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Nr. 14.
Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
gebracht hatte. Die königstreuen und patrio⸗ tischen Jünglinge hatten nämlich anläßlich dieses Tages in ihren heimatlichen Dorfe — Oberroßbach im Dillkreis— eine Feier arrangiert, bei der zwar keine vaterländischen Reden und Toaste geschwungen, desto mehr dem Alkohol zugesprochen wurde. Den Schluß der Feierlichkeit bildete eine frisch⸗fromm“⸗fröhliche Rauferei, bei der sich die Beteiligten in christ⸗ lich⸗germanischer Weise mit Knüppeln, Zaun⸗ latten und Messern bearbeiteten, so daß es mehrere nicht unbedenkliche Verwundungen ab⸗ setzte. Zwei Brüder, die sich am kampfes⸗ lustigsten gezeigt hatten, erhalten Gefängnis⸗ strafe, der eine 7 Monate, der andere nur einen zudiktiert.— Derartige Kaisergeburtstags⸗ prügeleien kamen in diesen Jahren wieder in mehreren Orten vor, auch in„besseren“ Kreisen. Merkwürdig, bei sozialdemokratischen Festen kommen doch in größeren Städten oft zehntausende zusammen, ohne daß die geringsten Mißhelligkeiten entstehen. Das kommt vielleicht von der„Verrohung und Sittenverwilderung“, die nach Ansicht unserer Gegner in der So⸗ zialdemokratie vorhanden sein soll.
h Steuersekretär Sarges, der sich Ende Januar aus seiner Wohnung enfernte, ohne dahin zurückzukehren, hat sich, wie unmehr fest⸗ steht, ins Wasser gestürzt. Seine Leiche wurde vorige Woche bei Löhnberg in der Lahn gefun⸗ den, hat also zwei Monate im Wasser gelegen. Was den jungen Mann zu dem verzweifelten Schritte veranlaßt hat, darüber fehlt auch jetzt noch jede Aufklärung.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchharn.
St. Osterfeier. Am ersten Feiertag abends hatte unser Gesangverein„Eintracht“ im Jes⸗ berg'schen Lokale eine Familienfeier veranstaltet, welche sich eines äußerst starken Besuches er⸗ freute und einen recht schönen Verlauf nahm, wozu nicht am wenigsten die sehr gut zum Vor⸗ trag gebrachten Lieder beitrugen. Aber auch unser Genosse Jesberg hatte alles aufgeboten, um seine zahlreichen Gäste durch Verabreichung eines vorzüglichen Stoffes usw. aufs beste zu bedienen und so werden wohl alle Teilnehmer von der Veranstaltung des Familienabends be⸗ friedigt sein.
— Kontrollversammlung. Die dies⸗ jährige Frühjahrs⸗Kontrollversammlung für die Mannschaften der Stadt Marburg findet am nächsten Montag, den 7. April auf dem Kämpf⸗ rasen in folgender Weise statt: Vormittags 9 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1894, 1895 und 1896; vormittags 11 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1897, 1898, 1899, 1900 und 1901, sowie die zur Disposition der Truppenteile beurlaubten Mannschaften und für die zur Disposition der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften; nachmittags 2 Uhr für die sämtlichen Landwehrleute 1. Auf⸗ gebots, worauf wir hiermit besonders aufmerk— sam machen.
— Handwerker⸗Versammlung. Am Sonntag, den 6. April, nachmittags 5 Uhr, findet im Restaurant Freidhof dahier eine von der Kasseler Handwerkskammer einberufene Handwerker⸗Versammlung statt, in welcher u. a. über die Thätigkeit der Handwerkskammer, ihre Einrichtung, Verwaltung und ihre Erlasse usw. Bericht erstattet werden soll.— Alles dies wird dem Handwerkerstande nicht viel nützen, derselbe ist bei der heutigen Gesellschaftsordnung unrettbar dem Ruin verfallen, wenn auch die hiergegen angewendeten Mittel der Macht des Großkapitals gegenüber den Todeskampf etwas verlängern. b
— Roheit. Am 3. Ostertage hatten si h mehrere hiesige junge Bürgerssöhne bei Ge⸗ legenheit einer Jubiläumsfeier einen Rausch geholt. Einer derselben, welcher geistig nicht ganz normal sein soll, fiel auf der Straße hin und vermochte sich nicht wieder zu erheben. Anstatt daß nun, wie es sich gehört hätte, diese wohlerzogenen Bürgerssöhne ihren Kameraden aufgehoben und nach Hause geführt hätten, ließen sie ihn, der sich beim Fallen eine blutende Wunde zugezogen hatte, hilflos liegen und entfernten sich lachend. Eine Frau nahm sich
des Verletzten an und wusch ihm das Blut ab, während ein Arbeiter die Angehörigen desselben in Kenntnis setzte, welche ihn dann nach Hause holten. Wir glauben nicht, daß in ähnlicher Lage Arbeiter einen ihrer Kameraden auf so rohe Weise im Stiche lassen würden.
