Ausgabe 
6.7.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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Nr. 27:

mit 607 127 Mark gegen 461028, Arbeits⸗ losenunterstützung mit 1 238 197 Mark gegen 501078 Mark im Jahre 1900 zu ver⸗ zeichnen. Hieraus ist zu ersehen, welche Opfer die wirtschaftliche Krisis den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern, die ihre arbeitslosen Kollegen unterstützen, auferlegt. Die Arbeits⸗ losenunterstützung haben bis jetzt 22 Verbände eingeführt.

Der Bericht über den Stand der Bewegung in Deutschland im Jahre 1901 dürfte die beim Anzug der wirtschaftlichen Krise ausgesprochene Erwartung bestätigen, daß der Verlust an Mit⸗ gliedern nicht derart sein würde, um die Ge⸗ werkschaften nennenswert zu schwächen. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß auch im Jahre 1902 sich die Lage der Gewerkschaften nicht ungünstiger gestalten wird. Es gilt aber, mit Anspannung aller Kräfte dahin zu arbeiten, daß auch in der ungünstigen Zeitperiode den Gewerkschaften nicht das geringste von ihrem Einfluß verloren geht.

Pon Nah und Fern.

Hessisches.

Die Zweite Kammer verhandelte am Dienstag über die Regierungsvorlage betreffend die Errichtung von Irrenanstalten. Staats⸗ minister Rothe erklärte, die Regierung habe die Errichtung der einen Anstalt in Gießen ins Auge gefaßt, schon wegen der Verbindung mit den dortigen Kliniken. Wenn die Errich⸗ tung neuer mittelgroßer Anstalten auch mehr Kosten verursache, als die Errichtung einer großen Anstalt, so verkenne die Regierung die Vorteile der Errichtung zweier Anstalten nicht, zumal die Kammer sie wünsche, und ebenso Oberhessen und Rheinhessen. Die Regierung wolle auch eine zweite Idiotenanstalt errichten und zwar in Grünberg. Der Abg. Mol⸗ than spricht sich im Sinne der Ausschußanträge aus, daß nämlich Alzey und Gießen als Orte für die neue Irrenaustalt gewählt werden. Abg. Pi: han und Andere wünschen, daß bei der Erri tung von Irxenanstalten die Gemeinde Wendels heim in Rheinhessen berücksichtigt werde. Doch wird nach langen Debatten der Ausschuß⸗ antrag angenommen, der dahin geht, daß Gießen und Alzey als Orte für die neuen Irrenan⸗ stalten in Betracht kommen.

Gießener Angelegenheiten.

Von der letzten Landwehrübung in Gießen teilt uns ein Landwehrmann noch mit, daß, als die Leute entlassen wurden, ein Reserve⸗Leutnant der 2. Kompagnie eine Rede hielt, worin er den Leuten eindringlich empfahl, doch ja den Krieger vereinen beizutreten, denn es sei ihre Pflicht, auch im Zivilverhältnis den militärischen Geist zu pflegen, Treue zu Kaiser und Reich zu bethätigen und wie die schönen Redensarten sonst immer lauten. Für die Kriegervereine wird überhaupt eine gewaltige Agitation entfaltet. Neulich bekamen wir einen Militärpaß zu Gesicht, in dem ein Flugblatt, das zum Beitritt in den KriegervereinHassia auffordert, gleich vorn eingeklebt war. Diese Vereine bethätigen sich politisch; bei Wahlen fordern sie ihre Mitglieder fast immer auf, für die reaktionären Parteien zu stimmen. Hoffent⸗ lich werden aber alle gleich behandelt und d'rum ist's wohl nicht unbescheiden, wenn wir ver langen, daß unser Parteiprogramm ebenfalls den Militärpässen einverleibt werde. Vielleicht stellen unsere Genossen im Landtage einmal diesbezügliche Anträge. Ein leidlich aufge⸗ klärter Arbeiter bedankt sich dafür, dem Krieger⸗ verein beizutreten, denn er weiß, daß dieser dem Streben nach Verbesserung seiner Lage entgegenarbeitet. Schon öfters schlossen Krieger⸗ vereine Mitglieder aus, weil diese in die Ge⸗ werkschaft eingetreten waren, oder sich an Lohn⸗ bewegungen beteiligt hatten! Kriegervereine sind rückständige, die kulturelle Weiterentwickelung hindernde, arbeiterfeindliche Institutionen, denen kein auf Wahrung seiner Interessen bedachter Arbeiter beitritt! Viel Wirkung wird übri⸗ gens die Rede des Offiziers(Amtsrichter Wiener, Gießen) nicht haben, die Landwehrleute schenken

in der Regel solchen Redeübungen keine Be⸗ achtung.

