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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 40.

gas vorliegt, das infolge des schadhaften Kamins sich im Zimmer verbkeitet hatte. Als Frau Zola vernehmungsfähig war, konnte sie der Behörde angeben, daß sie sich im Laufe der Nacht unwohl gefühlt und ihren Mann ersucgt habe, die Fenster zu öffnen. Dieser habe sich erhoben, sei aber gleich zu Boden ge⸗ stürzt, während sie die Besinnung verloren habe. 5 Die Nachricht von dem Tode Zolas rief in Paris eine ungeheuere Aufregung hervor. Die anständigen Blätter bekundeten ihre Teilnahme durch ehrende Artikel, während die nationalistische und klerikale Presse den großen Toten beschimpfte, wie sie es zu feinen Lebzeiten stets gethan hatte.

Der plötzliche Tod Zolas wird in den Kreisen des werkthätigen Volkes sicher lebhafte Teil⸗ nahme hervorrufen. War es doch die deutsche sozialdemokratische Presse, die ihre Leser schon zu Zeiten mit den Werken des Heimgegangenen bekannt machte, als der Verfasser der sozialen Romane von dem Bürgertum mit Kot beworfen wurde. Sein viel gelesener RomanGermina. steht in der Schilderung des Arbeiterlebens und ⸗Elends unerreicht da. Die viteratur der ganzen Welt hat in dem so plötzlich Dahingeschiedenen einen der größten Dichter aller Zeiten verloren, die Menschheit einen der tapfersten Vorkämpfer für das Ideal der Gerechtigkeit, Freiheit und Brüderlichkeit.

Zola wurde am 2. April 1840 zu Paris geboren, wo sein Vater, ein venetianischer In⸗ genieur, damals wohnte. Er hatte, ehe er sich der literarischen Laufbahn zuwandte, eine Stel lung in einer Buchhandlung iuue und mußte in hartem Ringen und unter schweren Entbeh⸗ rungen sich seinen literarischen Weg bahnen. Politisch ist Zola hervorgetreten in der Drey⸗ fusaffaire und in Aller Erinnerung ist noch der Prozeß, der im Jahre 1898 gegen Zola aus Anlaß der Dreyfusaffaire anhängig gemacht wurde, als der Schriftsteller in einem offenen Brief die höchsten Offiziere der Parteilichkeit beschuldigte und den Richtern von Dreyfus vorwarf, sie hätten den eigentlich Schuldigen, den Major Esterhazy, auf Befehl ihres Vor⸗ gesetzten freigesprochen. Zola wurde damals zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Franks Geldstrafe verurteilt, entzog sich jedoch der Strafvollstreckung durch die Flucht ins Ausland. Der Zolaprozeß gab dann den Anstoß zur Revision des Dreyfus prozesses.

Die Beerdigung Zola's wird diesen Sonntag (5. Okt.) stattfinden und es werden sich daran die sozialistischen Arbeiter in großen Massen beteiligen.

Von Uah und Lern.

Hessisches.

Zur Landtagswahl.

Aus dem liberal- ultramontanen Kuddel muddel in Mainz scheint nach den vorliegenden Nachrichten nichts zu werden. Wie berichtet wird, beschloß dort der Ausschuß der National⸗ liberalen an die demokratische, deutsch⸗freistnnige und sozialdemokratische Partei die Anfrage zu richten, ob sie bereit seien, das zu den Stadt⸗ verorduetenwahlen im vorigen Herbst geschlossene Kartell auch für die demnächst stattfindende Landtagswahl aufrecht zu erhalten. In Offenbach wird sich aber die Zentrumspartei mit den so viel von ihr geschmähten Liberalen undFreimaurern verbünden, um unsern Ge nossen Ulrich zu verdrängen. Uunsere Offenbacher Genossen werden es aber dem Mischmach nicht so leicht machen.

In Oberhessen spürt man noch nicht viel von der Wahlbewegung. Der Autisemiterich Hirschel will absolut Laudtagsabgeordneter für den Grünberger Kreis werden, den er zu erobern sich obgnält. Soviel an uns liegt, werden wir

dafür sorgen, daß Hirschel nicht die Last eines Landtagsmandats aufgebürdet wird.

