Ausgabe 
7.12.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 49.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Die Wahlen zur Ortskranken⸗

kasse finden am Mittwoch und Donnerstag, den 10. und 11. Dezember, im Kassenlokale statt und zwar wählen die Arbeiter am Mitt⸗ woch von Mittags 12 bis Abends 8 Uhr, die Arbeitgeber am Donnerstag, Nachmittags von 2 bis 6 Uhr. Es sind von Seiten der Arbeiter 148; von Seiten der Arbeitgeber 74 Vertreter zu wählen. Das Gewerkschafts⸗ kartell hat bereits die Aufstellung der Kan⸗ didatenliste für die Arbeiter⸗Vertreter in die Hand genommen. Wir weisen diesbezüglich auf den in der Beilage veröffentlichten Aufruf des Kartells hin. Alle wahlberechtigten Parteigenossen und Gewerkschaftsmitglieder wollen sich recht zahlreich an der Wahl beteiligen, ihre Kollegen, Bekannte 2c. ebenfalls zur Stimm⸗ abgabe auffordern. Die Liste des Kartells beginnt mit dem Namen Amend, Lorenz. 1899 fielen auf die Liste der organisierten Arbeiter 349 Stimmen, eine Gegenliste brachte es auf 106. Der Wahltermin konnte unseres Erachteus etwas früher vom Vorstand bekannt gemacht werden, die Zeit zu den Wahl⸗ vorbereitungen ist entschieden zu kurz. Ueber die Wahl Ulrichs in das Landtagspräsidium kann sich der Gleß. An⸗ zeiger noch immer nicht beruhigen. Er leistete sich darüber in dieser Woche wieder einen ganzen Leid⸗Artikel, es ist schon der dritte oder vierte. Von dem abgesägten Schrist⸗ führer Abg. Brauer läßt er sich einen Schreibebrief schicken, worin dieser nämlich Brauer erklärt:

Im übrigen vertrete ich den in Ihrem Blatt mit Rocht betonten Standpunkt, daß ein Sozialdemokrat nicht in das Bureau eines deutschen Parlaments gehöre. So, so. Wir können froh sein, daß Herr Brauer nicht den Standpunkt vertritt, daß Sozialdemokraten nicht in die Weltgehören, wir müßten uns sonst alle miteinander aufhängen.

Ein Musterarbetter. Das Schottener Kreisblatt druckte dieser Tage einen Brief ab, der von einem bei Krupp beschäftigten Arbeiter stammen soll. Das Schreiben war so hübsch, daß es auch der Gieß. Anz. seinen Lesern nicht vorenthalten konnte. Der brave Arbeiter schrieb über Krupp u. a.Alle seine Wohlfahrtseturichtungen die ich hier nicht alle anführen kann, sind die Beweise seiner Herzensgüte. An die Verläum⸗ dungen in demVorwärts glaubt kein Mensch, dafür kannten wir unsern Herrn Krupp zu gut, es war nur eine elende Verläumdung, welche sich für die nächstjährigen Wahlen nur geltend machen sollten. Das rote Gespenst hat hier einen unblutigen Mord be⸗ gangen, welcher niemals gesühnt werden kann. Ob den Brief wirklich ein Arbeiter geschrieben, ist äußerst zweifelhaft. Es müßte dann ein hoffnungslos beschränkter Mensch sein. Ganz sicher ist, daß er den Vorwärts⸗Artikel nicht gelesen hat, was ihn aber nicht hindert, dumme und niederträchtige Vorwürfe zu erheben. Amtsblättern erscheint solches Zeug zur weiteren Verbreitung besonders geeignet. Das Ge⸗ spenst, was einen Mord begeht, ist jedenfalls kein übler Witz, man sollte aber doch das tragische Geschick Krupps nicht zu Possenreißereien benutzen.

