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Mitteldentsche Sonntags- Zeitung.
Nr. 27.
b Unterhaltungs-Ceil. — 8 2
—— A
Das Goldmacherdorf.
Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.
60(Fortsetzung).
So sprach sie, und er schlug traurig die Augen nieder, ohne zu antworten. Da trat sie näher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer zitternden Stimme, die man kaum hörte:„Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir? Sage mir auch ehrlich: was quält dich!“
„Kind!“ rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf:„Gott weiß es, ich könnte glücklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei dir, denn du bist herz⸗ gut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal. Es würde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten. Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den hartherzigen Reichen ist das eben recht. Die Ortvorsteher haben ihre Stelle nur, um ihren Hochmut zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vorteil zu machen. Sie betrügen die Waisen, und plün⸗ dern die Witwen, und haben kein Gefühl und kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Not der meisten Haushaltungen immer größer, und keiner hilft. Wir haben eine Regierung— Gott sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich Vorteile zu machen; aber des Volkes Not aus dem Grunde zu heilen, das hält keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei allen nur auf Großthueret, Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Fa⸗ milien bereichern, ihren Söhnen und Vettern aufhelfen; da wäscht eine Hand die andere, da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das kümmert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große Gnade loben, so niederträchtig und schamlos sind
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Elsbeth sagte:„Ach, Oswald, herzlicher Oswald, warum grämt dich doch das? Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die
richten, die ihre Pflichten verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum grämst du dich doch?“
Oswald sagte:„Kann mir denn wohl sein in der Hölle, wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich in Schändlichkeit der Herren in den Städten, und die Schändlichkeit unserer groben, stolzen Dorfkönige sehe, die das arme Volk noch tiefer in den Kot und Staub nieder⸗ treten, statt hervorzuziehen, wie ihre Schuldig⸗ keit wäre. Wenn dann die Unglücklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrügen und stehlen oder gar morden, läßt man sie recht rührend und feierlich hinrichten: oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht herzlich dazu. Ist das nicht ein Vorspiel dex Hölle? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armut fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob, unreinlich, gefühllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armut noch schlechter als das Vieh geworden, nämlich zäukisch, schlägerisch, verleumderisch schadenfroh, diebisch, träg, nur aufgelegt zum Fressen und Saufen?“
Elsbeth sagte:„Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon. Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirt und zu nahe an den Weiher, stürzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn.
Deut ist er begraben. Zum Glück hat er nicht
Weib und Kind.“
Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung. Er fragte noch dies und das. Er schien etwas Wichtiges zu überlegen, und ging gedankenvoll nach Hause. Elsbeth begriff nicht, was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war. Aber sie erfuhr es am nächsten Sonntag.
Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu thun war. Oswald ging auch in die Gemeinde. Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern. Sie hatte große Angst, daß Oswald reden werde, was den Leuten mißfallen könnte, und darum ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besänftigen. Auch kam der Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite.
Der erste Vorsteher, Herr Brenzel, er⸗ öffnete der Gemeinde, um was es zu thun sei, und sagte:„Weil der Schulmeisterdienst er⸗ ledigt und ein geringer Dienst mit vieler Mühe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es ein Glück, daß er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen könne, der das Amt annehmen wolle. Das sei der Schneider Specht, dessen Profession schlecht ginge, und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre.“
Darauf schlug der Adlerwirt Kreidemann, als zweiter Vorsteher, seinen armen Vetter, den lahmen Geiger Schluck vor, der um so eher Vorzüge verdiene, weil er, statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Dürftigkeit der Ge⸗ meinde, mit fünfunddreißig zufrieden sein wolle.
Der Schneider Specht, als er sah, daß sich die meisten Bauern für den Geiger erklären würden, sagte demselben all Sünd' und Schande, und erbot sich, mit dreißig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward darüber so erboset, daß er den Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hieß, und sich für fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister an⸗ trug. Der Schneider erklärte, den Geiger wegen seiner Schimpfereien vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn wolle er nicht schul⸗ meistern.
Da sich nun weiter zu dem Dienst niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war, die sonst nichts thaten, so war die Gemeinde schon entschlossen, ste dem Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser kounte doch notdürftig schreiben und lesen.
Aber nun drängte sich Oswald hervor, ward blaß und rot im Gesicht und rief:„Dem Kühe⸗ und Säuhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebt ihr bessern Lohn, als dem Schul⸗ meister, der eure Söhne und Töchter in Gottes⸗ furcht und nützlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schämet ihr euch nicht der Sünde, die ihr thut.— Aber ich weiß gar wohl, der Gemeinde⸗ säckel ist immer leer, wenn für das Mützlichste gesorgt werden soll, und das Schulgeld können die armen Leute nicht zahlen, die kaum Erd⸗ äpfel und Brot und Salz haben. So will ich denn ein Uebriges thun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!“
Die Leute fahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten ihn nicht haben und sagten, er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder vielleicht dem Teufel ver⸗ kaufen. Aber die Meisten bedachten, daß kein anderer den Dienst so wöhlfeil übernehme, und lärmten und schrieen, Oswald solle Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum Schulmeister gewählt.
