Ausgabe 
7.12.1902
 
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Nr. 49.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

Freundes, wie er Krupp nannte, Ausdruck gegeben, sagte er weiter:

Eine That ist in deutschen Landen geschehen, so niederträchtig und gemein, daß sie aller Herzen erbeben gemacht und jedem deutschen Patrioten die Schamröte auf die Wangen treiben mußte, über die unserm ganzen Volke angethane Schmach. Einem kern⸗ deutschen Manne, der stets nur für andere gelebt,, hat man an seine Ehre angegriffen; diese That mit ihren Folgen ist weiter nichts als Mord; denn es besteht kein Unterschled zwischen demjenigen, der den Gifttrank einem andern mischt und kredenzt und dem⸗ jenigen, der aus dem sicheren Verstecke seines Re⸗ daktionsbureaus mit den vergifteten Pfeilen seiner Ver⸗ leumdungen einen Nitmenschen um seinen ehrlichen Namen bringt und ihn durch die hierdurch hervar⸗ gerufenen Seelenqualen tötet. Wer war es, der diese Schandthat an unserm Freunde beging? Männer, die bisher als Deutsche gegolten haben, jetzt aber dieses Namens unwürdig sind.

Zu den Vertretern der Arbeiter gewendet:

Ihr Krupp'schen Arbeiter habt immer treu zu Eurem Arbeitgeber gehalten und an ihm gehangen; Dankbarkeit ist in Eurem Herzen nicht erloschen.. Männer, die Führer der deutschen Arbeiter se in wollen, haben Euch Eueren teueren Herrn geraubt. An Euch ist es, die Ehre Eures Herrn zu schirmen und zu wahren und sein Andenken vor Verunglimpsungen zu schützen. Ich vertraue darauf, daß Ihr den rechten Weg finden werdet, der deutschen Arbesterschaft fühlbar und klar zu machen, daß weiter⸗ hin eine Gemeinschaft oder Beztlehungen zu deu Urhebern dieser schändlichen That für brave und ehrliebende deütsche Arbeiter, deren Ehrenschild befleckt worden ist, ausgeschlossen sind. Wer nicht das Tischtuch zwischen sich und solchen Leuten zerschneldet, legt moralisch gewisser⸗ maßen die Mitschuld auf sein Haupt. Ich hege das Vertrauen zu den deutschen Arbeitern, daß fte sich der vollen Schwere des Augenblicks bewußt sind und als deutsche Männer die Lösung der schweren Frage finden werden.

Antwort desVorwärts.

Ruhig und würdig, aber ebenso entschieden antwortet derVorwärts darauf. Er bemerkt zunächst, daß von gegnerischer Seite versucht wird, diesen Fall gegen die Arbeiterbewegung auszuschlachten und fährt dann fort:Um allen Verdunkelungen und Verleumdungen der kapi⸗ talistisch gedungenen Schandpresse ein für alle⸗ mal entgegen zu treten, sei die Tendenz unseres Artikels kurz nochmals wiedergegeben: Wir wollten an dem Falle eines besonders bekannten Namens die Notwendigkeit der Aufhebung jenes § 175 erweisen, der für viele Unglückliche eine stete Geißel ist, der nicht nur das Laster den Erpressern und den Richtern ausliefert, sondern auch das Verhängnis eines Naturirrtums ewig bedroht und, wie wissenschaftlich feststeht, eine furchtbare Zahl von Selbstmorden vexursacht hat die Beseitigung einer gesetzlichen Be⸗ stimmung, die überdies einen klaffenden Wider⸗ spruch des geschriebenen Gesetzes und seiner Anwendung zur Folge hat und den Willen der Polizei zum Schicksal über zahlreiche Existenzen macht. Darum erwähnten wir den Fall, darum machten wir darauf aufmerksam, daß in Deutsch⸗ land solche Personen der Willkür des Para⸗ graphen rettungslos ausgeliefert seien.

Wir haben diese Tendenz nicht etwa nur ausgesprochen, um die Skandalsucht zu maskieren. Es war in der That kein Vorwand, sondern die wirkliche Absicht und die unmittelbare Ver⸗ anlassung. Wir sind sogar in der seltenen Lage, in der Gerichtsverhandlung, von der wir annehmen, daß ste in der freiesten Oeffentlichkeit geführt werden wird, den zwingenden Be⸗ weis für die Reinheit unserer Motive und die wahre Absicht unseres Vorgehens zu

ingen.

