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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 14.

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* e* 6 Unterhaltungs-Ceil. 5 Frühling.

Strömt herein, ihr milden Frühlingsdüfte! Ach, wie wohl ist mir! Der Winter schied. Von des Baumes allerhöchstem Gipfel

Tönt der Amsel frohes Frühlingslied!

Sanft, als wie aus Mutterarmen löst sich Leicht die Unospe, die vom Schlaf erwacht, Und verwundert blickt die kleine Blume In ein neues Leben, das ihr lacht.

Wie die Blume ihre Hülle sprenget, Oeffnet sich der Menschheit Nerzensschrei Und es zieht mit seligem Empfinden Göttliches Geschenk die Liebe, ein! Strömt herein, ihr milden Frühlingsdüfte! Frühling! Du bist Herrscher dieser Welt, Alles atmet wonnig deine Lüfte Aller Herzen hast du neu erhellt.

Kathi Gruner.

Pappel. Von Jean Julllien,

In dem stillen Forsthaus verkündete die Kuckucksuhr mit großem Lärm die zehnte Stunde.

Bernard, der mit dem Kopfe auf den ge⸗ falteten Händen auf dem Tische schlummerte, richtete sich auf und reckte sich mit lautem Gähnen; dann ging er mit lauten Bemerkungen im Zimmer auf und ab.

Aus dem Nebenzimmer fragte eine weiner⸗ liche Stimme:Du willst heut Nacht noch eine Runde machen?

Ein Bischen! Bei diesem bewölkten Him⸗ mel sind wohl alle unsere Strauchdiebe im Walde.

Laß sie doch in Ruhe! So viel Unheil due sie ja gar nicht an! Es ist soviel Wild a

Bernard, zuckte die Achsel. War er Förster des Herrn Legrand, ja oder nein? Hatte er geschworen, die Besitzung zu schützen und den Gesetzen Respekt zu verschaffen? Und seine Pflicht, seine Aufgabe? Wie stellte sie sich da⸗ zu? Was würde wohl aus der Autorität, wenn man auf die Weiber hörte! Man würde dann ruhig die Jagden zerstören lassen, kein Wild mehr züchten und es nur für die Herrn Wilddiebe vor dem Wiesel und dem Iltis schützen! Er knöpfte seine Gamaschen an, zog seine Pelzmütze bis über die Ohren und ergriff sein Gewehr.

Ich weiß dich so ungern draußen, bei all den schlechten Kerls, die alle Gewehre haben! So was geht so schnell! Set vorsichtig, wage Dich nicht zu weit vor; es lohnt nicht, daß Du Dein Leben aufs Spiel setzt. Nimm Dich namentlich vor demSchießjohann in Acht!

Ach, derSchießjohann, der Boitel.. Vor dem habe ich ebenso wenig Angst wie vor den Andern; wenn er mir auch gedroht hat; wenn ich ihn treffe, kann er sich darauf ver⸗ lassen, daß ich ihn anzeige; und das kann ihm teuer zu stehen kommen!

Das auf der Lichtung des früheren Buire⸗ walds in den Ardennen, des jetzigen Legrand⸗ gehölzes, gelegene Försterhaus wurde von den zum Flecken und zu den Wiesen führenden Wegen eingeschlossen.

Als Bernard draußen stand, streckte er einen Augenblick den Kopf aus und schien nach rechts und links zu schnuppern, ob etwa ein Wilddieb in der Nähe wäre; darauf betrat er den Wald⸗ weg, den ein schmaler Streifen Himmel zwischen den Wipfel der dunkeln Bäume beleuchtete. Das Wetter war gut, um beim Teiche auf den Anstand zu gehen. Er schlich sich zwischen das Dickicht durch einen unbekannten Fußpfad, an dessen Ende man das Glitzern eines Wasser⸗ spiegels bemerkte. Mit schweren, von hohem Grase gedämpften Schritten ging er langsam bis zu einer aus Zweigen hergerichteten Hütte und stellte sich dort auf

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Nein, vor demSchießjohaun hatte er keine Angst! Das war etwas für die Bauern, vor den Drohungen dieses Taugenichts zu zittern: er hätte etwas darum gegeben, wenn er noch in dieser Nacht mit Boitel zusammengestoßen wäre! In dieser niedrigen Hütte auf der feuchten Erde kauernd, ganz Auge und Ohr, dachte er begeistert an die Menschenjagd. Seine Rolle erschien ihm größer, seine Mission wurde fast göttlich. In dieser Einöde und Finsternis war er gleichsam das Auge Gottes, das stets auf das Werk der Bösen herniederblickte. Er war der größte Rächer, er berauschte sich an seiner Autorität und bewunderte sich selbst, daß er solche Rechte besaß und so über den andern Menschen dastand. 1

Ein verdächtiges Knistern ließ sich im Ge⸗ strüpp vernehmen; eine menschliche Gestalt zeichnete sich auf dem klaren Spiegel des Teiches ab. Bernard verschwand zwischen dem Schilfe und tauchte dann vor dem Manne auf.

