Ausgabe 
5.10.1902
 
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Nr. 40.

Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Im Weiteren widerlegte Bebel die Behauptung Schädlers, daß die Kirche die Sklaverei gebrochen habe, unter Anführung der geschichtlichen Thatsacher und zeigte die Arbeiterfeindlichkeit des Zentrums.

Die aus über 2000 Personen bestehende Versammlung stimmte Bebel begeistert zu. Von den zahlreichen anwesenden Gegnern leistete niemand der Einladung, Bebel zu widerlegen, Folge. Es wurde gegen zwei Stimmen eine

lütlon angenomn

führungen einverstandenerkkärt und verlangt, die sozialistischen Forderungen mit aller Energie propagtert werden. Im Zentrum wird

eine Partei erblickt, die hestrehf it bie igen 1 5 eine Partei erblickt, die bestrebt ist, die heutigen aber werde ich mich mit meiner ganzen Kra

unhaltbaren Zustände mit allen Mitteln auf⸗ recht zu erhalten und durch ihre bildungs feind⸗

liche Haltung, durch: derung des Militaris⸗

mus, durch ihren Widerstand gegen jede ernste 1 i 1 f. N urch ihren Widerstard gegen jede ernste Im Uebrigen scheint er sich für den Anfang zusammengenommen zu haben, denn ein Herr 1 5 g Israel Lask gab seiner Genugthuung darü träglich zu gestalten sucht und deshalb haupt⸗ 5 V 5

Ausdruck,

und sachlicher Weise gesprochen habe, im Gege

Sozialreform, durch ihre Haltung iu der Zoll⸗ frage, die Lage der arbenenden Klasse uner⸗

säcktich durch Aufllärung der weitesten Kreise der Arbe sterklasse nach Kräften bekämpft werden müsse.

Ein zur Erkenntnis gekommener Zentrumsmann.

Kürzlich fand in Köln eine Protestversamm⸗ lung gegen den Fleischwucher statt, die von mehr als 1000 Personen besucht war. Sie nahm einen imposauten Verlauf. Einstimmig würden nach einer ezeichneten Rede des sozialdemokratischen Reichstogskandidaten für Köln⸗Stadt, Genossen sprechende Resoluttonen beschlossen. In der Diskussion trat auch der christliche Gewerk schafter Schaller auf. Er gab zunächst der Freude Ausdruck, daß er ohne Weiteres in dieser sozusagen sozialdemokratischen Versamm⸗ lung zum Wort gelassen werde. Anders sei das bei der Zentrumspartei. Er komme eben aus der von dem Zentrumsverein veranstalteten Versammlung, die ebenfalls zur Fleischnot Stellung nehmen sollte. Dort habe sich das Zentrum im wahren Lichte gezeigt. Durch einen von Zentrums eite aufgeführten großen Tumult, der stundenlang dauerte, suchte man die katholischen Arbeiter mundtot zu machen. Er sei empört über diese Vergewal⸗ tigung, und das sei der Grund, weshalb er dort weggegangen sei, um hier in der sozial⸗ dewokrotischen Versammlung als christlicher Arbeiter das Wort zu ergreifen. Er fordere besonders die zahlreich erschienenen Frauen auf, dafür zu wirken, daß bei der kommenden Reichstagswahl nur Stimmen für den Kandidaten abgegeben werden, der nicht nur gegen jede Erhöhung der Lebensmittelzölle, sondern für deren Verringerung sei. Das Zentrum suche stets die Religion in den Vordergrund zu drängen und es benutze die Frömmigkeit als Deck⸗ mantel, um die Arbeiter noch mehr ausnutzen zu lassen. Wer einen Befür⸗ worter des Lebensmittelwuchers wähle, der sei ein Verbrecher an sich selbst und seiner Familie!

Die feindlichen antisemitischen Brüder,

nämlich die Partei Liebermann von Sonnenberg und die Partei Zimmermann, zu der sich die hessischen Antisemiten zählen, liegen sich wieder in den Haaren. Von dem Parteitag derDeutsch⸗ Sozialen Reformpartei ist deren Organ, die Staatsbürger⸗Ztg., natürlich auf's Aeußerste befriedigt. Ironisch schreibt dazu Liebermann von Sonnenberg in seinem Blatte, daß hiernach wohl alle Antisemiten hoffen dürfen,daß der die antisemitische Sache schwer schädigende Pücklerrummel endlich ein Ende haben wird. Bekauntlich sei in Eisenach festgestellt worden, daß Graf Pückler nicht zur Reform⸗ partei gehört und die Parteileitung jede Ver⸗ antwortung für sein Auftreten ablehnt, des⸗ gleichen, daß man keine Radaupartei sein wolle 5 Da dles Ergebnie dieStaate bürger⸗Ztg. des Herrn Bruhn in jeder Beziehung befriedige, 0 werdeder genannte Herr als Mitglied des Parteivorstandes der Resormpartei wohl kaum noch in der Lage sein, weitere Versammlungen nit dem Grafen Pückler zu veranstalten und

die sich mit Bebels

frichter, zwei ent⸗

ihm dieStaatsbürger ⸗Ztg. zur Verbreitung seiner wunderlichen Reden zur Verfügung zu stellen.

