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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung,
Nr. 23.
„Im Zeitungszimmer der öffentlichen Lese⸗ halle sind Karten der Umgegend von Gießen und Touristenführer zur Einsicht dauernd aufgelegt. Wir hoffen, Einheimische und Fremde werden von dieser Einrichtung im Sinne des freundlichen Stifters fleißig Gebrauch machen. Wiederholt sei darauf hingewiesen, daß das Zeitungszimmer an den Werktagen von 610 Uhr Abends, Sonntags von 11 Uhr Vormit⸗ tags bis 10 Uhr Abends jedem Erwachsenen offen steht. Man findet dort Tagesblätter aller Richtungen, illustrierte Zeitschriften, Meyer's Konversattions-Lexikon und andere Nachschlagewerke.“
— Hungerlöhne der Zigarren⸗ macher. Vor Kurzem hat der„Tabakarbeiter“, das Organ des Tabakarbeiterverbandes, die Ergebnisse einer statistischen Erhebung veröffent⸗ licht, die der Verband im Jahre 1900 über die Verhältnisse in der Zigarren- und Tabak⸗ industrie aufgenommen hat. Es geht daraus hervor, daß die Lohn verhältnisse in diesem Industriezweige als äußerst traurige bezeichnet werden müssen. Die Aufnahme erstreckt sich auf 1527 Betriebe mit 39032 Arbeitern, dar⸗ unter fast 24000 weibliche. Die Hälfte dieser Zahl, etwa 19500, sind Zigarrenmacher und von diesen verdienen 70 Prozent unter 14 Mk. die Woche! Noch schlimmer siehts bei den Wickelmachern aus. Diese verdienen zum weit⸗ aus größten Teile unter 8 Mk. die Woche. (Wickelmacher sind die Hilfsarbeiter der Zigar⸗ renmacher, letztere machen die Zigarre fertig, indem sie den„Wickel“ in das Deckblatt ein⸗ rollen.) Dabei ist in der Zigarrenindustrie die tägliche Arbeitszeit mit am längsten. Die Löhne auf die Stunde berechnet, betragen bei über 22 000 Arbeiter unter 20 Pfg. die Stunde! — Hier in unserer Gegend liegen die Verhält⸗ nisse in diesem Berufszweige noch schlechter, als vom„Tahakarbeiter“ dargestellt wird, wie wir aus Mitteilungen von Arbeitern wissen. Schuld an diesen Hungerlöhnen sind zum größten Teile die ungeheuren Steuerbelastungen des Tabaks. Die vielen Millionen, die alljährlich aus dem Tabak herausgepreßt werden, sind dem Arbeiter entzogene Löhne. Dann aber sind die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst schul d. Anstatt sich ihrer Organisation anzuschließen und nach besten Kräften an der Verbesserung der Arbeitsbedin— gungen mitzuarbeiten, lassen sie sich willenlos ausbeuten und es ist kein Wunder, wenn die Löhne stets weiter herabgedrückt werden. Möchten sich die Tabakarbeiter bald auf ihre Pflichten besinnen!
— Die unverantwortliche Amts⸗ blatt⸗Redaktion. In den letzten Tagen hatte sich in Gießen ein eigentlich wunderlicher Professoren⸗Streit entsponnen. Anlaß dazu gab die vom„Gie ener Anzeiger“ an Pfingsten herausgegebene„Festnummer“ zur Feier der Immatrikulation des 1000. Studenten. Gegen den Inhalt dieser Festnummer wandte sich zu⸗ nächst ein Studierender der Tierheilkunde und dann protestierte der Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Dr. Sommer mit großer Schärfe gegen eine Bemerkung in der Festschrift, die den großen Zudrang zur Veterinär⸗Medizin als ungesund für die Universität bezeichnet und es beklagt, daß viele der Veterinar⸗Mediziner nicht im Besitze des Gymnastal⸗Reifezeugnisses find. Als Verfasser des Artikels in der Fest⸗ nummer bekannte sich Professor Dr. Biermer. Wer von den beiden Streitenden Recht hat, lassen wir hier dahingestellt.— Uns interessiert nur die merkwürdig⸗klägliche Haltung der Re⸗ daktion des Amtsblattes. Sic erklärte näm⸗ lich im Anschluß an den Sommerschen Protest, daß sie dem Inhalte der Festnummer durch⸗ aus fern stünde! Dabei trägt die„Fest⸗ nummer“ den Titelkopf des Anzeigers und ist auch von der Redaktion gezeichnet! Ihre selbst⸗ verständliche Pflicht war es somit, den Verfasser zu schützen, statt dessen zieht sie sich jetzt aus der Schußlinie zurück. Das ist ungefähr das Gegenteil von Tapferkeit.
