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Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.
Nr. 23.
einmal gezeigt, daß die„Räuberbanden“, wie Chamberlain sie nannte, noch immer furchtbare Gegner waren. Sie haben nicht nachgegeben, als ihre Frauen und Kinder in den Konzen⸗ trationslagern starben; sie haben der Welt ein ergreifendes Beispiel von Opfermut und Stand⸗ haftigkeit gegeben. Niemand darf sie schelten, wenn sie endlich müde geworden sind und das nutzlos gewordene Blutvergießen beenden, selbst um den hohen Preis der Unabhängigkeit.
Die Ursache des Krieges, der nun fast 2½ Jahre lang die Welt in Spannung gehalten hat, lag in dem Bestreben der Engländer, die beiden Republiken, deren Grund und Boden unermeßliche Schätze birgt, in ihre Hand zu bekommen. England behauptete, daß die Kou⸗ vention mit der südafrikanischen Republik vom Jahre 1881, welche in ihrer Einleitung die Bestimmung enthielt, daß England die Suze⸗ ränität(Oberhoheit) über Transvaal zustehe, durch die neue Konvention von 1884 nur in einigen Artikeln abgeändert sei, ohne daß die Hauptfrage, die der Suzeränität dadurch berührt werde, während Transvaal behauptete, durch diese neue Konvention von der Suzeränität frei geworden zu sein. England behauptete somit, im Recht zu sein, wenn es sich in die Streitig⸗ keiten der Uitlanders mit der Republik Trans⸗ vaal einmischte, Transvaal kam um des lieben Friedens willen diesem Wunsche bis zu einer bestimmten Grenze entgegen, wollte sich diese Einmischung aber nicht weiter gefallen lassen, als klar wurde, daß England durch stetes Hinaufschrauben seiner Forderungen den Kriegs⸗ fall schaffen wollte und seine Streitkräfte in Südafrika verstärkte. Die Buren stellten den Engländern daher am 9. Oktober das Ultimatum, alle Streitpunkte durch ein Schiedsgericht zu erledigen und alle seit dem 1. Juni in Süd⸗ afrika gelandeten britischen Truppen zurückzu⸗ ziehen. England lehnte jede Erörterung dieser Forderungen ab, und damit war der Krieg erklärt.—
Zuerst war den Buren das Kriegsglück günstig. Sie errangen einen glänzenden Sieg nach dem anderen. Angeblich hatten sie 36000 Krieger im Felde, denen die Engländer nur 30000 gegenüberstellen konnten. Am 11. Okt. überschritten die Transvaalburen, denen sich die Oranjeburen, dem Bündnis gemäß, anschlossen, und am nächsten Tage die letzteren die Grenzen der beiden Republiken, schnitten zunächst Kim⸗ berley und Mafeking von der Verbindung mit Kapstadt ab und besetzten die nach Natal hin⸗ einführenden Gebirgspässe. Der erste Sieg wurde von den Buren bei Glencoe über General Symons erstritten. Die Trümmer des engli⸗ schen Heeres flüchteten nach Ladysmith. Trotz eines britischen Erfolges bei Elandslaagte am 21. Oktober, bei dem das deutsche Burenhilfs⸗ korps vernichtet und sein Oberst Schiel gefangen genommen wurde, konnte General White die Einschließung von Ladysmith nicht hindern.
General Buller, der im Oktober 1899 in Kapstadt landete, versuchte vergeblich Ladysmith zu entsetzen; er erlitt bei Colenso eine furcht⸗ bare Niederlage. Dann wurden Lord Roberts und Lord Kitchener nach Südafrika geschickt, die am 10. Januar in Kapstadt eintrafen. Roberts gelang es durch eine veränderte Kampfes⸗ weise und nachdem die Engländer bedeutende Verstärkungen erhalten, die Buren zurückzu⸗ drängen. Cronje mußte sich nach dreitägigem Kampfe am 27. Febr. mit 4300 Mann am Paardeberg ergeben. Kimberley war schon vefreit, die nächste Folge war auch das Auf— geben der Belagerung von Ladysmith, und General Roberts besetzte am 13. März Bloem— fontein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Frie⸗ densanerbietungen beider Republiken, von Hol— land unterstützt, wurden von England schroff abgelehnt. An die Stelle des inzwischen ge⸗ storbenen Höchstkommandierenden der Buren, Joubert, war Louis Botha getreten, dem vor⸗ nehmlich die Generale Dewet und Delarey zur Seite standen. Große Erfolge im offenen Felde waren allerdings den Buren jetzt nicht mehr möglich, da zahlreiche wankelmütige Buren den Engländern den Treueid leisteten.
