Ausgabe 
12.1.1902
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

J Nr. 2.

Wenn vielleicht die Zollgegner den Spieß umkehren würden und verschiedene Agrarier boykottierten, könnte es ihnen übel bekommen.

Politische Rundschau.

Gießen, den 9. Januar.

Der Reichstag

hat seine Sitzungen am Mittwoch wieder auf⸗ genommen. Die Mitglieder deshohen Hauses waren nur sehr schwach vertreten, obwohl an diesem Tage die Etats beratung begann, der doch jeder Reichsbote die größte Aufmerk⸗ samkeit schenken müßte. Zuerst sprach der Reichsschatzsekretär Thielmann, der zugab, daß die Finanzlage des Reiches und der Einzel⸗ staaten eine äußerst ungünstige sei. Der konser⸗ vative Graf Stolberg, der Vizepräsident, suchte die Krisis mit der industriellen Ueber⸗ produktion zu erklären. Er kam dann auf die Aeußerungen Chamberlains zu sprechen, was den Reichskanzler veranlaßte, eine längere Rede über die auswärtige Politik zu halten. Nach ihm ergriff unser Genosse Südekum das Wort. Der Abgeordnete für Nürnberg ist ein geübter Redner. Er wies darauf hin, wie damals, als es sich um die Flottenver⸗ mehrung handelte, die Finanzlage als so günstig von den Ministern hingestellt wurde, daß neue Steuern absolut nicht nötig seien. Die Krisis, die im Anfang alsvorübergehend bezeichnet wurde, übt auf die Erwerbsberhältnisse der großen Masse die furchtbarste Wirkung aus, sie wird verschärft durch die Raubzüge der Kartelle und Ringe. Südekum beleuchtete dann noch, wie Krupp das Reich prellt, indem er ihm die Panzerplatten höher berechnet, als dem Aus⸗ lande. Das sei Betrug! Er kritisierte weiter das Ueberhandnehmen des Absolutismus, den Hunnenzug, die Wegnahme der astronomischen Instrumente ꝛc. Der bayrische Generalmajor v. Enders und der Staatssekretär Tirpitz antworteten auf verschiedene Angriffe unseres Genossen. Herr Tirpitz versuchte sich an der Unmöglichkeit, den Patrioten Krupp reinzu⸗ waschen.

Die Polizei⸗Aktion gegen unsere Weihnachtszeitung.

Das Gericht hat die Beschwerde der Buch⸗ handlungVorwärts über die polizeiliche Be⸗ schlagnahme der WeihnachtszeitungArbeitslos abgelehnt. Eine schriftliche Begründung liegt noch nicht vor; nach demVorwärts hat die Strafkammer sich auf den Standpunkt gestellt, das zu urteilende Gericht könne in dem Gesamt⸗Inhalt, in der Zusammenstellung des ganzen Blattes die strafbare Handlung erblicken. Aus diesem Grunde müsse daher die Beschlag⸗ nahme als gerechtfertigt angesehen werden und seien darum auch die Anträge der Beschwerde⸗ führer abzulehnen. Bei der Beschlagnahme hat sich übrigens die Polizei schwere Verstöße gegen das Gesetz zu schulden kommen lassen, unter Anderem waren die Siegel der Packete, in denen sich die konfiszierten Geschäftsbücher der Buchhandlung befanden, erbrochen. Nach dem Gesetz steht die Durchsicht der beschlag⸗ nahmten Sachen nur dem Richter zu.

Außer in Berlin sind der Polizei übrigens größere Mengen des Blattes nicht in die Hände gefallen, obwohl im ganzen deutschen Reiche eifrig danach gesucht wurde.

Wieder ein Duellmord.

Ein Menschenleben ist wie derum der Duell⸗ seuche zum Opfer gefallen. In Jena schossen stch am Samstag ein dortiger Student und ein Offizier des Infanterie Regiments Nr. 94. Whrend dieser nur leicht verletzt wurde, mußte der Student tot vom Platze getragen werden. Vernünftige Leute werden solche Vorkomm⸗ nisse gewiß bedauern und die Angehörigen des Studenten werden über seinen jähen Tod jam⸗ mern dafür sind wir aber auch eineKultur⸗ nation, zu deren gottgewollter heiliger Ordnung die gegenseitige Totschießerei gehört. Das heißt

nicht immer und allgemein;duellieren sich arme Teufel, so kommen sie wegen Messerstecherei oder schwerer Körperverletzung ins Zuchthaus, während die Messerstecher der besseren Klassen 9 ein paar Monaten Festung verurteilt werden, ie siejottvoller Weise verleben.

Der Gumbinner Mordprozeß

wird Samstag den 11. Januar vor dem Reichs⸗ militärgericht verhandelt werden. Wie weiter mitgeteilt wird, ist das freisprechende Urteil gegen den zweiten Angeklagten im Krosigk⸗ Prozeß, Sergeanten Hickel, rechtskräftig geworden, da der Staatsanwalt die angemeldete Revission nicht begründet habe.

