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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 40.
Es fehlt auch an der Einheitlichkeit der Versicherungsgesetzgebung, die vorhanden sein müßte, weil eine Versicherung an die andere anschließt. Die Alters- und Invaliden-Versiche⸗ rung ist ganz anders aufgebaut wie die Unfall⸗ versicherung. Sie hat einen ganz anderen Kreis von Versicherten als die Unfallversicherung. Sie greift am weitesten, da sie nur einen Teil der Hausarbeiter freiläßt. Alle Arbeiter müßten der Krankenversicherung unterstellt, die Leistungen der Krankenfassen erhöht werden. Es müssen Unfallverhütungs vorschriften, Krankheitsverhü⸗ tunge vorschriften erlassen werden. Die Kassen könnten für die Gesundheitspflege unter Mit⸗ wirkung der Aerzte gut organtsasorisch thätig sein. Selbstverwaltung ist eine Lebens⸗ hedingung für die Arbeiterversicherun. Bismarck
nd Kousorten, denen es auch gewiß nicht an ieser Absicht gefehlt hat, haben die Selbst⸗ rwaltung der Krankenkassen in erheblichem Amfange konzedieren müssen. Viele B estim⸗ mungen schränken die Selbstver waltung der Arbeiter ein. Vor Allem müßte die besonders rückständige Gemein dekrankenversicherung, bei der die Arbeiter an der Verwaltung nicht be⸗ teiligt sind, beseitigt werden. 5
Die Arbeitslosenversiche nung wäre finanziell möglich. Wenn Unternehmer und Arbeiter herangezogen würden, wäre der Beitrag nur 15 Prozent höher als bei der Invaliden⸗ versicherung. Wünschenswert ist sie vor Allem im Interesse der Arbeiter, die durch nichts mehr körperlich und geistig und auch als Klasse ge⸗ schädigt werden, als durch die Arbeitslosigkeit. Die chronische Lohndrückerei in Zeiten der Krise bringt stets eine Herabsetzung der Löhne mit sich. Den Gewerkschaften könnte also mancher Kampf zur Zurückeroberung der früheren Löhne erspart werden, wenn diese chronische Lohn— drückerei beseitigt würde. Auch für das ganze zand wäre die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ein Segen.
Macaulay sagte einmal sehr richtig, die Länder mit langer Arbeitszeit braucht England nicht zu fürchten, es könnte höchstens überwunden werden von einem Volk, das in Folge kurzer Arbeitszeit einen gesunden, kräftigen Arbeiter⸗ stamm hat, der nicht durch das Elend der Arbeitslosigkeit aufgerieben ist. Wesentlich ist auch, daß die Versicherung Ursache zu wirt⸗ schaftlichen Reformen sein kann. Eine Regelung der Arbeitszeit werden wir z. B. erst dann bekommen, wenn es sich darum handeln wird, die Kosten der Arbeitslosenversicherung auch für die Unternehmer zu verringern!
Einen weiteren Punkt bildet die Witwen⸗ und Waisenversorgung. Das Zentrum propagiert sie, sie ist aber keine Zentrums⸗ erfin hung. Wir müssen die Waisen versorgung in den Vordergrund stellen. Sind Kinder ihres Ernährers beraubt, so müssen sie unterstützt werden, schon um der Kinderarbeit Einhalt zu thun.
Politische Rundschau.
Gießen, den 2. Oktober. Die Zolltarifkommission
arbeitet bei der zweiten Lesung des Lebensmittel- Wuchergesetzes mit unheimlicher Geschwindigkeit. Sie wird voraussichtlich noch in dieser Woche fertig werden. Zum 14. Oktober tritt der eichstag wieder zusammen und wird dann hl bald den Zolltarif vornehmen. Dessen hicksal ist noch zweifelhaft; unsere Genossen erden das ihrige thun, um das Ungeheuer zu beseitigen.
Zur Fleischnot.
Wirkung der Grenzsperre. Wie die Grenzsperre die Steigerung der Flesschpreise in Sachsen gefördert hat, zeigt ein Inserat, das sich in mehreren Zeitungen der sächsischen Lausitz findet. In diesem Inserat bietet der Metzger Fischer in Rum burg der geehrten Einwohner schaft im benachbarten Sachse: Pfund Rindfleisch für 55 Pf., Schöpfenfleisch für 50 Pf., Schweinefleisch für 60 Pf. au. dieser Ankündigung ersieht man, daß in dem dicht
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an der sächsischen Grenze gelegenen böh⸗ mischen Orte Rumburg die Fleischpreise um 20 bis 40 Pf. niedriger sind wie in Sachsen. Diese Thatsache, die man übrigens auch ander⸗ wärts beobachten kann, zeigt die Preisverteue⸗ rung durch die Grenzsperre. 5 . *
Auch die Dresdener Gemeindebehörden haben einstimmig beschlossen, die Regierung um Wiederzulassung der Einfuhr lebender Schweine zu bitten. Das Stadtverordneten⸗ kollegium Dresdens besteht fast nur aus Kon⸗ servativen und Antisemiten. Man sieht, wo die Herrn eine Verantwortung haben, er⸗ kennen sie die Not des Volkes au; das schimpfen und spektakeln überlassen sie dem Kroppzeug 4 la Hirschel, Reuther und Konsorten, die zwar Gerste nicht vom Hafer unterscheiden können, dafür aber über mächtig große M— ündchen verfügen.
