Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeituns.
Nr. 36.
noch herein darf, muß versalzen,— also direkt gesundheitsschädlich— sein. Werden also die Grenzen für Schlachtvieh bis dahin nicht geöffnet, so würde nach dem 1. April 1903 das Pfund Fleisch statt 80 Pfg. mindestens 1 Mk. kosten. Fleisch dürfte dann nur noch eine Delikatesse der oberen Zehntausend sein.— David verlangte zur Abhilfe der Not die Veffnung der Grenzen für Schlachtvieh und einstimmig beschloß die große Versammlung diesbezügliche Resolutionen. Unter stürmischem Beifall schloß Redner: Die nächste Reichs⸗ tagswahl muß Wandel schaffen. Möge sie stattfinden unter der Parole: Hinaus mit den Vertretern der Liebesgaben⸗ und Interessen⸗ politik! Hinweg mit Sonderpolitik der reichen, regierenden Klasse auf Kosten der Armen! An Stelle der Interessenpolitik, eine Politik der allgemeinen Volks wohlfahrt. Die Hebung der Lebenshaltung des werk⸗ thätigen Volkes ist das Fundament aller gesunden Politik. Hinaus mit den Nahrungs⸗ mittelverteuerern und Volksfeinden aus den deutschen Parlamenten!
Die Stadtverwaltungen einer Reihe von Städten wenden sich angesichts der Notlage ebenfalls mit Petitionen um Erleichterung der Fleischeinfuhr an die Reichsregierung.
Ein geradezu unerhörter Zustand! Ueberall im Ausland Fleisch in Hülle und Fülle vor⸗ handen, während das deutsche Volk hungert! Einer Handvoll habgieriger Agrarier zu Liebe wird künstlich eine Teuerung der wichtigsten Nahrungsmittel erzeugt, worunter das gesamte Volk empfindlich leidet und wodurch schließlich Krankheiten aller Art ausbrechen müssen!— Thatsächlich werden aus Posen, Erfurt und anderen Städten Massenerkrankungen gemeldet, die auf mangelhafte Ernährung zurückzuführen sind. Und angesichts dieser schauderhaften Zu⸗ stände wagt das Berliner Bündlerblatt höhnisch vom„Fleischnot-Rummel“ zu sprechen, obwohl selbst agrarische Führer die Notlage anerkannt haben. Für das hungernde Volk hat der Agrarier Spott u. Hohn! Um so energischer muß das arbeitende Volk den Ruf erheben:
Nieder mit den Lebens mittel⸗ verteurern!
Auf die Taschen der Armen
hat es eine hohe Reichsregierung offenbar ab⸗ gesehen. Regierungsblätter rufen angesichts des schlechten Standes der Reichsfinanzen nach einer „Reichsfinanzreform“. Darunter ist natürlich nichts anderes, als eine Erhöhung der in⸗ direkten Steuern zu verstehen. Das De⸗ fizit im Reichshaushalt ist für das Jahr 1901 gar nicht so ohne. An ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reiche verbleiben, sind im ver⸗ flossenen Jahre 27393 413 Mk. weniger zu verzeichnen. Da die Mehrausgaben 21029 370 Mk. betragen, so ergiebt sich für das Rechnungsjahr 1901 ein Fehlbetrag von 48 322 783,83 Mk.
Das ist ein ziemliches Loch in der Pauke!
Man kann es da den Regierungsleuten nicht verargen, wenn sie sich nach neuen Einnahme⸗ Quellen umschauen. Und da sie die Taschen der Besitzeikden, ihrer Klassengenossen, nicht in Anspruch nehmen möchten,— denn das sind ohnehin keine Freunde vom Bezahlen— so wird man eben wieder die Last den Arbeitern aufbürden, indem man höhere Steuern auf die Konsumartikel der großen Masse legt. Beson⸗ ders Bier und Tabak erscheinen den Steuer⸗ künstlern als die Objekte für neue Steuern. Das Hauptorgan des Zentrums spricht zwar die„schwersten Bedenken“ gegen die Vermehrung der indirekten Steuern aus, aber darauf ist nichts zu geben, die Pfaffenpartei war im ent⸗ scheidenden Augenblicke noch immer bereit, den Armen die Lasten zu Gunsten der Besitzenden aufzuhalsen.— Sicher dürfte die Steuerfrage im neuen Reichstage bald in den Vordergrund treten. Neben der Zollfrage müssen also die Wähler bei der kommenden Wahl auch der drohenden Steuererhöhung ihre Aufmerksamkeit ecten. und demgemäß ihre Abstimmung ein⸗ richten.
Hündische Schweiswedelei.