Unser Flugblatt, das den Bericht der Landtagsfraktion enthält, kommt in diesen Tagen zur Verbreitung. Wir bitten unsere Genossen auf dem Lande, hierbei nach besten

mitzuhelfen, damit das Flugblatt überall, auch dort, wo dieses Jahr keine Neuwahlen statt⸗ finden, gehörig verbreitet wird. i

In allen Orten, wo Wahlen stattzufinden haben, wollen sich unsere Genossen bemühen, geeignete Wahlmänner zu finden und unsern Komitee(G. Beckmann, Gießen, Grün⸗ bergerstr. 44) darüber Mitteilung machen.

Gießener Angelegenheiten.

Ein schwerer Unfall ereignete sich am Mittwoch früh gegen 8 UÜhe in der Aktien⸗ beauerei. Dort war unser Genosse, Maurer Dörr aus Großen-Buseck mit einer Reparatur⸗ arbeit im Aufzugsschachte beschästigt, wobei er mit dem Arme in das Gestänge des in Be⸗ wegung gesetzten Aufzuges geriet. Der Ober⸗ arm wurde ihm dabei dermaßen zersplittert, daß es fraglich erscheint, ob er wieder richtig geheilt werden kann. Wer den Aufzug in Gang gesetzt hat, ist nicht aufgeklärt. Unerklärlich ist auch, warum bei Vornahme solcher Arbeiten der Zug nicht abgestellt wird. Der Fall wäre noch schlimmer abgelaufen, wenn nicht glück⸗ licherweise zwei Schreiner in der Nähe waren, die den Verunglückten, der sich mit dem unver⸗ letzten Arme festgeklammert hatte, vor dem tötlichen Sturze in die Tiefe bewährt hätten. Der Verletzte wurde in die Klinik gebracht. Wir wünschen ihm, daß er dort wieder völlig hergestellt werden möge.

Schwurgericht für Oberhessen. Am Montag wurde die diesjährige dritte Schwurgerichtsperiode durch den Vorsitzenden Landgerichtsrat Holzapfel eröffnet. Der erste Fall betrifft die Witwe Mölig aus Lauterbach, die angeklagt ist, ihren Mann im Juni d. J. vorsätzlich körperlich verletzt und dadurch dessen Tod herbeigeführt zu haben. Die Familien⸗ verhältnisse der Möligs waren sehr traurige. Die Frau war oft den Mißhandlungen ihres Mannes, der öfter betrunken war, ausgesetzt. Als er am 13. Juni wieder betrunken nach Hause kam, hat er die Frau nach ihrer Angabe bedroht, sie habe ein Stück Holz nach ihm ge⸗ worfen, das den Mann au den Hinterkopf traf. Infolge dieser Verletzung starb der Mann noch in der Nacht. Der Staasanwalt giebt zu, daß die Frau nicht beabsichtigt habe, ihren Mann zu töten und ersucht die Geschworenen bei Be⸗ jahung der Schuldfrage mildernde Umstände zuzubilligen. Der Wahrspruch lautet in diesem Sinne, worauf die Angeklagte zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt wird. Im zweiten Falle hat sich der Maurermeister Scharmann aus Ober⸗Ohmen wegen Meineid zu verantworten, den er in Gießen vor der Strafkammer geleistet haben soll. Die Geschworenen verneinten hier die Hauptschuldfragen, worauf die Freisprechung des Angeklagten erfolgte. Mittwoch wird unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen den Dienstknecht Altvater von Ilbenstadt wegen Sittlichkeitsverbrechen verhandelt. Der Ange⸗ klagte soll sich an einer geisteskranken Person vergangen haben. Die Schuldfrage wird bejaht, doch mildernde Umstände als vorliegend ange nommen, worauf Verurteilung zu Jahr Gefängnis erfolgt. Donnerstag saß die Dienstmagd Lind aus Bürstadt auf der An⸗ klagebank. Sie war des Meineids angeklagt. Das Verdikt lautete auf Schuldig, doch wurden auch hier mildernde Umstände zugebilligt. Es wurde auf 9 Monate Gefängnis erkannt.

