Ausgabe 
9.11.1902
 
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Nr. 45.

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Mitteldentsche Sountaas⸗Zollung.

Seite 3.

einer zwei Stock hoch gelegenen Stube zum Fenuster;

auf den Kasernenhof dicht vor den Wacht⸗ posten hinausgeworfen sei und infolgedessen seinen Dod gefunden habe.... Von den Kameraden meines Mannes erfuhr ich, daß mein Mann vorher von einem Pferde geschlagen worden und deshalb revierkrank gewesen sel. Er hätte am Tage vor seinem Tode einen Schwindel⸗ oder Ohnmachtsansall erlitten und sich auf ein Bett geworfen. Kurz darauf wäre ein Unter⸗ osfizier gekommen, hätte auf meinen Mann geschimpft und einigen Leuten befohlen, ihn aus der Stube zu werfen und ordentlich zu verhauen, und dies sei dann auch in bestialischster. Weise ausgeführt worden. Am Begräbnistage selbst bekam ich meinen Mann zu sehen. Es war dies ein so schrecklicher Anblick, daß ich ihn wohl, so lange ich lebe, nicht vergessen werde. Brust und Kopf waren durchlöchert und sah sein Körper ganz entstellt aus. In den ersten Wochen nach dem Tode meines Mannes habe ich keine Nacht schlafen können, weil mir das schmerzverzerrte Gesicht desselben nicht aus dem Gedächtnis schwand.

Schließlich teilt das arme Weib noch mit, daß ihr von dem Rittmeister Unterstützung und auch die Bestrafung der Schuldigen zugesagt worden sei, doch habe sie bisher weder Unter⸗ stützung erhalten, noch etwas von der Bestrafung gehört. Bei der zu erwartenden Gerichts⸗ verhandlung wird man wohl Weiteres und Genaueres erfahren. Denn es ist doch undenk⸗ bar, daß das Militärgericht diese Schandthat ungesühnt lassen sollte. Von anderer Seite wird behauptet, daß Baltrusch nicht mißhandelt, sondern infolge eines Sturzes einen Schädel⸗ bruch erlitten haben. Dagegen stellt dieKönigsb. Hartungsche Ztg. den Vorgang ganz anders dar. Sie erklärt, der Fall sei kriegsgerichtlich verhandelt und eingehend untersucht worden. Die Beteiligten wären freigesprochen worden, weil ste sich in Notwehr(ö) befunden hätten. Darnach muß der Kanonier doch aus dem Fenster gestürzt worden sein. Auffällig bleibt, daß nichts davon in die Oeffent⸗ lichkeit gelangt ist.

Verstorbene Abgeordnete.

Einer der bekanntesten bürgerlichen Abge⸗ ordneten des Reichstages, Heinrich Rickert, ist am Montag früh nach längerem Leiden, beinahe 70 Jahre alt, gestorben. Er war einer der Führer der Freisinnigen Vereinigung und vertrat im Reichstage den Wahlkreis Danzig⸗ Stadt. Ferner verstarb der frühere Alters⸗ präsident und Zentrumsabgeordnete Lingens im hohen Alter von 83 Jahren. Er war es, der vor etlichen Jahren im Reichstage das Wort vom Unteroffizier als Stellvertreter Gottes aufbrachte.

Neue ungeheure Kohlenlager

sind im nördlichen Belgien entdeckt worden. Sie erstrecken sich von Limburg(Belgien) bis Antwerpen und die Flötze haben eine Dicke von 500 bis 600 Meter. An dieser Entdeckung haben auch die Arbeiter ein großes Interesse, denn es wird in jener Gegend zweifellos eine durchgreifende Revolution vor sich gehen; in der unfruchtbaren Ebene werden Städte ent⸗ stehen und ganze Arbeiterheere ihren Einzug halten. Um zu verhüten, daß die neuerschlossenen unterirdischen Reichtümer ausschließlich einer winzigen Anzahl Kapttalisten in die Hände fallen, haben, wie demVorwärts geschrieben wurde, die sozialistischen Abgeordneten Vander⸗ velde und Denis in der Kammer einen Antrag auf Verstaatlichung der neuen Kohlen⸗ werke gestellt. Kaum aber sind etliche Tage seit dem Bekanntwerden dieses Antrages ver⸗ =flossen, so beginnt die Kapitalistenpresse schon gegen ihn Sturm zu laufen. Natürlich wollen die Kapitalisten den Profit einheimsen und sie erklären durch ihre Organe, daß der Staat zu langsam und teuer arbeite. Damit wird aber doch nur der Regierung das schlechteste Zeugnis ausgestellt! Eine bessere staatliche Organisation würde sofort Abhülfe schaffen. Auf alle Fälle wird die Sache dem Sozialismus nützen.