Ach, guten Tag, mein alter Bernard! sagte der andere mit der größten Seelenruhe, indem er das in der Schlinge gefangene Wild weiter in seine Jagdtasche steckte:Wie geht's? Gut?... Und bei Dir zu Hause? Frau und Kinder, Alles wohl?... Na, um so besser! Du hast heut Abend schönes Wetter für Deine Runde. Da wirst Du aber Wild⸗ diebe fangen!... Eben hab' ich gerad einen 1 1 Er ging in den reservierten Jagdbe⸗ zirk!

Genug der Worte! genug! knurrte Ber⸗ nard, der nur uoch mit Mühe an sich hielt. Du wirst mir folgen!

So! Mach' keine Dummheiten! Du er⸗ innerst Dich, was ich Dir versprochen, wenn Du mich noch einmal anzeigst! Ich werde mein Wort halten; ich 1100 nie!

Ich weiß nur so viel, daß Du ein Dieb bist und daß ich Dich verhafte.

Das Wild ist einen Tag da, morgen wo anders, es gehört weder Dem noch Dem. Ich betrieb das Gewerbe, bevor Dein Herr hier war; Niemand beklagte sich darüber, und alle Leute aus der Gegend sind für mich!

Sie wissen Alle, was sie erwartet, wenn sie Dich anzeigen, aber mir machst Du nicht bange!

Gut! Hier ist mein Gewehr, meine Netze, meine Tasche zeige mich an, verhafte mich; führe mich nach der Gendarmerie... Na, nimm sie doch; worauf wartest Du denn? Fürchte nichts, ich werde Dir folgen, wenn ich Dir's sage, ist es so, ich lüge nie!

Der Forsthüter machte unerhörte Anstregung, vorzuschreiten; doch eine unsichtbare Kraft schien ihn zu lähmer; schließlich ward er es müde, gegen sich selbst anzukämpfen, und er brummte in verdrießlichem Tone:Geh' Deiner Wege, Boitel! Geh' Deiner Wege! Aber geh' schnell!

Damit drehte er ihm den Rücken und schob den Riemen seines Gewehes zurecht.

Das laß ich mir gefallen! Es ist auch besser, wenn wir uns Beide als Kameraden zu einanderstellen!... Im Jagdbezirk wirst Du schon welche finden, die sich gern fassen lassen. Auf Wiedersehen Bernard!

Er ließ ihn gehen, wo er ihn packen konnte? Weshalb? Das konnte er sich selbst nicht er⸗ klären. Die Ruhe, die Sicherheit Boitels hatte ihm die Ermahnungen seiner Frau ins Ge⸗ dächtnis zurückgerufen, dieser lange Kerl hatte eine Manier, einem gerade in die Augen zu sehen und dazu zu sagen:Ich lüge nie! Er sah so entschlossen aus, daß sich Bernard un⸗ willkürlich trotz der guten Gründe, die er ins Feld führen konnte, besiegt fühlte. Stand sein N willkürlich höher als das Bischen

Trotzdem kam er wieder zu sich, je mehr er sich von demSchießjohann entfernte; es war seine Pflicht, Boitel um jeden Preis zu verhaften; er hatte wie ein Hasenfuß, wie ein Feigling gehandelt. Was würde man sagen, wenn die Geschichte jemals ruchbar wurde? Auf gewilderte Rebhühner und Hasen achtete er in seinem Zorne gar nicht mehr; vor Allem