— Die Glasergewerkschaft hält diesen Sonntag auf der Pulvermühle ihr 15. Stif⸗ tungs fest ab. Wir empfehlen unsern Freunden den Besuch des Festes angelegentlichst; nach
den Vorbereitungen zu schließen, wird für gute Unterhaltung aller Art in ausgiebiger Weise gesorgt sein. Bei der jetzigen Temperatur bietet der Platz an der Pulvermühle auch recht angenehmen Aufenthalt. f
— Ansichtspostkarten mit dem Bilde der Kopfseite der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“, haben wir herstellen lassen. Die Karten sind sehr sauber ausgeführt; in der durchbrochenen Zeitung erscheint das Bild unseres unvergeßlichen„Alten“. Die Druckschrift ist darauf mit solcher Schärfe wiedergegeben, daß jedes Wort deutlich zu lesen ist. Wir sind sicher, daß die interessanten Karten allen unsern Freunden gut gefallen und deshalb schnellen Absatz finden werden. Umsomehr, als der Preis nur 5 Pfg. pro Stück beträgt.
Aus dem Nreise gießen.
2. Gemeinderätliches aus Lollar. Fast jedes Dorf hat in seinem Gemeinderate einen oder mehrere sonderbare Heilige aufzu— weisen, die infolge ihres geringen Verständnisses für das Interesse und die Entwickelung der Gemeinde ein Hindernis für jeden Fortschritt auf kommunalem Gebiete bilden, gewisser maßen als Bremser wirken. Lollar hat gleich fünf von dieser Qualität. Vier dieser Wackeren gaben voriges Jahr dem Wunsche der Geist— lichkeit nach einer neuen Kirche nach und erklärten sich flink und froh bereit, der poli— tischen Gemeinde Lollar, so 3040000 Yk. Schulden aufzuhalsen. Dabei winkt bei diesem Projekt noch die erfreuliche Aussicht, daß Lollar eine eigene Pfarrei mit funkelnagelneuem Pfarr⸗ haus und dito Pfarrer erhält. Die kirchliche Lostrennung von Kirchberg und die Selbst⸗ ständigkeit der Frommen in Lollar soll mit 40— 50000 Mk. erkauft werden.— Wie diese vier, zu denen sich jetzt noch ein fünfter gesellt, für einen unnötigen Kirchenbau waren, so sind sie nun gegen die geplante notwendige Wasserleitung. Man sollte es nicht für möglich halten und doch ist es Thatsache. Auch besteht bekanntlich in Lollar ein Mangel an kleinen Wohnungen. Die Ge⸗ meindeverwaltung beschloß nun, unter Zustim⸗ mung des Kreisamtes die sogenannte Schoor, ein ziemlich großes Gelände, welches der Ge⸗ meinde jährlich eine recht geringe Summe (130-160 Mark) einbringt, als Bauplätze zu verkaufen. Den Baulustigen wäre damit gedient, die Gemeinde machte ein profitabeles Geschäft dabei; die Entwickelung der Gemeinde würde gefördert, gesunde Wohnungen für„kleine Leute“ errichtet; also alles in allem etwas Gutes ge⸗ schaffen. Aber nun wollen unsere 5 Kirchen⸗— bauer das Bauen nicht leiden und es ist noch zu befürchten, daß sie das Projekt zu Fall bringen. Fragen wir, wie kommen solche Leute überhaupt in den Gemeinderat? Die größte Schuld liegt an den Arbeitern, die saumselig und schläfrig bei Gemeinde⸗ wahlen zu Hause bleiben, oder wenn sie kahlen, geben sie den Gegnern die Stimme, die ihnen als„gute Kerle“ angepriesen werden oder bekannt sind. Hoffentlich öffnet die Thätig⸗ keit dieser fünf Gemeinderäte der Lollarer Ar⸗ beiterschaft die Augen, damit sie bei der nächsten Wahl Kehraus machen mit beschränkten Philistern und Reaktionären.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
* Flugschriften-Verteiler vor Gericht. Daß in Hessen unsern Flugblatt⸗Verteilern Schwierig⸗ keiten gemacht werden, kommt ja hier und da durch übereifrige Bürgermeister vor. Seltener schon werden Gerichtsverhandlungen über Sünder dieser Art gepflogen. Mit einem solchen Fall hatte sich das Schöffengericht in Vilbel am Dienstag zu beschäftigen. Genosse Hoffmann aus Vilbel hatte am 5. Januar in Okarben den Kalender verbreitet, war dabei vom Ortsdiener sistirt worden und hatte ohne nähere Begründung wegen „Uebertretung“ einen Strafbefehl von 6 Mk. zugestellt erhalten. Der Einspruch hiergegen wurde verworfen, weil das Gericht der Ansicht des Amtsanwalts beipflichtete und unter Zugrundelegung des§ 366, Abs. des Straf⸗ gesetzes und nach§ 45 und 47 des hessischen Gesetzes über die Presse vom 1. August 1862, die noch zu Recht bestehen, ein unentgeltliches Verteilen von Druck⸗ schriften an öffentlichen Orten ohne obrigkeitliche Erlaubnis annahm. Es wurde jedoch nnr festgestellt,
daß Genosse H. in einer Wirtschaft der Wirtin den Kalender in Privaträumen zum eigenem Studium gegeben hat. Da das Urteil völlig unhaltbar ist, wird noch die weitere Instanz darüber zu befinden haben. Dieser Fall zeigt aber auch recht deutlich, daß es hohe Zeit wird, mit den Ueberbleibseln des alten Preßgesetzes endlich einmal aufzuräumen. Ein Vorstoß im Landtage nach dieser Richtung wäre sehr am Platze, meint mit Recht unser Offenbacher Parteiorgan.
