Ausgabe 
6.7.1902
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 27.

Das Arbeiterheer und seine immer kräfttger durchgreifende Organisation, das ist das Funda⸗ ment, auf dem die Hoffnungen der Zukunft ruhen. Besitz kann wechseln und schwinden. Bildung muß auch uns zugänglich gemacht werden. Der Glaube an irgend ein Gottes⸗ gnadentum menschlicher Institutionen sei den Junkern überlassen. Was allein die Geschicke der Menschheit best'immen darf, das ist die Mehrheit dieser Menschheit selbst. Alle darum, die dieses Mehrheitsprinzip redlich durchdacht haben, die es als das Grundgesetz aller Geschichte anerkennen, müssen zusammenstehen im Kampf gegen die Junker, gegen die Reaktionäre, die über der Mehrheit der Menschheit noch eige höhere Instanz zu kennen vorgeben: Gott nennen sie es; in Wahrheit aber ist es nichts, als ihr Egoismus. Ihrgesunder Egoismus, wie er imgoldenen Buch so schön genannt wird. Dergesunde Egoismus, zu dem sie aber uns so gern das Recht absprechen möchten.

Wenn ich ein möglichst prinzipielles Zusam⸗ mengehen der liberalen mit den sozialen De⸗ mokraten so dringend wünsche, so geschieht das durchaus nicht etwa aus einer Ueberschätzung der liberalen Macht heraus. Wenn wirklich alle ihre Stimmen sich im Zusammengehen mit uns vereinigen ließen, so würden sie nur etwa ein Viertel der Macht darstellen, die wir reprä⸗ sentieren. Immerhin aber eine Verstärkung, die dem Druck nach links schon merklich würde zu gute kommen.

Wunschen wir, daß wenigstens in Gießen das nächste Mal ein solches Zusammengehen möglich wird, daß da endlich einmal die z. T. auf lächerliche Vorurteile gestützte Angst vor uns einer klaren Auffassung der politischen Situation weicht. Ich wiederhole: Hie Reak⸗

tion! hie Fortschritt! Das sind die Parolen. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch bei uns endlich die letztere die Mehr heit fände.

Philos.

* *

Auf den Artikel unseres Freundes in voriger Nummer nahm dieFrankfurter Zeitung und nach ihr dieFreisinuige Zeitung des Herrn Eugen Richter Bezug. Letztere meint, die Sozialdemokratie hielte es bei den Wahlen für ihre Hauptaufgabe, gerade die Freisinnigen zu bekämpfen. Unsere Partei sei vielfach an der Wahl konservativer Abgeordneter schuld, weil sie in Dutzenden von Wahlkreisen, wo wir auf die Erlangung des Mandats gar keine Aussicht gehabt hätten, den Freistunin den Rücken gefallen sei. Dadurch sei der Sozial⸗ demokrat mit dem Konservativen in die Stich⸗ wahl gekommen und der Reaktionär habe ge stiegt. Damit gesteht das Freisinnsblatt doch nur ein, daß seine Partei für den Konser⸗ vativen stimmte, statt für den Sozialdemokraten. Das ist ja übrigens eine bekannte Sache. Da⸗ gegen haben die Sozialdemokraten stets bei Stichwahl für den Fre sinnigen gestimmt, wo ein solcher mit dem Konservativen in Stichwahl stand; man kann getrost behaupten, daß die Freistnnigen über die Hälfte ihrer Mandate der Sozialdemokratie zu verdanken haben. Ehe also das freisianige Blatt die Haltung unserer Partei tadelt, sollte es erst einmal seinen Parteigenossen für ihr wenig freisinniges Ver⸗ halten den Text lesen.

Berichtigung. In der redaktionellen Anmerkung zum Leitartikel der vorigen Nummer waren zwei Fehler stehen geblieben. Einmal muß es stattverkehrtesten verbohrtesten Reaktionären heißen. Dann ist im letzten Satze das Wörtchenauch verstellt. Der Satz muß richtig heißen: Wir meinen, daß unsere Partei auch bei den kommenden Reichstagswahlen keine andere Taktik als bei den früheren beobachten kann.

Politische Rundschau. Gießen, den 3. Juli.

Unsere teueren Kolonien.

