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Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 45.
Die hessischen Landtagswahlen.
Diesen Samstag, den 8. November finden nun die Abgeordnetenwahlen statt, die immerhin noch Ueberraschungen bringen können. Denn die Parteistellung vieler Wahlmänner ist noch zweifelhaft, teilweise fehlen sogar noch zuverlässige Nachrichten über die Wahlresultate. So kann man Genaueres über die Zusammen— setzung der neuen Kammer noch nicht sagen. Was O berhessen betrifft, so ist die Wahl dreier Freisinniger sicher. Es sind dies Gut⸗ fleisch⸗Gießen, Reh⸗Alsfeld und Dam m⸗ Friedberg. Im Grünberger Kreis soll die Wahl Hirschels gesichert sein. Darüber stimmt er in seinem Offenbacher Blättchen ungeheueren Jubel an; unseres Erachtens hat er dazu keine Veranlassung, denn die für die Antisemiten abgegebenen Stimmenzahlen sind geradezu erbärmlich gering. Soviel ist sicher, Hirschel würde in diesem Kreise bei dem direkten Wahlrecht nie gewählt, er würde sogar jetzt durchgefallen sein, wenn die Gegner mit ge⸗ eigneteren Kandidaten aufgetreten wären. Unsere Partei hatte hier von vornherein leine Aussicht,
weil wir nur in einzelnen Orten Wahlmänner
bekommen.
Gießener Angelegenheiten.
— Nachwehen von der Landtags⸗ wahl. Während es vor der Landtagswahl hier in Gießen sehr ruhig zuging— nicht mal eine Versammlung hat stattgefunden— gab es nachher einige Aufregung. Bei uns zwar nicht, unsere Genossen sind im Gegenteil leid⸗ lich zufrieden. Fürchterlich hat sich aber ein Mann alteriert, dem die Ehre erwiesen wor⸗ den war, als Wahlmann auf den sozialdemo⸗ kratischen Zettel gesetzt zu werden. Schleunigst stürmte er auf das Amtsblatt, um öffentlich hoch und tener zu schwören, daß er nicht zu den bösen Sozis gehöre. Das war ganz über⸗ flüssig, jeder wußte es ohnedies. Vielleicht würden wir uns auch für seine Parteigenossen⸗ schaft bedanken. Was veranlaßte aber den Wirt Sauer zu dieser Erklärung? Er ist Mitglied des unpolitischen Kriegerver⸗ eins, der ihm die politische Meinung diktiert. Im Interesse seines Geschäftes„muß“ er Rücksicht nehmen auf ein paar Kriegervereinler, Eisenbahnassisteuten und was sich etwa sonst noch den„besseren Leuten“ zurechnet, nicht aber auf die vielen Arbeiter, die dort ver⸗ kehren. Die dürften sich jedenfalls veranlaßt fühlen, die kriegervereinlichen Kreise nicht weiter zu stören.— Das indirekte Wahlrecht ist aber doch noch zu etwas gut. Man kann den Geg⸗ nern am eigenen Leibe die Gesinnungsriecherei und Aechtung, mit der sie uns bedenken, füh⸗ len lassen. Vielleicht setzen wir das nächste Mal, wenn dieses Wahlsystem noch existiert, den Schweinburg-Dichter Sommerlad und andere Sozialistenfresser auf unsere Liste! So muß ans dieser Zufall— denn um einen solchen handelt es sich— zum Besten dienen!
Auch Hirschels Arizonakiker giebt seinen Seuf zu der Sache.„Er läßt sich von hier schreiben: Bei der hiesigen Landtagswahl war es sehr auffallend, daß sie sich fast gar nicht rührten und ihr Kandidat Krumm, der sich doch sonst so gerne reden hört, seine liebliche Stimme in Wählerversammlungen nicht er- schallen ließ. Hat es etwa am nervus rerum gefehlt oder hat er andere Schmerzen?“ Dann erzahlt er mit wichtiger Miene, daß zwei Wahlmänner im Anzeiger gegen ihre Aufstellung auf die sozialistische Liste protestirt hätten.
a Nun, wenn uns Geld fehlte, könnten wir vielleicht bei den Antisemiten einen Pump anlegen? Ihr armen Schelme! Der sich hier durch seine lateinischen Brocken so gelehrt stel⸗ lende Antisemitrich kann die Tatsache des finanziellen und des politischen und moralischen Bankrottes des Antisemitismus nicht aus der Welt schaffen.