Christentum und Militarismus.

Ein sehr beachtenswerter und auch bezeich⸗ nender Prozeß wurde am letzten Freitag vor dem Kriegsgericht in Dresden verhandelt. Als Angeklagter erschien der Divisions⸗ pfarrer Dr. Kühn, als Kläger trat der Major v. Tschammer⸗Osten auf.

Der Anklage liegt folgender Vorfall zu Grunde: Am Sonntag Jubilate 1897 fand im Dresdener Arsenal⸗ hofe ein Feldgottesdienst des Leib⸗Grenadier⸗Regiments statt. Dr. Kühn hielt die Predigt, in der er in scharfen Worten gegen die Unzucht im Heere loszog und da⸗ bei auch einen Ausspruch des Reichstagsabgeordneten Bebel zitiert haben soll, der da lautet:Das Militär wäre eine Schule der Unzucht! Weiter hieß es in der Predigt, daß die Vorgesetzten ihren Unter⸗ gebenen mit schlechten Beispielen vorangingen. Das sei zwar eine furchtbare Anklage, um so furchtbarer, da sie wahr sei. Diese Predigt hatte natürlich bei allen Teilnehmern des Gottesdienstes das größte Aufsehen erregt, und wurde aufs eifrigste diskutiert. In der Kaserne wieder angelangt, soll dann der Major v. Tschammer⸗Osten, damals noch Hauptmann und Chef der 6. Kompagnie, seine Leute, unter denen sich anch viele Reservisten befanden, haben antreten lassen und zu ihnen gesagt haben:Was der Frechdachs gesagt, ist weiter nichts als unsinn. Nie⸗ mand hat sich darum zu kümmern! Die Angelegenheit wäre jedoch schließlich im Sande verlaufen, wenn nicht in der Nr. 15 der Dresdner Rundschau vom 13. April 1901 plötzlich ein Artikel erschienen wäre, der sich aufs eingehendste mit dem nunmehr schon volle vier Jahre zurückliegenden Fall beschäftigre. In dem Artikel war jedoch weder ein Name des beteiligten Geistlichen, noch des Offiziers genannt, sondern lediglich von einem Hauptmann v. F. die Rede. In der Dresdner Garnison wußte natürlich ein jeder sofort, auf welchen Geistlichen sich der Rundschau⸗Artikel bezog. Der Name des Divisionspfarrers Dr. Kühn wurde offen genannt.

Dr. Kühn giebt unter lebhaftem Pathos folgendes Bild von dem sensationellen Vorkommnis. Als der fragliche Artikel in der Rundschau erschien, sei er gerade nach Annaberg verreist gewesen. Er hatte sich über den auch zu seinen Ohren gedrungenen, kaum glaublichen Zwischenfall schon beruhigt, obgleich er später die Be⸗ obachtung machte, daß man das Ereignis lebhaft in der Garnison besprach, viele Offiziere sich von ihm zu⸗ rückzogen und er gewissermaßen boykottiert wurde. Des weiteren betont Angeklagter, daß er in jener Predigt sich nicht auf das Wort eines Reichstags abgeordneten, sondern auf eine Aeußerung des bekannten und jetzt verstorbenen Militärgeistlichen und Hofpredigers Dr. Frommel in Berlin Bezug genommen habe, der einmal in einer Konferenz der Militärgeistlichen gesagt habe: Eine Schule der Zucht hat man das Militär genannt oder ist es vielleicht auch eine Schule der Unzucht? Nach der Rückkehr von seiner Reise ist er dann(Ange⸗ klagter) sofort zu dem Militärpfarrer Zschucke gegangen und hat ihn um seinen Schutz gebeten, damit solches nicht wieder vorkomme. Zschucke habe ihm aber erklärt, daß er hier nichts thun könne, da das eine Sache sei, die die Behörden unangenehm berühren könnte. Trotzdem habe er durchs Zsch.s Vermittelung Eingaben an das Kriegsministerium und die Kommandantur einreichen lassen, da er sich an seiner Ehre verletzt gefühlt habe. Inzwischen hatte nämlich Angeklagter von mehreren Amtsbrüdern gehört, daß jener Offizier, der sich so taktlos bei dem fraglichen Gottesdienst benommen, der Hauptmann v. Tschammer gewesen sein sollte. Von dem Kriegsministerium wurde ihm jedoch am 21. Mai 1901 ein ablehnender Bescheid zu teil, ja das Schrift⸗ stück enthielt für den unerschrockenen Seelsorger sogar eine Zurechtweisung. Dadurch aber nicht entmutigt, wandte sich der Angeklagte an das Landeskonsistorium und zugleich auch an feinen Vorgesetzten, den Konsisto⸗ rialrat Klemm, dem er seinen Verdacht auf den Haupt⸗ mann v. Tschammer auch mitteilte.