Kürzlich ist die Eisenbahn von Swakoy⸗ mund nach Windhoek in Südwestafrika vollendet worden. Unsere Kolonialfexen feiern dieses

Ereignis, als ob dem deutschen Volke ein großes Heil widerfahren wäre. Dabei kostet die Ge⸗ schichte dem Reiche 13½ Millionen Mark, ohne daß man in absehbarer Zeit irgend welchen Nutzen zu erwarten hätten. Außerdem erhält Deutschsüdwestafrika aus der Reichskasse einen jährlichen Zuschuß von 6 Millionen Mark; dabei giebt es dort ganze 2223 Deutsche, von denen 825 auf die Schutztruppe entfallen. Dagegen beträgt die Jahresausfuhr noch nicht eine Million Mark und nimmt ständig ab! Man käme wahrlich billiger davon, wenn die paar Deutschen, die diekoloniale Bevölkerung ausmachen, in der Heimat auf Staatslosten unterhalten würden.

Tänzer für die Krefelder Jungfranen. Die Stadtverordneten in Krefeld haben nun

wahrhaftig beschlossen, die Kosten für die Unter⸗ bringung eines Husarenregiments zu bewilligen. Diese Geschichte kostet etwa 4 Millionen Mark. Jeder Leutnant kostet da der Stadt reichliche 266666 Mark. Dieselben Leute, welche die städtischen Mittel so reichlich zur Verfügung stellen, bezahlten noch nicht einmal den Arbeitern für deu aufgezwungenen Feiertag eine Ent⸗ schädigung. Patrioten, wo es nichts kostet!

Die Krefelder Husarengeschichte macht übri⸗ gens den Ordnungsleuten aller Art arges Kopf zerbrechen. Aber sie haben ein Aushilfsmittel gefunden nicht eine kaiserliche Laune ist's, die die Düsseldorfer Husaren nach Krefeld sendet, sondern ein seit langem tief empfundenes Be⸗ dürfnis. Die Art und Weise, wie der Kaiser die Maßregel ankündigte, warnur ein Scherz! Es wird mitgeteilt, daß die Düsseldorfer Husaren sehr ungünstig untergebracht sind, daß ihre Verlegung längst als notwendig erkannt war und daß schon früher Krefeld als neuer Garnisonortin Erwägung gezogen sein dürfte. Auch die Kosten der Verlegung sucht man kleiner erscheinen zu lassen. Man hofft, damit auch unter dem finanziellen Gesichtspunkte die Maß⸗ regel vor der Volksvertretung sehr wohl zu begründen und deren Zustimmung demzufolge zu erlangen.

Beteiligung an den preußischen Land⸗ tagswahlen.

Voraussichtlich werden sich unsere Genossen mit aller Entschiedenheit an den preußischen Landtagswahlen beteiligen, wäre es auch nur, um die ganze Widersinnigkeit des preußischen Wahlsystems und Verfahrens ans Licht zu ziehen. Kürzlich hat Genosse Dr. Arons in einer Versammlung den Nachweis geführt, daß bei starker Beteiligung der Arbeiterschaft und unter Innehaltung der gesetzlichen Vorschristen die preußischen Landtagswahlen überhaupt nicht zu Stande kommen können. Wenn nämlich jeder Urwähler von seinem Rechte, den Namen seines Wahlmannes selbst in die Abstimmungs⸗ liste einzutragen, Gebrauch macht, dann dauert der Wahlakt so lange, daß die Wahl überhaupt nicht in gesetzlich vorgeschriebener Weise durch geführt werden kann. Unsere Genossen hätten es also in der Hand, bei strenger Beobachtung der Gesezes⸗Vorschriften die Wahlen zu ver⸗ hindern. Das wäre, meinte der Genosse Arons, eine Blamage, vor der vielleicht sogar die preußische Regierung zurückschrecke und die sie veranlassen könnte, noch vor der nächsten Wahl eine Aenderung herbeizuführen.

Gegen den Etat stimmten unsere Genossen im badischen Land⸗ tage. Dreesbach begründete die Stellung der Fraktion mit der veränderten politischen Lage. Im Landeshaushalt habe sich das Ver⸗ hältnis der Ausgaben, die kulturellen Aufgaben überwiesen wurden, zu den übrigen seit Antritt des neuen Ministeriums bedeutend verschlechtert. Im besonderen gelte dies von den Aufwendungen des klerikalen Kultus. Die Wahlrechtsfrage harre noch ihrer Erledigung, trotzdem sich sogar die nationalliberale Partei für eine Reform zu Gunsten der direkten Wahl ausgesprochen habe. Desgleichen habe man vergeblich auf die Er⸗ füllung des Versprechens gewartet, den Bau⸗ arbeitern einen bessern Schutz gegen Unfälle zu gewähren. Den Eisenbahnern kann angeblich

