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Nr. 49.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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ist.“ Weshalb denn da durch die Errichtung einer Mittelschule die Volksschule wieder zur Armenschule machen?— In der Versammlung waren auch eine Anzahl Lehrer der hiesigen Volksschulen anwesend, die sich sämtlich, zum Teil sogar recht energisch, gegen die Errichtung einer Mittelschule und für besseren Ausbau der Volksschuren aussprachen. Besonders Herr Lehrer Ach ler, welcher mit Stolz bekaunte, daß er selbst fünf Jahre an der Freischule gewirkt habe, ergriff mit warmen Worten Partei für die„weniger gut erzogenen“ Kinder der Armen; er habe die Er fahrung gemacht, daß die Kinder der Reichsten oft die Dümmsten gewesen selen. Lediglich die Begabung müsse für besseres Fortkommen in der Schule entscheidend sein, nicht der Geldbeutel. Solche Worte, von dieser Seite gesprochen, hört man heutzutage nicht oft. Möchten sie dem wackeren Manne nicht zum Schaden gereichen.
— In der Bierbrauerei von Carl Bopp hier scheinen recht nette Zustände zu herrschen. Kürzlich wurden nacheinander drei verheiratete Brauer unter nichtigen Vorwänden auf die Straße gesetzt, unter letzteren befindet sich einer, der schon drei Jahre unter dem äußerst strengen Regiment des Herrn Brau⸗ meisters ausgehalten hatte und nun plötzlich, ohne jeden triftigen Grund, aufs Pflaster flog. Sechs Kollegen erklärten sich mit dem Gemaß⸗ regelten solidarisch und verließen ebenfalls die gastliche Stätte. Ihre Papiere konnten sie erst unter Assistenz eines Schutzmannes erhalten. Recht bitter beklagten sich die Entlassenen über die brutale Behandlung durch den Braumeister, sowie über die Unreinlichkeit in den Schlafsälen, die nur dreimal im Jahre aufgewaschen würden. Ebenso lasse die Bettwäsche viel zu wünschen
übrig. Die Klosets befänden sich in einem er⸗ bärmlichen, polizeiwidrigen Zustande. Die Sauce liefe seit langer Zeit oben heraus. Der
Herr Braumeister bekümmere sich darum ntcht, da er sie nicht zu benutzen brauche()); was sagt aber unsere Sanitätspolizei dazu? Sollte dies Alles dem Besitzer der Brauerei, in welcher Reinlichkeit die Hauptsache sein muß, dem reichen Herrn Bopp unbekannt sein?
R. Der„Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein“ Marburg hat sich kürzlich aufgelöst. Er führte eigent⸗ lich nur noch ein Scheindasein; seit Jahren wurden keine Versammlungen mehr abgehalten und auch keine Beiträge bezahlt. Doch besaß der Verein eine recht ansehnliche Bibliothek, sowie sonstiges Inventar. Die noch vorhandenen Mitglieder traten deshalb zusammen und beschlossen, den Verein aufzulösen und sämtliches Inventar der Gewerkschaftskommission zu überweisen.
R. Agitation für die Krieger vereine betrieb der dienstthuende Major bei der Kontrollversammlung in Marburg. Nach Erledigung der üblichen Vorlesungen kammandierte der Major: Wer nicht im Kriegerverein ist, vortreten! Etwa neun Zehntel des versammelten Kriegsvolkes traten vor, was den Herrn Major veran⸗ laßte, in einer langen Predigt an die räudigen Schafe seinen Unwillen über das geringe Interesse, was sie dem Kriegervereine entgegenbringen, Ausdruck zu geben. Selbstverständlich schloß er mit der Aufforderung, sich dem Kriegervereine anzuschließen. Dann belobte er die paar Stehengebliebenen, daß sie treu zu Kaiser und Reich hielten und ermahnte sie, ihre Kameraden ebenfalls dem Kriegervereine zuzuführen. Bei verständigen Ar⸗ beitern werden solche Reden nicht den geringsten Eindruck machen, die wissen, daß die Kriegervereine eine ar bei⸗ terfeindliche Politik verfolgen, die mit aller Ent⸗ schiedenheit zu bekämpfen sich jeder Angehörige der besitzlosen Klasse verpflichtet fühlt.