war er auf sich wütend, weil er die Autorität,

auf die er stolz war, hatte verhöhnen lassen. Dieser Gedanke empörte ihn dermaßen, daß er auf dem Sprunge stand, umzudrehen, dem Wilddieb eine Portion Schrot nachzuschicken und ein⸗ für allemal ein Ende mit ihm zu machen, damit das Gesetz Recht behielt. Doch wozu? Er hätte die ganze Gegend, die Boitel so ergeben war, gegen sich aufgebracht. Ber⸗ nard setzte fluchend und wetternd seinen Weg nach dem Jagdbezirk fort, er war auf sich noch wütender als aufSchießjohann. Er war also nichts, gar nichts, man konnte sich unge⸗ straft über ihn lustig machen; seine Autorität war also thöricht, willkürlich ungerecht; ja, er wagte sich nicht einmal mehr auszuüben. Sein altes Unterofftzierblut wallte auf. Der Förster sah sich bereits seines Amtes enthoben; denn er mochte den Wald noch so trefflich verwalten, Herr Legrand glaubte wie alle Besitzer nur den Anzeigen und Protokollen. Um jeden Preis mußte er einen Wilderer fassen, um jeden Preis!

Boitel hatte wahr gesprochen; in dem Ge⸗ strüpp lauerte ein Mann auf die Kaninchen, die aus den Erdgruben kamen. Bernard er⸗ kannte ihn; es war ein halb verkrüppelter, halb schwachsinniger Landstreicher, der vom Betteln lebte und den man in der Gegend wegen seiner langen Gestalt und seiner Magerkeit die Pappel nannte. In einigen Sätzen war der Förster bei ihm, hatte ihn, bevor der Andere noch Zeit zur Verteidigung fand, zu Boden geworfen und an beiden Armen gefesselt. Nun ließ er seiner Wut freien Lauf und überschüttete den Unglück⸗ lichen mit allen Schimpfreden, mit denen er gar zu gern Boitel belegt hätte. Bei diesem hier hatte er nichts zu befürchten; hier konnte er seine Autorität gebrauchen; ja, er konnte sie sogar mißbrauchen; der Schwachsinnige hatte nie Jemand bedroht, er war dazu sogar außen Stande. Pappel beschränkte sich darauf weinend um Verzeihung zu bitten, und wiederholte, er glaube kein allzu großes Verbrechen begangen zu haben, denn er wollte das Kauinchen, das er gefangen, nur essen; außerdem wimmelte es ja im Walde von Kaninchen, die man schon zum Vergnügen abschießen sollte.

Natürlich! Wenn man nichts besaß, dann hole man es sich bei Andern! Bernard lachte jetzt, Pappels Sache stand gut, man hatte ihn bei der Nacht auf einer Privatbesitzung betroffen, wie er die Erdgruben zerstörte! Er konnte da⸗ rauf rechnen, daß die Richter, die alle Jäger waren, ihn nicht schonen würden. Man beob⸗ achtete ihn schon lange, er war an all den Schäden und Diebstählen schuld, über die man sich in der Gegend beklagte. Und die Richter, die guten Richter, würden ihn im Gefängnis verschimmeln lassen! Jawohl: verschimmeln! Damit er ihm nicht entwischte, packte Bernard den Verbrecher bei den Schultern, betrat wieder den Waldweg und führte ihn der Gendarmerie zu.

Pappel ging betrübt, von dem Gedanken an die Richter, die Gendarmen und das Ge⸗ fängnis ganz verblödet neben ihm her. An einer Wegkrümmung riß er sich mit heftigem Rucke aus Bernhards Händen los und entfloh, so schnell er konnte. Doch er lief nicht weit. Ein Schuß krachte und sein großer, magerer Körper stürzte in das Heidekraut; das Schrot hatte getroffen und ihm die Brust zerrissen.

Du sollst Dich wenigstens nicht mehr über mich lustig machen! rief Bernard, als er be⸗ merkte, daß der Landstreicher auf der Stelle tot geblieben war.

ann gab er ohne Bedauern, ja sogar mit einer gewissen Genugthuung seine Erklärung ab. Der Förster hatte seine Feigheit, die er

Boitel gegenüber bewiesen, wieder ausgewetzt;

er stieg wieder in seinen eigenen Augen; er hatte seine Autorität wiedererlangt und bewiesen! Was hatte Pappels Leben dagegen zu bedeuten!

Der Gendarmeriebrigadier, der Maire, der Pfarrer, der Friedensrichter beglückwünschten ihn. Herr Legrand überreichte ihm eine Prämie von hundert Franken; man schrieb seinen Namen in das Ehrenbuch der Förster, und sogar Boitel stellte sich ein, um seinemalten Freunde Ber⸗ nard die Hand zu schütteln.

Die Frau hatte doch recht gehabt!

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