Del ersten Preis erhielten die Architekten Stein und Meyer für den von ihnen eingereichten Entwurf zur Erbauung eines Stadtbades in Aschersleben. Es wurde ihnen auch die Bauleitung übertragen. Die Herren Stein und Meyer sind die Erbauer des hiesigen Volksbades und des Sophienbades in Eisenach, die wahre Musterbäder sind.

Das Schwurgericht für Oberhessen hatte in seiner vierten Periode nur zwei Fälle zu verhandeln. Im ersten saß der Pferdelnecht Janisch aus Kohden wegen Brandstiftung auf der Anklagebank. Die Sache wurde schon im Oktober verhandelt, damals aber vertagt. Der Angeklagte wird der Brandstiftung be⸗

gehöriges, Leihgestern in Brand gesteckt haben. handelt es sich nur Doch erkennen die der fahrlässigen Brandstiftung, worauf der An⸗

unbewohntes Haus in der Nähe von Offenbar um einen dummen Streich. Geschworenen auf schuldig

geklagte zu 3 Monat Gefängnis verurteilt wird.

Dienstag verurteilte das Gericht den

Weißbindermeister W. Westerburg aus Nau⸗

heim zu 3 Jahre Zuchthaus und dauernder

Eidesunfähigkeit. Er hatte in einer Zivilklage⸗

sache einen Meineid geleistet.

Prächtige Kirchen schlechte Wo h⸗ nungen. Eine neue katholische Kirche wird in der Wilhelmsstraße erbaut, die Fundamentierungsarbeiten sind bereits in Angriff genommen worden. Es soll ein Prachtbau erstehen,der unsere Stadt um ein groß⸗ artiges Bauwerk bereichern, eine dauernde Zierde für sie sein wird. So und ähnlich wurde darüber geschrieben. Wir wollen nicht untersuchen so schreibt man uns ob die neue Kirche wirklich ein sodringendes Bedürfnis war, wie behauptet wird; sehr viele Leute sind allerdings der Meinung, daß die alte Kirche für die Religions⸗ übungen der katholischen Gemeinde vollkommen aus⸗ reichend sei. Wir würden über den geplanten Kirchenbau auch kein Wort verlieren, wenn die Gläubigen die Kosten dafür selbst aufbringen würden. Erfahrungs- gemäß fordert man aber früher oder später Zuschüsse in irgend einer Form von der Stadt, oder man wendet sich mit einer Lotterie an die Gesamtheit, sucht den Spielteufel und die Gewinnsucht der Masse für den Kirchenbau in Dienst zu stellen. Deswegen haben wir ein Recht, dazu unsere Meinung zu sagen. Und diese geht dahin, daß es denn doch noch viel, viel Not⸗ wendigeres für wirkliche Ehristen zu thun giebt, als Prachtkirchen zu bauen. Man denke nur an die Wo h⸗ nungsnot. Damit steht's in Gießen durchaus nicht besser, wie in vielen Großstädten. Wem sein Beruf öfter in die Wohnungen der Aermsten führt, weiß davon zu erzählen. Vielfach kann man schon von dem Aeußern der Häuser auf den Zustand der Wohnungen schließen. Verschiedene Gassen weisenHäuser auf, die diesen Namen ganz mit Unrecht tragen, die der Vorsichtige nur betritt, wenn er nicht anders kann, deren unverzüglichen Abbruch die Behörde anordnen, die sie aber nicht zu menschlichen Wohnungen benutzen lassen sollte. Goethe⸗ straße 4 und das lebensgefährlich aussehendeHaus Neue Bäue 20 sind schließlich noch nicht einmal die schlechtesten. Jedermann weiß, welche gesundheitlichen und sittlichen Gefahren aus den schlechten Wohnungs⸗ verhältnissen erwachsen. Hier wäre ein großes Feld zur Betätigung praktischen Christentums. Christliche Nächstenliebe würde durch Linderung der Wohnungsnot mehr gezeigt, als durch Errichtung von prächtigen Tempeln.

Aus dem Rreise gießen.

