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Nr. 2. Gießen, Sonntag, den 12. Januar 1902. 9. Jahrg. Redakn: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11öchloßgasse. Mitteld eutsche e l Na 4 Uhr. 8 N*
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Partei un Gewerkschaft.
Ueber diesen inen letzten Jahren innerhalb der Partei⸗ und Oerkschaftskreise öfters er⸗ örterten Gegenstar enthält das neueste Heft der„Sozialistischentonatshefte“ einen längeren Artikel aus der der des Genossen Au er. Möglich, daß ihm e Debatten über den Ham⸗ burger Akkordmaur⸗Streit Veranlassung ge⸗ geben haben, das erhältnis der Sozial demo⸗ kratie zu den Geweschaften nochmals ausführ⸗ lich darzulegen. iser alter und verdienter Genosse tritt zunäst der oft aufgetretenen Behauptung ens geg, daß die leitenden Partei⸗ kreise der Gewerkseftsbewegung unsympathisch oder gar feindlich genüber ständen, schildert die gewerkschaftlich Entwickelung der letzten vier Jahrzehnte ur weist nach, daß es die Führer der Sozildemokratie in Deutsch⸗ land waren, welch den Arbeitern die erste Anregung zur gewkschaftlichen Organisation und dieser selbst jel und Richtung gaben. Er weist darauf hi, wie gerade die Genossen York, Fritsche die Brüder Kapell, Grottkau, Bock Botha) sich in den siebziger Jahren die denkba größte Mühe gaben, die gewerkschaftliche Bhegung zu fördern. Von eiuer Eifersüchtelei zwischen dieser und der Partei sei damalskeine Rede gewesen. Erst unter der Herrschaf des Sozialistengesetzes sei der Versuch gemack worden, die gewerkschaft⸗ lichen Organtsatiom in einen Gegensatz zur politischen Arbeiterartei zu bringen und so Zwist in die Reihi der Arbeiter zu tragen. Das gelang allerdigs nicht, die damals in den von der Poli geduldeten Fachvereinen befindlichen Arbeite schlossen sich enger an die Partei an.
Auer erwähnt ann noch die Verhandlungen auf dem Kölner Peteitage, wo zum erstenmale Klagen gegen die Partei aus Gewerkschafts⸗ kreisen erhoben wude und fährt dann fort:
„Mit dem Wasstum und der gewaltigen Ausdehnung der(ewerkschaften während der letzten geschäftlichen Blüteperiode haben sich für diese neue Freund eingefunden, von deren Vorhandensein früer niemand eine Ahnun, gehabt hatte. Dise neuen Freunde sind fa durchweg aus bürerlichen Kreisen gekommen. Ihnen allen ist gereinsam, daß, so warm auch ihre Herzen für die ewerkschaftliche Bethätigung der Arbeiter schlaga, sie doch Anstoß nehmen an der angeblichen Zugehörigkeit der freien Gewerkschaften zur sozialdemokratischen Partei. Diese Zugehörigkei soll aufhören, die Gewerk⸗ schaften sollen sic auf neutralen Boden stellen, dann— so prophezeien sie— wird das goldene Zeitalter fir die Gewerkschaften kommen. Das neue Schlagvort von der„Neutralität der Gewerkschaften“ hat merkwürdigerweise so⸗ wohl in Partei⸗ wie in Gewerkschaftskreisen Anhänger gefunder. Meiner Ansicht nach sehr zu Unrecht. Somit es sich darum hand daß der Eintritt in seine 7 f. Fachgenossen offen stehen müsse, ohne gu auf seine politische und religiöse Gesinnun dieser Standpunkt von den freien Gewerks⸗ von jeher festgeha ten worden. In dies werkschaften hat 8 nie einen Revers wonach irgend eine Meinung abgeschwor beschworeu werden sollte. Schon ein ei
b bringen wollte.
1 Vergleich der Mitgliederlisten der sozialdemo⸗ kratischen Parteivereine mit denen der Gewerk⸗ schaften würde ergeben, daß den letzteren Zehn⸗, ja Hunderttausende von Arbeitern angehören, die nie Mitglied eines sozialdemokratischen Vereins gewesen sind. Man kann vom partei⸗ genössischen Standpunkte aus diese Thatsache bedauern, aber sie steht fest und beweist, wie falsch die Unterstellung ist, daß die sogenannten freien Gewerkschaften Anhängsel der sozialde⸗ mokratischen Partei seien. Neutral in dem Sinne, daß jedem Berufsgenossen der Eintritt offen stand, ohne daß er nach seinen politischen oder religiösen e ee auch nur gefragt wurde, sind, wie gesagt, die freien Gewerkschaften stets gewesen; und abgesehen von einigen Heiß⸗ spornen, die aber nie maßgebenden Einfluß gewinnen konnten, hat auch niemand daran gedacht, diesen Charakter zu ändern. Wenn dabei die Gewerkschaften soweit die politischen und beruflichen Interessen ihrer Mitglieder und deren Wahrnehmung im Parlament in Betracht kommen, sich in erster Linie und mit besonderem Vertrauen an die Abgeordneten der sozialdemo⸗ kratischen Partei wenden, so ergiebt sich dies von selbst aus der Eigenschaft der letzteren als Vertreter der Arbeiterklasse. Arbeiter, die sich über ihre Interessen klar sind, können eben die Wahrnehmung derselben nig in die Hände von Vertretern der Bourgeoist egen.