Wer ist schutzbedürftig?

Agrarier und Industrielle streiten sich darum, wer von ihnen am meisten schutzbedürftig ist.

Jede der beiden Interessentengruppen versucht, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Auf beiden Seiten spricht man von Notlage, dabei werden sachliche Argumente durch Geschrei ersetzt. Wo wollen Großgrundbesitzer und In⸗ dustriebarone auch sachliche Momente für solche Behauptung hernehmen? Ein anderer ist es, der mit Recht von Notlage reden kann und schutzbedürftig ist: das ist der Arbeiter.

Nehmen wir die Arbeiter des rheinisch⸗west⸗ fälischen Industriegebietes. Deren Bilanz schließt ab mit Lohnrückgang und Unfallsteige⸗ rung. Den Rahmen zu dem Bilde liefert die fortgesetzte Verteuerung der Lebenshaltung, die Steigerung der Lebensmittelpreise, deren Folge Unterernährung ist. Zahlreiche Familien leiden heute thatsächlich direkt Not. Zweifellos ist es an der Arbeiterschaft, Schutz gegen weitere Plünderung, Schutz gegen weitere Belastung durch Zollwucher und erhöhten Schutz für Gesundheit und Leben zu verlangen.

Als während der guten Geschäftsjahre das jährliche Einkommen der Arbeiter sich etwas gehoben hatte, hauptsächlich durch die Ueber⸗ arbeit, da wußte die kapitalistische Presse nicht genug Aufhebens davon zu machen. Jetzt aber, wo die Löhne zurückgegangen sind, schweigen diese noblen Blätter.

Glücklicherweise ist es aber trotzdem doch das Unternehmertum selbst, welches Farbe be⸗ kennen muß, und zwar durch die Berichte der Berufsgenossenschaften. Da ist der Bericht der Rhein.⸗Westf. Hütten⸗ und Walz⸗ werk⸗Berufsgenossenschaft für das Jahr 1901. In dieser Genossenschaft waren im Berichtsjahre versichert 126 902 Personen, gegen 134717 im Jahre 1900. Die Gesamtsumme der gezahlten Löhne und Gehälter betrug 166 253 602.45 Mk. gegen 182449791 Mk. im Jahre vorher. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter ging um 7815, die Gesamtlohnsumme um 16 196 238.55 Mk. zurück. In dem laufenden Jahr wird der Rückgang zweifellos noch größer sein.

Aber die Unfälle gingen nicht zurück; im Gegenteil ist bei diesen eine fortgesetzte Steigerung zu verzeichnen.

Insgesamt verunglückten 21799 Personen, oder 172 pro 1000 Versicherte. Von den Verunglückten waren tot 118, dauernd teilweise erwerbsunfähig 1017, dauernd völlig erwerbsunfähig 491 Personen. Die entschädigungspflichtigen Unfälle nahmen ständig zu und das, obwohl bei den Feststellungen immer schärfer vorgegangen wird. Auf 1000 versicherte Per⸗ sonen entfallen entschädigungspflichtige Unfälle:

1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 9,5 10 10 11 12 12,8 12,9.

Nach den Ursachen der Unfallzunahme braucht man nicht lange zu forschen. Es ist das die Folge der wahnsinnigen Antreiberei mit rück⸗ sichtslosester Akkordreißerei. Die Arbeiter haben keine Zeit, auf Gesundheit und Leben zu achten, in tollem Drauflosschuften müssen sie immer mehr Produkte schaffen, bei gekürzten Löhnen schwillt die Ziffer der Opfer auf dem industriellen Schlachtfelde immer mehr an, immer größer wird das Heer der Krüppel und Leichen, die Blutwelle steigt!

Nicht der Junker und der Großindustrielle ist schutzbedürftig, wohl aber und zwar ganz dringend der Arbeiter. Möge er seine Stimme erheben und den Wucherlustigen und der Regierung mit donnernder Stimme ent⸗ gegenrufen:

Mehr Arbeiterschutz! (Morgnrth,)

Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung.

