Seite 4.
Mitteldeutsche Sonutagg⸗Zeitung.
Nr. 14.
rasender Geschwindigkeit durch die Station durchgejagt. Der Lokomotivführer wiederholte stets, er werde nie vergessen, wie der Stations⸗ chef kreidebleich und zitternd vor Schreck auf dem Perron stand, kaum im stande, sich auf den Füßen aufrecht zu erhalten. Denn darüber konnte kein Zweifel sein, daß der Hofzug und alle seine Insassen in sehr unliebsame Berührung mit dem Gegenzuge gekommen wären, hätte der denkende Führer dem Befehl des Stationschef und dem Drängen des Hofgesindes Folge ge⸗ leistet. Dieser Lokomotivführer aber war der Vater Bernsteins, unsers jetzt in den Reichstag ge⸗ wählten Genossen.
Hessisches.
— Großherzog und Sozialdemo⸗ krat. Daß sich auch beim letzten parlamen⸗ tarischen Abend der Großherzog wieder mit dem Genossen Ulrich unterhalten hat, veranlaßte eine Anzahl bürgerlicher Blätter zu den tollsten Sprüngen. Einige ließen dabei sogar den schul⸗ digen Respekt vor dem gekrönten Haupte ver⸗ missen, obwohl sie sonst nicht oft genug ihre zmonarchische Gesiunung“ betonen können. Der Großherzog hat nach der Frkftr. Ztg. Ulrich gegenüber bemerkt: 5
„Man hat sich das vorigemal hüben und drüben sehr darüber aufgeregt, daß ich mich mit Ihnen unterhalten habe. Mir hat das ja nichts geschadet, wohl aber Ihnen bei Ihren Genossen!“— Da irrt der Großherzog, dem Genossen Ulrich hat das nicht im Mindesten geschadet. Ulrich hat auch in diesem Sinne ge⸗ antwortet.
Die„Hamb. Nachr.“ fordern in ihrer un⸗ wandelbaren monarchischen Gesinnung sogar, daß der Bundesrat gegen den Großherzog ein— schreiten soll.
———
Unsere Spediteure und Abonnenten machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß sich unsere Expedition bei
Carl Orbig
Rittergasse 17, befindet. Wir bitten, bei mangel⸗ hafter Zustellung des Blattes sich sofort da⸗ hin wenden zu wollen.— Von unserer Expe⸗ dition können selbstverständlich wie bisher alle Erscheinungen der Partei Literatur bezogen werden, ebenso die Witzblätter Wahrer Jakob, Postillon etc.
Gießener Angelegenheiten.
— Herr Beigeordneter Wolff wurde zum Kreisamtmann in Worms er⸗ nannt, wird also am 1. Mai aus dem Ver⸗ waltungsdienst der Stadt Gießen austreten. Herr Wolff begleitet die Stelle des besoldeten Beigeordneten seit beinahe 7 Jahren und hat sich während dieser Zeit den Ruf eines tüchtigen Verwaltungsbeamten erworben. Der Arbeiter⸗ bewegung gegenüber bekundete er früher aller— dings einige Voreingenommenheit, die bei ver⸗ schiedenen Gelegenheiten zu Tage trat.
— Bahnunfall. Beim Einlaufen in den hiesigen Bahnhof überfuhr am dritten Feier⸗ tage der 1.18 Uhr mittags fällige Frankfurt ⸗ Berliner Schnellzug einen großen Gepäckkarren, der in's Rollen gekommen und aufs Geleis gelaufen war. Der Wagen wurde natürlich zertrümmert. Durch die umhergeschleuderten Trümmer soll eine Dame verletzt worden sein.
Aus dem Rreise gießen.
— Hunnisches. Zu einer blutigen Schlägerei kam es am Mittwoch in Lich im Gasthaus zum Löwen zwischen Rekruten aus verschiedenen Dörfern der Umgebung. Besonders waren die angehenden Vaterlands⸗ verteidiger aus Grüningen und Ettingshausen beteiligt. Mehrere der Burschen wurden ver⸗ haftet. Solche Vorfälle zeigen, daß unsere Warnung an die Genossen in voriger Nr. sehr angebracht war.
Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.
l. Volksversammlung in Vilbel. Am Sonntag vor 8 Tagen hielt hier Reichstagsabg.