Der nenliche Besuch des italienischen Königs in Berlin und die damit verbundenen Festivitäten gab der„gutgesinnten“ Presse zu langen Artikeln Veranlassung, in denen das Unglaublichste an Beweihräucherung der Fürsten geleistet wird. Die gehaltenen Reden werden im Wortlaute mitgeteilt, obwohl sie durchaus nicht von großer Bedeutung sind; wie die Herren an der Tafel gesessen, was und wieviel sie gegessen haben wird, auf das Genaueste berichtet. So eine Fürstenzusammenkunft wird als ein Ereignis hingestellt, von dem das Wohl und Wehe Europas oder gar der ganzen Welt abhinge. Trotz aller Freundschaftsversicherungen der Fürsten bekämpfen sich die Regierungen in der tollsten Weise auf zollpolitischem Gebiete! Schon daran sieht man, daß für den Gang der Politik solche Besuche von keinerlei Bedeutung sind.
Sehr richtig sagt unser Hamburger Partei⸗ blatt über den„patriotischen“ Lärm in den bürgerlichen Zeitungen:„So züchtet man künstlich im Volke den Byzantinismus, so läßt man die Herrscher als den Mittelpunkt der Welt erscheinen, damit das dumme Volk bewundernd zu ihnen aufschaue, als ob alles Heil von ihnen abhänge. Die bürgerliche Presse füttert das Lesepublikum heute unausgesetzt mit Hofnachrichten; jeder Fürst, jedes Prinzchen werden bis zu den intimsten Verrichtungen des Tages ausspioniert und vor der Oeffentlichkeit wird getreulich Buch darüber geführt. Hat so ein„hoher Herr“ sich einmal einen Finger verstaucht, so werden gleich Bülletins über sein Befinden ausgegeben, als ob es gar nichts Besseres zu thun gäbe. Diese byzantinische Seuche ist seit einem Jahrzehnt geradezu zu einer Plage geworden. Und demokratisch sein wollende bürgerliche Blätter marschteren dabei an der Spitze; sise scheinen zu glauben, ihrer Publizistenpflicht nicht genügt zu haben, wenn sie nicht auf's Peinlichste jeden kleinen Vorgang am Hofe, jedes dort gesprochene Wort, mag es nach so unbedeutend sein, berichten. Dieselben Blätter, die so oft über den wachsenden Byzan⸗ tinismus schelten, höhnen und spotten, tragen so selbst mit zur byzantinischen Verseuchung des Volkes bei.
Wenn der urteilslose Teil des Volkes täglich in seiner Zeitung allen Hofklatsch breitgetreten sieht, muß er da nicht zu der Meinung kommen, nicht in seiner eigenen Kraft, in seinem eigenen Wollen liege sein Heil, sondern nur von oben, aus der Hand des Fürsten könne es kommen? Und müssen nicht Fürsten, die sich täglich bei den einfachsten Begebenheiten des Tages ver— herrlicht und verhimmelt sehen, denen man systematisch ein ewiges Spalier von Hurrah⸗ schreiern schafft, nicht erst recht in dem Glauben bestärkt werden, daß sie hoch oben unerreichbar über der Menge thronen, die ihnen zujubelt, ohne zu wissen, warum?! Wird sich in dem immerfort Bejubelten nicht schließlich ein Gefühl der Verachtung für diese ohne Grund und Ur⸗ sache Hurrah schreiende Menge regen?! Kann auch der„Höchstgeborene“ glauben, er stehe so hoch über der Menge, daß es deren Pflicht ist, ihn stets mit Jubel zu empfangen? Freilich, solcher Glaube kann einem Fürsten schließlich durch das Verhalten der„gutgesinnten“ Presse und der durch diese beeinflußten Bevölkerungs⸗ teile anerzogen werden. Und darum ist es zum Schaden des Volkes und auch zum Schaden des Fürsten, wenn der byzantinische Lärm immer in tönenden Klängen erschallt. Wer es gut meint mit dem Volk, wer eine klare Situation auch zwischen dem Volke und dem Fürsten haben will, der sollte die eingerissene Unsttte mit aller Kraft bekämpfen, statt sie mitzumachen.“
Das sind freie, männliche Worte, denen jeder Staatsbürger, der noch etwas auf Men⸗ schenwürde hält, zustimmen muß. Suche aber jemand Menschenwürde bei dem Bürgertume! Da ist Hunde⸗-Demut nach oben, Anmaß⸗ ung und Herrschsucht nach unten! Man darf sich dann gar nicht wundern, wenn die Gesell⸗ schaft von oben herunter dementsprechend be⸗ handelt wird. Der Dichter hatte recht:
Ihr lieben Deutschen glaubt mir doch,
Ihr denkt nicht und gleicht noch den Kindern,
Und darum gehört Euch lange noch Die Ruthe auf den Hintern!
Sühne für Duellantenverherrlichung.