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Die Antisemiten in Potsdam versuchten
kürzlich die Fleischnot für ihre Zwecke auszuschlachten. Sie hatten dort eine Volks⸗
versammlung mit dem Thema:„Die Fleisch⸗ teuerung und wer sind die Urheber derselben?“ einberufen. Referent war der Redakteur Wil⸗ berg⸗-Berlin. An der Hand von zum Teil unrichtigen oder aus dem Zusammenhange, ge⸗ rissenen Zahlen suchte Wilberg zu beweisen, daß eine Fleischnot im deutschen Vaterlande überhaupt nicht existiere, die Fleischteuerung dagegen eine Folge der Manipulationen der Zwischenhändler, natürlich insbesondere der jüdischen, sei. Der von sreisinniger Seite er⸗ schienene Dr. Bernstein, sowie unser Kandidat dieses streises, Dr. Karl Liebknecht, ließen dem Herrn eine glänzende Abfuhr zu Teil werden. Der stürmische Beifall, den die von bürgerlicher Seite stark besuchte Versammlung den zwingenden Ausführungen unseres Genossen Liebknecht zu Teil werden ließ, bewies, wie weit die Erregung über die Fleischnot im bürgerlichen Leben Platz gegriffen hat. Mit nahezu Einstimmigkeit wurden zwei von unserer Seite eingebrachte Resolutionen an Reichstag und Magistrat angenommen, die die schleunige Beseitigung der Einfuhrverbote fordern.
Arbeitslosigkeit bei Lebensmittel⸗ teuer ung.
Aus Sachsen wurde vorige Woche der „Frkftr. Ztg.“ geschrieben:„Die sozialen Verhältnisse sind gegenwärtig bei uns geradezu trostlos. Die Arbeitslosigkeit hat nicht nur in den größeren Städten, sondern auch in mittleren und kleineren Orten einen Umfang erreicht, der angesichts des Winters Bedenken erregen muß. Wichtige Nahrungs⸗ mittel sind im Preise gestiegen; unter ihnen das Fleisch ganz erheblich. Obst ist, wenigstens in den größeren Städten, so teuer, daß bei den heutigen Zeiten eine kinderreiche Arbeiterfamilie seinen Genuß nur ausnahmsbweise sich leisten kann. Es heißt zwar, daß die Wohnungen billiger würden, aber bisher merkt man das nur bei den sehr teueren herrschaftlichen Woh⸗ nungen. Wenn der kleine Mann in einer gesundheitlich einwandfreien Wohnung hausen will, so muß er heute in den Groß- und Mittel⸗ städten im Allgemeinen noch dieselbe hohe Miete wie vor zwei Jahren zahlen, da der Mangel an wohlfeilen und gesunden Wohnungen fast überall noch erheblich ist. Diese Vechältnisse werden bis weit in den Mittelstand hinauf schwer empfunden; die ärmere Bevölkerung sieht dem kommenden Winterhalbjahr geradezu mit Besorgnis entgegen und die Gemeinden werden gut thun, bei Zeiten für Notstandsarbeiten zu sorgen.“
Diese Schilderung trifft nicht nur auf Sachsen zu, in den anderen Teilen des Reiches liegen die Dinge genau so. Würde der Zolltarif Gesetz, so müssen sich natürlich sowohl die Erwerbs- als auch die Ernährungs⸗Verhältnisse bedeutend verschtechtern. Die Wucherpolitik zieht den Re in des Volkes nach sich.