Ueberunlauteren Wettbewerb beklagt sich in einer Zuschrift an uns ein Musiker. Er schreibt, daß man auf der letzten Kirmeß in Krofdorf, Kinzenbach ꝛc. eine ganze Anzahl Beamte als Musiker in Thätigkeit sah. Es hätten da je! Bahnassistent, Schaffner, Lademeister, Briefträger, Bremser, sowie ein Schlachthausbeamter zum Tanze auf⸗ gespielt. In der Zuschrift wird gefragt, ob denn die vorgesetzte Behörde gegen solche Be⸗ thätigung nichts einzuwenden hätte. Wir können es wohl begreifen, wenn die hier ge⸗ nannten, sicher nicht übermäßig bezahlten Be⸗ amten ihr Einkommen auf diese Art etwas zu rbessern suchen; es ist aber anderseits klar, daß den Berufsmusikern diese Konkurrenz an⸗

Kräften! schwerde ist

gestellter Beamter Schaden zufügt. Die Be⸗ also nicht unberechtigt. Wenn

dann weiter noch angezweifelt wied, daß die Eisenbahubeamten ihren Dienst regelrecht er füllen können, wenn sie vorher 48 Stunden und mehr ohne Schlaf waren, so ist das auch nicht unbegründet. Allerdings kann durch ein Ver sehen eines übermüdeten Beamten Unglück pas sieren und so mancher andere Mensch in Mit leidenschaft gezogen werden.

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Aus dem Rreise gießen.

Eine Parteiversammlung in Wieseck findet am Samstag im Lokale B. Wacker statt. Gen. Vetters wird über den Parteitag Bericht erstatten. Selbstverständlich hat jedermann Zutritt und es werden die Genossen gebeten, für zahlreichen Besuch zu wirken. Bei dem Bericht kommt manche inte⸗ ressante Frage zur Exörterung.

Eine veraltete Polizei⸗Verord⸗ nung, wonach es den Ortseinwohuern unter⸗ sagt ist, sich Sonntags Vormittags vor einer bestimmten Stunde im Wirtshaus aufzuhalten, wird hier und da auf dem Lande noch immer in Anwendung gebracht. So hatten sich am Sonntag in Steinberg mehre Leute des Vormittags zur Erledigung geschäftlicher Ange legenheiten zusammengetroffen, als der Hüter des Gesetzes im Lokal erschien, die Ramen der Anwesenden notierte und ihnen Bestrafung in Aussicht stellte. Der Beamte scheint sich zwar in Bezug auf die behördlichen Erlasse nicht auf dem Laufenden zu befinden, den schon vor mehreren Monaten erschien eine ministerielle Verordnung, daß Uebertretungen dieser Polizei⸗ Verordnung nicht mehr angezeigt werden sollten, aber dieselbe sollte ganz aufgehoben werden, sie paßt nicht in unsere heutigen Ver⸗ hältnisse und stellt thatsächlich, wie in der uns gesandten Zuschrift mit Recht bemerkt wird, ein Ausnahmegesetz für die Landbewohner dar. Wegen der Anzeige können die Betroffenen aber denden sein, sie dürften deswegen kaum bestraft werden.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Ein Reichsbankgebäude ist in Wetzlar eröffnet worden. Bei der Uebergabe desselben scheint's ziemlich feucht hergegangen zu sein, denn am Abend schwankten verschiedene Staatsstützen in sehr bedenklicher Weise durch die Straßen. Hoffeutlich ist vas kein böses Omen für das Gebäude!

Die Stöcker' schen hielten diese Woche in Siegen ihren Parteitag ab. Zur Einleitung fand dort eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in der Stöcker den Siegener Arbeitern sehr um den Bart strich und ihnen nachsagte, daß sie der Sozialdemokratie nicht verfallen seien. Das ist nun für die Arbeiter gerade nicht schmeichelhaft; das zeigt höchstens ihren Unverstand. Gerade in dem Siegener Industrie-Bezirke bestehen sehr traurige Ver⸗ hältnisse. Viele Arbeiter sind dort zur Arbeits⸗ losigkeit verurteilt. Interessant war die Mitteilung Stöckers über den Kuhhandel mit den Antisemiten wegen des Wetzlarer Wahlkreises. Dabei sind die Stöckerianer her eingefallen. Erst hatte Hirschel ihnen den Wahlkreis zugesagt, jetzt wollen ihn die Anti⸗ semiten aber wieder haben. Dr. Burckhardt hat deshalb das Feld geräumt.

Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.

Das 2. Stiftungsfest des Gesang⸗ vereinsEintracht(nicht das 4., wie in dem Inserat in letzter Nr. irrtümlich gesagt war), welches am vorigen Sonntagabend in den Lokalitäten desSchloßgartens gefeiert wurde, nahm einen recht befriedigenden Verlauf. Die unter der Leitung des Dirigenten, Herrn Pauli jun., zum Vortrag gebrachten Chöre zeugten von fleißigem Studium der Säuger und fanden lebhaften Beifall; ebenso die übrigen Auffüh⸗ rungen. Allgemeine Heiterkeit erregte die

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