Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 1.
7 Unterhaltungs-Ceil. 0
Neujahr.
Mit des Morgens lichtem Glanze Brichst Du, neues Jahr, herein, Kommst Du auch mit Schwert und Tanze Sollst uns doch willkommen sein.
Willst Du uns mit Hoffen kirren, Werden sehen ob sich's lohnt;. Drohst Du uns mit Sporenklirren— Sind das Rasseln längst gewohnt.
Bringst Du Freiheit, bringst Du Frieden, Du bei uns im Anseh'n stehst,
Wenn es anders ist beschieden, Warten wir, bis daß Du gehst.
Bringst Du Not und Hungerplagen, Bringst Du teid und Kerkernacht— Werden keineswegs verzagen,
Solches wird uns oft gebracht.
Bringst Du Haß und Feindestücken— Immerzu! Bewehrt wir steh'n;
Neues Jahr, in allen Stücken Kannst Du uns gerüstet seh'n.
Grüßen Dich mit Glockenläuten! Was mit Dir empor auch stieg— Einst wirst Du uns doch bedeuten: Näher einen Schritt zum Sieg!
Max Kegel.
Brigitte. Von G. Stein. Nachdruck verboten.)
Die alte Brigitte hieß sie schon, als Kempes Fritze, der doch nun schon seit fünf Jahren als Großbauer auf dem Hofe sitzt und eine Frau und ein paar pausbäckige, flachsköpfige Jungen hat, noch ein kleiner Junge war, und noch Niemand an die blonde Marie dachte, die heute allen Burschen im Dorf die Köpfe verdreht. Brigitte war alt, uralt, und es war ein Wunder, daß ste noch so bei der Hand war und der
Zemeinde nicht für Last zu fallen brauchte. Sorgte auch noch für ihr Urenkelkind, die Tochter von der braunen Ann. Mußte wohl, denn zu dem Kind war kein Vater da, war ein Stadt⸗ kind.—— Wer mochte da wissen?— Ja, ja! Das waren Geschichten. Die konnten einen alt machen! Und doch— seit das Kind da war, pre die Alte förmlich wieder jung geworden. Freilich zuerst, als sie die Ann' begraben hatten, Ichlich sie dahin, wie ein Bündel Kümmerniß, und die Leute glaubten, ihr letztes Stündlein sei nicht mehr fern. Dann aber, da gab sie sich gleichsam einen Ruck, so von innen, und
ihr der Neid lassen— da flog es manchmal wie ein Abglanz von Sonne über das ver⸗ witterte Gesicht der Alten, und sie konnte Schritte machen, wie eine Junge, wenn sie so wie heute, nach ihrem Sammelgang durch den Herbstwald dem Dorf wieder zustrebte. Die Ausbeute war heute eine besonders reiche gewesen, und wäh⸗ rend sie mit geradezu liebkosendem Blick immer und immer wieder die prächtigen Pilze umfaßte, die sie gesammelt, überschlug sie in Gedanken, wie viel sie ihr morgen wohl einbringen moch⸗ ten. So selten und so schöne große Exemplare! Da langte es vielleicht zu dem schönen roten Kleidchen für die kleine Ann', das in dem großen Geschäft am Markt, mitten in der Aus⸗ lage, aufgestellt war, daß Jedermann gleich merken konnte: Das ist etwas Besonderes! Wie das zu den goldenen Locken und den klaren Augen ihres Herzblattes passen würde! Und ein Lebkuchenherz sollte ste dazu haben. Die Freude! Die Freude!— Es überwältigte die Brigitte so, daß sie ganz müde wurde und die Beine nicht mehr weiter wollten. Da mußte sie sich ein Augenblickchen verruhen. War ja auch noch früh am Nachmittag, die Sonne stand och ziemlich hoch, und Ann war sicher noch in der Kinderschule, die sie unlängst für die
als dann die Kleine heranwuchs, das mußte
Bewahrkinder eingerichtet hatten. Und hier am Waldesrand wars so schön, so schön, daß selbst die nicht mehr gar eindrucksfähigen Sinne der Alten sich daran festsaugen Maßen Drüben das Dörflein mit der Kirche auf dem Hügel, die hochragenden Scheunen bis oben gefüllt mit dem Segen der abgeernteten Felder. Und um das Stoppelfeld zog sich in buntem Kranz der Wald. Die Sonne kleidete das vielfarbige Laubwerk in prächtige Farben und lag in tiefen Tönen auf dem immergrünen Schmuck der dunk⸗ len Tannen.