Aus dem Rreise Wetzlar.
— Johannisfeier. Zur Feier des Johannisfestes veranstalten die Wetzlarer orga⸗ nisirten Buchdrucker diesen Sonntag im „Römischen Kaiser“ eine Festlichkeit. Hieran werden sich auch die Gießener Kollegen in größerer Anzahl beteiligen, die schon am Mit⸗ tag gemeinsam mit den Wetzlarern einen Aus⸗ flug unternehmen.
Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain.
St. Hessischer Städtetag. In den Tagen vom 4. bis inkl. 7. Juni findet hier die 13. Versammlung des hess. Städtetages, sowie die 7. Hauptversammlung des Sparkassen⸗ Verbandes statt. Auf der Tagesordnung steht u. a.: Stellungnahme zu den auf Aufhebung der kommunalen Verbrauchsabgaben gerichteten Beschlüsse der Zolltarifkommission des deutschen Reichstags.
— Die große Hitze der letzten Tage hat unter den Mannschaften des hiesigen Jäger⸗ bataitlons wieder einige Opfer gefordert. Eine Abteilung Soldaten, welche vom großen Exer⸗ zierplatz zurückkehrten, mußten unter Aufsicht eines Oberleutnants auf dem Kämpfrasen nach⸗ exerzieren, wobei fünf Mann vor Erschöpfung zusammenbrachen. Wie das Kommando des Bataillons bekannt giebt, sollen sich dieselben aber bereits wieder vollständig erholt haben. Trotzdem verschiedene Gerüchte vom Gegenteil in der Stadt zirkulieren, vermochten wir nicht die Wahrheit derselben festzustellen. Wie dem immer sein mag, jedenfalls ist die Frage be⸗ rechtigt, ob denn die Nachexerziererei so not⸗ wendig war, daß da die Gesundheit der Leute auf's Spiel gesetzt wird? Das Volk hat ein Recht zu verlangen, daß von den Militärbe⸗ hörden alles gethan wird, um solche Unglücks⸗ fälle zu verhüten.
— Die 2. diesjährige Bezirksversamm⸗ lung der hiesigen Buchdrucker fand am Sonntag, den 1. Juni in Ziegenhain unter zahlreicher Beteiligung der Marburger und der drei Ziegenhainer Kollegen statt. Mit derselben war ein Ausflug durch das schöne Schwalm⸗ thal verbunden. Von Allendorf aus, bis wohin die Marburger die Bahn benutzt hatten, ging's auf Schusters Rappen durch den grünen Wald nach Neustadt, von wo nach eingenommenem Frühstück und dem Empfang der Ziegenhainer Kollegen gemeinsam mit diesen der Weitermarsch angetreten wurde. Bei wahrhaft tropischer Hitze— aber dennoch frohen Mutes— rückte die schwarze Schaar unter klingendem Spiel um die Mittagszeit in Ziegenhain ein, wo dem trefflichen Mittagmahl im Gasthof Auffarth alle Ehre angethan und nach kurzer Pause die Versammlung eröffnet wurde. Von den gefaßten Beschlüssen sind erwähnens⸗ wert die Anuahme eines Antrags auf Streichung einer hiesigen Druckerei(wegen tarifwidriger Bezahlung) aus dem Verzeichnisse der tariftreuen Druckereien und die Unterstützung eines Antrages der Bezirke Hanau, Kassel und Marburg, die kgl. Regierung in Kassel um Vergebung der behördlichen Druckarbeiten an nur tariftreue Druckereien zu ersuchen und die Gewährung des Fahrgeldes für die Teilnehmer an dem, am 29. Juni d. J. in Gießen stattfindenden Johannisfest größeren Stils. Nach Schluß der Versammlung amüsierten sich die Teilnehmer auf's beste bei der gerade in Ziegenhain statt⸗ findenden„Salatkirmes“, wobei man die Schwälmer in ihrer Nationalfesttracht und bei ihren Tänzen bewundern konnte. Mit dem 11 Uhr⸗Zuge kehrten die Ausflügler, müde bis zum Umsinken(), nach Hause zurück.
Ein Kommunalfkandal.
Sehr lebhaft ging es in einer der letzten
8 S 2 2
Fele Delers 1 3 5 felt anger