3 155 wendet sich unser Zentralorgan gegen die Behauptung verschiedener bürgerlicher Blätter, daß es leichtfertig unkontrollterbaren Gerüchten Glauben geschenkt habe, die von italtenischen Erpressern aufgebracht wurden und bemerkt, daß es aus durchaus lauteren Quellen schöpfte.Und auf Grund dieser Informationen stellen wir mit ruhiger, fester Ueberzeugung als unumstößlich die volle Wahrheit unserer Andeutungen fest. Das ist und das soll keine gehässige Beschimpfung sein, sondern die nüchterne, wissenschaftliche, ruhige und zu⸗ versichtliche Konstatierung einer für die Gesetz⸗

gebung bedeutsamen Erscheinung. Und weil wir nicht den mindesten Anlaß haben, an der unbedingten Zuverlässigkeit und Uubefangenheit unserer Gewährsmänner zu zweifeln, darum ziehen wir die notwendige Folgerung: Wenn es wahr ist, daß das tragische Ende Krupps mit den seit zwei Monaten bekannten Veröffentlichungen irgendwie zuf zmmen⸗ hängt, dann ist er nicht das Opfer einer boshaften Verleumdung, sondern eines der vielen Opfer des§ 175 geworden. Und wir wissen ferner, daß diese Ueber zeugung geteilt wird von den Autoritäten der Wissen⸗ schaft, die diese Frage zu ihrem Spezial studium gemacht haben. Indessen, es liegt bisher kein ärztliches Protokoll vor, das über die wirkliche Todesursache genügende Aufklärung verbreitet.

Diese unsere feste Ueberzeugung fährt derVorwärts fort setzen wir den Anklagen Wilhelms II. einfach entgegen, der uns des Mordes, der Niedertracht und Gemeinheit, der Verleumdung beschuldigt, der uns vorwirft, daß wir aus dem sicheren Versteck des Redak- tionsbureaus mit vergifteten Pfeilen schießen. Welche Beweise hat der Kaiser dafür, daß wir irgend etwas gethan haben, auf dem auch nur ein Schatten der schweren Worte mit Recht ruht, die er gegen uns schleudert? Wer hat den Kaiser über unsere Absichten, über unsere Quellen informiert?

Der Kaiser sprach von dem sicheren Versteck einer sozialdemokratischen Redaktion. Nun, eine Redaktion ist für das, was sie thut, verant⸗ wortlich, dem Gesetz und der Moral. Kein sozialdemokratischer Schriftsteller und Redakteur, der nicht schon im Kampf für seine Ueberzeugung Opfer aller Art und harte Strafen auf sich genommen! Jeder, der würdig ist, Sozial⸗ demokrat zu sein, hat die heilige Pflicht, jeder Gefahr und jeder Folgerung die Stirn zu bieten. Wir lassen uns verfolgen, einkerkern, ächten, wir stehen mit unserer ganzen Person, einer Welt von Feinden gegenüber, für unsere Worte und Handlungen ein, wir gehen, wenn es sein muß, ins Elend und die Ver⸗ nichtung. Die deutsche Monarchie aber ist staatsrechtlich unverantwortlich. Der Monarch kann angreifen, aber jedes tempera- mentvolle Wort der Antwort ist durch den Majestätsbeleidigungs⸗Paragraphen verwehrt.

Jeder vernünftige Mensch er braucht noch lange nicht Sozialdemokrat zu sein wird den Worten unseres Zentralorgans unbedingt zustimmen müssen. Darum läßt uns auch die Hetze, welche aus Anlaß des Falles Krupp gegen unsere Partei von den Haupt⸗Scharf⸗ macherblättern bis herab zu den letzten Kreis⸗ blättchen inszentert worden ist, vollkommen kalt. Aber selbst wenn sich die tatsachlichen Behaup⸗ tungen des Vorwärts als unrichtig herausstelleu sollten, so würde erstens den Schuldigen nicht nur schwere Strafe treffen, sondern die Gesamt⸗ Redaktion des Zentralorgans müßte auch die schärfste Kritik des Parteitags über sich ergehen lassen, doch niemals kann die ganze Partet für den Fehler angenommen, es läge ein solcher vor eines einzelnen Blattes verantwortlich gemacht werden.

Unterdessen haben die Krupp'schen Arbeiter einDanktelegramm an den Kaiser ab⸗ gehen lassen. Natürlich mußten alle Arbeiter die Adresse unterschreiben; wer die Unterschrift verweigert hätte, wäre doch ohne viel Federlesen aus dem Betrieb hinausgeflogen.

Politische Rundschau. Gießen, den 4. Dezember.