Schamlose Fälscherkunststücke
versucht die agrarische und Zentrumspresse an
der Rede Bebels auf dem Münchener Partei⸗ tage. In seinem Referate über die Reichstags⸗ wahl hätte Bebel nach den Behauptungen jener Blätter gesagt:
„Wir haben es auch erlebt, daß es keinen egoisti⸗ scheren, keinen rücksichtslsseren, keinen brutaleren, aber auch keinen bornirteren Menschenschlag giebt, als die bäuerliche Klasse, gleichviel welcher Gegend.“
Das ist eine absichtliche Fälschung, die sich durch den stenographischen Bericht leicht als solche nachweisen läßt. Bebel sagte vielmehr, als er von den Uuverschämtheiten der„christ— lichen“ Bauernvereine sprach:
„Es bewahrheitet sich hier wieder einmal, daß es keine egoistischere, rücksichtslosere, brutalere aber auch keine borniertere Klasse giebt, als unsere Agrarier.“
Das ist etwis ganz Anderes. Bauer und Agrarier ist nicht dasselbe, wie es jene Blätter hinstellen möchten, jeder halbwegs Denkende weiß, daß mit dem Worte Ag rarier Leute bezeichnet werden, die auf Kosten der Volks⸗ massen, auch der Kleinbauern, die Klinke der Gesetzgebung benüben, um ihre untergehende wirtschaftliche Kassenex stenz in Parasitenmanier künstlich zu verlängern. Und in Ermangelung besserer Waffen greifen diese zu dem Mittel der Verdächtigung und Fälschung.
„Mui“ des Zeutrumshelden.
Der Zentrumsab geordnete Dr. Schädler hatte bekanntlich auf dem Mannheimer Katho—⸗ likentage gegen die Sozialdemokratie direkt und indirekt schwere Vorwürfe erhoben. Daraufhin veranstalteten unsere Bamberger Parteigenossen eine Versammlung mit der Tagesordnung: „Zentrum und Sozialdemokratie“ und luden den Herrn Dr. Schädler, der in Bamberg seinen Wohnsitz hat, dazu ein, damit er die Vorwürfe vor der Allgemeinheit begründe. Referent war Genosse Bebel. Dr. Schädler schrieb im letzten Moment dem Einbefufer, daß er der Einladung nicht Folge leisten werde, da er „keine Veranlassung dazu habe.“ Er hält es also für mutiger, aus sicherem Hinterhalt Vor⸗ würfe zu erheben, die er vor der Oeffentlichkeit nicht begründen kann.
Bebel beleuchtete die heuchlerische Arbeiter⸗ freundlichkeit des Zentrums in 2½ stündigem Vortrage in der trefflichsten Weise und ging
besonders mit Dr. Schädler scharf ins Gericht. a
Schädler habe auf dem Katholikentage mit Bezug auf den Festzug gesagt:„Ein solch gewaltiger Arbeiter⸗ Festzug sei noch nicht dagewesen, er bedauere nur, daß Vollmar und Bebel nicht anwesend seien, sie müßten einsehen, daß nicht alle Arbeiter zur roten Fahne halten, sondern daß noch viele Hunderttausende der Fahne des Kreuzes folgen“.— Daß noch nicht alle Arbeiter der roten Fahne folgen, wissen auch wir ganz genau, wir täuschen uns nicht über unsere Machtverhältnisse, und wenn unsere Partei über 2 Millionen Stimmen auf sich vereinigt hat, so ist das ja eine ganz respektable Zahl, aber erst der vierte Teil von den 10 Millionen deutschen Wählern. So weit sind wir allerdings noch nicht, daß uns alle Arbeiter folgen, aber so weit werden wir noch kommen. Es war also eine etwas blöde Bemerkung, was da Herr Schädler von der roten Fahne gesagt hat. Uebrigens werden den Sozialdemokraten Arbeiterfestzüge verboten, dem Zentrum sind sie gestattet, weil es verstanden hat, sich bei der Regierung lieb Kind zu machen. Wir können die Massen nur aufmarschieren lassen, wenn uns einmal ein geliebter Führer durch den Tod entrissen wird, und da müssen denn auch die Zentrums⸗Festzüge verschwinden. Das konnten wir erst vor zwei Jahren bei der Bestattung unseres alten Vorkämpfers Liebknecht sehen, der durch ein imponierendes Massenaufgebot von aufgeklärten Ar⸗ beitern und Arbeiterinnen geehrt wurde wie noch kein Papst, kein Fürst, kein Kaiser.
Herr Schädler hat ferner gemeint, nur die Kirche könne den Arbeitern helfen, und im Anschlusse daran fiel die berühmte Aeußerung von den„Kanonen und Steuerzetteln“, die der Staat für den Arbeiter habe. Er hat hier Ausführungen gemacht, von denen er viel⸗ leicht jetzt sagt, er wünsche, sie nicht gemacht zu haben. Gewiß, der moderne Staat hat sich lange gesträubt, für die Arbeiter etwas zu thun, aber dabei hatte er die Unterstützung des Zentrums und der liberalen Parteien. Den Staat zuerst in dieser Beziehung angerufen zu haben, ist das Werk Ferdinand Lassalle's, und es hat Jahr⸗ zehnte langer Arbeit bedurft, bis endlich der Staat ein⸗ gesehen hat, daß er auch ein wenig für die Arbeiter einzutreten hat. Und daß dies geschehen, ist al lein unserer Thätigkeit zu verdanken. Das hat kein Anderer als Bismarck zugestanden.
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