Ausgabe 
7.9.1902
 
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Nr. 36. Gießen, Sonntag, den 7. September 1902. 9. Jahrg. Redaktion: Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Die verderbte Stadt und das sittliche Land.

Kürzlich gaben verschtedene in Frankfurt vorgekommene Messerstechereien und Prügeleien dem Offenbacher Antisemitenblatte Veranlassung, ein Klagelted anzustimmen über die Verderbtheit der Großstädte im Allgemeinen und Frankfurts im Besonderen. Da werden die Großstädte mit Pestbeulen verglichen, welche das Land zu ver⸗ seuchen drohten. Das Blatt stellt die durch nichts zu beweisende Behauptung auf, früher wann sagt es nicht sei Frankfurt eine äußerst solide, wohlhabende Stadt gewesen, in der es keinGesindel gegeben habe. Eine Reihe Sonntags⸗ und Wirtshaus ⸗Prügeleien werden angeführt und schließlich unter Hinweis auf diese Geschehnisse die Regierenden ersucht, doch lieber dem sittlichen und tugendhaftem Lande als der verruchten und versumpften Stadt ihre Fürsorge angedeihen zu lassen.

Es geht doch wohl zunächst nicht gut an, ohne Weiteres von der Anzahl und Schwere der Strafthaten, die irgendwo vorkommen, auf die Moralität der betreffenden Gegend oder Stadt zu schließen. Will man gerecht vorgehen, dann muß man die Herkunft der bestraften Personen feststellen und ferner, wo sie ihre Erziehung genossen haben. Man kann doch nicht alle in Frankfurt verübten Vergehen und Verbrechen den Frankfurtern zur Last legen und als Wirkung des Einflusses der Großstadt hinstellen. Aus den Gerichtsberichten ist erstcht⸗ lich, daß die weitaus meisten der wegen Roheits⸗, Unzuchts⸗ und anderer Vergehen Verurteilten vom Lande stammen. Daß sich übrigens das Frankfurter Zuhälter⸗ und Rowdytum vor⸗ wiegend aus dem frommen Bayern und dem sittlichen Fuldaerland rekrutiert, ist eine bekannte Thatsache.

Aber die Schimpferei auf die Großstädte ist bei allen Rückwärtssern von jeher beliebt. Der Junker Bismarck gab schon vor einem halben Jahrhundert im Frankfurter Bundestage seinem Hasse gegen die Großstädte Ausdruck, indem er sie alsBrutnester der Revolution bezeichnete und wünschte, daß sie vom Erdboden verschwinden möchten. Diesem Ausspruch haben seine Kasten⸗ genossen und deren Trabanten in allen Tonarten nachgebetet und haben den künstlich verschärften Gegensatz zwischen Stadt und Land noch weiter zu vertiefen und feindseliger zu gestalten ver⸗ sucht, indem sie die großen Städte als lauter Sodoms und Gomorrhas darstellten, in denen das Eigentum, die Sittlichkeit und die Sicherheit jeden Augenblick gefährdet seten. Die ländlichen Gebiete dagegen priesen und preisen sie als paradiesähnliche Gegenden in Bezug auf die sozialen Verhältnisse; Verbrechen und Ver⸗ gehen sollen dort weit seltener sein als in den Städten, was natürlich daher kommt, daß unter demmilden patriarchalischen System auf dem Lande die Menschen zufriedener, sanfter und tugendhafter sind, als in den von allen Lastern und Verbrechen bis auf den Grund verseuchten großen Städten. f

Die dreiste Lüge wird von junkerlichen und anderen Demagogen mit einer Hartnäckigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, stets wiederholt und wird auch vom bornierten Spieß⸗ bürgertum geglaubt; es giebt sogar noch sanft

säuselnde lyrische Dichter, welche das reine und moralisch gesündere Leben auf dem Lande in rührend schönen Versen zu verherrlichen nicht müde werden.

Um diesen dummen und frechen Unfug ent gegen zu treten, teilte unser Leipziger Partei⸗ organ kürzlich statistische Zahlen aus dem amtlichenStatistischen Jahrbuch für das deutsche Reich mit, welche den Schwindel von der Unschuld vom Lande aufdecken.

Wir haben durchaus kein Interesse daran, bemerkt unser Parteiblatt dazu, die Zustände in den großen Städten, die Abscheulichkeiten genug aufweisen, als gesünder darzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Die Kriminalstatistik des Jahrbuchs zählt die alljährlich gerichtlich verurteilten Personen in Stadt und Land auf und stellt die Art ihrer Verbrechen und Vergehen fest. So bekommen wir zwar kein erschöpfendes, aber doch ein ungefähres Bild von derMora lität in den Städten und auf dem Lande.

Als Hauptsitz aller Laster und Verbrechen wird von den Junkern die Stadt Berlin bezeichnet, obschon sich die Herren dort so gut zu amüsieren vermögen bei Wein, Spiel und kleinen Balleteusen.

In Berlin sind im Jahre 1900 im ganzen 128 Personen wegen Unzucht und Notzucht verurteilt worden, im Jahre 1899 waren es 133. Berlin hat zur Zeit etwa zwei Mil⸗ lionen Einwohner.