Das Altenbekener Eisenbahnunglück
bildete am Samstag vor 8 Tagen den Gegen⸗ stand eines Prozesses vor dem Gericht in Pader⸗ born. Zwei Eisenbahner sind zu Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie an dieser furchtbaren Kata⸗ strophe schuld sein sollen. Sie sollen den Tod von elf Menschen verschulden und der Haupt⸗ schuldige, der Blockwärter Kleinhaus, soll dafür neun Monate, der zweite und minder schul⸗ dige, Zugführer Peters, sechs Wochen ins Gefängnis. Die preußische Eisenbahnverwaltung ist gerechtfertigt— nicht sie, nicht mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen sind für das Unglück verantwortlich— die beiden verurteilten Be⸗ amten sind der Beweis, daß die Diensteinrich⸗ tungen vollkommen sind!— Liest man den Prozeßbericht, kommt man allerdings zu andrer Ueberzeugung. Als bemerkenswert sei folgende Aussage Regierungsbau rats Dahme hervorge⸗ hoben: Wenn höchste und allerhöchste Herrschaften reisen, werden weitgehende Sicherheitsmaßregeln getroffen. Meist wird die Bewachung der ganzen Strecke verdreifacht. Die Wärter stehen so nahe, daß einer den anderen sehen kann.“
Kleine Mitteilungen.
** Schlägerei und Messersteche⸗ rei. In Freiensee bei Laubach entstand in dem Lokal des Wirtes Hofmann eine Prü⸗ gelei, wobei der Wirt durch Messerstiche verletzt wurde.
r Bergrutsch am Rhein. Zdwischen Bacherach und Oberwesel lösten sich in der Nacht zum 27. März große Steinmassen von den Bergabhängen los und verschütteten die Bahngeleise. Dadurch war das Geleise längere Zeit unpassierbar. Der Verkehr wurde durch Umsteigen aufrecht erhalten.
Den Küphursverwaltex der Leipziger Bank, Justizrat Barth, der seit einiger Zeit vermißt wurde, fanden Wald⸗ arbeiter erschossen im Bolditzer Staatsforst⸗ revier. Neben der Leiche lag ein Revolver; an Geld hatte der Erschossene ca. 100 Mk. bei sich.
** Von der bekannten Sorte einer. Der agrarische antisemitische Agitator Lutz, Abgeordueter des bayrischen Landtags, hat sich zurückgezogen. Daß er auf einmal still geworden ist, der früher nicht laut genug über die Not der Landwirtschaft schreien konnte, hat seinen Grund mit in den Verhältnissen der mittelfrän⸗ kischen Kreisdarleheuskasse, zu deren Verwal⸗ tung Lutz gehörte und die im Jahre 1900 einen Defizit von 200000 Mk. machte. Nach berühmten Mustern zog Lutz in der Kammer gegen den jüdischen Zwischenhandel los, unter⸗ hielt aber trotzdem sehr freundschaft iche Bezieh⸗ ungen mit israelitischen Getreide- und Vieh⸗ händlern.
Arbeiterbewegung.
Von der Glasarbeiter Aussper⸗ rung. Noch immer sind gegen 80 Glasarbeiter vom Ring der deutschen Flaschenfabrikanten dauernd von der Arbeit ausgesperrt. Darunter sind 77 Verheiratete, welche zusammen rund 200 Kinder nebst Frauen zu ernähren haben. Das sind die Opfer eines haßerfüllten, unver— söhnlichen Unternehmertums, das Rache nimmt für das Eintreten der Arbeiter zur Wahrung ihrer heiligsten Menschenrechte. Die deutschen Arbeiter werden durch hinreichende Unterstützung dafür sorgen, daß die armen Kämpfer nicht untergehen.
