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Witteldenische Sauntags Zeitung.
—— Nr. 36.
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M CCW 7 AUnterhaltungs-Ceil. —————ů Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
15)(Fortsetzung).
Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwürfen des vorsichtigen Gemeinde⸗Vorstehers nicht ganz Unrecht geben; doch that er die Gegenfrage: Ob sich denn die Eltern von ihrem Pflichtge⸗ fühl und ihren Kindern wohl mehr entwöhnten, wenn sie diese, statt ohne alle Aufsicht, den ganzen Tag unter guter Obhut und Aufsicht ließen? Und, fügte er hierzu: auch ist keine Rede davon, daß die jungen Geschöpfe dort schon Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, oder was sonst in der Schule gelehrt wird; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge erfahren, nennen und kennen lernen, die auch ihrer zarten Jugend nützlich sind, und neben Uebung ihrer geringen Leibeskräfte auch zur Vorübung ihrer Verstandeskräfte dienen können. Dazu führte der würdige Pfarrer manche Beispiele aus Bewahrhäusern an, die er selber gesehen, und bewies die Wohlthat solcher An⸗ stalten so sonnenklar und deutlich, daß Oswald ihm endlich ganz überzeugt Hand und Wort darauf gab, der Plan müsse ausgeführt werden.
Und von Stund' an überlegte und sann Oswald, wie die Sache am besten anzustellen sei? Er besprach sich mit dem braven Schul⸗ lehrer Johannes Heiter, der neulich geheiratet hatte, und dessen junge Frau geneigt schien, unter Elsbeth und ihres Mannes Rat und Beistand, die Aufsicht zu übernehmen. Er sprach mit dem Adlerwirt Kreidemann, der in seinem Hause einen großen Saal besaß, welcher allsonntäglich sonst mit Trinkern und Karten⸗ und Würfelspielern gefüllt war, jetzt aber leer stand; dazu befand sich auch hinter dessen Hause ein geräumiger Baumgarten, der zu Tummel⸗ platz für Kinder dienen konnte. Er sprach mit den Beisitzern des Gemeinderats; mit den zweiunddreißig geheimen Bundesgenossen, und vielen andern im Dorfe.
Nachdem nun alles und jedes bedächtig eingeleitet und vorbereitet war, trat Oswald an einem Sonntag⸗-Nachmittag vor der ver⸗ sammelten Gemeinde auf, redete und sprach: „Ihr Männer, lieben Mitbürger, vor wenigen Wochen haben die Rauchsäulen und Feuer⸗ flammen von Ferkelhausen uns schreckhaft ge⸗ warnt, junge Kinder, welche noch nicht zur Schule geschickt. werden können, tagelang ohne Beaufsichtigung zu lassen. Gedenket des gräß⸗ lichen Todes, welches das Töchterlein eines unserer Mitbürger sterben mußte, als es im unbedeckten Jauchenbehälter ertrank! Viele andere ähnliche Unglücksfälle könnten angeführt werden und können wohl gar euch selbst noch bevorstehen. Ich habe gelesen, wie eine rau, die, um einige Stunden außer dem Hause zu arbeiten, ihr zweijähriges Kind in der Wiege festband, und in Kot und Unflat liegen und schreien ließ, bis es einschlief. Als aber die Rabenmutter zurückkam, stürzte ihr durch die Stubenthür des Nachbars Schwein entgegen. Sie fand die Wiege blutig; das arme Kind tot darin, und halb aufgefressen.