Ledebour einen ausgezeichneten Vortag über „die politische Lage.“ Er schilderte, wie es heute bei uns möglich ist, daß ein Kürasster⸗ general Postminister wird und dann wieder Landwirtschaftsminister, ohne daß er selbst wisse warum. Wie der Reichskanzler seine berühmte Rede für die„mäßige“ Erhöhung der Zölle hielt, sei diese dadurch berühmt geworden, daß sie durch vollständige Gedankenabwesenheit geglänzt habe. Dieser Reichskanzler sei genau ein Junker wie Bismarck, nur daß der in Kürassier⸗ stiefeln und Bülow in Lackstiefeln einherschreite. Auch die Grabschrift eines, der Ahnen Bülows „Ich bin ein mecklenburgischer Edel⸗ mann, was geht den Teufelmein Sau⸗ fen an“ beweise ebenso wie der bekannte Zuruf des Grafen Arnim„Der Vater hat viel⸗ leicht alles vertrunken“, daß diese Herren immer zuerst ans Saufen denken. Genau so beschaffen sind die notleidenden Agrarier. Je reicher sie sind, desto notleidender sind sie und desto mehr betteln sie die Regierung an. Wenn ein Handwerker kommt und beklagt sich, daß er nicht zurecht kommt, dann wird er abgewiesen, wenn aber die Söhne dieser Herren auf der Universität vielleicht alles versoffen oder im Club der Harm⸗ losen in eine Nacht Tausende verspielt haben, dann kommt der Vater und ruft nach höheren Zöllen und unsere Regierung kommt diesem Ruf entgegen und erfüllt den Herren ihre Wünsche. Dagegen werden wir uns mit aller Macht stemmen, wir wollen, daß diese Frage entweder bis nach den allgemeinen Wahlen verschoben, oder daß der Reichstag aufgelöst wird. Das Volk habe selbst zu entscheiden, ob es einer derart wichtigen Frage zustimmen wolle oder nicht. Weiter kommt Redner auf die China⸗ wirren zu sprechen, dabei genau schildernd wie dieselben verlaufen seien. Die Deutschen hätten ja nach Ansicht der Regierung keinen Krieg sondern nur Ordnung schaffen wollen. Merk⸗ würdig sei aber, daß die Deutschen immer das Pech hätten, noch mehr Unordnung zu schaffen, das hätte man ja erst kürzlich an den Arbeitslosenkrawallen in Frankfurt gesehen. Nachdem noch Redner die in Aussicht stehende Flottenvorlage, die Wegnahme der Pekinger Instrumente, die ungeheueren Ausgaben für
Militärzwecke und die Kolonien gebuͤhrend be⸗
leuchtete, sowie auch das Verhalten unseres Vertreters im Reichstage des Grafen Ortola, richtete er an die Versammlung die Aufforde⸗ rung schon jetzt zu beginnen in der Aufklärung der Massen; darin muͤsse jeder sein Teil leisten, indem er die Kleinhandwerker, die Klein⸗ bauern, die Beamten und die Arbeiter darauf aufmerksam mache, was jetzt von den Mehrheitspaxteien mit Hilfe der Regierung ge⸗ plant sei und wie schädlich die Zollvorlage auf den einzelnen wirke. Die Zeit ist günstig, wenn der Magen knurrt, ist am ersten Aussicht auf Erfolg, deshalb arbeite jeder, daß bei der nächsten Wahl nicht mehr der Brod⸗ verteuerer Oriola, sondern der Gen. Busold den Kreis erobert, daß ein Strafgericht gehalten wird über diese Regierung und alle Parteien, die mit ihr sind.(An⸗ dauernder Beifall.) Da eine Diskussion nicht beliebt wurde, schloß der Vorsitzende Genosse Armbrust, nachdem noch der Gesangverein Bruder⸗ kette wie auch vor der Rede ein Lied vorge⸗ tragen, die imposante Versammlung.
IJ. Ein Fall von„Kleptomanie.“ Viel besprochen wird in Friedb erg folgen⸗ der Vorfall. Einem hiesigen Metzger fehlten in der letzten Zeit des öfteren Wurst. Nachdem er dies wahrgenommen, paßte er auf und ertappte die Frau eines Handwerksmeisters auf frischer That. Da indes der Mann ein guter Patriot und bei den Wahlen ein guter Helfer ist, dürfte es immerhin nicht unmöglich sein, daß die Frau ungestraft aus der Affaire hervorgehen wird.
Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach.
