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Mitteldeutsche Segs-Zeitung.
Nr. 18.
Weltfeiertag der Arbeit!
Der erste Mai, der„Geburtstag der Völkerversöhnung“ wie der Dichter sagt, kam wieder. Millionen Angehörige des arbeitenden Volkes der ganzen Erde reichen sich im Geiste die Hände, um ihrer gemeinsamen Ueberzeugung Ausdruck zu geben und sich erneut zu geloben, für die Erreichung des hohen Zieles der Ar⸗ beiterklasse unablässig zu kämpfen. Welches ist das Ziel der internationalen Arbeiterbewegung? Wirtschaftliche und politische Freiheit für Alle, Befreiung vom Joche des Kapitals! Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle Völker!
Seitdem sich die Vertreter der Arbeiter aller Länder am Jubiläumstage der großen französischen Revolution in Paris zusammen⸗ fanden und den internationalen Feiertag beschlos⸗ sen, sind die Gegner nicht müde geworden, unsere Kundgebung zu verhöhnen und zu verspotten. Nicht blos das; fast überall suchten sie die Arbeiter auf Grund ihrer wirtschaftlichen Ueber⸗ macht an der Maifeier zu verhindern. Das Unternehmertum begnügt sich nicht mit der Ausbeutung der Arbeitskraft der Besitzlosen, es maßt sich auch die Herrschaft über die Per⸗ son des Arbeiters an, schreibt ihm vor, was er zu thun und zu lassen hat, auch außerhalb seines Joches.
Trotzdem ist die Beteiligung an dem Welt⸗ feste der Arbeit mit jedem Jahre größer ge⸗ worden und wird sich auch diesmal nicht ver⸗ mindern, trotz der Geschäftskrisis und obgleich das Unternehmertum verschiedener Städte in Verbindung mit den traurigen Zünftlern Aus⸗ sperrung
den Maifeieruden angedroht hat. Die Arbeiterschaft läßt sich ihren ene nicht mehr nehmen und sie thut recht aran!
— In schwerer Sklavenarbeit schmachten Mil⸗ lionen und Abermillionen dahin, nur geboren, um zu leiden und zu sterben.
Von früh morgens bis abends ununter⸗ brochen bei der Arbeit und dabei einen Verdienst, der nicht zum Notdürftigsten hinreicht; stets von den marternden Sorgen verfolgt, die Ar⸗ beit verlieren zu können, mit Weib und Kindern dem schrecklichsten Elende preisgegeben zu sein; ohne Aussicht auf Besserung, ohne Anteil an den Freuden und Genüssen des Lebens— das ist das„irdische Dasein“ von Millionen„Eben⸗ bilder Gottes“!— Völker zerfleischen sich in blutigen barba⸗ rischen Kriegen, Menschenblut fließt in Strömen, Unsummen Geldes, Millionen und Milliarden werden aus den Völkern herausgepreßt, um dieses Blutvergießen durchzuführen— die Söhne des Volkes auf dem Schlachtfelde zu opfern!—
Wahrlich: ein Volk, das darauf Anspruch macht, ein Kulturvolk zu sein, darf nicht zögern, diesen unmenschlichen Zuständen ein Ende zu machen!
Die Erde soll kein Jammerthal sein, braucht es nicht zu sein! In Frieden und Glück könnten alle Menschen leben.
Das zu erkämpfen haben sich die Sozial⸗ demokraten als Ziel gesteckt.
Zwei Forderungen haben sie aber in den Vordergrund gestellt, die nicht nur Sozialdemo⸗ kraten, sondern alle human und vernünftig denkenden Menschen unterschreiben müssen: Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit auf das möglichst ge⸗ ringste Maß, zunächst 8 Stunden, und dauernde Sicherung des Friedens.
Um diesen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, um die Aufmerksamkeit der ganzen Welt darauf zu lenken, stets und immer stärker, dafür wurde durch Beschluß des internationalen Arbeiterkongresses in Paris 1889 der 1. Mai als ein Festtag festgesetzt, an dem für die ge⸗ nannten Forderungen demonstriert werden soll. Und heute ist der 1. Mai zu einem Festtage allüberall geworden und wird es immer mehr. Feiern ihn auch nicht alle Arbeiter durch Ar⸗ beitsruhe— im Herzen sind ste alle dabei! Im Geiste sind am 1. Mai die Arbeiter aller Kulturländer vereinigt!—
Die ungeheure Gährung, welche die heutige
Menschheit ergriffen hat, sie ist für den schärfer hinblickenden Beobachter das Anzeichen mächtiger Neugestaltungen, die sich im Schoße unserer Gesellschaften ee trachten. Ein Zeit⸗ alter liegt im Sterben. Ein neues Zeitalter will geboren werden. Das Denken ist erwacht in allen Menschen, die Menschheit beginnt, ihrer selbst bewußt zu werden, stößt ab die alte Ge⸗ dankenlostgkeit und stumpfe Deal ur Es dämmert die Zeit des freien Denkens und der freien Arbeit!