Sozialdemokratische Wahlerfolge

sind erfreulicherweise wieder einige zu verzeichnen. Bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen er⸗ oberten unsere Genossen sechs neue Sitze zu den elf, die sie bisher schon inne hatten. Außer⸗ dem ist unsere Partei noch an sechs Stich⸗ wahlen beteiligt. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen seit 1899 von 4269 auf 5935 zeigen also 1700 Zunahme, die bürgerlichen

nahmen nur um 600 zu. Ein glänzender Sieg fiel unserer Partei in Solingen zu, wo sämtliche sozialdemokratischen Kandidaten der dritten Klasse bei der Stadtverordnetenwahl mit großer Mehrheit gewählt wurden. Feruer brachten die am Montag in München statt⸗ gefundenen Gemeindewa hlen unserer Partei ebenfalls sehr günstige Resultate. Es schieden aus dem Gemeinderat: 12 Liberale, 7 Klerikale und 1 Sozialdemokrat; gewählt wurden: 11 Liberale, 5 Klerikale, 3 Sozialdemokraten und 1 Demokrat. 1899 wurden 4445 sozialdemo⸗ kratische Stimmen abgegeben, diesmal 4922. In Frankfurt, wo am Montag die not⸗ wendigen Stichwahlen zur Stadtverordneten⸗ wahl vorgenommen wurden, sind unsere beiden Genossen Maier und Zielowski, die in Bornheim in die Stichwahl gekommen waren, leider unterlegen. Doch können wir auch mit dem Frankfurter Resultat zufrieden sein, auch dort ist trotz des ungünstigen Wahlsystems starkes Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen zu verzeichnen.

Für Orduung und Meuchelmord. ImVogtländischen Anzeiger, einemOrd⸗ nungsblatte erster Güte, war kürzlich zu lesen: Den Schwätzer Chamberlain, der sich von seinen Birminghamer Schraubenarbeitern als Halbgott feiern ließ, hat der Kaiser bei seinem Abschiedsmahle nicht reden hören, was für den eitlen Kolonialminister gewiß recht schmerz⸗ lich ist. Gespannt darf man darauf sein, was Chamberlain als Ausbeute seines spesenreichen Ausflugs in bas Land, das er verwüstet und deren Bewohner er ermordet hat, mit heimbringt. Sollte es eine kleine blaue Bohne sein, die sich von der Hand irgend eines erbitterten Burenstreiters zufällig zum englischen Minister verirrte, darf man sich nicht wundern. Denn Chamberlain ist wirklich eine Gottesgeißel für die Buren ge⸗ wesen.

Es ist ja eine alte Geschichte, daß der Meuchelmord zu allen Zeiten bei den Ordnungs⸗ leuten seine Verteidiger gefunden hat, wenn es der Politik dieser Ordnungsleute in den Kram gepaßt hat. An dem Betspiele des Vogtländi⸗ schen Anzeigers steht man, daß das auch heute noch so ist.

Von der Sleichheit vor dem Gesetz.

Interessant sind die Gründe, welche das Gericht im neulichen Prozesse gegen den Dresch⸗ grafen Pückler verkündete Viele Sätze in diesen Reden enthielten nur bildliche Aus⸗ drücke, dagegen seien zwei Sätze als aufreizend zu erachten, nämlich in der Rede vom 24. Februar der Satz:Wenn Euch auf dem Heimwege schwarzlockige Jünglinge oder Damen begegnen, so tretet auf sie zu, gebt ihnen patsch, patsch ein Paar hinter die Ohren, dann hebt den Fuß und versetzt ihnen einen Fußtritt, und in der Rede vom 7. März der Satz:20 stämmige Kerle müßten'mal den Anfang machen und einige Juden ordentlich verdreschen!Mit Rücksicht darauf, daß die Reden im Großen und Ganzen sich innerhalb erlaub ter Grenzen halten, hat der Gerichtshof eine Geldstrafe noch einmal für zulässig erachtet. Dann heißt es weiter, die Reden des Dresch grafen bekundetentiefes Gottvertrauen, tiefen Glauben an der christlichen Religion, wie hohen patriotischen Sinn.

Eine nette Rechtsprecherei! Wir wollten mal sehen, was dem Arbeiter passierte, der in einer Versammlung aufforderte, die Schutz⸗ leute, oder auch nur Streikbrecher zuverdreschen oder hinter die Ohren zu schlagen! Der ver⸗ rückte Dreschgraf ist uns vollständig gleichgültig. Aber nicht gleichgültig ist es uns, wenn der Arbeiter, der Arme, wegen eines Wortes, in welches eineAufreizung erst hineininterpretiert werden muß, zu schwerer Strafe verurteilt wird, während der hochgeborene und reiche Graf seinen brutalen, gewaltthätigen Instinkten Aus⸗ druck geben darf, weil seine Aufforderungen zur Rohheit nurbildlich gemeint sind in den Augen Berliner Richter.

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