Genosse Scheidemann spricht, wie schon in letzter Nummer mitgeteilt, nächsten Samstag, 13. Dezember, in Wieseck. Die Versammlung findet aber nicht im Gambrinus, wie irrtümlich angegeben wurde, statt, sondern im Saale von Gustav Schneider. Sonn⸗ tag, den 14., spricht Scheidemann in Lich, dort findet die Versammlung imHolländischen Hof, Nachmittags um ½4 Uhr statt. Thema in beiden Versammlungen ist:Der Umsturz im Reichstage. Unsere Freunde werden er⸗ sucht, zu den Versammlungen recht zahlreich zu erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß Jedermann willkommen ist und freie Dis kussion gewährt wird.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Verdächtigung der Zolltarif⸗ Gegner und besonders der Sozialdemokratie betreibt dieOrdnungs und Amtsblattpresse in geradezu unheimlicher Weise. Beispiels⸗ weise druckte derWetzl. Anz. folgendes skandalöse Zeug aus der Köln. Ztg. nach:

Der Hausherr(im Reichstage) walte seines Amtes, indem er den Parlamentaris⸗ mus gegen Leute schützt, die den Reichstag zu einem Tollhause herabzuwürdigen drohen.

Sollte aber der Präsident Graf Ballestrem

wirkliche juristische Bedenken haben, so ändere

man die Geschäftsordnung, oder aber man zerlege den Zolltarif in etliche Gruppen.

Das deutsche Volk hat es jedenfalls satt, sich

von der Sozialdemokratie, die jüngst erst

einen der größten Wohltäter der Arbeiter gemordet hat, anckeln zu lassen.

tigen zu lassen.

Das werden die Wahlen be⸗ weisen. Unseren Genossen, die Ordnung und

Recht im Reichstage schützen, unterzuschieben,

daß sie die Beratungen störten, ist mehr als

jesuitische Verdrehung und Heuchelei.

h. Sic transit gloria mundi lautet ein latei⸗

nisches Sprüchwort und es bedeutet:So vergeht die

Herrlichkeit der Welt! Man wurde daran erinnert,

als neulich die Bekanntmachung des Konkursverwalters

über das Vermögen des Fabrikanten Arthur Packard zu lesen war. Die Gläubiger werden zwar die dort ange⸗ gebenen Zahlen keineswegs mit Gefühlen der Hochachtung für den ehemaligen Wetzlarer Fabrikanten studsert haben.

94 700 Mk. sind verfügbar 554302 Mk. betragen die Forderungen! Mit anderen Worten: es kommen ganze 17 Prozent zer Verteilung! Was spielte Packard für eine großartige Rolle in Wetzlar! Er ver⸗ kehrte nur in den besten Kreisen, stand bei allen Hono⸗ ratloren im höchsten Ansehen. Was mag er jetzt treiben? Vielleicht putzt er die Stiefel in irgend einem amerika⸗ nischen Hotel; wer weiß aber, ob er sich noch zu einem so ehrlichen Gewerbe bequemt hat, möglich, daß er seinen Unterhalt auf weniger respektable Art erwirbt, die ihn zwingt, den Gesetzeshütern möglichst weit aus dem Wege zu gehen! Sic transit