„Deshalb laßt uns thun, um ähnliches Unglück zu vermeiden, wie anderer Orten geschieht. Da schicken die Leute, welche bei ihren Geschäften im Hause, oder im Felde, oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben können, dieselben zu einer verständigen Person im Dorfe. Die giebt ihnen die Nahrung, welche von den Eltern mitgeschickt worden ist. Die hütet und bewacht die unruhigen Kleinen; hegt und pflegt sie, spielt mit ihnen, und hält sie säuberlich, bis der Abend kömmt.“
Oswald schilderte das alles ausführlich, also, daß der Vorschlag vielen einleuchtete. Besonders waren sämtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden damit, daß es ihnen gar nichts kosten solle, außer was sie den Kindern jeden Tag zum Essen mitgeben würden. Denn
der Adlerwirt sei bereit, um billigen Zins
seinen großen Saal und den Baumgarten her⸗ zuleihen; und die junge Frau des Schulmeisters Heiter willig, um mäßigen Lohn die Aufsicht zu übernehmen. Zins und Lohn werde aus der Gemeindekasse und durch Beiträge einiger wohlhabenden Leute bestritten werden. Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen. 5
Nach diesen Reden, zu denen auch einige andere verständige Männer ihren Beifall ver⸗ nehmen ließen und sagten, man läßt ja Pferde, Ochsen und Schafe hüten, daß sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften: warum denn nicht unsere armen lieben Kinder?, willigten die Versammelten in den Vorschlag ein; doch blieb jedem überlassen, wer Lust dazu habe, sich, für seine Kleinen, beim Schulmeister Heiter zu melden und einschreiben zu lassen.
In den ersten Wochen war die Zahl der Unmündigen gering, welche man dieser neuen Anstalt anvertraute. Allein das Beispiel der einen zog bald die andern nach, zumal daselbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen, ihre Allerjüngsten dahin zu geben. Frau Heiter war sogar endlich genötigt, Gehilfinnen anzunehmen, die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd Beistand leisteten. Auch Els⸗ beth und Oswald zeigten sich dabei sehr thätig, bis alles im rechten Gang war; nicht minder der gute Pfarrer und mancher rechtschaffene Hausvater im Dorfe. Anfangs liefen viele Mütter neugterig dahin, das fröhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen, und sie konnten die artige Einrichtung nicht laut genug loben und rühmen.
Aber es war recht lustig, das muntere Getümmel und Treiben der Heerde von Kindern zu sehen; wie die einen mit einander spielten, die andern beisammen plauderten; andre umher⸗ hüpften und tanzten; andere zankten; andre schliefen; andre aßen; andre um die Aufseherin standen, eine kleine Geschichte zu hören, die sie ganz kindlich erzählte. f f
Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glöckchen das Zeichen, ward alles still. Mädchen und Bübchen nahmen durch einander auf niedrigen, langen Bänken ihren Sitz. Dann zeigte ihnen ein Lehrer, oder die Lehrerin, allerlei Dinge vor, einen Vogel im Käfig, ein Kleidungsstück, eine Kugel, einen Degen, eine Feldfrucht und dergleichen, und fragte um den Namen solcher Dinge, oder sprach den Namen vor, und alle sprachen ihn nach. So lernten sie vielerlet Sachen kennen und nennen; das heißt, sie lernten reden. Auch hörten sie gern, wozu man dies und das gebrauche, wozu es nützen oder schaden könne, und wovon es ver⸗ fertigt sei. a
Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhören, wenn sich, während die Kleinen Spiele machten, die Größern um die Lehrerin stellten; diese dann einen Bogen Papier in die Höhe hielt, und fragte: wo das Papier wachse? und alle gar altklug über die Frage lachten und riefen:„Nein, Papier wächst nicht auf den Aeckern; es wird von Menschen gemacht.“ Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug vorgewiesen und erzählt, wie daraus auf der Papiermühle Papier bereitet werde; dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse, gebrecht, gehechelt, gesponnen und zu Leinwand gewoben, und wenn diese verbraucht wäre, zu Papier benutzt würde. Das unterhielt und belustigte die wißbegierigen Kleinen sehr; ste bekamen dabei noch allerlei zu sehen, wie Samen, Pflanze, Flachs, Zwirn usw.
War's Wetter irgend leidlich, trieb sich die jugendliche Horde lärmend, schwärmend, singend, springend, im Garten umher, oder ward in Reih und Glied aufgestellt, Soldaten zu spielen. Die Schulmeisterin ward General; machte Hauptleute aus denen, die schon bis 10 und
0 abzählen und anführen konnten; ließ sie marschieren, links und rechts schwenken, und
mit ihren einzelnen Reihen bald ein Dreieck, bald ein Viereck, bald einen Kreis u. s. w. bilden. Das gab immer Jubel; und immer neuen Wechsel der Spiele. Niemand war dabei besser mit Rat und That zur Hand, als der würdige Pfarrer.