Streikbrecher werden noch immer in Kiel gesucht. Das schon vor Monaten im Gieß. Anz. erschienene Inserat, in dem Maurer und Zimmerleute nach Kiel gesucht werden, wo die Bauarbeiter sich im Ausstande befinden, wird noch immer veröffentlicht. Warum das geschieht, während doch gleich dabei bemerkt wird, daß schon elfhundert Mann arbeiten, also, wenn das wahr wäre, doch kaum noch Leute gebraucht werden können, ist nicht recht ver⸗ ständlich. Die Herren Bauunternehmer werden sich vielmehr arg in der Klemme befinden und suchen mit allen Mitteln Leute dorthin zu locken. Wir warnen wiederholt, diesen Lockrufen Folge zu leisten. In erster Linie, weil es ehrlos gehandelt wäre, seinen im schweren Kampfe befindlichen Kameraden in den Rücken zu fallen, dann haben aber auch die darauf Hereingefallenen höchstens materielle Nachteile zu erwarten.

Das Johannisfest der Gießener Buchdrucker, das am Sonntag auf der Liebigs⸗ höhe unter starker Beteiligung stattfand, nahm den besten Verlauf. Von auswärts, besonders aus Marburg waren zahlreiche Gäste erschienen, von denen ein guter Teil bis zum Schluß des Festes aushielt. Die Festrede des Genossen Krumm wurde mit lebhaften Beifall aufge⸗ nommen.

Der 1000. Student. Am Mittwoch ist das Fest anläßlich der Immatrikulation des 1000. Studenten programmmäßig von statten gegangen. Im ersten Wagen des Festzuges saß der ganz unschuldiger⸗ weise zu großen Ehrungen gekommene Student mit dem Rektor der Universität. Dann folgten die Wagen der Stadtverordneten und die studentischen Verbindungen. Der Zug endete auf dem Festplatze im Philosophenwalde. Militär hatte den Platz abgesperrt; auch das Bedienen

der zahlungsfähigen Festteilnehmer besorgten Soldaten. Warum ließ man denn nicht die Kellner die paar

Groschen verdienen? Etliche patriotische Reden wurden gehalten, dito Lieder gesungen und wie das jetzt allge⸗ mein üblich, Kaiser und Großherzog antelegraphiert.

Aus dem Rreise gießen.

Das Stiftungsfest des Arbeiter⸗ vereins in Daubringen nahm, begünstigt vom herrlichsten Sommerwetter einen ausge⸗ zeichneten Verlauf. Genosse Busold⸗ Friedberg, der die Festrede hielt und darin besonders im Hinblick auf die nächstjährigen Wahlen zu festem Zusammenhalt und unablässiger Agitation auf⸗ forderte, erntete reichen Beifall. Durch zahl⸗ reiche sonstige Darbietungen unterhielten sich die Festteilnehmer aufs Beste.

Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.

I Allzu denitsch ünd deutlich Kürzlich war am Friedberger Rathause eine Urteilspublikation angeschlagen, die sich durch eine ungewöhnliche Deutlichlichkeit auszeichnete. Da hieß es:In der Strafsache gegen den A. F. von G. wegen Beleidigung durch die Worte:Spitzbuben könnt ihr keine fangen, mich wollt ihr einsperren, ihr könnt mich... und nun folgt vollständig ausgeschrieben die bekannte Einladung aus Götz von Berlichingen. Der Schuljugend, die haufenweise davor stand, schien diese merkwürdige Bekanntmachung viel Spaß zu machen. Beleidigt war ein Polizist und ein Nachtwächter.

Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.

g. Als nationalsozialer Reichstags⸗ kandidat für unsern Wahlkreis soll der Pfar⸗ rer Licht in Angersbach nach verschiedenen Blättermeldungen in Aussicht genommen sein. Der Herr Pfarrer ist ein großer Politiker vor dem Herrn; fast in jeder Versammlung, die in Lauterbach und seiner Umgegend stattfindet, ist er auwesend, beteiligt sich auch an der Diskussion, wenn immer es die Umstände ge⸗ statten. Dabei erregt er fast stets Heiterkeit. Sicher würde es ihm Vergnügen machen, wenn er dasM. d. R. auf seine Karte setzen könnte. Wir sind menschenfreundlich genug, Jedem seinen Spaß zu gönnen, wünschen deshalb, daß der Herr Pfarrer gewählt und dem Reichstag mal einLicht aufgesteckt werden. Dieser nämlich der Reichstag würde es gewiß auch

verschmerzen, wenn er den Trabanten des tap⸗ feren Dreschgrafen nicht mehr zu seinen Mit⸗ gliedern zählte.