Zum Pückler⸗Kummer der Antisemiten

kommt neuerdings auch wieder der Ahlwardt⸗ Kummer. Ahlwardt, der mehrere Jahre ver

schollen schien, ist kürzlich in seinem Wahlkreise wieder aufgetaucht und hat nunmehr auch Berlin, in der Person des Geuossen Paul Hug in

den eigentlichen Schauplatz seines früheren

politischen Wirkens, durch eine öffentliche

Versammlung beglückt. Sein längeres Ver⸗ schwinden von der Bildfläche begrundete er mit ungünstigen Familienverhältnissen.Nunmehr

ft meiner Lebensaufgabe, dem Kampfe gegen das Judentum, widmen, und Sie werden mich noch oft hören können, versicherte er seinen Zuhörern.

z Herr Ahlwardt in so

teil z. B. zu der Art des Grafen Pückler.

dieseSachlichkeit lange vorhält?

Eugen Richters Mannen, die sichFreisinnige Volkspartei nenne in Hamburg ihren Parteitag u der Oeffentlichkeit ab. Drei Tage man bei einander. Man nahm Stellun Zolltariffrage, beschränkte sich hierk freisinniger Halbheit darauf, nur dieErhöhung der Zölle auf Lebensmittel abzulehnen, anstatt deren Abschaffung zu verlangen. Unter anderem sprach man auch über die Reichstagswahl, wo bei gehörig über die Sozialdemokratie geschimpft wurde. Deren Unterstützung bei Stichwahlen selbst gegen die schwärzeste Neaktton wurde nicht beschlossen.

Spaltung giebts nicht!

Durch den Verlauf des Münchener Partei⸗ tags sind die Hoffnungen unserer Gegner auf Spaltung in unseren Reihen wieder gründlich zu Wasser geworden. Enttäuscht sind besonders die Nationalsozialen, die schon lange sehnsüchtig darauf warten, daß unsere Partei auseinander fällt, dieBerusteinianer zu ihnen hinüber⸗ schwenken und in ihren Parteikadaver neues Leben bringen. Sie werden noch lange warten müssen; den letzten Rest derartiger Hoffnungen hat ihnen Bernstein selbst zerstört, durch eine Rede, die er nach dem Parteitage in Schwein⸗ fur: hielt. Genosse Bernstein sagte dort unter Anderem, der verflossene Parteitag habe wieder gezeigt, daß die Partei, trotz kräftiger Ausein⸗ andersetzungen der Genossen, einig und gefestet dastehe, klar in ihren Forderungen und den Zielen ihres Strebens. Wenn wir auch mit⸗ unter gegenseitig scharfe Diskussionen führen, so sei es ein besonders unserer Partei eigenes gesundes Verhältnis, über die Wege zur Er reichung unseres Zieles zu diskutieren und manchmal gegensätzliche Ansichten hierüber zu äußern. Derartige Streitfragen würden auch immer bestehen, nicht zum Schaden der Partei, die die Kritik nicht nur nicht scheue, sondern sich sogar sehr wohl dabei befinde. Streitfragen über die Wege zum Endziele hätten auch stets bestanden. Während z. B. der Bahnbrecher der deutschen Sozialdemokratie dem allgemeinen Wahlrecht die höchste Bedeutung beigemessen habe, hätten Karl Marx u. A. dem Wahlrecht diese Bedeutung nicht beigemessen. Fragen, über die heute in der Partei vollkommene Uebereinstimmung herrsche, wurden früher ver schieden beurteilt. Aber unsere Streitfragen hätten sich nicht verschärft, sondern gemildert. Unsere Partei habe erfaßt, daß sie nur durch unermüdliche Arbeit auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens das gesteckte Ziel er⸗ reichen kann. Bernstein ließ sich dann eingehend über den Wert der Theorie aus, sie habe schon so häufig praktische Arbeit gefördert, man dürfe ihren Wert aber auch nicht überschätzen. Ueber allen den theoretischen Diskussionen dürfe das demokratische Prinzip nicht vergessen werden. Die Minorität habe sich der Majorität zu fügen und lieber mit dieser einen Fehler zu machen, als sich von ihr zu treuzen und die Einheit⸗