Seitdem ist in Goldenthal allezeit eine Bewahrschule der unmündigen Kleinen beibe⸗ halten worden. Schon nach Jahr und Tag gaben die Eltern einen kleinen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen, oder Aufpwärte⸗ rinnen. In Ferkelhausen und andern benach⸗ barten Dörfern folgte man dem Vorgang der Goldenthaler bald nach; denn man sah, wie dort die Kinder, auch die ärmsten, viel reinlicher, gehorsamer, gesünder und verständiger wurden, als anderswo.
So mußte das Unglück einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Mägdleins zum großen Glück und Segen vieler Haushaltungen gereichen.
20. Was man von den Goldenthalern im Lande redet.
In der Stadt und in den umliegenden Dörfern gab es über die Goldenthaler mancher⸗ lei Gespräch. Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheißen, waren als Saufbrüder be⸗ kannt, als lüderliche Vögel, als Schuldenmacher, denen man keinen Heller anvertrauen mochte. Nun war es gar sonderbar, daß es bei ihnen im Dorfe gar nicht aussah, wie bei armen Leuten. Ihre Häuser waren sauber und rein⸗ lich; eben so alles in schönster Ordnung auf der Gasse, hinter den Häusern in den Gärten. Es war bei ihnen artiger, als in den reichsten Dörfern. Man sah im Sommer die Männer, Weiber und Kinder schon früh Morgens auf den Feldern. Da trugen und streuten die einen den Dünger, andere jäteten Unkraut aus. Immer hatten diese Leute etwas thun. Und es war eine Lust, sie arbeiten zu sehen. Es ging ihnen alles gar geläufig von der Hand. Brauchte man in der Stadt Taglöhner, so fragte man am liebsten nach den Goldenthalern. Gingen die Bürgerfrauen zum Einkaufen auf den Markt, so gingen sie am liebsten zu den Goldenthalerinnen. Denn diese waren immer sehr nett, in frischen weißen Hemden und rein⸗ lichen Kleidern und sauberen Händen, daß sie rechte Lust machten, von ihrem Gemüs, ihrem Gespinnst und andern Waaren zu kaufen.
Die Goldenthaler waren arm, das wußte man wohl. Aber sie verzinseten jedesmal ihre Schulden richtig auf den Tag. Und was gar außerordentlich war, sie hatten in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgethan. Das brachte den Leuten Credit und Glauben. Wenn der Pfarrer Roderich und der Schul⸗ meister Oswald für einen Goldenthaler gut⸗ sprachen, lieh man lieber einem solchen, als einem aus andern Gemeinden. Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr mäßigen Zins aus, weil man vorher wußte, das es sicher stehe und richtig verzinset werde. Das schaffte den Goldenthalern gar ansehnliche Vor⸗ teile. Denn sie kündigten ihre Kapitalien ab, wo sie große Zinsen zu bezahlen hatten, und nahmen da Geld auf, wo ste es zu niedrigere m Zins erhielten.
Man urteilte allerlei über das Dorf. Man sagte wohl, es sei da ein braver Pfarrer, ein sehr verständiger Schulmeister. Allein vielen war doch die Sache ein Rätsel. Denn ein Pfarrer und Schulmeister können doch auch nicht alles; und jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein, oder auch klüger, als die beiden in Goldenthal waren. Das machte viel Kopfbrechens. Die Bauern in der Gegend) sagten geradezu, das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu. Man hatte etwas vom Oswald gehört, und er könne Gold machen, und lehre es in seinem Dorfe Den und Diesen.
Und man neckte und höhnte die Goldenthaler,
damit, sie könnten Gold machen.
In der That war es auffallend, daß die
Goldenthaler Dinge zu Markte brachten, man wußte nicht, woher sie alles hatten. Ihr Ge⸗ müse, ihr Obst, ihr Flachs, ihr Hanf, ihr Ge⸗ treide, alles war gut. Die Kinder handelten sogar mit den schönsten Blumen und brachten solche in die Stadt. Honigwaben, ausgelassenen
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