Einige der Arrangeure der Abschiedsfeier für den Duellmörder Hildenbrand in Gumbinnen sollen, wie bürgerliche Zeitungen berichten, ihre „Strafe“ für die freche Verhöhnung des öffent⸗ lichen Rechtsgefühls erhalten haben. Außer Hildenbrand selbst hätten noch zwei Offiziere den Abschied erhalten, ein anderer, der die Eskorte des Leutnants geführt hatte, soll zum Train versetzt worden sein.— Das wäre allerdings ein Zugeständnis an die über den Triumphzug für den begnadigten Duellanten empörte öffentliche Meinung. Die Strafe des Abschieds mag die beteiligten Offiziere auch schwer treffen. Damit ist aber nicht geholfen, wenn nicht energisch eingegriffen wird, um die Duelle überhaupt zu beseitigen oder sie doch ernsthaft zu bekämpfen. Die immer wieder⸗ kehrende Begnadigung von Duellanten ist dazu sicher nicht geeignet. Sie begünstigt viel⸗ mehr im Offizierskorps eine Auffassung, welche auch in der Verherrlichung von Duellanten nichts Anstößiges sieht.
Der innere Feind.
In dem Leitfaden für den Dienstunterricht des preußischen Infanteristen findet sich folgende Stelle:
„Nächst den äußeren Feinden giebt es auch innere Feinde unseres Kaisers und Herrn, innere Feinde unseres deutschen Vaterlandes, deren Führer alle be⸗ stehende Ordnung umstürzen, den Kaiser und die Landesfürsten beseitigen und die Herrschaft an sich zu reißen trachten. Sie suchen Deutsche gegen Deutsche zu hetzen, Unzufriedenheit allerorten zu schüren. Aber an einer festen Säule werden und müssen alle ihre Umsturz⸗ bestrebungen zerschellen, an der deutschen Armee! Sie bleibt der sicherste Hort deutschen Reiches, sie schützt Gesetz und Ordnung, Familie und Religion.“
Der gute Graf beweist durch dies Geschreibsel nur, daß er ein sehr schlechter Politiker ist und daß er von der Sozialdemokratie keine blasse Ahnung hat. Hoffentlich ist es mit seinen militärischen Fähigkeiten besser bestellt, wie mit seinen politischen, sonst wäre es um die Wehr⸗ haftigkeit Deutschlands übel bestellt.
Kriegerverein gegen Konsumverein.
Die am 1. Februar d. J. eröffnete Verkaufs⸗ stelle des Konsumvereins Melsungen hat den dortigen Mittelstand außer Rand und Band gebracht. Redensarten wie„der besteht doch nicht lange“, oder„da sind die ja doch zu dumm zu“, oder„kein Vierteljahr und der Laden des Konsumvereins wird zugemacht“ und„einem jeden wird das letzte Stuhlbein aus dem Hause geholt“ usw. mußte man täg⸗ lich hören. Als es aber alles nichts nützte und der Konsumverein rüstig vorwärts schritt, wurde der Kriegerverein ins Feld geführt, der uun seinerseits mit schwerem Geschütz den Konsumverein zu bekämpfen versuchte. Am 27. Juli erfolgte die offizielle Kriegserklärung des Kriegervereins in Gestalt einer Aufforderung an zwei Mitglieder des Konsumvereins, die zugleich auch Mitglieder des Kriegervereins waren. Der Kuriosität halber geben wir die Aufforderung hier wieder.
Aufforderung:
Sie werden hierdurch aufgefordert, Ihre Mitglied⸗ schaft bei dem hiesigen Konsumverein am 1. Juli 1902 zu kündigen und, daß dieses geschehen, dem unterzeich⸗ neten Vorstande zu Händen des stellvertretenden Vor⸗ sitzenden, Herrn J. Meyer, binnen 8 Tagen, vom Tage der Zustellung an gerechnet, schriftlich anzuzeigen.
Sollten Sie dieser Aufforderung in der festgesetzten Zeit nicht nachkommen, so werden Sie mit dem 1. Juli 1902 als Mitglied aus dem hiesigen Kriegerverein gemäß § Za der Statuten ausgeschlossen.
Gegen diesen Beschluß des Vorstandes steht Ihnen die Berufung an die nächste Generalversammlung binnen
4 Wochen, vom Tage der Zustellung dieser Aufforderung an, zu.
Melsungen, den 27. Juli 1902.
Der Vorstand des Kriegervereins Melsungen.
Die beiden mit dem Kriegervereins⸗Ukas beglückten Herren wollten sofort— nicht etwa dem Konsumverein— sondern dem Krieger⸗ verein die Mitgliedschaft kündigen, reichten aber auf Anraten des Vorstandes des Konsum⸗
——
e, ee
— Y 2
ff