— Stadtverordneter Professor Fuhr ist am Montag Vormittag gestorben. In dem Verstorbenen ist ein Mann von edler, freier Gesinnung und lauterem Charakter dahin gegangen. Zu Lebzeiten hat er sich jeden Nach⸗ ruf im Falle seines Ablebens verbeten. Dazu
meint unser Offenbacher Paxteiorgan:„llas soll die Bitte Fuhrs nicht abhalten, hier fest⸗ zustellen: der„außerordentliche“ Professor Fuhr war ein ganz außerordentlicher Mensch, wenn er in Gießen auch niemals„ordentlicher“ Professor geworden ist. Fuhr war in seinem Spezialfach— Chirurgie— eine hervorragende Kraft, aber gar nichts hervorragendes hat er in der Katzbuckelei geleistet. Dem Verstorbenen wurde allezeit eine sehr freie Gesinnung„nach⸗ gesagt“, dazu war er liebenswürdig im Um⸗ gange selbsr mit dem Allerärmsten, er war— mit einem Wort gesagt: so wenig professoral, daß es uns ganz selbstverständlich erscheint, wenn er nicht„ordentlicher Professor“ wurde. Professor Fuhr war nicht etwa Sozialdemokrat — das ist ja der erste Verdacht, der ausge⸗ sprochen wird, wenn ein Mann aus der Sphäre Fuhrs auch mit armen Teuseln als Mensch zum Menschen spricht—, aber er war ein braver Mann vom Scheitel bis zur Zehe. Und deshalb achteten wir ihn allezeit hoch.“ Das dürfte stimmen.
— Kein billigeres Brot! Neulich
hieß es einmal, daß der Brotpreis um einige Pfennige heruntergesetzt werden solle, weil das Mehl gegenwärtig im Preise ebenfalls niedrig stehe. Es ist aber nichts daraus geworden, obwohl die Herren Bäckermeister darüber in zwei Versammlungen berieten, eine Anzahl sich auch für Preisherabsetzung ausgesprochen haben soll. Doch die Mehrheit war dafür, den Konsu⸗ menten weiter die höheren Preise bezahlen zu lassen. Sie können sich's leisten, die Ritter vom Backtrog, sie gehen geschlossen vor und diktieren einfach die Preise. Hier wäre es Aufgabe der Konsum vereine, auf Mittel und Wege für Beschaffung des Hauptnahrungs⸗ mittels zu billigerem Preise zu sorgen und die Uebervorteilung des konsumierenden Publilums unmöglich zu machen. — Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hielt am Sonntag im Postkeller seine erste Generalversammlung ab. Dazu waren die Mit⸗ glieder ziemlich zahlreich erschienen uud nahmen zunächst den Geschäftsbericht des Geschäftsführers entgegen. Nachdem dieser die Zunahme der Mitgliederzahl erwähnt, bespricht er das geschäftliche Ergebnis. Wenn dieses den gehegten Erwartungen nicht entspreche, so sei dies in erster Linie durch eine Reihe außergewöhnlicher, im ersten Jahre unvermeidlicher Ausgaben verschuldet. Für den Vorstand sei das Jahr ein recht arbeitsreiches ge⸗ wesen; er habe aber auch manche Erfahrung gesammelt und hoffe, daß, wenn die Mitglieder sich die allein richtige Ansicht zu eigen machten, daß sie Inhaber des Geschäfts sind und ihren Bedarf nur in ihrem Geschäft deckten, dann die folgenden Jahre einen besseren Abschluß bringen würden. Hiernach erhielt der Kassierer Keßler das Wort zur Berichterstattung. Er verlas die bereits veröffentlichte Bilanz und erläuterte dann eingehend die Einnahmen und Ausgaben; kam auf das geringe Erträgnis des verflossenen Geschäftsjahres zurück und wies ziffernmäßig die Ursache hiervon nach.
Bezüglich der Einzahlung auf die Anteilscheine be⸗ obachteten die Mitglieder eine sehr erfreuliche Pünktlich⸗ keit, deren sich wohl selten ein Verein zu erfreuen hätte. Redner knüpft daran den Wunsch, daß sie auch beim Wareneinkauf das gleiche Interesse zeigen möchten, umso⸗ mehr als der Vorstand stets bestrebt sei, für die Mit⸗ glieder nur das Beste zu beschaffen. In der sich an die beiden Berichte anschließenden Diskussion ward der Thätigkeit des Vorstandes dankend gedacht; von Mit⸗ gliedern anerkannt, daß Waren und Preise zufrieden⸗ stellende seien, doch wurde die Einführung weiterer Artikel gewünscht. Die Bilanz wurde einstimmig gutgeheißen, der Reingewinn dem Reservefonds überwiesen. Die beiden durchs Loos ausgeschiedenen Mitglieder G. Krüger und Schellwien wurden wiedergewählt. Mit dem Wunsche, daß die Mitglieder die gehörten Ausführungen beherzigen und ihr Mögliches zur Weiterentwickelung des Vereins beitragen möchten, da nur durch gemein same Arbeit Vorteile für das einzelne Mitglied erreicht werden könnten, schloß der Vorsitzende gegen 6 Uhr die Ver⸗ sammlung.
