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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 18.
Die Ausführungen des Staatssekretärs Po sadowsky liefen darauf hinaus, die Kinderarbeit auf dem Lande als eine leichte und sittlich ungefährliche hinzustellen. Dagegen wies der Freisinnige Zwick auf die S rift eines Schulinspektors hin, worin gesagt wird, daß die erst kürzlich konfirmierten Hütemädchen sich rück⸗ haltslos preisgeben! Der Wildliberale Rö sicke verlangte, als die allein richtige Maßnahme das Ver⸗ bot der gewerblichen Kinderarbeit.— In der Donners⸗ tagsdebatte kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Genossen Reißhaus und den Agrariern. Die Herren von der Rechten gaben sich die größte Mühe, die ländliche Kinderarbeit zu verteidigen. Sie entwarfen geradezu poetische Bilder von dem entzückenden Leben, das die Hütekinder führen, so daß man nur bedauern konnte, daß die Herren Grafen nicht auch ihre kleinen Komtessen mit der Gänseherde auf die Gänseweide schicken.
Herr Gamp bot wieder einmal das berühmte Gut, das er so gern verschenken möchte, unserer Fraktion an. Er sollte nur wirklich Wort halten. Reißhaus schilderte an der Hand der Berichte von Landschullehrern die wirk⸗ lichen Zustände, wie sie bei Kin derarbeit auf dem Lande anzutreffen sind. Genosse Herzfeld aber rechnete mit Herrn Rettich ab, der schankweg behauptet hatte, daß Schule und landwirtschaftliche Kinderarbeit zusammen⸗ gehörten. Am ärgsten trieb es wieder Herr Stöcker. Er suchte sich durch den Eifer, mit dem er für die landwirtschaftliche Kinderarbeit eintrat, sich bet der Rechten wieder einmal lieb Kind zu machen.— Schließ⸗ lich wurde die Vorlage an eine Kommission überwiesen
Montag begann das Haus die erste Lesung der
Wucherdiäten⸗Vorlage.
An die Mitglieder der Zollkommission sollen Diäten gezahlt werden, weil diese Kommission ihre Beratungen fortsetzen soll, auch während der Reichstag nicht tagt. Es verlautet, das der Reichstag schon nächste Woche bis zum Her bst vertagt werden soll. Unterdessen soll die Zollkommission den Tarif durch⸗ beraten. Es ist also klar, daß die Dlätenvorlage als ein Mittel dienen soll, die Lebensmittelwucher unter Dach zu bringen. Nebenbei wird damit die Forderung der Reichstagsdiäten überhaupt, die vom Reichstag schon fünfzehnmal angenommen, vom Bundesrat aber stets abgelehnt worden ist, preisgegeben. Unsere Genossen lehnen deshalb diese Vorlage mit der übrigen Linken ab.— Nach kurzer Begründung durch Posadowsky er⸗ griff Genosse Singer das Wort. Mit Entschiedenheit trat er dem Entwurf gegenüber, und es war kein Wunder, daß er gleich im ersten Satz durch die richtige Charakteristerung der Vorlage sich einen Ordnungsruf holte. Seine Rede galt dem Nachweis, daß der Ent⸗ wurf nicht den Anfang eines Weges darstelle, der zu den allgemeinen Diäten führe, sondern daß er diesen Weg geradezu versperre. Mit treffenden Worten wies er darauf hin, daß es sich hier einfach um ein Ge⸗ schäft handle, um das Geschäft, die Millionen un ter Dach und Fach zu bringen, die durch den Zolltarif aus den Taschen des deutschen Volkes geschöpft werden sollen. Daß wir für Gewährung dieser parlamentarischen Akkordlöhne nicht zu haben sind, liegt auf der Hand. Mit beißendem Spott aber fragte Singer die Konser⸗ vativen, wie es komme, daß ihre Abneigung gegen Diäten mit einem Male jetzt ein Ende finde, wo es sich um den Brotwucher handelt. Sehr wirkungsvoll klang die Rede in der Versicherung aus, daß die Diäten für die Zoll⸗Kommission, so weit sie an unsere Mitglieder fallen, in die Parteikasse fließen und dort mit dazu verwendet würden, die Brotwucher⸗Vorlage zu bekämpfen.
Einige Zentrums⸗ und konservative Redner traten für die Vorlage ein, worauf Eugen Richter in einer ausgezeichneten Rede das Streben der Agrarier, sich auch auf diese Art die Taschen füllen, kennzeichnete und nachdrücklich die Ablehnung forderte.
Die Vorlage wurde schließlich der Budgetkommtission überwiesen. Dort werden unsere Genossen sicher den Versuch machen, die Vorlage so umzugestalten, daß ste die Forderung der allgemeinen Diäten enthält. Es 1 bei der zweiten Lesung auch zu lebhaften Kämpfen
ommen.
Arbeiter, Parteigenossen!