„Keine Fleischnot.“
Aus Lüdenscheid wird berichtet:„Ein Pferdemetzger Namens Keßler, aus Gießen hat hier einen Laden eröffnet. Drei Pferde waren am ersten Tage verkauft; am Tage darauf wurde ein wegen Beinbruchs geschlachtetes schweres Pferd aus dem Schlacht- hause ins Verkaufslokal gebracht. Eine Stunde nach Ablieferung war das Fleisch des etwa 1200 Pfund Schlachtgewicht zeigenden Tieres verkauft. Der Pferdemetzger kann die vom Publikum beanspruchten Fleischmengen nicht liefern. Das Pfund Fleisch ohne Knochen kostet 35 Pfg., mit Knochen 30 Pfg.
Ein großes Brandunglück erreignete sich am Dienstag in Bochum. In 4 1 Konditorei brach das Feuer in der Back⸗ stube aus und verbreitete sich rasch über das Treppenhaus, so daß den Bewohnern der
Ausweg abgeschnitten wurde. Zwölf Per⸗ sonen sind verbrannt, außerdem verletzten sich mehrere tötlich durch Herabspringen.
Der Erfolg der kaiserlichen Krupprede.
Bei der Geschäftsstelle unseres Dortmunder Parteiorgans in Essen haben sich am Sonntag 88 neue Abonnenten angemeldet. Die Frank⸗ furter„Volksstimme“ meldet ebenfalls Steiger⸗ ung der Abonnentenzahl. So vernichtet man die Sozialdemokratie.
Zur Krupp⸗Affaire
veröffentlicht das wissenschaftlich- humanitäre Komité Berlin⸗Leipzig eine Erklärung, in der gesagt wird, daß anläßlich des Falles Krupp in der Presse vielfach die Anschauung hervor⸗ getreten sei, daß die Behauptung, Jemand sei homosexuell(der Männerliebe ergeben), an sich eine schwere Beleidigung und Ehrenkränkung bedeute. Dagegen müsse das Komitee energischen Widerspruch erheben im Namen von 1500 ihm bekannten Homosexuellen, die in ihrem Karakter und sittlichen Verhalten genau so ehrenhaft sind, wie die normalsexuell Geborenen. Es fordert, daß aus wissenschaftlichen Forschungs— gebieten die Konsequenzen der Humanität ge— zogen werden, damit die folgenschweren Ver— kennungen, denen schon so viele homosexuell Geborene zum Opfer gefallen sind, endlich ein Ende nehmen.
Ein christlicher Deuunziant.
An den Kontrollversammlungstagen ist es den Kontrollpflichtigen bekanntlich verboten, ihrer etwaigen sozialdemokratischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Das geistreiche Ver⸗ bot besteht und wird natürlich auch von den davon Betroffenen mit peinlichster Gewissen⸗ haftigkeit befolgt. Doch darüber, was Be— tätigung sozialdemokratischer Gesinnung ist, sind die Meinungen der Schriftgelehrten ge⸗ teilt. Da es der Militärbehörde natürlich nicht möglich ist, jede Bethätigung dieser ver⸗ ruchten Gesinnung zu ermitteln, so verläßt sie sich auf den guten Willen der nichtsozialistisch gesinnten Ehrenmänner, ste in ihrem Streben, die Schwerverbrecher zur Verantwortung zu ziehen, zu unterstützen. Einem solch freiwilligen Helfer ist in Speyer ein Brauereiarbeiter zum Opfer gefallen, der am 14. November, wo er zufällig kontrollpflichtig war, die Brauer⸗ zeitung von der Post holte, sie im Burschen⸗ zimmer der Schulzenbrauerei auf den Tisch legte und später wieder einschloß. In dieser Thätigkeit erblickte der christliche Arbeiter Georg Fuchs eine Bethätigung sozialdemokratischer Gesinnung. Flugs setzte er sich hin und schickte an das Bezirkskommando Ludwigshafen einen Schreibebrief, in dem er seinen Kollegen de⸗ nunzierte. Das Bezirkskommando griff zu und leitete Untersuchung ein. Auf das Ergeb⸗ nis dieser Untersuchung darf man ja wohl sehr gespannt sein. Dem christlichen Denunziauten aber heute schon ein kräftiges Pfui Teufel!
Stietencron will gutwillig zahlen.
Der von den Hinterbliebenen des italienischen Arbeiters Fazzit gegen den Rittmeister z. D. v. Stieteneron angestrengte Zivilprozeß, in welchem auf den 3. Dezember abermals vor dem Oberlandesgericht Colmar Termin an⸗ beraumt war, ist durch Vermittelung des italienischen Konsuls in Mannheim im Wege des Vergleiches beigelegt worden. Stieten⸗ cron verpflichtet sich, an die Hinterbliebenen des von ihm Erschossenen eine bestimmte Summe zu zahlen.