Die Provinz Ostpreußen mit ihren Tausenden von Gutsbezirken hat 1 996 000 Einwohner, also ungefähr ebenso viel als Berlin; die Ver⸗ urteilungen wegen Unzucht und Notzucht belaufen sich 1900 dort auf 84 gegen 87 im Vorjahr. Ist das nun ein besonderer Unterschied? Wenn man bedenkt, wie die allgemeinen Zustände Berlins sind, so wird man zugeben, daß die Provinz Ostpreußen dem gegenüber ganz gewiß keinen Grund hat, sich ihrerMoralität be⸗ sonders zu rühmen.

Ebenso sieht es in Bezug auf andere Ver⸗ brechen aus. In Berlin ist 1900 keine einzige Verurteilung wegen Mordes vorgekommen; im Jahre zuvor nur eine. In Ostpreußen dagegen 6, in Westpreußen 5, in der Provinz Brandenburg 2, in Pommern 2, in Posen 10, in Schlesien 10, in der Provinz Sachsen 4, in Westfalen 2 usw. Im Königreich Sachsen kamen 1900 3 Verurteilungen wegen Mordes vor, in dem klerikalen Bayern 15.

Wer wagt diesen Ziffern gegenüber die Fabel von derUnschuld vom Lande aufrecht zu erhalten, als Junker und Pfaffen, die sich darauf verlassen, daß die Bauern draußen eine solche Statistik nicht zu Gesicht bekommen?

Sehen wir nach den Verurteilungen wegen Totschlags. Die Stadt Berlin weist für 1900 deren 2 auf; Ostpreußen 3, Westpreußen 4, Brandenburg 7, Pommern 5, Posen 6, Schlesien 17, Provinz Sachsen 9, Westfalen 7, Königreich Bayern 27, Königreich Sachsen 7.

Wegen Brandstiftung weist Berlin für 1900 keine Verurteilung auf, Ostpreußen da⸗ gegen 16, Westpreußen 14, Brandenburg 27, Pommern 13, Posen 26, Schlesien 53, Provinz Sachsen 30, Bayern 61, Königreich Sachsen 59 usw. 9 5

Ob man die schöne Sitte des Brandstiftens auf dem Lande auch zu den wohlthätigen

9 des patriarchalischen Verhältuisses z

Körperverletzung, einfache und gefähr⸗ liche, ist auf dem Lande weit häufiger, als in der Stadt Berlin, in Bezug auf den Dieb⸗ stahl halten sich Stadt und Land ungefähr die Wage. Hehlerei, Unterschlagung und Betrug sind in Berlin häufiger als in den Provinzen, das bringt die moderne dort konzentrierte Geschäftswelt mit sich. Dagegen ist Nötigung und Bedrohung auf dem Lande häufiger.

Und der Meineid! 1900 zählte man in der radikalen und sozialdemokratischen Stadt Berlin 41 Verurteilungen wegen Verletzung der Eidespflicht; in Ostpreußen 84, in West⸗ preußen 67, Provinz Brandenburg 57, Pom⸗ mern 33, Posen 37, Schlesien 110, Provinz Sachsen 77, Westfalen 51, Bayern 188, Königreich Sachsen 48.

Aus diesen Ziffern geht mit Gewißheit her⸗ vor, daß namentlich die Roheitsverbrechen in den Provinzen, wo Junker, Agrarier und Pfaffen den meisten Einfluß haben, durchweg weit zahlreicher sind als in den städtischen und industriellen Bezirken. Eine Ausnahme macht die allerdings sehr dichtbevölkerte industrielle Provinz Rheinland, wo die Roheitsverbrechen sehr stark sind. Und gerade dort blüht die Pfaffenherrschaft.

Diese offiziellen statistischen Ziffern werden die Junker und ihre antisemitischen Nachbeter nicht abhalten, den Schwindel von dem tugend⸗ haften Lande und der sittenlosen Stadt weiter zu verbreiten. Bei der Beschränktheit ihrer Anhängerschaft können sie das thun, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Auf die Dauer wirds freilich nicht vorhalten. Dagegen kann man überall die Thatsache beobachten, daß, wo die Arbeiterbewegung sich ausbreitet, wo die Sozialdemokratie Wurzel faßt und die Denkart der Leute beeinflußt, sei es nun in der Groß⸗ stadt oder auf Landorten, Solidarität geübt, Nächstenliebe, gegenseitige Hilfeleistung bethätligt wird und auch die Roheitsvergehen im Abnehmen begriffen sind. Außer durch Zahlen, kann diese Thatsache mit Tausenden von Beispielen belegt werden.

Das muß auch so sein.

politische Rundschau.

Gießen, den 4. September. 5 Die Fleischnot

wird in Deutschland infolge der wegen angeb⸗ licherSeuchengefahr angeordneten Grenz⸗ sperren immer ärger. In zahlreichen Städten wurden Protestversammlungen gegen die Regie⸗ rungsmaßregeln abgehalten, welche die Fleisch⸗ not herbeigeführt haben. In Mainz versam⸗ melten sich am Samstag iu der Stadthalle 4000 Personen, die einem die Ursachen der Fleischnot darlegenden Vortrage des Abg. Dr. Da pid lauschten. David sagte u. a.: Die Not habe ihren Höhepunkt noch nicht erreicht! Nach dem 1. April 1903 wird es noch ärger werden. Denn durch das Fleisch⸗ beschaugesetz werden zirka 20 Mill. Pfund Schweineleber, Nieren, Herzen, Zungen ꝛc. per Jahr ausgeschlossen, und was überhaupt

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