1 politische Lage. professor Hervé, der einiger gegen den Mil ta⸗

Versammlung. Jaureés

lichkeit des Handelns zu stören. So gesällt uns Bernstein! Sozialdemokratische Wahlerfolge. Die vorige Woche stattgefͤndenen Lan d⸗ tagswahlen in Oldenburg haben für unsere Partei fehr erfreuliche Resultate gebracht. Bisher hatten wir nur einen einzigen Vertreter

diesem Parlamente. Nach dem Ausfoll der Zahlmännerwahlen werden diesmal noch min⸗

destens drei Sozialdemokraten in den Landtag

einziehen. o unsere Wahlmänner unter⸗ legen sind, zich sie starken Stiigmen⸗ zuwachs. Es geht überall vorwäl

Ferner siegte bei den Stadtperor! wahlen in Mannheim am Dieustag die f istisch Liste mit 4640 Stemmen in der. Niederstbest Die freisianig⸗lib kale Mischmaschliste erhielt nur 1943 Stimmen

Gegen Krieg und Militarismus kämpft unser französischer Genosse, der Abg.

Jaurés unermüdlich und unerschrocken an. Vor einigen Tagen hielt er in Seus(an der Poune)

einen Vortrag über den Sozialismus und die Der ehemalige Universität⸗⸗ rismus gerichteter Zeitungsartikel wegen seines Amtes eutsetzt warde, führte den Vorsitz in der

8 bezeichnete es als eine der Aufgaben der sozialistischen Partei, Land⸗ leute und Arbeiter gegen den Krieg zusammen⸗ zuschließen. Ein Teil der Bourgeosie sei, in dem Glauben, der sozialen Frage auszuweichen, in Nationalismus, Chauvinismus und Milita⸗ rismus verfallen. Aber im Grun wol! Niemand Revanche. Es gebe für da⸗ republikanische Frankreich nur eine mögliche Revanche, das sei die, in Europn au der Be festigung des Friedens und der Ent wickelung der Demokratie mitzuwirken Elsaß⸗Lothringen verlange nicht wieder ein von zwei Völkern zerstampftes Schlachtfeld zu werden. Wenn dies Friedensideal Chimäre(Hirngespinnst) sei, wie ließen sich dann die vel flossenen 33 Jahre des Friedeus erklären? Bezüglich der inneren Politik sprach sich Jaures für ein weiteres Zusammengehen der radikalen Repu⸗ blikaner mit den Sozialisten aus. Die Ver⸗ sammlung nahm schließlich eine Tagesordnung an, welche Jaurès auffordert, den Feldzug gegen den Krieg zu Guunsten internationaler Schiedsgerichte, fortschreitender Abrüstung und des europäischen Friedens fortzusetzen. Wenn man bedenkt, wie die französische Bevölkerung durch die mordspatriotische Presse stets verhetzt und auf dieRevanche hingewiesen wurde, so muß man dem Vorgehen Jaureés um so größere Anerkennung zollen.

Die Burengenerale

Botha, Dewet und Delarey, die sich noch in Europa aufhalten, erließen einen Aufruf an alle Nationen, worin sie auf das durch den Krieg verursachte Elend in den beiden Republiken hinweisen und um Beiträge für die Hilfsbedürf⸗ tigen bitten. Die Not der Witwen und Waisen sei unbeschreiblich, die von England in Aussicht gestellte Summe reiche nicht entfernt, um die Kriegsverluste zu decken. In England hat der Aufruf, wie berichtet wird, Mißstimmung her vorgerufen, wohl hauptsächlich deshalb, weil die Burengenerale ohne Umschweife auf die von den englischen Truppen ausgeführte Verwüstung des ganzen Landes hingewiesen haben.

Emile Zola,

der berühmte französische Schriftsteller und Dichter ist am Sonntag Nacht in Paris eines plötzlichen Todes gestorben. Er wurde Montag früh in seinem Schlafzimmer tot auf gefunden, seine in demselben Zimmer schlafend Gattin gab nur noch schwache Lebenszeichen von sich. Aerztliche Bemühungen, Zola wiede: ins Leben zurückzurufen, blieben erfolglos, doch gelang es, seine Frau wieder soweit herzustellen, daß sie vernehmungsfähig war. Polizeili⸗ wurde festgestellt, daß Vergiftung durch Kohlen

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