Der Kampf um den Zolltarif, bei dem es sich zugleich um einen Kampf gegen junker⸗ lichen Uebermut und Anmaßung und für poli⸗ tische Freiheit handelt, geht heftig weiter. Die nächsten Wochen müssen wichtige Ent⸗ scheidungen bringen, die sich zugleich auf das Schicksal des gegenwärtigen Reichstages erstrecken werden.
Aber auch in unserer engeren Heimat, im Hessenlande, steht die Erledigung wichtiger Tagesfragen bevor. Wir brauchen da nur an
Beratung der Wahlrechtsvorlage im
Landtag wie an die kommende Landtagswahl selbst erinnern.
Auf wirtschaftlichem Gebiet bekundet die Gewerkschaftsor ganisation eine er⸗ freuliche Regsamkeit, um die Lebensbedingungen der Lohnarbeiter einigermaßen zu verbessern.
Ueber alle diese Dinge muß sich jeder Ar⸗ beiter genau unterrichten. Am Besten und Zu⸗ verlässigsten kann er das durch seine Partei⸗ presse, seine Arbeiterzeitung, die zugleich das Kampforgan für die Interessen der Arbeiter ist. Wenn der Kampf für Bessergestaltung der Ver⸗ hältnisse der minderbemittelten Klassen wirk⸗ sam geführt werden soll, muß die sozialdemo⸗ kratische Arbeiterpressemehr Einfluß gewinnen! Dazu bedarf es Eurer nachdrücklichen Unter⸗ stützung, Parteigenossen! Werbt deshalb fleißig neue Abonnenten für die
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25 Pfennig monatlich.
.... Krieg in Südafrika.
Die Friedens aussicht en sind wieder schlechtere geworden. Zwar sollen sich in einer Versammlung der Burenführer starke Strö⸗ mungen für baldigen Friedensschluß geltend gemacht haben; Nachrichten aus London lassen jedoch erkennen, daß man dort nur geringen Hoffnungen auf Frieden Raum giebt.
Von Uah und Lern.
Hessisches.
Der hessische Landtag war am 25. April zu einer kurzen Sitzung versammelt. Auf der Tagesordnung stand zunächst die Re⸗ gierungsvorlage betreffend die Vereinigung der Hessischen mit der Anhalt⸗Thüringischen Staats⸗ lotterie. Abg. Ulrich hält diese Act der Aufbringung von Staatsmitteln für prinzipiell verwerflich. Gegen die Stimmen der Sozial demokraten und zweier Nationalliberalen erfolgt Annahme der Vorlage.— Der Antrag Ulrichs, betreffend das Hilfspersonal in staatlichen Be⸗ trieben wird fuͤr erledigt erklärt, ebenso die verschiedenen Anträge wegen der Sonntagsfahr⸗ karten. Weiter wird ein Antrag Ulrichs, in dem der Bau eines Gymnasiums in Offenbach gefordert wird, abgelehnt und hierauf die Kammer auf unbestimmte Zeit vertagt.
Zur Beteiligung an der Landtagswahl ist nur der hessische Staatbürger berech⸗ tigt, der das 25. Lebensjahr zurückge⸗ legt und zur Staats oder Gemeindesteuer am Wohnort seit Beginn des Rechnungsjahres, in dem die Wahl stattfindet, herangezogen ist.
Wer also sein Wahlrecht bei der kommenden Landtagswahl ausüben will, und noch nicht hessischer Staatsbürger ist, sorge dafür, daß er dies wird, damit er neben seinen Pflichte auch Rechte hat, um die Leitung des Staates in sei⸗ nem Sinne beeinflussen zu können.
Gießener Angelegenheiten.
— Zur Maifeier! Als der höchste Feier⸗ tag des arbeitenden und ausgebeuteten Volkes hat sich der 1. Mat längst eingebürgert. An diesem Tage wird es sich seiner erhabenen Kulturaufgabe besonders klar bewußt. Der beste Beweis für die große Bedeutung dieses Tages ist der Unwille unserer Gegner:
Arbeiterschutz, Achtstundentag! Dieser wich⸗ tigen Forderung sollten sich am 1. Mai auch die Frauen anschließen. In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Frau weit mehr als der Mann ausgebeutet, sie befindet sich in einer noch größeren sozialen Abhängigkeit und politischen Rechtlosigkeit. Die bestehenden gesetzlichen Be⸗ stimmungen sind in jeder Weise unzureichend, um die Proletarierin vor der schrankenlosen Ausbeutung des Unternehmertums und vor den sich ihr oft genug entgegenstellenden sittlichen Gefahren zu schützen. In ihrem eigenen Inte⸗
resse werden sich die Frauen und Mädchen am
1. Mai dem Proteste gegen die herrschenden Zustände, gegen Ausbeutung und Unterdrückung anschließen müssen. Die Männer und Frauen der Arbeit werden gemeinsam demonstrieren für Volksrechte und Volkswohlfahrt.
