollen die evange⸗ lishen Arbeiter vorwiegend als Wagenputzer ꝛc. vewendet werden, während zu den besser be— zalten Rangierern die katholischen verwendet weden. Jetzt sind hier nur noch Z evange⸗ liche Rangierer thätig. Ebenso sollen für eisen früheren Schuhmacher 2 oder 3 Gesuche an die höhere Stelle um Gehalts⸗Aufbesserung genacht worden sein, ohne daß seine Kollegen wißten warum. Selbstverstän dlich ist er auch ketholisch. Zum Schluß sei mitgeteilt, daß, we uns glaubwürdig versichert wird, auch der fuhere katholische Pfarrer Thöbes den Herrn Sationsvorsteher öffentlich von der Kanzel globt habe. Warum?
Vielleicht begiebt sich einmal ein höherer Bamter inkognito nach Friedberg; er würde manches hören, was wir aus bekannten Gründen ncht schreiben können. Im Uebrigen werden nir später mitteilen, ob die in obiger Zuschrift gmachten Angaben richtig sind.
o. Vom Zuge überfahren wurde Mitt toch Abend beim Uebergange am Bahnhof ein LNann, Namens Weiß aus Bönstadt. Wann tird endlich eine Aenderung an der gefährlichen Ctelle herbeigeführt?
o. Arbeiterentlassungen. Am Mitt⸗ toch wurde 35 Arbeitern der Böing'schen Fa⸗ kik in Nauheim geile Zum Teil sind le Betroffenen schon seit 30 Jahren im Ge⸗ haft thätig.— Böing, der frühere Direktor, kfindet sich übrigens noch in Haft.
1. Die Unglücksbahn. Auf unserer ruen Bahn nach Homburg sind wiederum ein zammrutsch und eine Entgleisung vorgekommen. zu Friedberg werden diese Vorkommnisse schon jehr mit Heiterkeit. Wer freilich ese Strecke nicht unbedingt fahren muß, der ßt es vorerst noch bleiben.
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STT 3
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