Roberts sprach am 28. Mai 1900 die Annexion der beiden Republiken aus, nachdem er am
Tage vorher den Vaal überschritten hatte. Am 31. Mai fiel Johan nisburg, am 5. Juni auch Pretoria in die Hände der Engländer. Roberts übergab den Oberbefehl an Kitchener und ver⸗ ließ am 11. Dezember Südafrika. Was er gethan, faßte er in die Worte zusammen:„Vom Burenheer ist nichts mehr übrig als' marodie⸗ rende Banden!“
Damit hatte er sich allerdings bitter getäuscht, denn die jetzt zum äußersten getriebenen Buren, die nichts mehr zu verteidigen hatten als ihre Ehre, rafften sich in heroischer Weise auf und gewannen zwar nicht in großen Schlachten, aber in einem für Engländer höchst unbequemen Guerillakrieg wieder Schritt für Schritt an Boden. Dewet und Delarey, die beiden tapfersten und wohl auch fähigsten Generale der Buren brachten den Briten zahlreiche Schlappen bei, deren niederschlagende Wirkung auf die Eng⸗ länder noch durch den Ausbruch der Pest ver⸗ stärkt wurden, unter der die Engländer schwer zu leiden hatten. Wäre die von den Buren erwartete allgemeine Erhebung der Kap⸗ holländer eingetreten, so wären sicher die Eng⸗ länder ganz und gar aus Südafrika vertrieben worden. Der jahrelange, mit ungeheuren Opfern und ohne nennenswerte Erfolge geführte Kampf machte endlich die Engländer mürbe und sie zeigten sich den vor nicht langer Zeit unter⸗ nommenen Vermittelungsversuchen Hollands gegenüber nicht mehr so abgeneigt als früher. Die Gefangennahme Lord Methuens durch Delarey und sonstige Mißerfolge, machte den Frieden für die Engländer nur noch wünscheus⸗ werter. Am 14. April war dann im Beisein Kitcheners und Milners die erste Verhandlung sämtlicher Burenführer in Pretoria. Die For⸗ derung der Unabhängigkeit mußten die Buren fallen lassen, sonst zeigten sich die Engländer aber durchaus entgegenkommend, namentlich auch in der Frage der Amnestierung der Auf⸗ ständischen. Die Generale legten die Bedin⸗ gungen ihren Kommandos vor, worauf am 15. Mai eine Versammlung von 160 Buren⸗ delegierten in Vereeniging zusammentrat, um die Verhandlungen mit den Engländern zu führen. Der endgiltige Friede war das Resultat.
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Was die Friedensbedingungen be⸗ trifft, so wurde bereits bemerkt, daß die Buren ihrer Unabhängigkeit entsagen mußten. Ferner müssen sie sich verpflichten, sofort die
Waffen niederzulegen und sämtliche Waffen und.
Munition übergeben. Alle Burghers im Felde außerhalb der Grenzen Transvaals und der Oranjekolonie und alle Kriegsgefangenen, die jetzt außerhalb Südafrikas sich befinden und Burghers sind, werden, sobald sie ihre An⸗ nahme der Stellung als Unterthanen König Eduards erklärt haben, zurückgebracht. Ueber die politische Verwaltung der früheren Re⸗ publiken haben sich die beiden Kriegsführer dahin verständigt, daß England nach drei Jahren in beiden Burenstaaten eine autonome (selbständige)y Regierung einführen wird. Außerdem verpflichtet sich England, die nieder gebrannten Farmen auf eigene Kosten wieder aufzubauen.
In England und besonders in London ist man vor Freude über den Friedensschluß ganz außer Rand und Band. In den Straßen Londons hatten sich ungeheure Menschenmassen versammelt, die mit allen möglichen Instru⸗ menten einen ungeheuren Lärm machten.— Auch in den Konzentrationslagern gaben die dort Untergebrachten ihrer Freude bei Ein⸗ treffen der Friedensbotschaft lebhaften Ausdruck. — Dagegen hüllen sich die Burendelegierten in Holland, sowie Krüger und seine Umgebung in tiefes Schweigen.
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Politische Rundschau. Gießen, den 5. Juni. Der Reichstag nahm am Dienstag seine Sitzungen wieder auf. Vor Eintritt in die Tagesordnung wies Prä⸗
sident Graf Ballestrem auf das furchtbare Unglück von Martinique hin, anläßlich
dessen er der eoleu französischen Nalion die
Teilnahme des Reichstages ausdrückte. Durch Erheben von den Sitzen erklärte sich dieser mit den Worten des Präsidenten einverstanden.— Dann kam man zur dritten Lesung 59 Brannt⸗ weinsteuer.