1. Aus Alsfeld schreibt man uns: Mit dem Eintritt des Frühjahrs hoffen auch die hie⸗ sigen Arbeiter auf bessere Arbeitsgelegenheit und lohnenderen Verdienst. Denn hier mußte sich den Winter hindurch manche Familie mit sehr schmalen Bissen begnügen. Die Löhne sind
sehr niedrig und die Preise der Lebensmittel ebenso hoch wie anderswo. Man sollte meinen, daß die in der That notleidende Arbeiterschaft sich endlich einmal aufraffen, und sich die Besse⸗ rung ihrer Lage angelegen sein ließe, vor allem aber energisch gegen die Lebensmittelverteuerung Stellung nehme. Zwar etwas rührt es sich schon, doch viel zu wenig!— Ich aber singe das Lied: Handwerker bin ich— zieh das Joch— Hab auch nicht viel zu brechen Und einen Bettler hab ich doch, Sogar'nen äußerst frechen! Er kommt schon an ums Morgenrot, Greif ich nach meinem Frühstücksbrot:
Da steht er schon
Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel:
„Lad ab, lad ab, Du Menschensohn, Kornzoll für meinen Säckel“!
Ich bin ein Tischler, manches Brett Zerschnitten meine Hände.— Ich bau die Wiege, bau das Bett Und auch den Sarg am Ende.— Jedoch bei Wiege, Bett und Sarg Der Bettler fordert seine Mark. Da steht er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: 0 „Lad ab, lad ab, Du Menschensohn, Holzzoll für meinen Säckel“!
s wird Mittagszeit— vorläufig Schluß Fort leg ich Säg und Bohle. Was giebts?— Hei!— Schweinepökelfuß Mit schönem Sauerkohle. Doch mach ich meinen Teller leer, So zaubre ich den Bettler her: Da kommt er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: „Lad ab, lad ab. Du Menschensohn, Fleischzoll für meinen Säckel“!
Zwei Stündchen drauf— die Alte bringt Den Kaffee mit den Tassen. Ich weiß es wohl, sie selber trinkt Ihn süß— kanns mal nicht lassen. Nun, dazu langt es noch zum Glück!— Indeß— bei jedem Zuckerstück: Da kommt er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: „Die Prämie her, Du Menschensohn, Als Zoll für meinen Säckel“! Und so verfolgt mich dieser Taps Als nimmersatter Fresser, Vor Aerger trink ich meinen Schnaps, Vielleicht wird mir dann besser. O, weit gefehlt— ich armer Thor— Da springt er ja erst recht hervor: Da lacht er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel Der Kuckuck hole den Baron Zusammt mit seinem Säckel“!
n. Aus Schotten schreibt man uns: Kaum irgendwo an einer Straße findet man so viele der prächtigsten Ahornbäume, wie an der Staatsstraße Laubach⸗Schotten. Exemplare von einem Stammunfang von 2—2/ m befinden sich darunter; und manchem Sommerausflügler mögen sie als Schattenspender hochwillkommen sein. Mit anderen Empfindungen betrachten aber diejenigen die schöne Allee, welche ein Stückchen Land an der Straße haben. Diesen bringen die Bäume nicht unerheblichen Schaden. Die weit ausgebreiteten Wurzeln ziehen sich oft 10—15 m. weit ins Land hinein, saugen alle Feuchtigkeit und Dungstoffe auf, während das dichte Laubdach im Sommer kaum einen Tropfen Regen durchläßt. Deshalb ist auch die Ernte an der Straßenseite gleich Null, Kartoffeln werden bei trockenem Wetter sehr bald welk, dagegen wird im freien Felde immer eine gute Durchschnittsernte erzielt. Besser wäre es, wenn die Verwaltung Obstbäume anpflanzte. Es ist auch schon vor Jahren in diesem Sinne petitioniert worden, jedoch ohne Erfolg.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Fidele Kaisergeburtstagsfeier. Vor der Strafkammer in Wetzlar standen vorige Woche mehrere junge Burschen, welche die diesjährige Kaisergeburtstagsfeier dorthin
——— 2
— Ä—!——2—2x——————f½9r
Nr · 1.
ehracht 10 eee — bel grrangier 10 1 Alkoho Firrlich Nauferel, lch⸗germe latten un mehrere! fekte. luftige, strafe, der zudlttiert hrüägeleien Hehreren geeisen. Feten dot hutauset Möhelig bon der, die nach faldemok 1 St
Ende Jan dahin zur
ch ie
—
J ber
olige N den, hat Was den Schritte loch jede
Aus!
St. L hatte un herg'schen welche sti freute ur wozu nic mag geb unser Ger um seine eines hof bedienen Von der stiedigt 155 f jährige; Nang nächsten
180,1 für die) 1899 1 der Tr. und für kallassent
r für gebots,
gam mag
Son 10 findet i bon der g Hundwer
ie Ui