h. Lügen über die Sozialdemokratie. Was Alles über die sozialdemokratische Arbeiterwegung zu⸗ sammengeschwindelt wird, ist doch geradezu unerhört. Da machte kürzlich ein Notiz desfreisinnigen Nürnberger Fr. Kurier durch die Blätter die Kunde, des Inhalts, daß die sozialdemokratische Mehrheit im Gemeinde⸗ rate zu Fürth i. B. innerhalb dreier Jahre die Gemeindesteuer von 100 auf 145 Proz. erhöht habe und zwischen den Zeilen war zu lesen, daß doch die Sozialdemokratie eine rechte Lotterwirtschaft geführt haben müsse. Selbstverständlich schnappten alle arbeiter⸗ feindlichen Blätter diesen Brocken begierig auf und natürlich! auch das Wetzlarer Amtsblatt. Wie liegt aber die Sache in Wirklichkeit? Eine sozialdemo⸗ kratische Mehrheit ist leider! in der Fürther Gemeindeverwaltung gar nicht vorhanden! Dort sind bisher 18 Sozialdemokraten und 22 Bürgerliche vertreten. Wo ist da diesozialdemokratische Mehrheit? Aber selbst wenn eine solche vorhanden gewesen wäre und es wären die Steuern erhöht worden, dann müßte doch immer erst gefragt werden, ob die Mehreinnahmen im Inte resse des Gemeinwohls verwandt wurden. Das wären sie bei einer sozialdemokratischen Geme inde⸗ vertretung ganz sicher; die Bürgerlichen sorgen aber meistens erst für ihre Tasche.

h. Eine Arbeiter-Versammlung, einberufen vomChristlichen Gewerkverein Deutschlands, sollte am Sonntag im Saale des Wirtes Reinhardt in Nieder⸗ girmes stattflnden. Am Samatag erklärte aber der Wirt im Wetzl. Anz, daß er sein Lokal zu dieser Ver⸗ sam mlung nicht hergebe. Wenn der Mann, wie wir annehmen, vorher den Saal zugesagt hatte, so hat er entschieden unrecht gehandelt un) sein Verhalten wird jeder rechtlich Denkende verurteilen. Vielleicht gab er irgend einem von Seiten der Fabrikanten oder sonstwo von oben ausgeübtem Drucke nach; denn das Mittel der Lokalabtreibung wendeten die Ordnungsleute in Wetzlar von jeher mit Vorliebe an. Bisher allerdings nur gegen dieUmstürzler, die Anhänger der modernen Arbeiterbewegung. Daß man die braven, staats⸗ und königstreuen christlichen Arbeiter mit derselben Elle mißt, ist jedenfalls neu und bezeichnend. Ob wohl die Christlichen daraus die richtige Lehre ziehen? Dann müßten sie erkennen, daß, sobald sie ihre Interessen als Arbei ter wahrnehmen wollen, denselben Anfeindungen des Unternehmertums und seiner Organe ausgesetzt sin d, wie diesozialdemokratischen Organisationen. Des halb sollten sie diese im Kampfe für Gerechtigkeit und bessere Arbeitsbedingungen unterstützen, nicht aber ihre durch Gründungen in der Arbeiterschaft Zersplitterung schaffen.

aus dem Nreise Marburg-Rirchhain.

St. Der Bürgerverein hielt am Montag abend eine Versammlung ab, in welcher u. a. über das Projekt der Einrichtung einer Mittelschule gesprochen wurde. Der Referent meinte, eine Anzahl hiesiger Bürger beklage es sehr, daß die früher hier bestandene Frei⸗ resp. Armenschule vor etwa 10 Jahren mit der Bürgerschule vereinigt worden sei und nun als Volks⸗ schule weiter bestehe, in der seit einigen Jahren auch das Schulgeld aufgehoben wurde. Dadurch seienihre gut erzogenen Kind er durch den Umgang mit den armen, verwahrlosten und meist schlecht erzogenen Kindern der Proletarier mancherlei Gefahren ausgesetzt, was bel Errichtung einer Mittelschule ausgeschlossen sei. Den Referent möchte aber hierbei alles getan wissen, was geeignet erscheint, die soztalen Gegensätze zu mildern, er hält die gemeinsame Unterrichtung der Kinder aller Gesellschaftskreise für notwendig, schon darum, daß jenen Kindern, dieeinst die Freischule besuchten,das

Das deutsche Volk hat es satt, sich von

schuldigt. Er soll ein dem Landwirt Klein

Junkern und Pfaffen ausbeuten und vergewal⸗

Gefühl der drückenden Armut die sie als Schande empfunden, durch die Beseitigung der Freischule genommen

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