Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Der Adler— ein Nsch. Ein japanesisches Märchen.
Vor ungefähr hundert Jahren saß in Japan ein Mikado auf dem Tron, welcher sich mehr mit Politik beschäftigte, als man es sonst von einem Mikado gewohnt ist. Eines Tages ließ er seinen ersten Minister zu sich rufen und sprach zu ihm:„Minister, Du sollst ein stcheres Mittel ausfindig machen, das mir zeigt, welche von den vielen Zeitungen meines Reiches es mit der Wohlfahrt des Ganzen am besten meint.“
Der Minister erschrak, denn auf derlei Er⸗ findungen verstand er sich viel schlechter, als auf die Erfindung neuer Steuern. Er warf sich auf den Bauch, küßte die Zehenspitze des Mikado und sagte:„Erhabener Sohn der Sonne und Beherrscher des Mondes, ich flehe Dich an, gewähre mir drei Tage Zeit zum Nachdenken.“
Der Mikado sprach:„Ministerchen, Du ver⸗ dienst den Bambus. Wozu bist Du Minister, wenn Du drei Tage Zeit brauchst. Ich wette, der Eseltreiber, welcher soeben am Tore meines Palastes sein graues Tier vorbeiführt, braucht keine drei Tage dazu. Geh, Dummkopf und führ ihn herauf.“
Der Minister erhob sich, ging und brachte den Eseltreiber. 5
Der Mikado sprach:„Eseltreiber, was meinst Du, wie bring ich heraus, welche von den vielen Zeitungen es am besten meint mit der Wohlfahrt meines Reiches“?
Der Eseltreiber besann sich ein Weilchen und sagte:„Großmächtiger Mikado, in drei Tagen ist das große Jahresfest, an dem Du Dich dem versammelten Volke zeigst und eine Rede hälst. Ich rate Dir, daß Du in dieser Rede einen recht großen Unsinn sagst. Die vielen Zeitungen Deines Reiches werden, wie gewöhnlich, sich mit Deiner gehaltenen Rede beschäftigen. Sieh nun zu, was sie darüber schreiben. Ich sage Dir, diejenige Zeitung, welche den Mut hat, zu schreiben, daß Du einen Unsinn geredet hast, sie meint es mit der Wohl⸗ fahlt des Reiches am besten.“
Der Mikado mußte über diesen Rat des Eseltreibers lachen, daß sein Zopf die possier⸗ lichsten Luftsprünge machte. Dann sagte er: „Eseltreiber, Du hast mehr Verstand in Deiner Fußsohle als mein erster Minister in seiner Hirnschale. Nimm diesen Beutel voll Gold— stücke, ziehe deines Weges und schweige, so lieb Dir Dein Leben ist.“
Am dritten Tage nach dieser Begebenheit hielt der Mikado seine große Jahresfestrede vor dem versammelten Volke. Er zog einen Vergleich zwischen dem Reiche Japan und dem Reich der Lüfte und sagte dabei:„Der Adler istder größte Fischunter allen Fischen.“ Dieses Wort machte im Reiche Japan große Sensation und alle Zeitungen beschäftigten sich mit demselben. In Japan, muß man wissen, wurden damals die Zeitungen auf Papier von verschtedenen Farben gedruckt, und zwar hatte jede Zeitung eine besondere Farbe, nach welcher
cb le, Stetnannt wurde. Es war nun
— die Zeitung auch e. Enrwre der japanesischen
interessant, die Komme lr le Mikado zu ver⸗ Zeitungen über die Rede des Sagen.
gleichen. N
Die Blaue Zeitung, das Organ des höchsten 1
japanesischen Adels, schrieb:„Wenn der Mikado sogt, der Adler ist ein Fisch, dann ist er ein Fisch. Basta!“
Die Gelbe Zeitung schrieb:„Wir glauben, daß der Mikado nicht richtig verstanden worden ist. Er wird wohl gesagt haben, der Adler sei der größte Vogel unter allen Vögeln. Wir erwarten eine authentische Mitteilung aus dem Diwan über den genauen Wortlaut.“
Die Grüne Zeitung schrieb:„Wenn der Mikado sich auch ausgedrückt hat, der Adler sei ein Fisch, so hat er damit doch offenbar sagen wollen, der Adler sei ein Vogel. Wenn man die Aehnlichkeit zwischen den Flossen der Fische und den Flügeln der Vögel bedenkt, wenn man ins Auge faßt, daß man die Flossen auch Floßfedern nennt, wenn man weiter erwägt, daß die Vögel den Ozean der Lüfte mit ihrem Fluge in der gleichen Weise durchsegeln, wie die Fische den wirklichen Ozean, und wenn man endlich beachtet, daß der Rogen der Fische aus zahlreichen Eiern besteht, die Eier aber dem Vogel geschlecht eigentümlich sind, so kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß der Mikado gemeint hat, der Adler sei ein Vogel.“
Die Graue Zeitung, welche sich für die gebildetste hielt, schrieb:„Ohne der Weisheit unseres erhabenen Mikado, welche tief ist wie der Ozean und hoch wie der Himmel, zu nahe zu treten, möchten wir uns doch daran zu
erinnern erlauben, daß der Adler eben nicht
im eigentlichen Sinne und ohne weiteres als Fisch anzusehen ist. Wenigstens hat er bis jetzt nach allen Lehrbüchern über Zoologie als Vogel gegolten. Wir sind zwar weit entfernt, in Abrede stellen zu wollen, daß die Einreihuug des Adlers unter die Fische eine gewisse Be⸗ rechtigung chat und eine Anstcht ist, welche die volle Beachtung der wissenschaftlichen Kreise verdient, und wir würden es freudigst begrüßen, wenn die Gelehrten von dem Wort unseres erhabenen Mikado angeregt würden, die wichtige Frage, ob der Adler in die Klasse der Fische oder Vögel gehöre, aufs neue gründlich zu untersuchen. Was immer auch das Ergebnis sein möge, so gebührt in allen Fällen der Auffassung unseres erhabenen Mikado die Palme der Originalität.“
Die Violette Zeitung überging den Satz mit gänzlichem Stillschweigen.