keine Aufbesserung ihrer Lage gewährt werden, weil der Finanzabschluß nach den Darlegungen des Finanzministers ein sa ungünstiger sei. Dem gegenüber habe man dem Klerus bereit⸗ willigst höhere Ansprüche zugestanden. Ueber⸗ haupt sei in der ganzen Gesetzgebungsperiode kein Gesetz zu Stande gekommen, das sozial⸗ politisch einen Fortschritt bedeute. Die Fraktion habe mithin keinen Anlaß, dem Budget zuzu⸗ stimmen. Minister Buchen berger meinte, die Sozialdemokraten handelten mehr nach den Beschlüssen des Parteitages, als nach ihrer Ueberzeugung. Diese Unterstellung wies Drees⸗ bach energisch zurück. Kein sozialdemokratischer Abgeordneter würde ein Mandat im Widerspruch mit seiner persönlichen Ueberzeugung ausüben.

Vom gleichen Recht.

Ueber die Behandlung des Duellmörders Falkenhagen, der den Ehegatten einer Dame erschoß, die er vorher verführt hatte, berichten die Blätter:.

Der Verurteilte, der am 6. März von zwei hanno⸗ verschen Kriminalbeamten in der Festung Weichselmünde eingeliefert worden, mußte anfangs krankheitshalber vielfach einen Danziger Arzt konsultieren und erhielt dazu den bei Festungsgefangenen üblichen Urlaub. Von dieser Vergünstigung machte Herr Falkenhagen aber einen etwas sehr ausgiebigen Gebrauch, und mit Recht erregte es Befremden, daß man den mit einer verhältnismäßig so hohen Strafe belegten Gefangenen fast täglich in den Hauptstraßen der Stadt spazieren gehen und sich gelegentlich an öffentlichen Orten in lustiger Gesellschaft vergnügen sah. Das hat se rt einiger Zeit vollständig aufgehört, und Herr Falken⸗ hagen ist mit vorübergehenden Ausnahmen auf den eigentlichen Ort seines unfreiwilligen Aufenthaltes, die Zitadelle von Weichselmünde, beschränkt.

Es ist hart, daß man also doch die Strafe dieses Mördersein wenig verschärft hat, welcher sich erfrechen konnte, sich inlustiger Gesellschaft zuvergnügen. Was das für eineGesellschaft gewesen ist, versteht sich auch für den, welcher die Vergangenheit des lebens⸗ lustigen Verbrechers nicht kennt. Der Herr Mörder fühlt sichnicht wohl, der Herr Mörder wird nicht etwa wie z. B. ein schwerkranker Preßsünder im Gefängnis ins Lazarett gebracht, sondern darf frei und unbe⸗ helligt seinen Privatarzt aufsuchen. Er bekommt natürlich denüblichen Urlaub. Er macht wer will's ihm verdenken? davon den weitgehendsten Gebrauch und sucht amüsante und liebenswürdige Geselligkeit, um seinem Vergnügen nachzugehen!

Den sozialdemokratischen Redakteur Bre⸗ denbeck aber führte man gefesselt über die Straßen, als er als Zeuge vernommen werden sollte. Wer doch auch Mörder sein könnte!

Ein Urteil über die Zentrumspresse.

Der Augsburger Präfekt Dr. Bumüller hat in einem katholischen Blatte geschrieben: Der Mangel der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit ist ein spezifisches Kenn⸗ zeichen der ultramontanen Presse. Natürlich ist diese Abschätzung durch einen Mann, der weder Jude, noch Atheist, weder Freimaurer, noch Protestant, sondern katholischer Geistlicher ist, den Zentrumsblättern höchst unangenehm. Aber alle Hetzpfaffen und Preß⸗ kapläne können die Wahrheit dieses Urteils nicht erschüttern..

Die Krönungsschmerzen in England.

Die Berichte über das Befinden Eduard's des Siebenten lauten zwar recht günstig, doch es geht auch daraus hervor, daß es sich um eine außerordentlich schwere Erkrankung han⸗ delte und es ist noch immer sehr zweifelhaft, ob der König sie überstehen wird. Jedenfalls vergehen Monate bis zur Genesung. Unter⸗ dessen werden die braven Patrioten wegen der entgangenen Festlichkeiten, der dafür aufgewen⸗ deten ungeheueren Kosten und zum nicht geringen Teil auch wegen des zu erwerbenden Gewinnes fuchswild geworden. Es kam zu Entrüstungs⸗ kundgebungen und sogar Tumulten. Diese richteten sich besonders gegen die Behörden, welche die Festlichkeiten abgesagt hatten. Der Kor⸗ respondent derKöln. Volksztg. hörte eine

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