R Arbeitslosen⸗Unterstützung im Holzarbeiterverban d. Innerhalb des deutschen Holzarbeiter⸗Verbandes hat in den letzten Wochen eine Ur a bstim mung
über die Einführung der Arbeitslosen⸗Unter⸗ stützung stattgefunden. Von den 70 000 Mit⸗ gliedern beteiligten sich etwa 40 000 an der Abstimmung, die sich mit ca. 800 Stimmen Mehrheit für Einführung der Arbeitslosen⸗ Unterstützung erklärten. Genaue Zahlen über die Abstimmungsergebnisse liegen noch nicht vor.
Partei-Nachrichten.
An die Partei ⸗ Vertrauensleute im Wahl⸗ kreiße Gießen⸗Grünberg⸗ Nidda! Bestellungen auf Maifestzeitungen und Festabzeichen müssen bis 8. April bei mir oder der Expedition der Mitteldeutschen Sonntgs.⸗Ztg. eingelaufen sein. Andernfalls kann für rechtzeitige Lieferung nicht garantiert werden.
A. Bock, Kreis vertrauensmann Gießen, Dammstr. 22.
Versammlungskalender. Samstag, den 5. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends Abends 9 Uhr Versammlung bei Ferd. Kröck. Marburg. Konsum Verein. Abends 9 Uhr: Oeffentl.⸗Versammlung im Café Quentin(Hocck) Steinweg 4. Sonntag, den 6. April.
Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig.
Montag, den 7. April.
Gießen. Schneiderver band. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Dienstag, den 8. April.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig.
Briefkasten.
N. Schotten. Gewiß, Sie verfahren ganz rich⸗ tig, so sollte es überall gemacht werden.— Statut w ird beigelegt. Sorgen Sie dafür, eine Organisation zu schaffen!
Chr. D. Kl.⸗Altenstädten. Für die Folgen einer Verletzung, die ein Arbeiter durch Schuld des Unternehmers erlitten, haftet der letztere, auch wenn der Betrieb nicht unfallversicherungspflichtig ist. Ob in Ihrem Falle ein Verschulden der Arbeitgeberin vorliegt, muß festgestellt werden. Wenn übrigens das Mä dchen nicht ausschließlich in der Hauswirtschaft, sondern auch im Gastwirtschaftsbetriebe thätig war, wenn auch nur einige Stunden am Tage, vielleicht mit Reinigen der Gastizmmer, Waschen der Gläser ꝛc., so mußte es der Krankenkasse angehören und hatte somit die festg e⸗ setzte Unterstützung zu beanspruchen.
. Geschichtskalender.
6. April. 1897: Prozeß gegen den Anarchisten Koschemann in Berlin. 1528: Albrecht Dürer be⸗ rühmter Maler, geboren.
7. 1875: Georg Herwegh, Dichter, GBet' und arbeit'), gestorben.
3. 1835: Wilh. von Humboldt, Gelehrter und Staatsmann, gestorben.
9. 1865: Ende des amerikanischen Bürgerkrieges.
10. 1891: Kontraktbruch-Verschärfungsparagraphen — im Reichstag abgelehnt.
11. 1825: Ferdinand Lasalle geboren. 1814: Napoleon I. dankt ab.
12. 1891: Kühnemann⸗Metallarbeiter-Complott enthüllt.
Abends 9 Uhr
Letzte Nachrichten.
Bei der am Donnerstags stattgefuadenen Reichs— tagsersatzwahl im Kreise Elbing⸗Marienburg(1. Danzig) erhielten nach den bis Abend vorliegenden Ergeb nissen: König(Soz.) 4315, Oldenburg(Kons.) 1720, Kindler(Freis. Volksp.) 1150, Zagermann(Zentr.) 990, Wagner(Natlib.) 365 Stimmen. Offenbar fehlen aus den meisten Orten noch die Resultate, doch zeigen obige Zahlen, daß für unsere Partei sehr gut gewählt wurde. Bei den Hauptwahlen 1898 wurde der Konservative im ersten Wahlgange mit 9346 Stimmen gewählt gegen 4473 sozialdemokratische, 3034 Zentrums und 1048 nationalliberale Stimmen.
Bei der Landtagsstichwahl in Triebes-Hohen⸗ leuben(Reuß ä. L.) siegte der Sozialdemokrat Patzer mit 427 Stimmen gegen den Landrat Ruckdeschel, der nur 377 Stimmen erhielt.
— 1 Unserer heutigen Gesamtauflage liegt ein Preisverzeichnis des Kaufhauses Cohn& Comp. in Gießen
bei, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen.
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