805 natürliche Verhältnis zwischen den freien Gewerkschaften und der politischen Orga⸗ nisation der Arbeiterschaft ist es, was den bürgerlichen Neutralitätsschwärmern im Wege steht. Es hindert aber doch niemand die Ver⸗ treter der bürgerlichen Parteien in den Parla⸗ menten, sich der Arbeiterinteressen in entschiedener Weise anzunehmen. Indes mit fast verschwin⸗ denden Ausnahmen, hüten diese sich davor. Wohl aber möchten sie gern die Arbeiter als Wähler angeln. Und hier soll nun die Neu⸗ tralitätslehre als Köder dienen. Neutralität der Gewerkschaften in diesem Sinne bedeutet aber nicht Unabhängigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen von der politischen Partei— die besitzen die freien Gewerkschaften heute schon—; nein, diese Art Neutralität verfolgt den Zweck, das durch die Natur der Klassen⸗ zugehörigkeit gegebene Band der Solidarität zu zerreißen, die Arbeitergewerkschaften von der politischen Arbeiterpartei abzurücken. Um diese zu bewirken, dazu dient bald die eine Mär, daß die politische Partei den Gewerkschaften nicht günstig sei, bald die andere, daß sie sich eine Art Bevormundung über dieselben anmaße.
Beiden Behauptungen widersprechen die Thatsachen. Aber der Zweck muß auch hier die Mittel heiligen. Wie wenig ernst es aber die Anhänger der Neutralität mit dieser ihrer Forderung nehmen, wenn sie durch die Fort⸗ lassung derselben ihre Zwecke besser zu erreichen glauben, das zeigte sich gelegentlich der Aus⸗ einandersetzungen aus Anlaß der Hamburger Akkordmaurerfrage in eklatanter Weise. Wenn die Anhänger der Neutralität sich in diese Sache einmischen wollten, so konnte dies von ihrem Standpunkt aus konsequenterweise nur in der Richtung eines Einspruchs dagegen ge⸗ schehen, daß man diese rein gewerkschaftliche Angelegenheit vor das Forum der Partei Sie nahmen aber gerade die entgegengesetzte Haltung ein.
Die wahre Neutralität der Gewerkschaften, die sich in der Aufnahme aller Berufsgenossen zeigt, hindert diese nicht, mit anderen Organi⸗ sationen, die ehrlich bestrebt sind, die Lage der Berufsgenossen zu heben, zu gemeinsamer Arbeit in Verbindung zu treten. Dieser Neutralität wird jeder Parteigenosse und Gewerkschafter zustimmen müssen. Den wirklichen ge⸗ werkschaftlichen Aufgaben wird jeder Parteigenosse seine Unterstützung an⸗ gedeihen lassen müssen; nicht jeder Gewerkschafter aber braucht Sozial⸗ demokrat zu sein.
Partei und Gewerkschaft haben sich bisher in ihren Kämpfen stets unterstützt und so lange der proletarische Klassenkampf nicht aus der Welt geschafft ist, wird es auch in Zukunft so bleiben müssen. Den Gewerkschaften aber den Rat geben, sich gegen die sozialdemokratische Arbeiterpartei zu neutralisteren, um dadurch bündnisfähig für jene bürgerlichen Elemente zu werden, die ein„warmes Herz“ für die „berechtigten“ Forderungen der Arbeiter haben, das heißt die Gewerkschaften auf Abwege führen, sie zur Verleugnung der Klassensolidarität ver⸗ anlassen.
Die Solidarität der Arbeiterinter⸗ essen muß aber den organisierten Arbeitern stets der Leitstern sein; nur durch sie dürfen ste ihre Handlungen bestimmen lassen. So haben wir es bisher gehalten, so soll es auch in Zukunft bleiben!“
Kampf um den Zolltarif.
Zum Rückgang der Schweinkschlach⸗ tungen im Monat November äußerte sich das ultramontane„Mainzer Journal“. Es konstatiert in dem einen Monat einen Ausfall an 30 Schlachthöfen von 53,738 Stück, und in Mainz allein einen Rückgang von über 22 Prozent und bemerkt dazu:„Und da be⸗ hauptet man von agrarischer Seite immer, die deutsche Viehzucht sei im Stande, den Bedarf zu decken. ann endlich wird die Regierung diesem trostlosen Zustande ein Ende machen— die Grenzen öffnen?!“ Ganz richtig sagt die Frkftr. Ztg. zu der Aeußerung des katholischen Blattes:„Es wäre nur zu wünschen, daß das Zentrum im Reichstag und Landtag diesen Notschrei seiner Mainzer Ge⸗ sinnungsgenossen zu dem seinigen machen würde. Leider versugt aber die Zentrumspartei, wo es sich um die Interessen der Konsumenten handelt!“
Die antisemitischen Zollkläffer sollten sich die Aeußerung des Mainzer Zentrumsblattes hinter ihre langen Ohren schreiben.
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Den Boykott wenden jetzt die Agrarier gegen Gewerbetreibende an, die sich gegen die Zollerhöhung ausgesprochen haben. Ein Blatt in Zittau(Sachsen) veröffentlichte eine „Vertrauliche Mitteilung“ an die Mit⸗ glieder des Bundes der Landwirte, in welcher mehrere Zittauer Geschäftsleute 1 gemacht werden, die gegen die Getreidezölle Stellung genommen hätten und die deshalb den Bundes⸗ mitgliedern als solche Geschäftsleute vorgestellt werden,„welche ihre landwirtschaftliche Ge, schäftskundschaft sehr niedrig zu achten scheinen.