Am würdigsten und wirkungsvollsten geben die Arbeiter durch Arbeitsruhe dem Maigedan⸗ ken Ausdruck. Dagegen zetert das Unterneh⸗ mertum. Dem Proletarier verwehrt man es, einen Feiertag zu begehen, den er sich selbst ge⸗ schaffen; doch zwingt man ihm Feste auf, die feinen Gefühlen widerstreben.— Hier ist auch diesmal von einer Arbeitsruhe Abstand genom⸗ men worden; die Frage wurde allerdings er⸗ wogen, wegen der Nähe des Pfingstfestes und Himmelfahrtstages— letzteren müssen eben die Arbeiter auch feiern— glaubte man nicht für Arbeitsruhe agitiren zu sollen. Wir hegen aber die Hoffnung, daß in den nächsten Jahren die hiesigen Genossen auch nicht mehr zurück⸗ bleiben werden. Warum sollte hier Arbeitsruhe weniger möglich sein als anderwärts?— Wir fordern alle unsere Genossen und Arbeiter über⸗ haupt auf, desto zahlreicher sich an den Veranstal⸗ tungen am Sonntag zu beteiligen. Sorgt für einen imposanten Festzug! Richtet Euch ein, daß Ihr pünktlich um 1 Uhr am Platze seid! Auf zur Feier des ersten Mai!
— Die Maifest⸗Zeitung wird alljähr⸗ lich von den klassenbewußten Arbeitern mit Spannung erwartet. Sie trägt durch ihren Inhalt und künstlerische Ausstattung zur Ver⸗ schönerung des Festes bei und ist geeignet, die weihevolle Stimmung des Arbeiter ⸗Festtages zu erhöhen. Auch in diesem Jahre enthält das Blatt wieder mehrere belehrende Artikel und gute novellistische und poetische Beiträge, sie ist ferner, wie in den früheren Jahren, ge⸗ schmackvoll ausgestattet worden. Die Maifest⸗ Zeitung entspricht in jeder Beziehung so recht der Bedeutung des Weltfeiertages und da sie vorwiegend einen agitarorischen Charakter hat, so dürfte ihr bei der gesamten Arbeiterschaft ein gute Aufnahme sicher sein.
— Ausflug. Für den Himmelsfahrtstag (8. Mai) Vormittag hat der Soz.⸗dem. Wahl⸗ verein einen Ausflug über die Hohe Warte nach Annerod arrangiert. Die Teilnehmer treffen sich 7 Uhr morgens an der Wirtschaft Hengst(Licherstraße 21). Zahlreiche Beteili⸗ gung der Mitglieder und Genossen ist erwünscht.
— Der„Gießener Anzeiger“ und die Arbeitergroschen. In seiner Montags⸗ nummer schrieb das Gießener Amtsblatt über die belgische Bewegung:
Die deutsche Sozialdemokratie überwies den belgi⸗ schen„Leidensgenossen“ eine Spende von 10 000 Mk.. Man muß sich seine eignen Gedanken darüber machen, wenn man liest, daß der sozialdemokratische Reichstags⸗ abgeordnete Dietz in einer Versammlung zu Hamburg den belgischen Generalstreik mit dürren Worten eine „Dummheit“ nannte. Zur Unterstützung von Dum m⸗ heiten sind die Groschen der deusch en, Arbeiter doch wahrlich nicht da. Oder glauben die Parteihäuptlinge in Berlin, sich solche„Extratouren“ leisten zu kön nen 2
Wir bezweifeln zunächst, das sich Dietz so geäußert hat. Wäre das aber der Fall, was in aller Welt gehen denn den„Gieß. Anzg.“ die in die sozialdemokratische Parteikasse ge⸗ zahlten Arbettergroschen an? Da hätte er nur mitzureden, wenn er mitbez ahlt hätte. So muß er es schon dem sozialdemokratischen Par⸗ teivorstand, der von den Gebern des Geldes die alleinige Ermächtigung dazu hat, überlassen, die Parteimittel in geeigneter Weise zu ver⸗ wenden. Lächerliche Anmaßung ist es, wenn der Anzeiger sich hier berufen fühlt, von den Arbeitergroschen zu reden. Dazu hätte er sonst weit mehr Gelegenheit. Wenn für höchst nutz⸗ lose Zwecke, Panzerkähne, Denkmäler, alte Ruinen etc. Arbeitergroschen in unglaublichen Summen verpulvert werden, hört man keinen Laut und gegen den Lebens mittelwucher, durch welchen jeder Arbeiter jährlich um ca. 2000 Groschen geplündert wird, hat das Blatt gar nichts einzuwenden.
— Die Verkaufsstelle des Konsumver⸗ eins ist diesen Sonntag(4. Mai) nur von 11 bis 12 Uhr geöffnet. ö
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