Die Schwarze Zeitung erklärte, sie beuge sich unter die Autorität des Mikado, ieh sie nicht umhin könne, zu bemerken, daß nach den Traditionen der schwarzen Brüderschaft der Adler nicht sowohl ein Fisch als vielmehr ein Reptil sei.
Der Mikado hatte diese sämtlichen Zeitungen vor sich und lachte wiederum, daß sein Zopf die drolligsten Kapriolen ausführte. Gerne hätte er auch erfahren, was die Rote Zeitung über seine Rede schrieb. Aber er hatte die Rote Zeitung aus seinem Palast verbannt, weil sie einmal geschrieben hatte, daß das japanesische Reich auch ohne einen Mikado bestehen könne. Diesmal siegte die Neugierde über seinen Groll. Er ließ durch einen Diener die Rote Zeitung herbeiholen, nahm sie ihm hastig aus der Hand, las und schleuderte ste dann mit einem fürchter⸗ lichen Fluch zu Boden. Die Rote Zeitung hatte geschrieben:„Der Mikado soll in seiner Rede den Unsinn behauptet haben, der Adler sei ein Fisch. Unsere Ansicht über diese Be⸗ hauptung wollen wir im Interesse unserer Fußsohlen für uns behalten.“ Schäumend vor Wut trat der Mikado ans Fenster, um Luft zu schnappen, und erblickte wiederum den Esel⸗ treiber, der ihm den Rat gegeben hatte. Da besann er sich erst wieder darauf, zu welchem Zweck er den unsinnigen Satz gesprochen hatte. Aber wie hätte er seine Fein din, die Rote Zeitung, als die Zeitung betrachten können, die es am besten mit der Wohlfahrt des Ganzen meint? Dagegen sträubte sich sein Stolz. Aus dem inneren Konflikt, in welchen ihn die Sache versetzte, befreite er sich dadurch, daß er den Eseltreiber rufen und ihm ein halbes Hundert wohlgezählter Bambushiebe auf die Fußsohlen verabreichen ließ. Damit war die Sache abgetan, die Rote Zeitung blieb auch ferner aus dem Palast verbannt und der 55 Er galt, solange dieser Mikado regierte, im Abrerckeen Reiche als Fisch.
japanesischr. 1. Anus
(W. Jak. 1892.)
— b 5—— 7—
e 5 Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die
„Mitteldeutsche Sonntagszeitung“
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Splitter.
Spielen soll Ergötzen sein! Dieses seh ich nicht wohl ein: Glaubt ein Spieler, welcher viel Eingebüßt, es sei ein Spiel?
*.
* Sohn, die äußere Reinlichkeit Ist der inneren Unterpfand.
Fr. Rückert. *
*
Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure, deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen.
Goethe.
gumoristisches
Setzerspäße. Die„Langensalzaer Zeitung“ brachte am Totensonntag einen Leitartikel mit den Schluß worten: „Selig sind die Toten, sie haben kalte Pfoten! Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben!“ Offenbar hatte ein Setzer sich hinter dem Rücken der Redaktion diesen„Spaß“ geleistet. Das Blatt brachte am folgenden Tage eine de⸗ und wehmütige Abbitte, in welcher sie alle Schuld dem Druckfehlerteufel aufbürdet, der den Setzer und den Korrekter verwirrte.
Ein Volksbeglücker. Polizist:„Jetzt habe ich ein famoses Mittel gefunden, um dem sozlalen Elend ein Ende zu machen: ich arretiere jeden, der keine Arbeit hat“.
Geschichtskalender.
7. Dezember. 1835: Eröffnung der ersten Eisenbahn in Deutschland(Mürnberg⸗Fürth). 18155 Standrechtliche Erschießung des franz. Marschalls Ney,
3. 1897: Conzett, früher Verleger des„Sozial⸗ demokrat“, Zürich, f. 1881: Brand des Ringtheaters in Wien(800- 900 Tote).
9. 1895: Minister Köller entlassen. zengruber, Dichter, f.
10. 1900: Bülow erklärt den Nichtempfang Krügers. 1896: Alfred Nobel, Erfinder des Dynamits,.
11. 1900: Posadowsky rechtfertigt den 12000 Mk.⸗ Bettel. ö
12. 1896: Hamburger Streik vor dem Reichstage.
1653: Cromwell, Diktator von England,. 13. 1863: Friedrich Hebbel, Dichter, F. Heinrich Heine. k. 1769: Gellert, Dichter, 7.
*= geboren; 1- gestorb en
1889: An⸗
1799:
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Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß..
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Wochenschrifft der deutschen