Die Träger aber dieser großen Bewegung, das sind die Massen der Leidenden und Unter⸗ drückten, welche die Not zum Denken erzog, welche die Arbeitsmühsal zu Kämpfern wapp⸗ nete. Gerade weil sie mit Sorge und Drang⸗ sal belastet sind, darum begnügen sie sich nicht mit Dem, was ist, sondern wollen ein Anderes, ein Neues, eine bessere Welt. Diese neue, bessere, diese Zukunfts⸗Welt, um ihretwillen ist das Fest geschaffen worden, dem wir unser Will⸗ kon men entbieten, das Maifest der Arbeit!
Im Maifest tritt der Bruch, den die Arbeiter⸗ schaft gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft, die heute noch ihr furchtbares Szepter führt, vollzogen hat, in vollster Deutlichkeit zu 175 Dort das Kapital— hier die Arbeit; dort die Lust am Ausbeuten und Unterdrücken— hler der Wille, die Menschen zu befreien und zu zivilisteren; dort die alten Feste pfäffischer Dogmenheuchelet und„national ⸗patriotischer“ Völkerverhetzung— hier das neue Fest des Völkerfriedens und der reinen Menschlichkeit! Die übermäßige Arbettsmühsal, durch welche Millionen von Menschen versklavt, der Menschlichkeit beraubt sind, soll verkürzt werden, das ist unsere 1. Forderung!
Friede auf Erden, Beseitigung der Waffenrüstungen, des schmählichen Kriegsmassen⸗ mords, friedliches Zusammenarbeiten aller zivi⸗ lisierten Völker zu gemeinschaftlichem Wohler⸗ gehen, das ist unsere 2. Forderung!
Diese Forderungen, auf unsere Banner ge⸗ schrieben, laßt uns denn, ihr ungezählten Scharen des Proletariats, an die Feier unseres schönen Maifestes gehen. Laßt unsere Forderungen laut und deutlich erheben, damit Jedermann höre, was wir wollen. Laßt uns würdig und ernst und freudig dieses Proletarlerfest feiern, damit es uns Alle von Neuem stärke, zu tapferem Ausharren in dem schweren Kampfe, welchen wir auf uns nehmen, damit es neue zahlreiche Freunde werbe für den befreien den Gedanken des Sozialismus.
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Gießen, den 1. Mai.
Die Bewegung in Belgien, besonders die Aufhebung des Generalstreiks wird in der Presse noch viel erörtert. Unsere Gegner bejubeln die Aufhebung des Streiks als eine Niederlage der Sozialdemokratie und namentlich die Anttsemiten zeigen dabei so recht ihr blödes reaktionäres Gesicht.— Gewiß, über das oft schwankende Verhalten unserer führen⸗ den belgischen Genossen kann man sehr ver⸗ schiedener Meinung sein; vielleicht ließen sich unsere Genossen durch allzugroße Rücksichtnahme auf die Liberalen den Sieg entgehen, aber von einer Niederlage des Sozialismus zu reden ist Unsinn. Wir sind überzeugt, die belgischen Genossen lassen in dem Kampfe um das allge⸗ meine Stimmrecht nicht nach, sie werden es erreichen und den Sozialismus in Belgien überhaupt zum Siege führen.
„Rückgang“ der Sozialdemokratie.
Die Gemeindewahlen in den Vororten Berlins sind nun beendet, das Resultat zeigt wieder, wie blöde das Gefasel der Gegner über den Rückgang unserer Bewegung ist. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter ist in zwei Jahren von 23 auf 43, d. h. um 87 Proz. gestiegen; die Zahl der sozialdemokr. Stimmen vermehrte sich von 4450 im Jahre 1900 auf 8199 bei den diesjährigen Wahlen, d. h. um 84,3 Proz. Gewiß ein ansehnlicher Erfolg.
Nirgends Nückgang!