— Die Gießener Maurer hielten am 1. November im Löb'schen Lokale eine öffent⸗ liche Versammlung ab, in welcher der Leiter des Gaues Frankfurt, Kollege Hüttmann, in sehr klaren und verständlichen Ausführungen die Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Zu⸗ sammenschlusses den in ziemlicher Anzahl Er⸗ schienenen darlegte. Nach dem Streik von 1900,
der für die Arbeiter ungünstig verlief, kehrten bedauerlicherweise viele Maurer der Gewerkschaft 2
ben Rücken, erst in ber letzten Zeit rat iu ber Mitgliederzahl des Verbandes wieder eine er⸗ freuliche Steigerung ein. Infolge des mangeln⸗ den Zusammenschlusses sind denn auch die Löhne ganz erheblich gesunken, während im Vorjahre noch 38—40 Pfg. Stundenlohn bezahlt wurden, bieten die Unternehmer jetzt 32 Pfg. und noch weniger. Und das zu einer Zeit, wo die Kosten der Lebenshaltung stetige Steigerung zeigen! Solche Lohndrückereien würden die Bauunter⸗ nehmer nicht wagen, wenn sämtliche Maurer in der Organisation wären.
—„Die größte Sünde“. Das so betitelte Drama von Otto Ern st wird am Donnerstag(13.) im Saale des Lenz'schen Felsenkeller der hier bereits bestens bekannte Rezitatoer Walkotte zum Vortrag bringen. Wir machen auf die für Jeden interessante Darbietung nochmals aufmerksam. Der Eintritt kostet 20 Pfg. die Person. Die Gewerkschafts⸗ mitglieder erhalten Familienkarten, die zur Einführung einer Dame berechtigen.— Der Inhalt des Stückes ist kurz folgender. Wolfgang Behring, ein junger Freigeist und Journalist, hat sich mit einer reichen Kaufmanns⸗ tochter verlobt. Seine Weigerung, sich kirchlich trauen zu lassen, bringt seine Schwiegereltern, die religiös gesinnt sein wollen, sehr in Harnisch. Wie es oft schon ging, wird auch über Behring ein gesellschaftlicher Boykott verhängt, infolgedessen gerät er in Not, sein Kind stirbt, die Frau wird totkrank und kann nur durch eine Reise nach dem Süden gerettet werden. Um die Mittel dazu bittet er, seinen Stolz besiegend, den reichen Schwieger⸗ vater. Der hält ihm eine Bußßpredigt, B. verzichtet auf weiteres Wirken für seine Ueberzeugung, läßt sich nachträglich kirchlich trauen. Nachdem empfindet er fürchterlich das Schimpfliche, seine bessere Ueberzeugung preisgegeben zu haben. Dies erklärt er für die größte Sünde und geht mit seiner Frau freiwillig in den Tod.
Aus dem Rreise gießen.
— Versammlung in Wieseck. Diesen Sonntag nachm. 4 Uhr findet bei Wacker im Gambrinus eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in der die Berichterstattung vom Parteitag erfolgen wird, die neulich wegen Verhinderung des Referenten ausfallen mußte. Die Genossen wollen zahlreich erscheinen.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Zur Kreiskonferenz des Wahl⸗ kreises Wetzlar⸗ Altenkirchen, die Sonntag im Lokale Löb in Gießen tagte, hatten sich die Parteigenossen recht zahlreich eingefunden, selbst aus der dunkelsten Ecke, dem Kreise Alten⸗ kirchen waren Teilnehmer erschienen; sie wollten auch ihr Teil Parteiarbeit leisten und hatten die weite Reise nicht gescheut. Von Frankfurt war ein Vertreter der dortigen Agi⸗ tationskommisston anwesend. Die Verhand⸗ lungen selbst waren sehr anregend, alle Tages⸗ ordnungspunkte wurden ebenso sachlich als gründlich erörtert. Zuerst erstattete der Ver⸗ trauensmann seinen Tätigkeits- und Kassen⸗ bericht. Er verbreitete sich hierin über die Agitation im Kreise, die uns natürlich in jeder Beziehung erschwert wird. Lokale zu Ver⸗ sammlungen sind nur in vereinzelten Orten zu haben. Wer im Geruche sozialdemokratischer Gesinnung steht, sieht sich allen möglichen Chikanen und wirtschaftlichen Schädigungen von Seiten der Gegner, hier und da auch der Polizei ausgesetzt. Trotzdem ist der Zu⸗ sammenhalt der Parteigenossen ein recht fester; es werde auch durch die fortgesetzten Lohndrücke⸗ reien, Arbeitslosigkeit, Lebens mittelverteuerung unserer Agitation Vorschub geleistet. Und wenn die Parteigenossen nur einigermaßen arbeiten, so könuten wir nächstes Jahr ein günstiges Wahlresultat erwarten. Mit den Beschlüssen des Parteitages erklärte sich die Konferenz nach eingehendem Bericht des Gen. Vetters einverstanden und versprach für deren Durch⸗ führung zu wirken.— Dem Berichte schloß sich eine recht eingehende Debatte an, in deren Verlauf alle Parteiangelegenheiten besprochen wurden. Dem Vertrauensmann wurde für seine Tätigkeit Anerkennung gezollt und seine Ab⸗ rechnung für richtig befunden.— Die nächste Reichs⸗ tagswahl verursachte ebenfalls eine längere Aussprache, die sich besonders um die Kandidaten⸗ frage drehte. Einstimmig beschloß die Konfe⸗
renz, die Kandidatur des Genossen A. Bebel auch diesmal aufzustellen.— Zum Vertrauens-
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