Eine wahre Selstmordmanie scheint in Lauterbach zu herrschen. Vor Kurzem erhängten sich in wenig Tagen drei Personen. Was diese Leute veranlaßt hat, ihrem Leben ein Ziel zu setzen, ob vielleicht aus Nahrungssorgen, ist nicht bekannt. Ferner wurde ein Mann, der betrunken heim kam, von seiner Frau derart mit einem schweren Holzstück auf den Kopf geschlagen, daß der Tod durch Verblutung eintrat. Hier hat also wieder der Alkohol den Ruin einer Familie herbeigeführt.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Eine fürchterliche Messerstecherei fand am vorigen Mittwoch vor der Wetzlarer Strafkammer ihr gerichtliches Nachspiel. Am ersten Osterfeiertage gerieten die Bergleute Brüder Schneider mit den Brüdern Heymann, ebenfalls Bergleute, in Streit, in dessen Verlauf es zahlreiche schwere Verletzungen durch Messerstiche auf beiden Seiten gab. Einer der Beteiligten starb andern Tags an den erhaltenen Stichen, ein anderer entging nur mit knapper Not dem Tode. Die Verhandlung ergab, daß die Angeklagten zum Teil in Notwehr gehandelt hatten, weshalb sie sehr glimpflich davon kamen. Nur der Anstifter des Streites erhält 3 Monate Gefängnis. In Messerstechereien können verschiedene Dörfer des Wetzlarer Kreises bald die Kon⸗ kurrenz mit niederbayrischen aufnehmen.

Wegen Majestätsbeleidigung stand bei der letzten Strafkammerverhandlung am 2. Juli ein geistig nicht intakter armer Teufel vor den Schranken. Er weiß offenbar nicht, was man eigentlich von ihm will und wird freigesprochen. Warum man erst so einen unglücklichen Menschen unter Anklage stellt, ist unver⸗ ständlich.

Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.

St. Todesfall. In der Nacht vom Diens⸗ tag zum Mittwoch starb hier nach kurzer Krank⸗ heit der auch weiterhin bekannte Parteigenosse Fritz Seelenmeier. Er war früher eifrig im Interesse unserer Sache thätig und wegen seines lustigen Wesens recht beliebt. In letzterer Zeit hatte sich Seelenmeier vom Parteileben, teils wegen Kränklichkeit, teils wohl anderer Ursachen wegen zurückgezogen. Auch der GesangvereinEintracht verliert in ihm ein altes treues Mitglied. Friede seiner Asche!

Das Schneuzen ist verboten nämlich bei der Feuerwehr laut Urteil der Strafkammer hiesigen Landgerichts vom 1. Juli d. Is. Am 30. Dezember v. Is. fand nämlich in Gemünden a. d. Wohra eine Uebung der Pflichtfeuerwehr unter dem Kommando des Straßenmeister Otto statt, bei welcher zwei Mitglieder derselben sich nicht in ordnungs⸗ mäßiger Weise, wie es die Polizeiverordnung vom 10. Mai 1883 erheischt, betragen haben sollen. Der eine stand nämlich unter der furchtbaren Anklage, nach dem Kommando Stillgestanden sich noch geschneuzt und mit dem Taschentusch die Nase hin- und hergerieben zu haben, weiter hat er den Brandmeister Otto angelacht und sich breitspurig mit nicht zu⸗ sammengezogenen Hacken vor ihn hingestellt, wobei er, die Hände reibend, geäußert hatte: Heute ist's aber kalt. Der zweite hatte die Pfeife im Munde behalten und sie auch nicht entfernt, nachdem ihn der Brandmeister dazu aufgefordert. Das Amtsgericht Rosenthal hatte die Angeklagten freigesprochen, da in dem Ver⸗ halten derselben keine Widersetzlichkeit zu finden sei, insbesondere nicht gegen den wegen des Schneuzens Angeklagten, da dieser wegen seines Schnupfens das Taschentusch etwas länger, als sonst üblich, gebraucht habe. Die Staats⸗ anwaltschaft legte Berufung bei kgl. Landge⸗ richt ein und dieses hob das erstinstanzliche, freisprechende Erkenntnis auf und verurteilte den unglücklichen vom Schnupfen geplagten Feuerwehrmann zu 15 Mk. und den anderen zu 5 Mk. Strafe.

Elektrische Anlage in Kirchhain. In unserem Nachbarstädtchen Kirchhain finden Verhandlungen zwecks Einrichtung einer elektri⸗ schen Anlage zu Beleuchtungs⸗ und gewerblichen Zwecken statt. Wahrscheinlich wird sich in nächster Zeit eine öffentliche Versammlung mit dieser Angelegenheit beschäftigen.

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