Zwei Reichstagsersatzwahlen haben vorige Woche stattgefunden und zwar im 14. hannov. Wahlkreise Celle⸗Gifhorn und im Wahl⸗ kreise Saarbrücken. Im ersteren Kreise war das Mandat durch den Tod des bisherigen Abgeordneten erledigt, während das Mandat für Saarbrücken wegen Wahlbeeinflussung für ungültig erklärt worden war. Celle⸗Gifhorn hat für unsere Partei ein recht gunstiges Re⸗ sultat ergeben. Es erhielten Stimmen: Wehl (ntl.) 7382, Bödecker(Bund d. Landw.) 4673, b. d. Decken(Welfe) 6080 und unser Genosse Thielhorn 5420 Stimmen. Das bedeutet gegen die Wahl im Jahre 1898 für unsere Partei eine Zunahme von ungefähr 400 Stimmen, während die Stimmen der Gegner insgesamt etwa 500 zunahmen. Die Sozial⸗ demokratie ist in diesem Kreise im ruhigen stetigen Fortschreiten begriffen. In der Stich⸗ wahl zwischen dem Nationalliberalen und dem Welfen dürften sich unsere Genossen der Stimm⸗ abgabe enthalten.— Weniger günstig für uns siehts natürlich im Königreich Stumm aus. Trotz der Massen Arbeiter, die im Kreise Saar⸗ brücken vorhanden sind, kommt dort unsere Partei kaum in Betracht. Wir erhielten 1898 nur 710 Stimmen, diesmal fielen auf unsern Kandidaten Spaniol, 812, die Zahl fällt aber gar nicht 17756, die der Nationalliberale Boltz erhielt und die 14085 Stimmen, die auf den Zentrums⸗ mann Muth fielen. Gewiß lastet dort der Druck des Kapitals schwer auf der Arbeiter⸗ schaft, die bei Wahlen von seiten des Unter⸗ nehmer⸗ und Pfaffentums ungeheuerlich beein⸗ flußt wird; doch ist an diesem für die Arbeiter traurigen Resultate vorwiegend deren Rück⸗ ständigkeit und Knechtseligkeit schuld. Nun, hoffentlich tagts dort auch noch einmal!
Verfehlte Polizei⸗Aktion.
Kurz vor Weihnachten beschlagnahmte die Berliner Polizei die von der Buchhandlung „Vorwärts“ herausgegebene Weihnachtszeitung „Arbeitslos“, wei“ durch den gesamten Inhalt zu Gewaltthätigkeiten aufgereizt werde. Gegen den Verleger, Genosse Th. Glocke, wurde des⸗ halb wegen Vergehen gegen§ 130 des Straf⸗ gesetzbuchs Anklage erhoben. Jetzt erst, am 23. April, volle vier Monate nach der Be⸗ schlagnahme, fand die Gerichtsverhandlung vor der Strafkammer des Landgerichts 1 in Berlin statt. Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter Heine bekundete, daß er, wie schon öfters bei früheren Publikationen der Buchhandlung„Vor⸗ wärts“, auch den Inhalt der Weihnachtsz eitung daraufhin nachgeprüft habe, ob nicht Verstöße gegen das Strafgesetz herausgelesen werden könnten. Er habe bei sorgfältigster Prüfung nichts derartiges finden können. Der Staat s⸗ anwalt wollte aber sehr viel Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten in den Bildern, wie in den Gedichten erblicken und beantragte gegen Glocke drei Monate Gefängnis. Das Gericht schloß sich jedoch den Ausführungen des Ver⸗ teidigers an und sprach den Angeklagten frei. Nun muß die Polizei die beschlagnahmten Exemplare wieder herausgebeu. Die ganze mit so viel Machtaufgebot in Szene gesetzte Ge⸗
schichte hat also mit einer kläglichen Niederlage
der Polizei geendet.
Ein Stückchen Frauen⸗Versammlungs⸗ Recht in Preußen.
Frauen durften bisher in Preußen nicht an den Versammlungen politischer Vereine teil⸗ nehmen, jetzt können sie wenigstens zuschauen. An diesem„Fortschritte“ ist der Bund der Landwirte Schuld, der in diesem Falle,— unbe⸗ absichtigt natürlich— etwas Gutes gebracht hat. In der Berliner Tivoli⸗Versammlung des Bundes im vorigen Herbste waren zahlreiche Frauen anwesend, ohne daß die Polizei daran Anstoß nahm. Darauf gewährten unsere Ge⸗ nossen in ven Vereins⸗Versammlungen eben⸗ falls Frauen Zutritt, was mehrfach Auflösun⸗ gen der Versammlungen zur Folge hatte. So ging es auch einer Wahlvereins⸗Versammlung am 17. März. Dagegen legte Genosse Karl Lieb⸗
ins Gewicht gegen die
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