We berstreik. Seit etwa drei Wochen befinden sich die Weber in Meerane in Sachsen im Ausstande. Die armen Weber, die bisher schon für Hungerlöhne arbeiten mußten, waren 171 e der Arbeit gezwungen, weil ie Fabrikanten die Löhne noch ganz bedeutend herabgesetzt hatten. Außerdem verlangen die Herren Unternehmer, daß sie einfach die Löhne festsetzen; die Weber wissen somit gar nicht, wenn sie ein Stück in Arbeit nehmen, was sie dafür erhalten. Natürlich lassen auch bei diesem Streik die Fabrikanten die bekannten

Klagelieder ertönen, daß sie zu Grunde gehen müßten, wenn sie höhere Löhne zahlten. Darauf antwortet aber ein Textilfabrikant in einem Leipziger Blatte:

Wer in unserer Branche arbeitet, weiß ganz genau, daß es gleichgiltig ist, ob eine Ware 105 oder 110 Pfg. per Meter kostet, dagegen ist es gewissen Fab ri⸗ kanten nicht gleichgiltig, wenn sie an einen festen Lohn⸗ tarif gebunden sind. Denn dadurch sind sie gebunden, festgelegte Löhne zahlen zu müssen, damit hört der Wucher auf, Geschäfte auf Rechnung der Löhne zu machen und anderen Fabrikanten, die ordnungsgemäße Löhne zahlen, Ordres aus den Zähnen zu reißen. Warum sind es denn nur gewisse Firmen, welche sich in kurzer Zeit viele Hunderttausende zusammen⸗ schlagen? Weil es eben nicht Jeder fertig bringt, über Leichen zu wandeln.

Hier wird also von einem Fabrikanten selbst die von dem Unternehmertum betriebene gewissenlose Plusmacherei bestätigt. An Be⸗ mühungen zur Beilegung des Streiks hat es nicht gefehlt. Sowohl der Fabrikinspektor als der Meeraner Stadtrat versuchten eine Einigung der Parteien. Die Versuche scheiterten an der Starrköpfigkeit der Unternehmer, die keinerlei Zuständnisse machen wollen. Der heilige Profit könnte geschmälert werden! Die Ausständigen halten tapfer aus; Streikbrecher giebt es keine.

T Ein Kongreß der Gasarbeiter Deutschlands soll am 18. April 1903 in Berlin abgehalten werven. Der hauptsächlichste Punkt der Tagesordnung des Kongresses ist die Forderung des Achtstundentages für die Gasarbeiter. Heute wird in den meisten deutschen Gasanstalten noch 1012 Stunden, beim Schichtwechsel sogar 1824 Stunden gearbeitet. Die lange Arbeitszeit bei der furcht⸗ baren Hitze an den Retorten, verbunden mit dem ständigen Temperaturwechsel, dem die Arbeiter ausgesetzt sind, trägt dazu bei, daß der Gesundheitszustand der Gasarbeiter ein äußerst schlechter ist und Krankheiten aller Art entstehen.

Einigkeit unter den Buchdruckern! Nunmehr sind die Streitigkeiten unter Buch⸗ druckern entgiltig beseitigt. Die Einigungsver⸗ handlungen zwischen den beiden Buchdrucker⸗ Organisationen sind zum Abschluß gekommen. Die Gewerkschaft der Buchdrucker löst sich auf und ihre Mitglieder treten in den Verband ein, der ihnen die früher an den Verband und die durch fünf Jahre an die Gewerkschaft geleistete Beiträge anrechnet. Der Verband gewinnt dadurch 180 Mitglieder und einen Vermögens zuwachs von 12 600 Mk. Es ist ein Frieden schreibt dieBuchdrucker Wacht, das Organ derGewerkschaft in seiner Schlußnummer der hoffentlich nirgends auf die Dauer einen Stachel zurückläßt. Und weiter richtet das Blatt die Mahnung an die Kollegen:

Hinweg mit der Vergangenheit vor⸗ wärts richten wir den Blick! An die Stelle des Bruderkampfes hat der einheitlich geführte Kampf gegen die natürlichen Gegner der Arbeiter- klasse zu treten. Wie früher, so werden die bisherigen Mitglieder der Gewerkschaft auch in Zukunft wieder ihren Mann zu stehen wissen, wo es sich darum handelt, für die Interessen der Arbeiter einzustehen. a

Möge jeder verbleibende persönliche Groll schnell und für immer verblassen und möge Eintracht und Friede einziehen, damit das Werk der Einigung zu einem segensreichen werde. Recht so!

von Uah und Lern. Hessisches.

Der hessische Landbote kommt!

Das Landeskomitee der sozialdemo⸗ kratischen Parteiorganisation Hessens teilt den Genossen mit, daß mit der Versendung des Hessischen Landboten begonnen worden ist. Jeder Kreis erhält, sofern nicht anders bestimmt werden sollte, seitens der Genossen, dieselbe Anzahl Kalender zugesandt, die er im vorigen Jahre gehabt. Die 1 gehen auch an die vorjährigen Adressen, sofern nicht anders bestimmt wird.

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