Und freundliche warme Strahlen huschten über den laubbedeckten Waldboden dahin und umspielten schmeichelnd den Moossitz der alten Brigitte und den Eichenstamm, an den sie ihren müden Kopf gelehnt hatte. Wie das wohl that und wie das wärmte! 5
Die Lider sanken immer tiefer über die Augen. Wahrhaftig, sie mußte sich zusammen⸗ nehmen, sonst schlief sie richtig ein. Tiefer sinkt der Kopf der Alten, um das von spärlichem, weißem Haar umgebene Haupt weben die Sonnen⸗ strahlen eine goldene Gloriole.
Die Sonnenstrahlen! Ach, warum nicht gar. Wo habt ihr denn eure Augen? Goldblonde Flechten sinds, und die sie trägt, ist ein frisches, junges Mädel von achtzehn Jahren, so schön, wie nur je eines zum Tanze ging, und so arm wie eine Kirchenmaus.„Ihrer“ ist Knecht. Er dient auf demselben Hofe und ist nicht älter als sie. In zwei Jahren muß er zu den Sol⸗ daten, in fünf oder sechs Jahren kann dann Hochzeit sein. Thörichte Streiche macht Brigitte nicht, ste will mit dem Myrtenkranz zum Trau⸗ altar gehen; aber warten, treu und geduldig warten wird sie..
Die Zeit verstreicht. Aus den fünf Jahren sind zehn geworden, ehe sie sich heimführen können. Von ihrem Ersparten haben sie sich die Häuslerhütte am Ende des Dorfes gekauft und das kleine Aeckerchen, das dazu gehört, und Franz ist ganz stolz, wenn er mit„unserer Kuh“ das kleine Stückchen Land umpflügt. J 5 sie daheim nichts zu thun, aber eigentlich at der Großbauer Arbeit für sie, so arbeiten ste nach wie vor bei Kempes Heiner und be⸗ finden sich wohl dabei, bis die Kinder kommen und die Sorgen. 5
Eines Tages brachten sie den Franz heim. Ein fallender Baumstamm— sie rodeten ein Stück Wald— hatte ihn so unglücklich ge⸗ troffen, daß er nach drei Tagen tot war. Ge⸗ sund und tot— in drei Tagen!„Mein Franz, mein armer Franz!“
Starr und thränenlos folgte sie der Bahre, starr und thränenlos hörte sie die erbauliche Rede des Herrn Pfarrers mit an. Wie aus weiter Ferne klangen ihr die Worte von dem wackeren Arbeiter, den der Herr abberufen, daß er eingehe zur ewigen Herrlichkeit, von der Witwe und den Waisen, denen nun Gott ein Vater sein werde. Er sprach sehr schön, der Herr Pfarrer— wenn man bedachte— nur ein armer Häusler! Dann gingen sie fort, einer nach dem andern, und Brigitte warf sich über das Grab und wimmerte:„Drei Tage! Gesund und tot! Mein Franz, mein armer Franz!“
Bis der Totengräber mit seinem Weib kam und sie halb mit Güte, halb mit Gewalt vom
Grabe wegholte. Ob ste denn nicht an die
Kinder denke? Sollten die Vater und Mutter auf einmal verlieren? Die Kinder? Ihrer fünfe, vier Buben und ein Mädel. Klein bei⸗ einander— o du— o mein Gott! mein Gott! Sie zog sie auf in Zucht und Ehren. Die Jahre gingen ins Land. Mancher Som⸗ mer kam und mancher Winter, und Brigitte war alt geworden. Die alte Brigitte! Nicht alt an Jahren. Wer sich die Mühe geuommen hätte, im Kirchenbuch nachzuschauen, der hätte höchstens achtundvierzig Jahre herausgerechnet, als sie ihren jüngsten Buben in die Christen⸗ lehre schickte.
Aber wenn jahraus, jahrein Wind und Sonne über einen dahin geht, bei harter Ar⸗ beit draußen im Feld, und das Glück einen
mentene Gesicht, in das Kummer und Arbeit ihre tiefen Runen gezogen hatten; die knochigen Hände und die sehnigen Arme erzählten von Arbeit, von viel Arbeit und sahen nicht aus, als ob ste jemanden liebkosen könnten.