Kleine Mitteilungen.
* Verhaftet wurde in Großen-Linden ein verheirateter Bahnarbeiter, dem ein Sittlich— keitsvergehen zur Last gelegt wird.
„ Tod bei der Arbeit. Ein Holzmacher aus Alten-Boseck wurde am Samstag beim Holzfällen von einem stürzenden Baum erschlagen. Der auf so schreckliche Weise ums Leben Gekommene war Familien⸗ vater.
ze Vom Eisenbahnzuge überfahren wurde per St. Mk. 0,70— 1,25,
vorigen Montag Nachm. der Getreidehändler Klingel⸗
höfer aus Mainzlar auf der Station Friedelh ausen. Er hatte sich verspätet und wollte seben in den nach Marburg abgehenden Zug einsteigen, als er von ein em Eilgüterzuge erfaßt, heruntergerissen und sofort getötet wurde.
** Ein eigentümlicher Unfall passierte in Eschersheim. Ein mit Reparaturarbeiten in einem Brunnen beschäftigter Schlossermeister brauchte ein Messer, das man ihm an einer Kordel hinunterließ. Die Kordel riß und das Messer fiel dem Manne in den Hals, der schwer verletzt wurde.
* Opfer der Arbeit. In der Schiefer⸗ grube Nieder⸗Erbach bei Limburg stürzten zwei jugendliche Arbeiter mit dem Förderwagen in einem 25 Meter tiefen Schacht und blieben sofort tot.
r Staatsstützen. In Altenburg verurteilte das Schwurgericht den hoch angesehenen Fabrikbesitzer und Bankagenten Gruenert- Schmölln, welcher im Frühjahr nach Unterschlagung von über Mk, 400 000 flüchtete und in Amerika verhaftet wurde, wegen be⸗ trügerischen Bankerotts und fortgesetzter Unterschlagun g zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust.— Wegen Unterschlagung verhaftet wurde Leutnant a. D. Kegel, Inspektor des Rixdorfer Amtsgerichts⸗ gefängnisses.
„“ Die Genossenschaftsbäckerei in Lüttich ist abgebrannt. Der Schaden beläuft sich auf 150000 Franks. Die Genossenschaft gehört, wie viele in Belgien, zur sozialistischen Partei.
Letzte Nachrichten.
Im Reichstage
gab es am Mittwoch und Donnerstag wieder stürmische Szenen. Mittwoch dauerte die Sitzung bis 10 Uhr, Donnerstag sogar bis ½12 Uhr Nachts. Wieder gab es heftige Ge⸗ schäftsordnungsdebatten; Singer wurde von der Sitzung ausgeschlossen, wogegen er Protest einlegt. Die Mehrheit sucht nur den Tarif mit allen Mitteln durchzudrücken, was darin steht, ist ihr gleichgültig.— 27 Volksversammlungen tagten Donnerstag Abend in Berlin und er⸗ hoben Protest gegen den Rechtsbruch der Reichs— tagsmehrheit.
Friedberg. Zum Bürgermeister wurde Baurat Stahl in Gießen gewählt.
Versammlungskalender. Gewossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 6. Dezember. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Referat:„Die Kämpfe
Gießen. Versammlung bei Orbig. im Reichstage“.
Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Wirt Kruse. Wich⸗ tige Tagesordnung!
Sonntag, den 7. Dezember.
Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗ sammlung Nachmittags 3 Uhr im Lokale„Zum Pfau.“
Montag, den 8. Dezember.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uh;
Versammlung bei Orbig. Samstag, den 13. Dezember.
Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.
Wieseck. Oeffentliche Versammlung Nachmittags 4 Uhr bei Schneider.
Lauterbach. Wahlverein. Abends 8 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kaut.
Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends ¼9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr im„Pfau“.
FTT. ͤ.—
Marktberichte.
Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 2. Dezbr.: Butter per Pfd. Mk. 1,10— 1,15, Hühnereier 2 St. 15— 19 Pfg., Enteneter 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,20— 5,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 3,50—4,50, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,80 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,00—1,20, Hahnen Enten per St. Mk. 2,00 bis 2,60, Gänse per Pfd. 50—64 Pfg.
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