Hierbei, wie auch bei der Zuckersteuer, die noch in der Kommission beraten wird, sind die Agrarier sehr stark interessiert, deshalb waren ste fast alle anwesend. Durch die bis⸗ herigen für diese beiden Artikel geltenden, sehr komplizierten Steuergesetze haben die junker⸗ lichen Schnapsbrenner und Zuckerbarone viele Millionen an Liebesgaben alljährlich eingeheimst und sie möchten sich natürlich diesen Raub auch noch weiter sichern. Sie setzen daher einer besseren Regelung der Branntweinsteuer, ebenso der Beseitigung der Zuckerausfuhrprämien, wie sie bei der Bruüsseler Zuckerkonvention zwischen den verschiedenen Staaten vereinbart wurde, offenen und versteckten Widerstand entgegen. Dabei finden sie natürlich die Regierung zum Teil auf ihrer Seite. Unser Genosse Wurm wies in der Dienstags-Debatte auf die unge⸗ heuere Belastung hin, die den armen Bevölke⸗ rungsschichten durch die Liebesgabenpolitik auf⸗ gehalst wird und forderte die Aufhebung der Verbrauchssteuer. Den Schwindel, daß die höhere Besteuerung des Branntweins die Trunk⸗ sucht einschränke, zeigte er in seiner ganzen Nacktheit. Der Finanzmi t ister v. Rheinbaben fand es angemessen, die Liebesgabenpolitik zu verteidigen.— Die agrarische Mehrheit lehnte natürlich den Antrag auf Beseitigung der Ver⸗ brauchsabgabe auf Branntwein ab.
Ein agrarischer Vorstoß.
Die Junker im preußischen Dreiklassenhause machten am Montag den Versuch, noch höhere Zölle von der Regierung herauszupressen, indem sie einen Antrag stellten, der die ver⸗ bündeten Regierungen ersucht, den Beschlüssen der Zollkommisston zuzustimmen. Graf v. Bülow kniff aber aus, er verließ samt den Ministern den Saal, anstatt die Junkerfrechheit gebührend zu brandmarken. Darüber thaten zwar die Agrarier äußerst erbost, aber die Komödie wird keinem Meuschen über die Brotwucherer⸗Freund⸗ schaft der Reichsregierung hinwegtäuschen.
Mit der Gleichheit des Reichstags⸗ wahlrechts sieht es höchst bedenklich aus. Bei der heutigen Einteilung der Wahlkreise wird ganz zwei⸗ fellos die städtische Bevölkerung und mit ihr natürlich die Mehrheit der Arbeiterklasse empfindlich benachteiligt. Seit Bestehen des Reichstages haben wir die noch jetzt geltende Wahlkreiseintetlung. Auf je 100000 Einwohner soll ein Abgeordneter entfallen. Damals(1870) hatte Deutschland 39 Millionen Einwohner, jetzt sind es 57. Wir müßten demnach etwa 570 Abgeordnete statt nur 397 haben. Bei⸗ spielsweise hat der kleinste Wahlkreis Scha um⸗ burg⸗Lippe etwa 43000 Einwohner, Ber⸗ lin VI etwa 650000 Einwohner. Ein Staatsbürger in Berlin VI hat nur ½5 soviel politisches Recht als ein solcher in Schaumburg⸗ Lippe. Die Kreise Herzogtum Lauenburg mit etwa 55500 Einwohnern und Teltow⸗ Charlottenburg mit 600000 Einwohnern, die beide zu demselben preußischen Staate ge⸗ hören, wählen je einen Abgeordneten. In etwa 100 Wahlkreisen ist die Zahl der Abge⸗ ordneten zu gering im Vergleiche zu der Ein⸗ wohnerzahl. Die Stadt Berlin wählt jetzt 6 Abgeordnete, während es 19 sein sollten. Hamburg wählt 3 und sollte 7 haben. Bochum-Gelsenkirchen wählt 1 Abge⸗ ordneten, es sollte 8 haben. München wählt 2, es sollte 5 haben. In dieser Weise geht es fort. Die großen Städte und Industrie⸗ gebiete sind in ganz unverantwortlicher Weise benachteiligt, gerade die Gebiete, die für die Versorgung der wachsenden Volksmenge das meiste thun, die die meisten Steuern aufbringen. Eine Neueinteilung der Wahlkreise ist einfach eine Pflicht der Gerechtigkeit. Dabet braucht man nicht die Zahl der Abgeordneten zu ver⸗ mehren, sondern nur die Wahlkreise nach der Einwohnerzahl gleichmäßig abzugrenzen. Dem
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