„Ja, es ist etwas eigenes um die armen Leute,“ meinte die Schloßfrau zur Pfarrerin, „da ziehen sie ihre Kinder auf, von Liebe wird man nicht viel gewahr, und wenn die Kleinen kaum flügge geworden sind, dann müssen ste hinaus in die Welt und müssen selbst für sich sorgen. Haben die Eltern so lange für die Kinder geschafft, könnten ste's auch noch ein, zwei Jahre durchsetzen und sie daheim behalten, sich an ihnen freuen und ihnen ihre Jugendlust lassen. Mit vierzehn Jahren in die Fremde! Ich könnte es nicht übers Herz bringen und glaube fast, daß die armen Leute ihre Kinder nicht so lieb haben und froh sind, wenn sie ste los werden!“
Ich weiß nicht, was die Pfarrerin geant⸗ wortet hat, aber das weiß ich, daß keines die Thränen gesehen hat, die in das Bündel fielen, das Brigitte den Kindern schnürte, einem nach dem andern, und daß keiner das Schluchzen hörte, das aus ihrer Kammer zum Himmel drang, wenn sie sie hingeben mußte, eines nach dem andern.
Sie hatte sie in die Fremde geschickt, sich ihr Brot zu verdienen, und sie es weiter bringen sollten als es ihnen daheim im engen Dörflein möglich war. Auch wollten ihre Kräfte nicht mehr so recht; o, sie hatte in all den Jahren nichts gehabt, um sie oben zu halten, und ste mußte mit der Zeit sich um eine Arbeit um⸗ thun, die leichter war, als die im Feld. Da⸗ mals verlegte sie sich aufs Beeren⸗ und Pilze⸗ sammeln. Im Frühfahr brachte sie auch Kien⸗ holz und Mottenkraut zum Verkauf in die nahe Stadt, und im Winter sammelte ste„Nüßchen⸗ salat“, wie sie in dieser Gegend das Schmalz⸗ kräutchen nennen, bis die dichte Schneedecke nicht mehr gestattete, die grünen Pflänzchen darunter zu finden.
Heim mochte sie nun nicht mehr gern, es war gar so still und traurig in dem kleinen Hause geworden und— wenns die Schloßfrau auch nicht wußte— manchmal stieg es ihr heiß in den Hals hinauf und ihre Gedanken sagten: „Ach, wenn ich doch eines, nur eines da hätte.“
Und eines Tages kam eines. Nicht so fröh⸗ lich, wie sie sich gedacht hatte, aber da wars doch wenigstens. Ihr Aeltester hatte sich in einer fernen Stadt eingeheiratet. Dem geringen Mann steht die Feder nicht so zur Hand. Der schreibt nur, wenns hochnötig ist. So wußte Brigitte denn weiter nichts, als die Thatsache dieser Heirat, und daß die Schwieger fein und zart sel wie eine Prinzeß. Ein Jahr später bekam sie noch einen Brief, daß ihr ein Enkel⸗ töchterchen geboren sei. Dann hörte sie ein paar Jahre nichts mehr, bis auf einmal, an einem feuchtwarmen Abend im Mai, der Sohn in ihre Stube trat. An der Hand führte er ein schwarzgekleidetes Mädchen von etwa vier Jahren. Die großen braunen Augen der Kleinen blickten schier erschrocken, als nach dem Hin und Her der Aufklärung die Großmutter sie zärt⸗ lich an sich zog. Die Frau war gestorben und nun duldete es den Franz nicht mehr daheim. Er wollte hinaus, fort in die Welt. Ob die Mutter sich des Kindes annehmen wollte.
Ob sie wollte! Nun war das Häuschen nicht mehr leer. Das fröhliche Lachen des Kindes, das sich nun nicht mehr vor der„Ahning“ fürchtete— kein bischen mehr!— füllte das ganze Haus, fa, das ganze Dorf war freund⸗ licher und heller geworden, seit die„braune Ann“ das große Wort bei der Kinderschaar führte. Am zufriedensten aber war der Herr Lehrer. Wie das Mädel lernte, es war eine Pracht, und er mußte Veranulassung nehmen, seiner hohen Patronin, der Schloßfrau vorzu⸗ stellen, wie jammerschade es sei, wenn das begabte Kind nach Verlauf der kurzen Schul⸗ zeit zu einem Bauer in Dienst sollte. Der Brigitte werde wohl nichts anderes übrig bleiben, der Vater habe in den letzten Jahren nichts
vergessen! Die ehemals goldblonden Flechten legten sich in grauen Strähnen um das perga⸗
mehr geschickt für das Kind, wer weiß, vielleicht war er gar tot. Die Schloßfrau sah die
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