Dr. Kühn bemerkte noch in seinen weiteren Ausführungen, daß ein anderer Geistlicher ihm

erklart habe, daß die 1 sich überhaupt fürchtenüßten, etwas zu sagen, das den Offserskreisen un⸗ angenehm sei. Der Por ersuchte nun in einem Schreiben den Haupann v. Tschammer um Aufklärung, weil die che in die Oeffent⸗ lichkeit kam und er(deyastor) für seinen Ruf fürchtete, wenn er zu schweige. Die Folge dieser Korrespondenz ischen dem Offizier und dem Geistlichen wan daß Ersterer die Einleitung des Strafverfalns gegen Letzteren beantragte.

Aus den Zeugenaussag geht hervor, daß der erwähnte Hauptmann ardings seine Kom⸗ pagnie nach der Predigt sammentreten ließ und Kritik daran übte, olr es aber mit den oben erwähnten Worten tl, darauf konnten stch die Zeugen nicht besitn. Nach den

laidoyers erklärt noch k Angeklagte Dr.

ühn, er halte es für einchwere Schädigung des Standes der Geistliche wenn sich in dem Volke die Anschauuf breit machen würde, dieschwarzs Gendarmen, mit welchem Spitznamen m die Militärgeist⸗ lichen belege, dürften nudas reden, was den maßgebenden Kren und höheren Ständen gefalle. Das kricht erkannte auf Freisprechung, da es R Angeklagten den Schutz des§ 193 zusprach g 7 8

Die Anschauung, daß dGeistlichen nicht blos die Militärgeistlichen nur denhöheren Ständen, wir können al sagen, den be⸗ sitzenden Klassen, zu sebe reden dürfen, braucht sich nicht erst im Ake breit zu machen, sie ist verbreitet und zwarllgemein. Und für die Richtigkeit dieser stsicht bringt jeder Tag neue Beweise. We sich wirklich ein mutiger Priester im heilin Eifer gegen die Sünden derbesseren Geselchaft wendet, kann er sicher sein, alsbald zu fliegen, das heißt gesellschaftlich boykottiert uf geächtet zu werden. Die Religion muß blos 50Volke erhalten werden, wozu sich dieheren Zehntausend nicht rechnen.

Zwei Millionen Fark verspielt!

Am Mittwoch voriger poche hat im Wiener Jockeyklub der reiche polfsche Graf Potocki, jedenfalls ein Agrarier, da runde Sümmchen von 2200000 Kronen, da sind fast 2 Mill. Mark in einer Nacht bim Baccarat ver- spielt. Da hungern fausende Familien trotz harter Arbeit jahraug jahrein, und hier verspielt ein Mensch eine umme, die zur Er⸗ nährung von zweitausend irbeiterfamilien ein ganzes Jahr hinreichte! ind diese Gesellschaft derEdelsten und Besten yrlangt vom Staate, 10 er ihnen Liebesgaben nd sonstige Vorteile auf Kosten der Aermsten uschanze! Das ist die heutige Ordnung! Wre es möglich, ste mit Gewalt zu beseitigen angesichts solch er e möchte maß wahrhaftig dazu raten.

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Christliche Näcstenliebe!

Aus Schwandorf wir derMünch. Post N In dem nan Pfarrdorf Neu⸗ trchen starb am 29. Deember vor. Js. ein mit Epilepsie behafteter Omeinde⸗ Armer des Hungertodes. Der Mun nährte sich 14 Tage lang nur mehr von Weizenkörnern. Ein Bett brachte man hm erst uach dem Tode; er starb auf bloßem Stroh. Gegen die Schuldigen hat die Staat anwaltschaft bereits Untersuchung eingeleitet. Das traurige Vor⸗ kommnis dürfte um so melr Aufsehen erregen, als Neukirchen nicht nur zu den begütertsten Ortschaften der Oberpfalz zählt, sondern die Bewohnerschaft auch durchius gut zentrums mäßig gesinnt ist. Zu benerken wäre vielleicht noch, daß der hochwürdige Ortspfarrer trotz seiner kürzlich beim Fallisement eines Bank⸗ hauses erlittenen Verluste 50 noch als ein

5 100,000 Mk. schweref Herr eingeschätzt wird.

ante Die Lorbeeren des Dfeschgrafen Pückler

lie ßen offenbar den Rettef aller Deutschen,

Na eig, daß 15 die Verha stonen gegen Parlament; geliefert ha Urteutschen, d rufen:Kauft daß er den ji sehr wohl geke in Verkehr get Thatsachen öf 0 Ert er Vegründuf sich öffentlich Die bon dem gungen haben Jawohl, es urtkutschen Fi alphabetische! sammenstellen!

Nachwahlei

Bei der kr wie das ja na uusehen war, Opifteus gew kberaler Geg kappe Mehr der bläherige gegen unsern mesten der ant ür den Rüch zeigten, wes 0

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