Als dies Elsbeth hörte, wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde sinken, denn im Dorfe war, außer dem Dorfwächter und dem Säuhirten, keiner geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz außer sich
zur Mühle, als wäre ihr das größte Unglück
und die bitterste Schmach wiederfahren. Auch der ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärger⸗ lich den Kopf und sagte:„Ich glaube, der Oswald ist im Kopfe verrückt.“ 5
Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluß. So ward er von dem Gemeinderat nach Vor⸗ schrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vor⸗
schlag gebracht. Er mußte sich in der Stadt
prüfen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im Rechnen mehr verstand, als für Bauern nötig zu sein schien, ward er förmlich bestätiget.
7. Wie Oswald Schule hält.
„Elsbeth, Elsbeth, quäle mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem niedergeschla⸗ genem Wesen!“ sagte Oswald zu der betrühten Tochter Siegfrieds:„Siehe, die Alten sind verderbt und kaum zu bessern. Vielleicht kann ich unser armes Dorf wieder durch gute Er⸗ ziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen. Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und verachteter Mann; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt, um die Menschen zu bessern, zu belehren und selig zu machen. Hätten wir auch verständige und gewissenhafte Regierungen, denen es weniger um ihre, als um des Volkes Wohlfahrt zu thun wäre, für die sie eigentlich da sind, so würden sie mehr Sorgfalt und Achtung für die Landschullehrer, als für die Professoren an den hohen Schulen beweisen. Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt; alles sieht und zieht nach oben, und versäumt was unten ist. Darum wird es meistens oben zu schwer, und unten zu leicht, und viele Throne stehen auf schwachen Füßen.“
„Ach Oswald, Oswald!“ rief Elsbeth: „Du weißt nicht, wie übel du gethan hast!“ Sie sagte jedoch nicht warum.
Inzwischen, sobald die Wintertage kamen, fing Oswald mit der Schule an. Den ersten Tag stellte er sich vor die Hausthüre und empfing daselbst die Schulkinder. Hatten sie kotige Schuhe, mußten sie dieselben erst mit Stroh rein fegen, und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Hausthüre, damit sie den sauberen Fuß⸗ boden des Zimmers nicht besudelten. Dann reichte er jedem zum Willkommen freundlich die Hand. Waren aber die Hände unreinlich, mußten sie erst zum Brunnen und Gesicht und Hände waschen. Waren ihre Haare nicht zier⸗ lich gekämmt, schickte er ste in ihre Häuser zu⸗ rück, sich kämmen zu lassen. Die aber, welche reinlich und wohlgekämmt erschienen, küßte er freundlich auf die Stirn.
Die Buben und Mägdlein wunderten sich sehr; einige schämten sich, andere lachten, noch andere weinten. So etwas war ihnen nie widerfahren. f
Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Hausthüre, und so noch manchen Tag, bis alle so säuberlich zur Schule kamen, wie er es befohlen hatte. Nachher empfing er sic im Schulzimmer. Wer dann mit unrein⸗ lichem Haare und Gesicht oder unsaubern Händen und Schuhen kam, ward zum Gelächter Aller auf einen Tritt zur Schau gestellt, und nach⸗ dem er eine Stunde da gestanden war, heim⸗ geschickt, um sich reinigen zu lassen.
Viele Leute im Dorf verdroß das; allein sie hatten in der Schule nichts zu befehlen, und mußten geschehen lassen, wie es Oswald wollte. So kam es, daß in wenigen Wochen die Schulkinder, groß und klein, arm und reich, alle äußerst reinlich am Leibe wurden, wenig⸗ stens so lange sie beim Schulmeister waren.
Oswald ließ es aber dabei nicht bewenden. Nachdem die Kinder ein Vierteljahr lang zur Ordnung gewöhnt waren, gab er auf die Rein⸗ lichkeit der Kleider Acht. durften nicht daran haften, wenn auch die Kleider alt und zerrissen waren. Letzteres verzieh er; das war nicht der Kinder Schuld. Wer die ganze Woche am reinlichsten erschienen war, sowohl in der Schule, als außer derselben, im Dorfe, auf den Gassen, in der Kirche, auf den Feldern, war sein Liebling. Dem gab er die erste Woche ein Bild, oder ein Stücklein Seidenband, oder einen Bogen feines Papier
Andern Weg giebt es nicht. Ein
Schmutz, Staub, Kot
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